Ostern, weit draussen

“Das kön­nen sie mal sehen, daß Deutsch­land hin­ter Dres­den noch nicht zu Ende ist.” sagt der bär­tige Turm­wäch­ter in Budyšin. Von Turm kann man bei gutem Wet­ter bis nach Polen sehen, oder auch nach Tsche­chien. Seine Stadt ist an die­sem Oster­sams­tag gut besucht, die kleine Fuß­gän­ger­zone zu Füßen des Bohata wěža ist gut gefüllt, die berühmte Nei­gung der Turm­spitze bemerkt hier oben auf der Aus­sichts­platt­form nie­mand. Die Stras­sen­schil­der sind hier zwei­spra­chig, der Turm heißt deutsch Rei­chen­turm und die Stadt Baut­zen. An Ostern sind hier und in der gan­zen Ober­lau­sitz rings­herum viele Tou­ris­ten. Baut­zen ist das Zen­trum der sla­wi­schen Min­der­heit der Sor­ben. Die kennt man außer­halb Sach­sens fast nir­gendwo, nicht ein­mal der jüngst ver­öf­fent­lichte “Krabat”-Film ver­weist auf seine Her­kunft als sor­bi­sche Volkslegende.

Ein paar Stras­sen wei­ter in der Alt­stadt fin­det man das sor­bi­sche Restau­rant “Wjel­bik“. Vor dem Ein­gang steht eine klei­nes Gehege mit drei schwarz-weissen Kanin­chen, der erste Blick in den Innen­raum offen­bart ein dunk­les Gewölbe mit bun­ten Glas­fens­tern und zum Teil trach­ten­tra­gen­des Per­so­nal. Das ist nicht unbe­dingt der Ort, an dem man kuli­na­ri­sche Finesse erwar­tet. Im Haupt­raum ist alles belegt, der soge­nannte Fest­saal ist an die­sem Tag für das Publi­kum frei­ge­ge­ben. Der aller­dings erin­nert mit sei­ner Holz­tä­fe­lung  an eine HO-Gaststätte oder an eine Büh­nen­aus­stat­tung von Anna Vieb­rock. Ein Blick in die Karte und auf die Tische ist in die­sem Ambi­ente dann aber über­ra­schend, der Spei­se­plan scheint ambi­tio­niert und trotz­dem boden­stän­dig. Die sor­bi­sche Hoch­zeits­suppe schmeckt nach Fleisch­brühe und nicht nach Was­ser mit Aroma, die Salate, die auf den Tisch kom­men, sind frisch, nicht aus dem Kühl­schrank und beste­hen nicht im wesent­li­chen aus gehack­tem, gelb­li­chen Eis­berg­sa­lat. Nach der Bestel­lung geht eine freund­li­che Dame in sor­bi­scher Tracht von Tisch zu Tisch, begrüßt die Gäste auf Sor­bisch und bie­tet haus­ge­ba­cke­nes Brot und Salz an. Das mutet folk­lo­ris­tisch und befremd­lich an, ist aber wohl­mei­nend und stimmt erwar­tungs­froh. Die War­te­zeit ist nicht all­zu­lang, das Sor­bi­sche Hoch­zeits­es­sen (Och­sen­fi­let mit Meeret­tich mit Brot und Gemüse) zart und gut abge­stimmt. Ebenso gelun­gen sind die etwas blu­mig benann­ten Fünf Lau­sit­zer Köst­lich­kei­ten:
“Früh­ling in Baut­zen”
, gebeiz­ter Karp­fen­schin­ken, geba­cke­ner Zie­gen­käse, Enten­brust, Karp­fen­mousse und ein Wachtel-Spiegel-Ei “an” Salat. Lei­der kommt der Spei­se­kar­ten­poet nicht um das etwas ält­li­che “an” in der Beschrei­bung herum, das tut dem gan­zen aber kei­nen Abbruch. Der Karp­fen­schin­ken ist leicht und hat nichts von dem leicht muf­fi­gen Haut­gout, der die­sem grün­deln­den Schlamm­fisch sonst anhaf­ten kann, die Enten­brust auf den Punkt und über den Salat ist oben schon geschrie­ben wor­den. Das hat alles nichts von tümeln­der Küche, son­dern ist modern mit regio­na­len Bezü­gen gemacht. Ein Wort muss noch über das hie­sige Bier ver­lo­ren wer­den, ein leich­tes Hel­les wird hier ser­viert, schlank und erdig im Geschmack. Die Preise sind mode­rat, und das Mit­tags­es­sen damit voll­ends gelungen.

Am Oster­sonn­tag rei­ten die sor­bi­schen Män­ner in Geh­rock und Zylin­der auf gut gekämm­ten Pfer­den, das Zaum­zeug mit Sil­ber und Muscheln geschmückt, über die Fel­der. Das ist der Grund für den tou­ris­ti­schen Andrang in der Region. Die Crost­wit­zer Rei­ter rei­ten nach Panschwitz-Kuckau. Die Panschwitz-Kuckauer rei­ten in die Gegen­rich­tung. Die ers­ten Rei­ter eines jeden Zuges tra­gen Ban­ner, geschmückt mit dem Oster­lamm und sie sin­gen. Im Klos­ter­hof des Klos­ters Mari­ens­tern hallt der Gesang sor­bi­scher Cho­räle von den umste­hen­den Gebäu­den wie­der, die Rei­ter aus Crost­witz sind erschöpft, schließ­lich sind sie schon seit eini­gen Stun­den im Sat­tel. Unter den Zylin­dern sieht man ernste Gesich­ter, aber kei­nes­weg nur alte Mie­nen. Es rei­ten ganze Gene­ra­tio­nen, Enkel mit ihren Groß­vä­tern, Väter mit ihren Söh­nen. Ein Pier­cing blitzt hie und da auf, ein Hips­ter­b­art ist unter dem Zylin­der zu sehen, eigen­tüm­lich ver­frem­det durch die Tracht. Es sind keine welt­ab­ge­wand­ten Sek­tie­rer, die die­sen alten Brauch pfle­gen. Unbe­kannt klin­gen auch die bekann­ten Kir­chen­lie­der durch die fremde sor­bi­sche Spra­che, auch säku­la­ri­sierte Folklore-Touristen ergreift die­ser andäch­tige Moment, wenn über 300 Rei­ter den Klos­ter­hof drei­mal unmkrei­sen.

Dabei ist die Sache nicht tri­vial, es han­delt sich kei­nes­wegs um einen Trach­ten­ver­ein, der irgend­ein Brauch­tum pflegt. Für die Sor­ben der katho­li­schen Ober­lau­sitz ist das prak­ti­zie­rende Glau­bens­aus­übung, und, schaut man auf die Geschichte die­ses Vol­kes, wohl auch eine wich­tige Iden­ti­täts­stif­tung. Natür­lich liegt die Ver­mu­tung nahe, daß der Ursprung der kur­zen Rei­sen von eine Ort zum Nach­bar­ort eine heid­ni­sche Feld­weihe ist. Ver­kün­det wird aber vor dem Beginn der jewei­li­gen Ritte der Segen der ört­li­chen Pries­ter und der Auf­trag, die öster­li­che Bot­schaft der Auf­er­ste­hung und Erlö­sung über die Fel­der zu tra­gen. Und das haben die Sor­ben immer getan, so berich­ten die älte­ren Rei­ter, auch in schwe­ren Zei­ten und auch durch Kriege hin­durch. Die Lau­sitz ist ein soge­nann­tes struk­tur­schwa­ches Gebiet, die Arbeits­lo­sen­quote gehört zu den höchs­ten im Bun­des­ge­biet. Frü­her war hier ein Zen­trum der Tex­til­in­dus­trie, die fast völ­lig ver­schwun­den ist. Aber auch frü­her war es für die anders­spra­chi­gen sor­bi­schen Bau­ern nicht leicht, in der Gesell­schaft der “Deut­schen” Fuß zu fas­sen. Noch heute wird Sor­bisch vor­wie­gend in der Region gespro­chen. Der Sta­chel sitzt wohl tief und ein enger Zusam­men­schluß zwi­schen den Gedrück­ten hat sicher­lich zur Kon­stanz sol­cher allein­stel­len­den Rituale beige­tra­gen. Eine Sor­bin der jün­ge­ren Gene­ra­tion, ant­wor­tet auf die Frage, warum ein aus der DDR geflo­he­ner Ver­wand­ter seine Mut­ter­spra­che nicht mehr spre­che, lapi­dar: “Viel­leicht hat er sich ein­fach geschämt.”

Links:
Ein ers­ter Ein­druck zur sor­bi­schen Geschichte bei Wikipedia

Sor­bi­sche Lite­ra­tur im Domowina-Verlag, Bautzen

Offi­zi­elle Seite der Region Oberlausitz

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Ein Kommentar zu “Ostern, weit draussen”

  1. Jan sagt:

    …und ein Blog aus der Lau­sitz: http://​www​.kost​blog​.de

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