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14. Mai 2012

Humatomic Energy

Eine Nach­lese zu den 14. Vat­ten­fall Lesetagen

Ham­burg hat inzwi­schen meh­rere Lite­ra­tur­fes­ti­vals, das tra­di­ti­ons­reichste sind die Vat­ten­fall Lese­tage, die in die­sem Jahr zum 14. Mal statt­fan­den. Wir waren wäh­rend der Fes­ti­val­wo­che an fast jedem Abend auf einer der 70 Ver­an­stal­tun­gen des Erwach­se­nen­pro­gramms, um uns ein Bild des Pro­gramms zu machen und außer­dem dem nach­zu­spü­ren, was die lite­ra­tur­ferne Auf­re­gungs­hal­tung, die sich vor und wäh­rend die­ser Woche bei man­chem breit­machte, zu bedeu­ten hatte. Von Ver­ein­nah­mung war da oft die Rede – um es vor­weg­zu­neh­men, indok­tri­niert hat über­ra­schen­der­weise nicht die Ener­gie­in­dus­trie, es sei denn, ein paar Ban­ner mit Logos dar­auf zäh­len dazu. Ein lan­ger Rück­blick auf Hal­tun­gen und Texte.

Bar der Empörung (Bild: HHF)
Bar der Empö­rung (Bild: HHF)

Der Som­mer war heiß, das Gras nicht nur grün und der Mann mit dem Hut und der Gitarre sang. Die Jungs waren in Viet­nam und in Ruß­land war es kalt. Es mußte etwas gesche­hen, über­all, so konnte es nicht weitergehen.

You’ll be dren­ched to the bone/If your time to you/Is worth savin‹/Then you bet­ter start swimmin‹/Or you’ll sink like a stone/For the times they are a-changin‹.

Jahre spä­ter war der Win­ter ver­reg­net, das Früh­jahr ebenso. Der Mann mit dem Hut und der Gitarre sang wie­der. In den Super­märk­ten stan­den Milch­pro­dukte, die sich abwech­selnd links und rechts dre­hen konn­ten. Die Jungs waren in Afgha­nis­tan und in den Woh­nun­gen war es warm. Es mußte etwas gesche­hen, über­all, so konnte es nicht weitergehen.

Diese Hoff­nung schöpfte sicher­lich auch der schwit­zende Mann mit der unauf­fäl­li­gen Out­door­ja­cke in der klei­nen Hotel­bar. Ange­strengt und sicht­lich erregt kramp­fen seine Hände um ein Heft­chen, das er anschlie­ßend zer­reißt. Papier­schnip­sel rie­seln zu Boden und dann folgt er sei­nen vier Mit­strei­tern und geht. Er geht schreiend.

Don’t stand in the doorway/Don’t block up the hall/For he that gets hurt/Will be he who has stalled

Eine Woche vor­her bereits hatte sich eine Gruppe um den fast ver­ges­se­nen Plau­de­rer des deut­schen Kul­tur­fern­se­hens, Roger Wil­lem­sen, geschart, um end­lich, im vier­zehn­ten Jahr sei­nes Beste­hens, die­ses Fes­ti­val abzu­schaf­fen und durch ein eige­nes, natür­lich viel Bes­se­res zu erset­zen. Dazu bot man TV-Prominente einer Mei­nung auf.

Your old road is/Rapidly agin‹

Denn schließ­lich sei es doch vor allem wich­tig, sich zu prü­fen, vor wel­chen »Kar­ren« man sich span­nen ließe, so gab denn Wil­lem­sen schon ein­mal vorab im »Stern« bekannt. Man lese schließ­lich hono­rar­frei, nur für die gute Sache. Sag­ten alle über­ein­stim­mend und kämp­fen alle gegen die Ver­ein­nah­mung der Lite­ra­tur durch den Kapi­ta­lis­mus, durch einen ver­ach­tungs­wür­di­gen Kon­zern. Das war das Thema die­ses Festivals.

Come wri­ters and critics/Who pro­phe­size with your pen/And keep your eyes wide/The chance won’t come again

Essen müs­sen da anschei­nend nur die, die auf der fal­schen Seite sind, eben woan­ders und nicht in Kil­les­berg oder Schwa­bing oder Eppen­dorf den guten Barolo zu schät­zen wis­sen. Und dort erin­nert man sich gewiß gern an den 4. März 2003, als in der Ham­bur­ger Aus­gabe der WELT zu lesen war, daß ein Mann  »mit sei­nem »Kar­ne­val der Tiere« Hei­te­res von heute zwi­schen die schwere Kost« eines Fes­ti­val­pro­gramms brachte. Das Hono­rar war vierstellig.

The slow one now/Will later be fast/As the pre­sent now/Will later be past

Es ist der Vor­abend des Beginns des ande­ren Fes­ti­vals, jenes, auf dem Män­ner­hände mit Papier­schnip­seln wer­fen. An die­sem Abend aber gesche­hen nicht nur Empö­run­gen vor aus­ge­such­tem Publi­kum, es spre­chen auch der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Wer­ner Fuld, Festival-Kuratorin Bar­bara Heine und der Autor Mat­thias Göritz in ihrem lite­ra­ri­schen Salon über Denk­ver­bote und Bücher­ver­bren­nun­gen, Zen­sur und die Macht des Geschrie­be­nen. Es ist der Anfang eines Pro­gramms, des­sen The­men sich über 10 Tage ineinanderfügen.

Wer­ner Fulds Buch ist ein Kom­pen­dium der Geis­tes­ge­schichte ex nega­tivo und ver­lei­tet in nach­auf­klä­re­ri­scher Zeit gele­gent­lich zum Schmun­zeln über die dunk­len, ver­gan­ge­nen Zei­ten. Es ist die­ses aber das starre Grin­sen des Schre­ckens, dabei ver­gesse man  nicht, daß neben den Schei­ter­hau­fen der bren­nen­den Büche zuwei­len auch die Auto­ren brann­ten, im Ange­sicht der Ver­nich­tung ihrer Werke. Von ande­ren pein­li­chen Bestra­fun­gen weiß Fuld auch zu berich­ten, die Geschichte der ver­bo­te­nen Gedan­ken, die in Büchern nie­der­ge­legt wur­den, ist voll davon. Aber gescha­det hat es den Gedan­ken nicht, in der Regel war das ver­bo­tene Werk ein begehr­tes Werk.

*

Einer der in Deutsch­land stets in die Ecke des spitzweghaft-pittoresken gestell­ten Auto­ren ist Charles Dickens. Der Rest des Bil­dungs­bür­ger­tums noch »A Christ­mas Carol« und dann noch den Titel »David Cop­per­field« – alle ande­ren den­ken dabei eher an einen Las Vegas-Entertainer, der ein­mal mit einem deut­schen Mode­mäd­chen liiert gewe­sen sein soll. Aber im eng­lisch­spra­chi­gen Raum ist der Erzäh­ler und Roman­cier Charles Dickens ein Name wie Don­ner­hall. Er fehlt hier­zu­lande, der Name wie das Werk.

In diese Lücke stößt Hans-Dieter Gel­ferts Bio­gra­phie des Eng­län­ders, die er zusam­men mit Mat­thias Göritz vor­stellt. Im Pro­gramm­heft steht etwas von Mode­ra­tion. Das ist falsch. Der Autor und Dich­ter Göritz ist ein eben­bür­ti­ger Gesprächs­part­ner des Ber­li­ner Lite­ra­tur­pro­fes­sors. Was wie ein aka­de­mi­scher Dia­log daher­kom­men mag, dazu noch in einem holz­ge­tä­fel­ten Vor­trags­raum der Staats– und Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek mit dem Charme einer Anna-Viebrock-Bühne, ist in Wahr­heit ein mun­te­res Gespräch zweier Beschla­ge­ner und Begeis­ter­ter – der Dich­ter, der immer wie­der aus Werk und Lite­ra­tur extem­po­riert und neue Bezüge schafft, und der Experte, der frei ste­hend im Saal erzählt und aus sei­nem Buch zitiert. Das ist keine Lesung, es geht nicht um das Buch, es geht um einen ande­ren Autor, des­sen erzäh­le­ri­sche Meis­ter­schaft und sozial-dichten Gen­re­be­schrei­bun­gen nicht nur die bei­den fas­zi­nie­ren. Die­ser Autor muß gele­sen wer­den, auch in Deutschland.

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Vol­ker Hinz, einer der wich­tigs­ten Pho­to­gra­phen der alten Bun­de­re­pu­blik und viel­ge­ehrt, hält Abstand. Ein paar Meter wei­ter sitzt ein klei­ner Greis, mit einem auf­fal­len­den wei­ßen Voll­bart, einen braun­ro­ten Sei­den­schal locker über dem schwar­zen Anzug gehängt. Er erzählt, seine Spra­che ist Fran­zö­sisch, um ihn herum sit­zen ein paar Men­schen aus der Buch– und Ver­lags­szene, die ihm zuhö­ren. Am nächs­ten Tag wird seine Toch­ter ein Buch vor­stel­len, das Buch sei­nes Lebens.

Der alte Mann ist Adolfo Kaminsky, gebo­ren 1925, das Buch heißt »Ein Fäl­scher­le­ben«. Er hat ein Talent – das Talent, Papiere täu­schend echt zu repro­du­zie­ren. Adolfo Kaminsky war der Meis­ter­fäl­scher der Resis­tance, die Falsch­geld­fa­brik der alge­ri­schen FLN, der Papier­be­schaf­fer des Wider­stands gegen fast alle Ter­ror­re­gimes der Nach­kriegs­zeit. Er ver­brachte sein hal­bes Leben damit, mit die­sen Papie­ren Men­schen vor Ver­fol­gung und Bedro­hung zu ret­ten, aber nahm nie Geld dafür.

Seine Toch­ter Sarah ent­deckte seine Ver­gan­gen­heit erst, als sie schon erwach­sen war, und schrieb die­ses Buch. Er sagt zu den Umsit­zen­den: »Viel­leicht hilft ihr das Buch und meine Frau muß nicht mehr so viel arbei­ten.« Ein paar­mal nur löst die Kamera von Vol­ker Hinz aus. Am nächs­ten Tag, auf der Ver­an­stal­tung, wird deut­lich, daß es nur Momente sind, die ein Men­schen­le­ben in die eine oder andere Rich­tung brin­gen. Hel­den­ge­schich­ten ent­ste­hen nicht aus Absicht, sie passieren.

*

»Da habe ich Hoff­nung“, meint der Autor und Jour­na­list Mar­tin Häuss­ler. Er hat eine ganze Reihe von mehr oder weni­ger bekann­ten Per­sön­lich­kei­ten zum Thema Angst befragt, her­aus­ge­kom­men sind erstaun­li­che Por­traits zu einem außer­or­dent­lich deut­schen Thema, das inzwi­schen sprich­wört­lich ist für eine bestimmte Art der kol­lek­ti­ven Reak­tion und für das Zau­dern ange­sichts gro­ßer Themen.

Seine Hoff­nung fußt, ein wenig dif­fus, auf dem Public-Viewing– und Atom­aus­stiegs­deutsch­land, auf dem Quent­chen Bewe­gung im gesell­schaft­li­chen Gefüge, das er wahr­zu­neh­men glaubt. So heißt denn sein Repor­ta­ge­band auch »Fürch­tet Euch nicht!« Seine Hoff­nung ist aller Ehren wert.

Glaubt man aller­dings der Fami­li­en­the­ra­peu­tin Gabriele Baring, dann ist die Hoff­nung noch weit und der Deut­sche hat noch viel zu tun in der Auf­ar­bei­tung sei­ner per­sön­li­chen wie gesell­schaft­li­chen Ängste. Sie gehörte zu den Inter­view­ten des Häussler-Buches und die­ses Gespräch gab den Anstoß zu ihrem Buch »Die gehei­men Ängste der Deut­schen«. Gabriele Baring ist eine vehe­mente Ver­tre­te­rin ihrer The­sen und auch ihrer Therapierichtung.

Sie ist Schü­le­rin des umstrit­te­nen Bert Hel­lin­ger, des­sen sys­te­mi­sche Fami­li­en­auf­stel­lun­gen kri­ti­sche Geg­ner­schaft her­vor­ruft. Fra­gen danach beant­wor­tet sie eher aus­wei­chend, aller­dings – ob nun das Gegen­mo­dell »Tetra­lem­maar­beit« oder Hel­lin­gers »Sys­te­mi­sche Fami­li­en­auf­stel­lung« – tut das der Grund­these ihres Buches kei­nen Abbruch.

Baring hat in ihrer Pra­xis mit vie­len Angst­phä­no­me­nen zu tun gehabt, und sie beschreibt in vie­len Fall­bei­spie­len, wie sie durch ihre Auf­stel­lungs­ar­beit mehr und mehr an Über­zeu­gung gewinnt, alle diese Ängste seien inner­fa­mi­liär über­tra­gen worden.

Ihr Thema sind die Kriegs­en­kel, die dritte Gene­ra­tion derer, die ihr Leben unter dem Schat­ten bei­der Welt­kriege, die von deut­schem Boden aus­gin­gen, gestal­ten müs­sen. Gabriele Baring sieht jene aktu­el­len Ängste, die in ihrer Arbeit behan­delt wer­den, in der Tra­di­tion der trau­ma­ti­sier­ten Vor­fah­ren – die Enkel müs­sen die Pho­bien der Kriegs­ge­ne­ra­tio­nen aufarbeiten.

Diese Idee ist an sich nicht neu, schon vor 6 Jah­ren beschäf­tigte sich die Köl­ner Jour­na­lis­tin mit den »Kriegs­kin­dern« und den Fol­gen für die Nach­ge­bo­re­nen. Neu ist vor allem Barings Ana­lyse der gesell­schaft­li­chen Situa­tion, deren Grund­lage all diese über­tra­ge­nen Trau­mata sind – über­tra­gene Ängste als läh­men­des Moment der deut­schen Gesell­schaft. Mög­li­cher­weise hat sie damit eines der wich­tigs­ten Sach­bü­cher die­ser Jahre geschrie­ben, allen dog­ma­ti­schen Dis­pu­ten zum Trotz.

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Pira­ten, Pira­ten, Pira­ten. Natür­lich denkt man bei einem, der mal Wired-Redakteur war, an die, die ein Dasein als Sys­tem­ad­mi­nis­tra­to­ren haben und behaup­ten die Welt müsse trans­pa­rent sein.

Und wenn dann der Roman auch noch eine Art Zukunfts­vi­sion mit digi­ta­ler Tech­nik ist, noch mehr – Science-Fiction oder so, irgend­wie cool, einer der über implan­tierte Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ein­rich­tun­gen schreibt. Doch Ben­ja­min Stein ist kein Nerd und sein klei­ner Roman »Replay“, eigent­lich eher eine Erzäh­lung, wider­setzt sich hart­nä­ckig den doo­fen Kli­schees, die man so gerne über Inter­net, Pro­gram­mie­rer und all das dif­fuse Halb­wis­sen über und in der »Netz­welt« ver­brei­ten möchte.

Das Buch ist eine sprach­lich aus­ge­feilte Ver­suchs­an­ord­nung zur Wirk­lich­keit und deren Wahr­neh­mung, Texte, die mit »Ich fürchte mich vor Erschei­nun­gen, die ich nicht selbst erfun­den habe« begin­nen, und damit ihre Bedeutungs-Welt in einem Satz ein­krei­sen, gehö­ren nicht zu den schlech­tes­ten. Und der Autor ist alles andere als eine Leit­fi­gur des zur Zeit Modischen.

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»Hi, i’m Bob.« Wer so hemds­är­me­lig von einem Nobel­preis­trä­ger begrüßt wird, weiß, es han­delt sich um genau die Spe­zies elo­quen­ter ame­ri­ka­ni­scher Wis­sen­schaft­ler, die der ernst­neh­mende Deut­sche nicht ken­nen mag. Robert B. Laugh­lin hat 1998 einen Nobel­preis für Phy­sik bekom­men und er hat ein Buch geschrie­ben, das sich mir den Ener­gie­pro­ble­men der Zukunft beschäftigt.

Ein kur­zer Abriß – in der eng­lisch­spra­chi­gen Wis­sen­schafts­welt heißt so etwas »Abstract« – mit ein paar ein­gän­gi­gen Folien muß dem deut­schen Publi­kum als Ein­füh­rung in das Thema rei­chen, dann geht es in die vom Wis­sen­schafts­jour­na­lis­ten Gerald Trau­vet­ter (SPIEGEL) betreute Dis­kus­sion mit dem Publikum.

Die eben­falls gela­de­nene Greenpeace-Gründerin, ehe­ma­lige nie­der­säch­si­sche Umwelt­mi­nis­te­rin und jet­zige Kreuzfahrer-Mitarbeiterin Monika Grie­fahn hatte urplötz­lich und völ­lig über­ra­schend erfah­ren, daß sie genau an die­sem Abend an einer Preis­ver­lei­hung teil­neh­men müsse und konnte des­halb nicht an die­sem Gespräch teilnehmen.

Wobei Dis­kus­sion eigent­lich zu viel gesagt ist, in klas­sisch sokra­ti­scher Frage– und Ant­wort­tech­nik nimmt »Bob« gerne ein­mal eine Frage vor­weg und beant­wor­tet sie gleich. Kurz und knapp geht der Phy­si­ker die bekann­ten Ener­gie­er­zeu­gungs­for­men mit sei­nem deut­schen Publi­kum durch. Im Grunde sei das Gros der Ener­gie­ge­win­nung ja nur »Feuer«, also die Umwand­lung von einem in den ande­ren Aggre­gat­zu­stand, meint er, nichts Neues seit der Stein­zeit, auch die Atom­en­er­gie fiele dar­un­ter. Die mache im übri­gen unan­ge­neh­men Müll, den man nicht weg­be­komme, das andere »Zeug« CO².

Wind­en­er­gie sei prima, aber wehen täte ja auch nicht immer und der Ener­gie­be­darf moder­ner Indus­trie­ge­sell­schaf­ten sei eben kon­stant. Ein paar zag­hafte Ein­würfe kom­men aus dem Publi­kum, ein paar der nicht ganz so wüten­den Ener­gie­kon­zern­kri­ti­ker haben sich offen­bar in die Ver­an­stal­tung gewagt. Und was denn mit Gezei­ten­kraft­wer­ken sei, fragt da einer.

Liegt ja auch nahe, schließ­lich ist das Was­ser nie weit ent­fernt in Ham­burg. Ja, das sei eine gute Idee, meint der Phy­si­ker. Man wisse ja, daß die Erd­ro­ta­tion von der beweg­li­chen Masse des Was­sers auf der Erde abhän­gig sei, ver­ur­sacht durch die Anzie­hungs­kraft des Mon­des. Ent­ziehe man diese Ener­gie, würde sich die Erd­ro­ta­tion ein­fach ver­lang­sa­men. Das sei phy­si­ka­li­sches Gesetz. Sie scheint nicht so ein­fach zu sein, die Sache mit der Ener­gie, da müs­sen wir uns wohl noch was ein­fal­len lassen.

And the first one now/Will later be last/For the times they are a-changin‹.

Und falls jemand fragt, ja, es ist Dylan.

M. Schu­mann

23. April 2012

Gesicht der Woche: Julia Westlake

Künst­ler und Pro­mi­nente unter­stüt­zen das HAMBURGER FEUILLETON

Wir haben die Leute gefragt, über die wir schrei­ben, Auto­ren, Schau­spie­ler und Mode­ra­to­ren, was sie vom HAMBURGER FEUILLETON hal­ten und haben erfreu­li­cher­weise immer wie­der posi­tive Rück­mel­dun­gen erhal­ten. Dar­aus ent­stand die Idee zu die­ser klei­nen Aktion: Im Wochen­rhyth­mus wer­den wir jeweils einen Künst­ler vor­stel­len, der das HAMBURGER FEUILLETON mit sei­nem Namen unterstützt.

Die Zweite in der Reihe unse­rer Gesich­ter der Woche ist Julia West­lake, eine der pro­mi­nen­tes­ten Mode­ra­to­rin­nen des NDR Fern­se­hens. Bis 2007 war sie, zusam­men mit Jörg Pilawa, Gast­ge­be­rin der »NDR Talk­show«, heute prä­sen­tiert sie jeden Mon­tag Abend um 22:45 Uhr das »NDR Kulturjournal«.

Julia West­lake liest das HAMBURGER FEUILLETON.

M. Schu­mann

14. April 2012

Bene.Diktum: Prekariat als Dauerzustand

Gast-Kolumnist Hans-Jürgen Bene­dict über die Pas­si­ons­ge­stal­ten des neuen Arbeitsmarktes

Reli­gion und soziale Fra­gen sind als gru­seln­des Dekor in Talk­shows prä­sent, ansons­ten aber aus dem täg­li­chen Dis­kurs gewi­chen. »Haupt­sa­che nicht wir« und »der Papst ist von Ges­tern, mit all den pädo­phi­len Pries­tern und den Kon­do­men« – das ist media­ler Tenor, und das natür­lich mit Recht, schließ­lich geht es um den Erhalt der bür­ger­li­chen Werte und das täg­li­che Ein­kaufs­er­leb­nis. Das wol­len wir nicht so ste­hen lassen.

Des­we­gen bekommt das HAMBURGER FEUILLETON Zuwachs: In loser Folge wird der Sozi­al­theo­loge Hans-Jürgen Bene­dict an die­ser Stelle unter dem Titel »Bene.Diktum« seine Reflek­tio­nen zu Gesell­schafts­the­men ver­öf­fent­li­chen. Bene­dict, gebo­ren 1941 in Ham­burg, ist einer der enga­gier­tes­ten Beob­ach­ter sozia­ler The­men in der evan­ge­li­schen Kir­che. Er war bis 2006 Pro­fes­sor an der Evan­ge­li­schen Hoch­schule für Soziale Arbeit und Dia­ko­nie in Ham­burg und publi­ziert inzwi­schen zu The­men zwi­schen Glau­ben, Sozia­lem und Lite­ra­tur. Wir freuen uns, ihn als Autor gewon­nen zu haben.

Hier also unsere neue Reli­gi­ons– und Gesell­schafts­ko­lumne »Bene.Diktum«:

Im Ham­bur­ger Insti­tut für Sozi­al­for­schung stellte die Sozio­lo­gin Nata­lie Grimm  in einem inter­es­san­ten Vor­trag erste Ergeb­nisse einer Langzeit-Untersuchung zum soge­nann­ten Pre­ka­riat vor. Die Stu­die ist Teil des Koope­ra­ti­ons­pro­jek­tes »Gesell­schaft­li­che Teil­habe im Span­nungs­feld von Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit, Erwerbs­in­te­gra­tion und öffent­lich geför­der­ter Beschäf­ti­gung« und wird vom Insti­tut für Arbeits­markt– und Berufs­for­schung (IAB) dritt­mit­tel­fi­nan­ziert und geleitet.

In die­ser Unter­su­chung wurde über einen Zeit­raum von fast 5 Jah­ren die Unter­su­chungs­gruppe von 152 Teil­neh­mern immer wie­der nach ihrem Schick­sal auf dem Arbeits­markt befragt. Wie ist es ihnen ergan­gen zwi­schen 2001 und 2011? »Pre­ka­riat im Dau­er­zu­stand. Erwerbs­bio­gra­phien in der Zwi­schen­zone der Arbeits­welt«, so der Titel des Vortrags.

Die Ergeb­nisse die­ser empi­ri­schen Unter­su­chung sind alar­mie­rend. Es war zwar  bekannt, dass die Dere­gu­lie­run­gen auf dem Arbeits­markt infolge Hartz I und II also, Leih­ar­beit, Zeit­ar­beit, Mini­jobs und Auf­sto­cker­jobs in die­ser Zeit dra­ma­tisch zuge­nom­men haben. Aber immer war damit noch die Hoff­nung ver­bun­den, dass es sich um vor­über­ge­hende Pha­sen einer Erwerbs­bio­gra­phie han­delt und die davon Betrof­fe­nen wie­der in feste Arbeits­ver­hält­nisse gelan­gen. Dem ist aber nicht so.

Nach der Imple­men­tie­rung der Hartz IV-Gesetze 2005  hat  sich eine Zwi­schen­zone der Pre­ka­ri­tät gebil­det und sta­bi­li­siert, aus der die Men­schen, die in diese Zone gera­ten, nur schwer wie­der her­aus­kom­men. Unge­wiss­heit wird zur ent­schei­den­den Exis­tenz­er­fah­rung der Befrag­ten. Die Beschäf­ti­gungs­pha­sen erschei­nen als Ruhe­pau­sen einer insta­bi­len Erwerbs­bio­gra­phie, oder wie ein Befrag­ter es aus­drückte: »Jetzt kann ich mich ein biß­chen beru­hi­gen.«  War frü­her die Arbeits­pause ein ersehn­tes Ziel, so ist die unsi­chere Arbeit jetzt eine kurze Ruhe­pause, die auf die nächste Arbeits­lo­sig­keit und den Hil­fe­be­zug vor­be­rei­tet – eine zyni­sche Umkeh­rung. Man ist zwar auf dem Arbeits­markt, aber man gehört nicht mehr fest dazu.

Die pre­kär Beschäf­tig­ten haben es schwer, sich sozi­al­struk­tu­rell ein­zu­ord­nen. Gefragt zu wem sie gehö­ren, ist »untere Mit­tel­schicht«  die eher zöger­li­che Ant­wort. Gleich­zei­tig grenzt man sich gegen die mit­tel– und lang­fris­tig Arbeits­lo­sen ab. Zu denen will man nicht gehö­ren. Mit der Pre­ka­ri­tät ist die Qua­li­tät und Sta­bi­li­tät gesell­schaft­li­cher Teil­habe deut­lich gesun­ken, die kul­tu­rel­len Mög­lich­kei­ten sind ein­ge­schränkt. Das Leben wird wie­der zu einem Über­le­bens­kampf auf höhe­rem Niveau. Der pre­kär beschäf­tigte ist der Zusage, fast möchte ich sagen der Gnade, dem Geschenk eines fes­ten Arbeits­plat­zes nicht mehr gewär­tig. Er bleibt im Zustand der Unge­wiß­heit und des stän­di­gen Kamp­fes um Jobs und Arbeits­ge­le­gen­hei­ten. Selbst die Ein-Euro-Jobs sind jetzt von Kür­zun­gen bedroht.

Zu den gra­vie­ren­den Fol­gen die­ser Ent­wick­lung gehört auch die Erschei­nung, die Robert Cas­tel »nega­tive Indi­vi­dua­li­sie­rung« genannt hat: die Kon­zen­tra­tion auf sich selbst über­la­gert den Blick auf die ande­ren. So wie man von der Gesell­schaft nur begrenzte Soli­da­ri­tät erfährt,in Gestalt gerin­ge­rer Ent­loh­nung, mage­rer  Trans­fer­leis­tun­gen und not­dürf­tige Auf­sto­ckung, so zwingt der Über­le­bens­kampf auf dem Arbeits­markt zur Abgren­zung und Innen­schau. Die stän­dige Unsi­cher­heit, wie lange dau­ert mein Leih­ar­beits­ver­hält­nis, wann bekomme ich end­lich einen fes­ten Arbeits­platz, wie komme ich aus dem Hil­fe­be­zug her­aus, zermürbt.

Man könnte sagen – diese neue Gruppe der unsi­che­ren Erwerbs­tä­ti­gen ist der Preis für die Sen­kung der Arbeits­lo­sen­zif­fern, die  Poli­tik und Wirt­schaft für ihre öffent­li­che Legi­ti­ma­tion so nötig brau­chen. Der akti­vie­rende Staat will Erfolge vor­zei­gen, und die erringt er auf dem Rücken einer Teils der Erwerbs­po­pu­la­tion. Nicht Poli­tik und Wirt­schaft sind bereit einen Preis dafür zu zah­len, son­dern sie zwin­gen einem Teil der Erwerbs­tä­ti­gen die­ses Schick­sal auf.

Sie müs­sen das Opfer für die Gesamt­ge­sell­schaft erbrin­gen, das den Poli­ti­kern die Ver­rin­ge­rung der Arbeits­lo­sen­zah­len und der Mehr­heit der Erwerbs­be­völ­ke­rung eini­ger­ma­ßen sichere Arbeits­plätze bringt. Nach einer  Zeit der Voll­be­schäf­ti­gung und nach einer Phase sehr hoher Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit jetzt also eine angeb­lich erträg­li­che Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit. Man könnte auch sagen: die nach wie vor beste­hende Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit wird ein wenig geschönt durch pre­käre Beschäf­ti­gung als Dauerzustand.

Hans-Jürgen Benedict (Illustration: Sandra Lajain)
Hans-Jürgen Bene­dict (Illus­tra­tion: San­dra Lajain)

 

Mich als Theo­lo­gen erin­nert diese fun­da­men­tale Ver­un­si­che­rung der Erwerbs­bio­gra­phie an die Heil­s­un­ge­wiß­heit der frü­hen Neu­zeit. Wie bekomme ich einen gnä­di­gen Gott? Die Frage, die Luther umtrieb und für die er mit der Recht­fer­ti­gung aus Gnade allein eine Lösung fand , wollte der Gen­fer Refor­ma­tor Cal­vin  anders als Luther nicht end­gül­tig beant­wor­ten. Heil­s­un­si­cher­heit blieb auf­grund der Unge­wiss­heit der Erwäh­lung erhal­ten, das war die Lehre von der Prä­des­ti­na­tion, einer Erwäh­lung also, der sich der Gläu­bige nie end­gül­tig sicher sein konnte.

Max Weber hat in sei­nem berühm­ten Text »Die Pro­tes­tan­ti­sche Ethik und der Geist des Kapi­ta­lis­mus« dar­ge­legt, dass der kapi­ta­lis­ti­sche Geist durch diese pro­tes­tan­ti­sche inner­welt­li­che Askese ange­trie­ben und zu rast­lo­sem Gewinn­stre­ben moti­viert wurde. Nach der Ver­flüch­ti­gung des Antriebs­geis­tes bleibt einer­seits zurück das »stahl­harte Gehäuse« des moder­nen Arbeits­le­bens, ande­rer­seits die hybride Ent­wick­lung zum Finanz­ka­pi­ta­lis­mus. Die fun­da­men­tale Ver­un­si­che­rung auf dem Arbeits­markt aber hält Mil­lio­nen von Erwerbs­tä­ti­gen in ihren Fän­gen, zer­mürbt sie, macht sie oft krank und depressiv.

Sie kön­nen nicht mehr ruhig sein, ohne Angst leben, sich auf etwas bedin­gungs­los ver­las­sen. Sie müs­sen Zumu­tun­gen hin­neh­men, sich mühen, kämp­fen, Schick­sals­schläge ertra­gen, ohne noch die see­li­schen Res­sour­cen dafür zu haben. Frü­her konn­ten eine bestimmte Schicht­zu­ge­hö­rig­keit, die Klas­sen­lage oder die kollektiv-soziale Ein­bin­dung in Gesel­lun­gen reli­giö­ser oder sozia­ler Art das teil­weise kom­pen­sie­ren. Heute ist jeder auf sich allein gestellt. Inso­fern fin­det das momen­tan viel­dis­ku­tierte Bur­nout  in die­ser neuen Pre­ka­ri­ats­schicht stän­dig statt.

Wie sagt Höl­der­lin im Schicksalslied:

»Doch uns ist gege­ben
auf kei­ner Stätte zu ruhn
es schwin­den, es fal­len
die lei­den­den Men­schen
Blind­lings von einer Stunde zur andern
wie Was­ser von Klippe
zu Klippe gewor­fen
jahr­lang ins Unge­wisse hinab.«

Das ist das Schick­sal der pre­kär Beschäf­tig­ten. Das sind die klei­nen Pas­si­ons­ge­schich­ten der post­in­dus­tri­el­len Moderne. Einer Kir­che, die von der Recht­fer­ti­gung des sün­di­gen Men­schen redet, kann die­ser Zustand nicht gleich­gül­tig sein. Die theo­lo­gi­sche Kate­go­rie der Recht­fer­ti­gung müsste heute sozi­al­phi­lo­so­phisch als Aner­ken­nung neu aus­ge­legt wer­den. Wo das Men­schen­recht auf Aner­ken­nung im Markt­ge­sche­hen ver­letzt wird, muss man von einer gesell­schaft­li­chen Fehl­ent­wick­lung spre­chen. Der Markt ver­spricht etwas, was er nicht hal­ten kann oder will. Wie ist Aner­ken­nung heute im Arbeits­le­ben sozial umzu­set­zen? Min­dest­löhne, Ein­gren­zung des Leih­ar­beits­sek­tors und der Zeit­ar­beit, bes­ser ent­lohnte  Arbeits­plätze statt Auf­sto­ckung, Auf­bau eines zwei­ten Arbeits­mark­tes wären erste Schritte, um der Pre­ka­ri­tät als Dau­er­zu­stand bzw. der fun­da­men­ta­len Heil­s­un­ge­wiß­heit auf dem Arbeits­markt wenigs­tens anfangs­weise zu begegnen.

H.-J. Bene­dict

13. April 2012

Die dunkle Melodie

Chris­tian Krachts Roman »Impe­rium« erschreckt das deut­sche Mittelmaß

Der Schrecken lauert im Diffusen (Bild: HHF, unter Verwendung des Umschlagmotivs von "Imperium")
Der Schre­cken lau­ert im Dif­fu­sen (Bild: HHF, unter Ver­wen­dung des Umschlag­mo­tivs von »Imperium«)

Eine kleine Buch­hand­lung in einem durch und durch bür­ger­li­chen Stadt­teil Ham­burgs. Es ist Sams­tag­vor­mit­tag, die bereits eta­blier­ten Anfangs­drei­ßi­ger has­ten nebenan durch die Rei­hen des Super­mark­tes, um für das Fami­li­en­wo­chen­ende reich­hal­tig aus­ge­stat­tet zu sein. In der Buch­hand­lung ist es voll, am Presenter-Tisch lie­gen die Sta­pel mit den Neu­er­schei­nun­gen aus. Ein Paar, gut geklei­det, viel­leicht Ende drei­ßig, sucht offen­bar ein Geschenk­buch, die Frau greift nach einem Buch mit etwas comi­chaf­ten Titel­bild. Ihr männ­li­cher Beglei­ter sagt zu ihr: »Das kannst du nicht kau­fen, das ist ein Nazi.«

»Her­berts­höhe.
Haupt­stadt der Kolo­nie, vier­hun­dert Deut­sche leb­ten hier, aber am Pier kau­er­ten fast nur Chi­ne­sen, Malaien, Mela­ne­sier. (…) Er schloß kurz die Augen und war im deut­schen Herbst, ein fürch­ter­li­ches Gefühl, der Win­ter drohte, die Tage wur­den kür­zer, am Ende lau­er­ten Kälte und Tod. Panisch riß er die Lider auf. Alles war fremd, licht und gut.«

Der Held der Geschichte kommt an in Deutsch-Neuguinea, irgend­wann vor dem ers­ten gro­ßen Krieg, will eine Kolo­nie der Koko­voren, der Koko­ses­ser grün­den. Er ist eine merk­wür­dige Gestalt:

»Die­ses son­nen­ver­brannte Gesicht, die schul­ter­lan­gen Haare, ein­ge­hüllt in ein Woll­kleid, ein Spin­ner, aber nicht unsym­pa­thisch, aber doch fremd, wie er hier am Tisch saß und seine Bücher wollte.«

Es ist eine ferne, selt­same Geschichte, die der Autor da erzählt, von August Engel­hardt, ein deut­scher Aus­stei­ger am Beginn des 20. Jahr­hun­derts, der sein Glück in der Süd­see ver­sucht. Neu­pom­mern, Blan­che­bucht und Her­berts­höhe, das waren die Namen damals – und obwohl das alles erfun­den wirkt: Es ist mehr oder weni­ger wahr, die Namen gab es wirk­lich, und auch August Engel­hardt gab es wirk­lich. Was will der Autor mit die­ser kru­den Geschichte erzählen? (…)

Irgend­wann schleicht sich hier ein ande­rer Ton in die Geschichte, eine unan­ge­nehme, dunkle Melodie.

»»Genau«, sagte Ulrich, brauchte aller­dings lange dafür, er war zu auf­ge­regt, ver­damm­tes Stot­tern, »durch das Nackt­ge­hen wird die kör­per­li­che Ertüch­ti­gung und die sitt­li­che Ent­ar­tung des Vol­kes ver­hin­dert. Statt des­sen för­dert es die Her­an­zie­hung eins gesün­de­ren, schö­ne­ren und edle­ren Men­schen­ge­schlech­tes. Das genau ist für uns der Sonnenorden.««

Eine Spalte öff­net sich in die­sem Satz. Unter der Ober­flä­che raunt es: »Die Her­an­zie­hung eines edle­ren Men­schen­ge­schlechts«? Durch den schö­nen Wel­len­schlag der Worte scheint etwas durch, das noch nicht zu fas­sen ist …

Das Buch, das ver­schenkt wer­den sollte, ist Chris­tian Krachts Roman »Impe­rium« und der war­nende Beglei­ter hatte mit Sicher­heit Georg Die­zens Arti­kel »Die Methode Kracht« im SPIEGEL gele­sen. Aus die­sem Arti­kel stam­men die obi­gen, kur­siv gesetz­ten Ein­züge bei­nahe wort­wört­lich. Allein, die Ori­gi­nal­zi­tate stam­men nicht etwa aus dem vom Kri­ti­ker ver­nich­te­ten Buch, son­dern aus einem ande­ren Roman. Schon im Früh­jahr 2011 erschien bei Eich­born »Das Para­dies des August Engel­hardt«, geschrie­ben hat es der all­seits renom­mierte Frei­bur­ger Autor Marc Buhl.

Der nun ist mit­nich­ten »ein Tür­ste­her der rech­ten Gedan­ken«, wie da im SPIEGEL stand, son­dern hat in den letz­ten Jah­ren mit gut geschrie­be­nen Roma­nen zu his­to­ri­schen The­men auf sich auf­merk­sam gemacht. Er ist einer der Stil­len im deut­schen Lite­ra­tur­be­trieb und gewiß jeg­li­cher rech­ten Par­tei­nahme unverdächtig.

Der Stoff aller­dings scheint im höchs­ten Maße ver­däch­tig zu sein – ein paar junge Leute, die in Zei­ten des poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Still­stands nach neuen Ideen suchen, hat hier offen­bar nicht nur die Zeit­ge­nos­sen aus dem Wohl­sein des bür­ger­li­chen Daseins geris­sen. Es ist das klas­si­sche Dilemma einer Entwicklungs-Debatte, einer »Que­relle des Anci­ens et des Moder­nes« zwi­schen Vätern und Söh­nen, der Drang nach Aus­druck und Neu­er­fin­dung, die der Held der bei­den Roman­ciers aus­lebt und es ist das Gefühl des Still­stands, das bei­der Held August Engel­hardt antreibt. Und wie immer ist es die Angst vor dem Neuen, dem Ande­ren, daß die Gesell­schaft davor erschau­dern läßt.

Die eigent­li­che Fra­ge­stel­lung in der Debatte, die dem von die­ser Bespre­chung aus­ge­wie­se­nen Gene­ral­ver­dacht gegen den Autor Kracht folgte, ist jedoch nicht die nach der Inte­gri­tät des Autors. All die gesam­mel­ten Vor­würfe, die The­men­wahl, die ver­däch­ti­gen­den Kor­re­spon­den­zen, das nun­mehr in Zwei­fel zu zie­hende Vor­werk erschei­nen nich­tig, sucht man nach den Moti­ven des Gebrauchs der stärks­ten Waffe, die es in die­sem Land seit über 60 Jah­ren in der Kri­tik geben kann.

Die­ser Vor­wurf, ein­mal über einen Autor aus­ge­spro­chen, wirkt unend­lich schwer. Das bür­ger­li­che Paar, das den Autor nicht gele­sen hat, weil es das Urteil über ihn bereits kannte, ist nur ein Anfang. Chris­tian Kracht hat Lesun­gen abge­sagt ob die­ses Makels und man kann sich an den Fin­gern einer Hand abzäh­len, daß er bei den für Auto­ren so wich­ti­gen Preis– und Sti­pen­di­en­ver­ga­ben lange über­gan­gen wer­den wird.

Kon­ser­va­ti­vis­mus, das liegt schon in der Wort­be­deu­tung, will bewah­ren. Alles, was den Ver­lust eines erreich­ten Sta­tus bedroht, macht dem Kon­ser­va­ti­ven Angst. Sein Hang zum Ver­gan­ge­nen ist stark, Neues wird oft als Bedro­hung emp­fun­den. Lag die­ser Hang in der Gesell­schafts­mei­nung bis­lang in der Hand älte­rer Herr­schaf­ten, deren Drang zu Novi­tä­ten und Ver­än­de­rung bereits erschöpft war, hat sich in Deutsch­land in den letz­ten Jah­ren das Bild verändert.

Eine Gene­ra­tion von sat­ten Nach­kom­men, die Gene­ra­tion der aus den Auf­bau­jah­ren der Repu­blik Her­aus­ge­wach­se­nen sitzt mitt­ler­weile an den Schalt­stel­len von Medien und Poli­tik. Es haf­tet ihnen eine selt­same Läh­mung an, der ver­klä­rende Blick zurück ist á la mode und ver­erbt sich bereits in die nächste Gene­ra­tion. Die Welt wird zuneh­mend als Bedro­hung emp­fun­den, die Gefahr, das Erbe der Väter zu ver­lie­ren, ist all­ge­gen­wär­tig. Der Schre­cken der Ver­än­de­rung lau­ert über­all, die Empö­rung bei Ein­grif­fen in diese Wohl­stands­welt ist ste­tig groß. Noch nie hat man den Aus­ruf »Nicht mit mir!« in die­ser offen­bar bedroh­ten und zugleich wohl­ha­bends­ten und eigent­lich sorg­lo­ses­ten Gesell­schaft, die die­ses Land je erlebt hat, so oft gehört.

Wenn Grenz­ver­let­zung, dann soll sie bit­te­schön kon­trol­lier­bar sein. Auf jeden Fall in der Kunst, wenn alles andere schon nicht funk­tio­niert. Ist diese anders oder ver­letzt gar den Besitz­stand des Kon­ser­va­ti­ven, dann ergreift Angst die Szene. Und die ist der Geist, aus der diese voll­kom­men über­flüs­sige, aber bezeich­nende Debatte schöpft. Wir befin­den uns mit­ten in der Restau­ra­tion und hören die Stimme des Mittelmaß.

Chris­tian Kracht muß für den restau­ra­ti­ven Men­schen die fleisch­ge­wor­dene Pro­vo­ka­tion sein. Äußer­lich im Gewand des Dan­dys, im Tweed, den Schei­tel akku­rat gezo­gen, seine Figu­ren wie in »Faser­land« (1995) im Yup­pie­ge­wand (»Bar­bour­ja­cke«) cham­pa­gn­er­sau­fend auf Sylt – das ist eigent­lich eine sichere Sache und so unbe­kannt nicht. Um so ver­stö­ren­der sind die Brü­che bei die­sem Autor, die iro­ni­sche Dis­tanz, die federnde und ele­gante Spra­che, die The­men, die Tar­nung. Und der immer wie­der auf­blit­zende Humor. Das ist auch so in »Impe­rium«, das Buch, um das es eigent­lich geht. Es lullt einen ein mit sei­nem sin­gen­den, sono­ren Ton, dem Wohl­laut sei­ner For­mu­lie­run­gen, sei­ner Exo­tik und beschreibt dabei Schei­tern und Zusam­men­bruch der Gesell­schaft im Klei­nen wie im Großen.

Die Sub­ko­lo­nie des August Engel­hardt, der ein­gangs beschrie­bene dürre Mann in Deutsch-Neuguinea, schei­tert genau an dem Still­stand, aus dem er und seine Kokos– und Son­nen­an­be­ter flie­hen und aus­bre­chen woll­ten. All diese Idea­lis­ten tra­gen ihr Erbe der Väter in sich, die Gesell­schaft, aus der sie gekom­men sind, sie sind ihrem gemein­schaft­li­chen Schei­tern aus­ge­lie­fert. Und wie die preu­ßi­schen Insu­la­ner zwangs­läu­fig, in ihrer Ver­mes­sen­heit, alles bes­ser machen zu kön­nen, in die Zer­stö­rung ihres Trau­mes vom bes­se­ren Leben steu­ern müs­sen, in glei­chem Maße erstickt das deut­sche Impe­rium, das groß sein wollte, an der Hybris und dem Herr­schafts­stre­ben die­ser Zeit. Und die nächste Dre­hung der Schraube ist bereits ange­kün­digt, der Schritt in das »große Fins­ter­nis­thea­ter«, das hier natür­lich bereits ange­kün­digt ist.

Die Unaus­weich­lich­keit der Geschichte des 20. Jahr­hun­derts, der Sog der Zer­stö­rung, steht hier an sei­nem Anfang. Und das hat noch nie jemand auf so farbig-virtuose Weise deut­lich gemacht wie die­ser Autor. Es ist sicher­lich ein Expe­ri­ment, die­sen Weg zu wäh­len, weit abseits vom Pfad eines mora­li­sie­ren­den Rea­lis­mus. Doch Chris­tian Kracht ist ein gro­ßer Fata­list, viel­leicht der größte sei­ner Gene­ra­tion. Hin­ter all der bun­ten Fas­sade, dem schwa­dro­nie­ren­den Erzäh­len, dem exo­ti­schen Sujet, der Aven­ture, lau­ert stets die Apo­ka­lypse, ob auf Sylt oder der Pal­men­in­sel Kaba­kon. Er liebt viel­leicht die Men­schen nicht, aber er zeigt sie deut­lich in ihrer Fehl­bar­keit und Selbst­über­schät­zung. Das ist ver­stö­rend und macht die Angst, die ein gutes Buch machen kann. Und es scheint ein rotes Tuch zu sein, für jene, die die Angst bereits haben.

Chris­tian Kracht hat seine Lesung aus »Impe­rium« in Ham­burg am 20. April, wie andere zuvor schon, abge­sagt. Wahr­schein­lich freut das Einige. Das ist der wirk­li­che Skandal.

Chris­tian Kracht:
Impe­rium
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Marc Buhl:
Das Para­dies des August Engel­hardt
[Ama­zon Part­ner­link]

M. Schu­mann

3. März 2012

Bucky

Wo in Argen­ti­nien Schmet­ter­linge flat­tern: »Die Gene­ral­ver­samm­lung der Welt« des freien Ensem­bles Meyer + Kowksi im Ham­bur­ger Museum für Völkerkunde

Butterfly Effect (Bild: Wikipedia)
But­ter­fly Effect (Bild: Wikipedia)

Von all den mög­li­chen Kon­gre­ß­or­ten in der gro­ßen Stadt ist die­ser Saal sicher­lich der Schönste von allen. Steil ragen die Sitz­rei­hen auf, keine gepols­ter­ten Klapp­sitze, nur das nach­ge­dun­kelte Holz der Sitz­flä­chen, seit Jahr­zehn­ten blank­ge­scheu­ert, wie der Lin­ole­um­bo­den und die hun­dert­fach gebrauchte Schie­be­ta­fel. Auch die Wände des Hör­saals sind mit Holz getä­felt, ein­zi­ger Raum­schmuck sind an die­sem Tag zwei große blaue Ban­ner mit dem Logo der Ver­an­stal­tung, das eine sti­li­sierte Welt­ku­gel darstellt.

Die Ver­an­stal­tung beginnt mit leich­ter Ver­spä­tung, ein­zi­ger Red­ner des heu­ti­gen Abends ist der Chi­nese Lobo Chan, des­sen Vor­trag von einem Stu­den­ten simul­tan aus dem Kan­to­ne­si­schen über­setzt wird.

Seine Idee: Man möge anstatt einer vir­tu­el­len Ver­net­zung für eine reale Ver­samm­lung der Welt­be­völ­ke­rung an einer Stelle sorgen.

Chan ist – trotz der über­brü­cken­den Über­set­zung – ein char­man­ter Red­ner, der die Vor­trag­steil­neh­mer zu fes­seln weiß. Er lei­tet seine Grund­idee his­to­risch her, weist auf ähn­li­che Pläne in der Ver­gan­gen­heit hin. Detail­ver­ses­sen ent­wirft er einen Plan einer Gene­ral­ver­samm­lung der Welt, erwägt das Für und Wider. Eine seine Bezugs­per­so­nen in der Vision ist Buck­mins­ter Ful­ler, seine »Bedie­nungs­an­lei­tung für das Raum­schiff Erde« liegt auf dem Tisch des Vortragssaales.

Buck­mins­ter Ful­ler war eine Art Uni­ver­sal­ge­nie, eine der letz­ten Erfin­der­per­sön­lich­kei­ten des tech­ni­schen Zeit­al­ters. Wäh­rend sei­nes lan­gen Lebens (1895 — 1983) ent­warf er Gebäude, Autos und ent­deckte ein nach ihm benann­tes Ele­ment. Ful­ler war beseelt von dem Gedan­ken der Mach­bar­keit durch die Vision eines ein­zel­nen Men­schen. Damit ist er nicht weit ent­fernt von den Theo­rien der moder­nen Cha­os­for­scher und ihrem Schmet­ter­lings­theo­rem, nach dem kleine Hand­lun­gen unvor­her­seh­bare und mäch­tige Fol­gen haben kön­nen. Inter­es­san­ter­weise war auch er es, der eine neue völ­lig neue Art der Kar­ten­pro­spek­tion ent­wi­ckelte, die eine Welt ohne oben und unten, ohne Nord und Süd und ohne sozia­les Gefälle propagierte.

Eine der ent­schei­den­den Fra­gen zur Mach­bar­keit der Chan­schen Vision liegt in Aus­wahl des Ortes für die große Zahl der Teil­neh­mer. Im Laufe des Vor­tra­ges ergibt sich auch hier eine Lösung – im argen­ti­ni­schen Pata­go­nien unter­hält die Land­schafts­ar­chi­tek­tin Hanna Kaluza eine Farm rie­si­gen Aus­ma­ßes, die auf­grund ihrer expo­nier­ten Lage unter Umstän­den Platz für die Welt­be­völ­ke­rung bietet.

Eine junge Frau, die den Auf­trag hatte, über die­sen Ort zu recher­chie­ren, ist an die­sem Abend eben­falls anwe­send, gerade aus dem Flug­zeug gestie­gen, berich­tet Sie von ihren Ein­drü­cken. Genug jeden­falls, um den Anwe­sen­den bei der fol­gen­den Publi­kums­be­fra­gung Mate­rial zu liefern.

Etwas son­der­bar ist aller­dings, daß am Ende des Vor­trags nie­mand die aus­ge­ge­be­nen Fra­ge­bö­gen ein­sam­melt und sich sowohl die junge Frau als auch Chan und sein Über­set­zer unter dem Bei­fall der Anwe­sen­den ver­beu­gen. Es ist Theater.

Meyer + Kow­ski, dahin­ter ver­ber­gen sich die Ham­bur­ger Thea­ter­ma­cher Marc von Hen­nig und Susanne Rei­fen­rath, haben die­ses schöne Bei­spiel des soge­nann­ten unsicht­ba­ren Thea­ters im Ham­bur­ger Museum für Völ­ker­kunde erdacht und realisiert.

Der Abend läßt keine Momente des Zwei­fels zu, son­dern ist ein ste­ter Fluß an Inspi­ra­tion und Gedan­ken­bil­dung. »Was wäre wenn?« – das ist einer der ent­schei­den­den Gedan­ken, der jedem Zuschauer kom­men soll und muß.

Die sub­tile Ein­dring­lich­keit des real mög­li­chen Vor­trags, die über­zeu­gende natür­li­che Auf­ge­regt­heit der Schau­spie­le­rin Anja Her­den, die von ihrer fik­ti­ven Reise zur autis­ti­schen (sic!) Hanna Kaluza berich­tet, die in einem Art Hor­tus Con­clu­sus, einem ver­ges­se­nen uto­pi­schen Para­dies lebt, all das schafft eine der Uran­for­de­run­gen des Thea­ters, die Berühr­bar­keit des Publikums.

Anders näm­lich als bei den in den 70ern ver­brei­te­ten thea­ter­päd­ago­gi­schen Mit­mach­kon­zep­ten, deren Grund­lage die Ver­let­zung der gesell­schaft­li­chen Schutz­me­cha­nis­men war, läßt die Insze­nie­rung den Ein­zel­nen in Ruhe, gibt ihm die Mög­lich­keit, die Gedan­ken zum Thema schwei­fen zu lassen.

Um diese Mög­lich­keit und die davor herr­schende Angst geht es näm­lich, die Frage nach dem Mut zum Ver­las­sen der per­sön­li­chen Kom­fort­zone ist die zen­trale Idee des Abends. Dazu gehört – natur­ge­mäß – die Frage nach dem, was nach jedem Wag­nis kom­men kann, näm­lich die Angst vor der Kon­se­quenz des gerade gewag­ten. Und die bleibt in der Tat unbe­ant­wor­tet und darf getrost nach Hause getra­gen wer­den, wie die aus­ge­füll­ten Fragebögen.

M. Schu­mann