Weihnachten 2012
Wir wünschen unseren Lesern ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest!
Raffael da Urbino, Madonna Colonna (um 1507), Neue Gemäldegalerie Berlin
Raffael da Urbino, Madonna Colonna (um 1507), Neue Gemäldegalerie Berlin
Anselm Reyle scheint mit seinen Werken einen Nerv bei Sammlern, Galeristen und Kritikern getroffen zu haben. Er ist in der internationalen Kunstszene ein Phänomen. Nimmt man den Marktwert seiner Werke als Maßstab für seinen Erfolg, dann kann man ihn als bedeutenden Künstler bezeichnen. Seit knapp 10 Jahren betreibt er in Berlin ein Atelier mit mehreren Angestellten.
Er selbst bezeichnet sein Atelier als eine Künstlerwerkstatt nach klassischem Vorbild, in der Werke hergestellt werden, um die Nachfrage des Marktes zu befriedigen. Und dass die Edelmarke Dior jüngst Handtaschen und Nagellacke mit seinem Namen auf dem Markt gebracht hat, dürfte seinen Namen auch bei Menschen bekannt gemacht haben, die sich vorher nicht näher mit moderner Kunst beschäftigt haben.
Doch bei all dem Ruhm ist es dann aber schon verwunderlich, dass »Mystic Silver« in den Deichtorhallen nun seine erste größere Einzelausstellung in Deutschland ist. Insgesamt 80 Werke aus seinem umfangreichen Oeuvre werden derzeit in der Halle für aktuelle Kunst gezeigt.
Ein Vorhang aus silberner Folie trennt die riesige Halle in der Mitte in einen taghellen und einen dunklen Bereich. Im vorderen, taghellen Bereich, nehmen die Folienbilder, hinter Plexiglas drapierte Glanzfolie in unterschiedlichen Farbtönen, den größten Raum ein. Daneben werden einige Streifenbilder gezeigt und auch seine neueren Bilder aus einer »Malen nach Zahlen«-Reihe finden hier ihren Platz. Dazwischen stehen großformatige, glänzende Plastiken und silbern eingefärbte Strohballen.
Durchschreitet man zwischen den grellen neongelben Wänden den Vorhang, so findet man in dem dunklen Bereich vorwiegend die Arbeiten, die in jeglicher Form mit Licht in zu tun haben, oder einfach nur schöner anzusehen sind, wenn sie in einem schummrigen Licht ausgestellt werden. Dazu zählen seine Arbeiten in denen alltägliche Gegenstände in etwas scheinbar Wertvolles verwandelt wurden, wie etwa ein alter Heuwagen, welcher in gelbem Lack getüncht wurde, oder eines seiner »Materialabgussbilder«, in Aluminium gegossener Alltagsmüll.
Der Künstler selber tritt als Person hinter sein Werk zurück; er überlässt es lieber es anderen, sich eine Meinung über sein Werk zu bilden. Und das dürfen die Verehrer scheinbar genauso wie seine Kritiker.
Ein glühender Verehrer ist neben vielen anderen auch der künstlerische Hausherr der Deichtorhallen Dirk Luckow, denn wenn er über Anselm Reyles Schaffen redet, dann zieht er sämtliche Register, um auf die Bedeutung seines Künstlers hinzuweisen, er muss ja eine Rechtfertigung dafür liefern, warum dies hier eine Schau auf »internationalem Niveau« ist. In seinen Ausführungen über die Bedeutung Reyles bewegt er sich dabei durch sämtliche Epochen der Kunstgeschichte und schwingt sich in die Beschreibung der Rückgriffe in schwindelerregende Höhen auf.
Selbst in dem Faltenwurf der Silberfolie meinte er die Reminiszenz an die Faltenwürfe zu erkennen, durch die ein gelerntes Auge die Frühgotik von der Spätgotik unterscheiden kann.
Gotik, Manierismus, Barock, Informel, abstrakter Expressionismus, Pop Art – all das soll unter Glanzfolie, Spachtelmasse, Lackfarben unterschiedlichster Farbigkeit verborgen sein.
Würde man nur diesen Worten folgen, dann würde man denken müssen, dass man es hier wirklich mit einem künstlerischen Genie zu tun hat.
Und es ist ein wenig wie in dem Märchen »Des Kaisers neue Kleider«, wenn man es will, dann kann man sicherlich auch überall diese genannten Zitate und Anspielungen erkennen. Eine glänzende monochrome Oberfläche kann leicht durch willkürliche Assoziationen mit Inhalt und Bedeutung aufgeladen werden. Wenn ein Bild nur »Untitled« heißt, dann wird dem Betrachter ja auch keine Interpretation aufgedrängt, sondern es lässt ihm genügend Spielraum für eigene Ideen.
Die Assemblagen eines Kurt Schwitters oder Daniel Spoerri beziehen noch eine zusätzliche Ebene in Form einer politischen oder gesellschaftlichen Aussage ein. Nein, politisch will Anselm Reyle ja auch nicht sein. Die großformatigen Plastiken erinnern an Henry Moores bronzene Arbeiten, die in den Farbtopf von Jeff Koons gefallen sind. Doch sind es bei Reyle afrikanische Specksteinfiguren vom Flohmarkt, die hier ihre Reinkarnation als vergrößerte, lackierte Bronzefiguren in Galerien oder privaten Sammlungen erfahren werden. Die bunten Neonröhren, die man beispielsweise auch von Bruce Nauman kennt, sind hier zusammengetragene Überreste aus einer Fabrik für Neonröhren. Bilder aus der »Malen nach Zahlen«-Reihe erinnern eher an die kitschigen pastellfarbenen Poster aus den 90ern mit springenden Delfinen im Sonnenuntergang als an Andy Warhols Pop Art.
Nüchtern betrachtet betreibt Anselm Reyle künstlerische Altstoffverwertung nach »Copy & Paste“-Prinzip. Die Arbeit mit vorgefundenen Dingen ist an sich ja nicht verwerflich, doch die ausgestellten Werke wirken hier irgendwie seelenlos und beliebig reproduzierbar. Die Grenze von Kunst– zum Designobjekt ist hier nicht mehr auszumachen. Die Ausstellung ist aber dahingehend interessant, weil sie ein Abbild eines noch immer überhitzten Kunstmarkts zu zeigen scheint. In diesen unsicheren Zeiten wollen die Werte ja auch angelegt werden. Einen Reyle zu besitzen ist in gewisser Form und bestimmten Kreisen ein Statussymbol, ähnlich wie eine Handtasche von Dior. Und vielleicht hält Anselm Reyle allen seinen Verehrern und Kritikern auch nur einfach einen riesengroßen Spiegel vor.
Keiner wollte es sich merken lassen, dass er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Kleider des Kaisers hatten solches Glück gemacht wie diese. »Aber er hat ja gar nichts an!« sagte endlich ein kleines Kind. »Hört die Stimme der Unschuld!« sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.
Die Ausstellung Anselm Reyle »Mystic Silver« kann noch bis zum 27. Januar 2013 in den Deichtorhallen in der Halle für aktuelle Kunst besucht werden.
Mila Heckmann (mh)
Hans-Jürgen Benedict (hjb)
Arzak gleitet über die Wüste. Der eigenartige Krieger mit dem hohen Hut hockt geduldig auf einem Vogel, einem pummeligen, weißen Geschöpf ohne Beine. Fast könnte man meinen, er meditiere. Unter ihm erstreckt sich eine endlose Wüste, ein immer wiederkehrendes Motiv in Moebius‘ gesamten Werk. Das Bild strahlt spirituelle Kraft aus.
Arzak ist ein Vermächtnis von einem der großartigsten Künstler, die in der grafischen Literatur zu finden sind. Moebius, der mit bürgerlichem Namen Jean Giraud hieß, liebte es, flache Horizontlinien zu zeichnen. Die Wüste von Mexiko inspirierte ihn. Sie gab ihm Kraft und prägte seinen experimentellen Zeichenstil. Arzak und die Wüste – sie sind untrennbar miteinander verbunden.
L’arpenteur, der Raumvermesser, ist der Untertitel des französischen Albums, das im September 2010 bei Glénat und jetzt in Deutschland bei der Ehapa Comic Collection herausgekommen ist. Ein Fantasy– bzw. Science-Fiction-Abenteuer, der erste und einzige Band einer unvollendeten Serie.
Arzak, der in früheren Geschichten auch Arzach, Harzak oder Arzack hieß, muss irgendwann von seinem Vogel absteigen, sonst gibt es kein Abenteuer, keine Geschichte. Die Wüste zieht ihn an. Sie holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück und beendet das Träumen und Gleiten. Das Unbewusste kann dem Bewussten nicht aus dem Weg gehen.
Der Planet, an dem sich in diesem Abenteuer das Schicksal bricht, heißt Tassili. Hier ringen die Menschheit und das Volk der Werg um die Vorherrschaft im Universum. Wenn man von der spannenden, phantasievollen und elegant erzählten Handlung einmal absieht, kann man Arzak als einen teils amüsierten, teils bissigen Kommentar zum Hier und Jetzt verstehen. Arzak, der in diesem Abenteuer nicht freiwillig von seinem Vogel abgestiegen ist, sondern abgeschossen wurde, hat seinen spirituellen Raum verlassen müssen, um einem allgemeinen Übel ins Gesicht zu blicken: Der Ignoranz.
Fremdenfeindlichkeit, Willkür und Gewalt sind auf Tassili an der Tagesordnung. Hinzu kommt eine gelähmte, am Profit orientierte Bürokratie und eine herrschende Klasse, die lieber in einem verbarrikadierten Turm in Milch badet, als sich um die dringenden Probleme der Außenwelt zu kümmern. Die Frage, ob besser die Menschen oder die Werg das Universum regieren sollten, stellt sich also gar nicht.
Ob und wann Arzak in dieser Serie wieder über die Wüste geglitten wäre, bleibt offen. Sein Versuch, Ordnung im Universum herzustellen, ist ohne Abschluss. Das Gleichgewicht zwischen Traum und Realität, zwischen Unterbewusstsein und Bewusstsein, das ist jetzt an uns, den Lesern. Moebius geht das Ganze nichts mehr an. Er verließ diese Welt am 10. März 2012.
Arzak – Der Raumvermesser
Szenario und Zeichnungen: Moebius
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Weitere Links:
Die französischsprachige Webseite von Moebius
Ein arte-Beitrag über Moebius auf YouTube
Christopher Bünte (cb)
Im März diesen Jahres haben wir Gesche Piening zu ihrer Inszenierung »Lohn und Brot« befragt, in der sie sich mit dem Thema Arbeit auseinandersetzt. Gemeinsam mit Kommunikationsdesigner Ralph Drechsel beleuchtet sie dieses nun in einem anderen Medium: Die Wanderausstellung »brenne und sei dankbar« dokumentiert die Arbeitsverhältnisse freier Theater– und Tanzschaffender. Hier werden Einzelaspekte der kulturpolitischen und finanziellen Grundsituation sowie der Arbeits– und Lebensbedingungen visualisiert. Die Ausstellung tourt ab sofort durch Deutschland und wird an Freien Theater– und Tanzhäusern, bei Festivals der Freien Szene und in Ausbildungsstätten gezeigt. In Hamburg ist sie derzeit im Festivalzentrum des 7. Theaterfestivals 150% made in Hamburg zu Gast und noch bis 14. Oktober täglich zu sehen.
Wir sprachen mit Gesche Piening über Idee, Entstehung und Hintergründe.
Sie haben prominente Förderer mit dem Bundesverband Freier Theater, ver.di und dem Fonds Darstellende Künste e.V. Wie viele Anträge haben Sie für diese Förderung geschrieben?
Anträge im klassischen Sinne keine. Die meisten »Förderer« – wie die Verbände – haben auch eher organisatorische Unterstützung geleistet. Es war trotzdem der reinste Verhandlungsmarathon. Anfragen, Konzepte, Konzeptvarianten, unzählige E-Mails und Telefonate. Das Thema ist emotional aufgeladen, weil es die existentielle Grundlage freier künstlerischer Arbeit betrifft. Und es gibt sehr unterschiedliche Strategien, damit umzugehen. Wir mussten Vermittlungsarbeit leisten. Viel Vermittlungs– arbeit.
Das Thema Ihrer Ausstellung polarisiert sicherlich. Kunst machen zu dürfen und dafür Förderungen zu erhalten, wird gemeinhin als Geschenk angesehen. War die Konzeption und Umsetzung dieser Ausstellung ein Geschenk?
Der Begriff Geschenk im Zusammenhang mit Kunstförderung erscheint uns aus grundsätzlichen Überlegungen heraus unpassend. Es geht bei relevanter Kunst nicht um die persönliche Selbstverwirklichung von Einzelnen. Es geht um weit mehr. Es geht um die identitäre Selbstbeschreibung von Regionen, Städten, Ländern … Kunst ist ein Feld für öffentliche Auseinandersetzungen, und die Akteure gehen keinem Hobby nach, sondern einem Beruf, der kulturelles Leben in einer Gesellschaft erst möglich macht. Wieso sollte das umsonst sein? – Aber das ist ein abendfüllendes Thema. Für die Freie Szene und ihre Akteure haben wir mit der Ausstellung ein künstlerisch-politisches Instrument zur Verfügung gestellt, das uns Arbeit und Energie gekostet hat. Wir haben über das Prekariat erzählt und waren gezwungen, das Projekt unter prekären Bedingungen zu realisieren. Das als ein „Geschenk“ zu beschreiben, fällt uns einigermaßen schwer. Wir hoffen, mit dem Projekt eine dringend notwendige Debatte zu beleben.
Kein anderes Land habe so luxuriöse Bedingungen für Theater wie Deutschland, sagt man. Der »Report Darstellende Künste« spricht von anderen Zahlen (Mit ca. € 100,– der Pro-Kopf-Ausgaben für Kunst und Kultur rangiert Deutschland im europäischen Vergleich im unteren Mittelfeld). Welche Auswirkungen hat das auf die Freie Szene?
Davon erzählt die Ausstellung – hochprekäre Arbeitsverhältnisse und finanzielle Drahtseilakte prägen den Lebensalltag vieler freier Theater– und Tanzschaffender.
Wie kam es zur Eröffnung in der Berliner Akademie der Künste?
Nele Hertling ist Vizepräsidentin der Akademie der Künste in Berlin. Ihr jahrzehntelanges Wirken in und für die Off-Kultur lässt sie sensibel sein für die Arbeits– und Lebensumstände der Akteure.
Inwiefern haben sich die Arbeitsbedingungen für die freie Theater– und Tanzszene in den letzten Jahren verschlechtert und warum?
Eine freiberufliche oder selbstständige Tätigkeit, deren Vergütung so niedrig ist, dass sie kaum zum Leben reicht, kennt man auch aus anderen Bereichen. Die freie Theater– und Tanzszene steht exemplarisch für die sogenannte Flexibilisierung von Arbeit – der Kunst kommt hier eine fragwürdige Vorreiterrolle zu.
Sie nennen den »Report Darstellende Künste« als Grundlage für Ihre Ausstellung. Wie bereitet man Daten, Zahlen und Fakten künstlerisch-sinnlich auf? Wie haben Sie sich dem angenähert?
Muss die Kunst denn auf alles eine »sinnliche« Antwort haben? – Bei Künstlern scheint man allgemein davon auszugehen, dass sie auf alles »nur« eine sinnliche oder emotionale Antwort finden können. – Wer Sinnlichkeit sucht, der stelle sich die Inhalte einfach plastisch vor, das dürfte genügen (lacht).
Die erste Ausstellungstafel erklärt die Arbeitsgrundlagen für die Auseinandersetzung mit dem »Report Darstellende Künste« und ist immer wieder mit »handschriftlichen Korrekturen« versehen. Warum?
Das war unsere Reaktion auf zahlreiche große und kleine Formulierungs– und Änderungswünsche im Text, die bis zur Drucklegung von verschiedensten Mitwirkenden an uns herangetragen wurden. Die Passagen sind nur exemplarisch, zeigen aber das Prinzip. Die Vielstimmigkeit der Akteure und auch die Vielschichtigkeit des Themas.
Plakat 8 mit dem Titel »Flexibles Arbeiten Freie Szene« zeigt, dass Künstler der Freien Szene sich nicht zu schade sein dürfen, im die Garderobiere zu spielen oder die Klobürste zu schwingen. Kann man als Künstler in der Freien Szene überhaupt ohne Nebenjobs überleben? Oder stellt der Nebenjob in vielen Fällen nicht gar die Haupteinnahmequelle dar?
»Nicht zu schade sein« klingt fast ein wenig zynisch angesichts der Realität. Um ihr finanzielles Überleben zu sichern, sind viele Künstlerinnen und Künstler in Zweit-, Dritt– und Viertjobs unterwegs. Die Übergänge zwischen Haupt– und Nebenerwerb sind häufig fließend.
€ 427,50 Rentenanspruch im Durchschnitt. Das sind harte Zahlen. Grundsätzlich fallen freischaffende Künstler durch viele Raster der Sozialversicherungsmöglichkeiten. Woran liegt das?
Damit sind Künstlerinnen und Künstler nicht allein. Von prekären Arbeitswelten und sogenannter flexibilisierter Arbeit sind immer mehr Menschen betroffen.
Natalie Fingerhut (nf)