Archiv ‘Kunst’ Category

23. Dezember 2011

Kein Baum. Kein Bart. Wer ist das bloß?

Wir wün­schen all unse­ren Lesern ein fro­hes und geseg­ne­tes Weihnachtsfest!

Jacopo da Pontormo: Die heilige Familie mit Johannes dem Täufer 1522-1524 (Bild: zeno.org)
Jacopo da Pon­tormo: Die hei­lige Fami­lie mit Johan­nes dem Täu­fer 1522–1524 (Bild: zeno​.org)

Viel­leicht erin­nert sich der Eine oder Andere an die­sen, vom Flo­ren­ti­ner Pon­tormo so kess por­trai­tier­ten Kna­ben? Um ihm ins Auge zu sehen, muß man aller­dings nicht ins win­ter­li­che Flo­renz rei­sen (heute son­nige 6° C), son­dern ins nur unwe­sent­li­che käl­tere St. Peters­burg (-1°, bedeckt).

(N. Fin­ger­hut | M. Schumann)

24. April 2011

Es geht bergab

Lucy Preb­bles Wirt­schafts­krimi »Enron« an den Ham­bur­ger Kammerspielen

Eine fast leere, nach vorn abfal­lende Bühne, ein Rutsch­par­kett, auf dem es unwei­ger­lich abwärts gehen muss; in der Mitte eine Art digi­ta­ler Mar­ter­pfahl, über den Buch­sta­ben lau­fen kön­nen, Akti­en­kurse, Kom­men­tare, Fach­be­griffe (Aus­stat­tung: Diet­lind Kon­old). Auf der rech­ten Seite ein Tisch mit hüb­schen Käse­häpp­chen ame­ri­ka­nisch beflaggt. Ein aal­glat­ter Anwalt tritt auf und warnt: Gleich wird eine Geschichte erzählt, zwar nicht ganz wahr­heits­ge­mäß, aber das passe »irgend­wie zum Abend«.  Wir wis­sen, um wel­che Geschichte es sich han­delt, der Titel des Stücks verrät’s: In »Enron« behan­delt die knapp 30-jährige Dra­ma­ti­ke­rin Lucy Preb­ble die größte Fir­men­pleite Ame­ri­kas: den Nie­der­gang des Enron-Konzerns im Jahr 2001, der fast 20.000 Men­schen auf einen Schlag arbeits­los machte.

Preb­ble hat mit ihrem Stück einen Nerv getrof­fen. Die Ban­ken­krise steckt allen noch in den Kno­chen, das Ver­trauen in die Wirt­schaft ist längst nicht wie­der her­ge­stellt. Man hat geschockt bemerkt, dass der Markt unsi­cher ist durch Kon­zepte, die auf töner­nen Füßen ste­hen. Wirk­lich begrif­fen hat der Laie das Prin­zip noch nicht, doch die Angst vor Inves­ti­tio­nen ist spür­bar. Und dann kommt aus­ge­rech­net eine junge Dra­ma­ti­ke­rin und erklärt anhand des Enron-Konzerns, wie die Zahlen-Jonglage den Wirtschafts-Experten ent­glei­tet. Dass eine Schein­firma mit nur drei Pro­zent Ein­lage gegrün­det wer­den kann, sämt­li­che Schul­den der Mut­ter­firma tilgt, eine wei­tere Schein­firma der Schein­firma wie­derum deren Schul­den und so wei­ter und so fort. Ein »per­pe­tuum mobile« der Schul­den­til­gung ohne Geld.

Jef­frey Skil­ling (Nicki von Tem­pel­hoff) ist ein »Ide­en­kraft­werk«. Er ist nicht beson­ders hip, nicht rank und schlank, und seine Nase ziert ein Kas­sen­ge­stell.  Den­noch vögelt er unge­niert das liebste Stück des CEO auf dem Häpp­chen­tisch, Clau­dia Roe (Mar­lène Meyer-Dunker). Die ist ihm haus­hoch über­le­gen, so scheint’s, kar­rie­re­geil, kühl und sexy. Den­noch: Den Job des Vor­stands­vor­sit­zen­den staubt letzt­lich er ab, nicht sie (was beim Nie­der­gang der Firma ihr Glück sein wird). In Jef­frey Skil­lings sehen wir die Geschichte eines Empor­kömm­lings, des Fleisch gewor­de­nen »Ame­ri­can Dream«, der sich im Fit­ness­stu­dio den Astral­kör­per antrai­niert und auf offe­ner Bühne in den Maß­an­zug gesteckt wird.

Was Jeff vor den Ana­lys­ten ver­kauft: In ers­ter Linie sich. Auf den zwei­ten Blick Kon­zepte, Gedan­ken und die Über­zeu­gung, dass Gewinn­ma­xi­mie­rung das Heils­vers­re­chen bedeu­tet. Das Mark-to-market-Prinzip läuft als digi­ta­ler Schrift­zug über die Säule, und man ver­steht: Eine Idee kann bereits bares Geld wert sein, bevor sie über­haupt Ertrag gebracht hat. Anders for­mu­liert: Man kann den Wein trin­ken, ohne dass die Rebe geern­tet wurde. Das bedeu­tet stei­gende Akti­en­kurse und die wie­derum Kapi­tal. In Schwin­del erre­gende Höhen klet­tert die Enron-Aktie, die Ange­stell­ten wer­den mit Anlei­hen bezahlt, man ver­traut der Geschäfts­füh­rung blind. Und Jeff fin­det den Mann für sol­che Zahlen-Spielereien in And­rew Fas­tow, einem Buch­hal­ter mit Näs­chen für Schlupf­lö­cher und Liebe zur recht­li­chen Grau­zone (Mar­tin Sem­mel­rogge). Den macht er zum Chief Finan­cial Offi­cer der Firma, weil der ihm das Schein­fir­men­prin­zip und somit die Zah­len lie­fert, die Jeff benö­tigt, um seine Bilan­zen zu polieren.

Was sich tro­cken anhört, nimmt auf der Bühne erstaun­lich Gestalt an. Wir ver­fol­gen einen Krimi, sehen erfolg­rei­che Frauen im Kos­tüm und Män­ner voll Tes­to­ste­ron. Ele­gant gelöst bei­spiels­weise eine Art Bro­ker­bal­lett: Die gesamte Per­son­nage mit Son­nen­bril­len auf der Börsen-Bühne, die Bli­cke auf Moni­tore gerich­tet, auf denen Zah­len­ko­lon­nen lau­fen, unauf­hör­lich die Akti­en­kurse. Jeweils einen Hörer an jedem Ohr, »Kau­fen!«, »Ver­kau­fen!« wird da in die Muscheln gebrüllt, wäh­rend bestrumpfte Beine in High Heels über die Tele­fon­ka­bel klet­tern. Das ist sehr Neun­zi­ger, sehr reell und leben­dig, man spürt die Auf­ge­regt­heit, die Eupho­rie und den Kick. Die Szene wird sich zum Ende des Stü­ckes wie­der­ho­len, wenn die Enron-Aktien fal­len, die Stim­mung in den Kel­ler sinkt und man ver­sucht, noch los­zu­wer­den, was mög­lich ist. Das ist sau­bere Arbeit, da sitzt jeder Schritt und jedes gebrüllte Wort.

Und den­noch: Der Abend ent­glei­tet, vor allem nach der Pause. Ein paar Stri­che hät­ten der Vor­lage wohl gut getan, denn der zweite Teil wirkt ein biss­chen so, als hätte man keine rechte Lust mehr gehabt zu Ende zu pro­ben. Aber das Haupt­pro­blem liegt in der Ästhe­tik begrün­det. Preb­ble will in ihrem Stück Sur­rea­les, das Gegen­teil von Rea­lis­mus, die Anti­these des Doku­men­tar­thea­ters (liest man zumin­dest im Pro­gramm­heft): Sie lässt bei­spiels­weise »Rap­to­ren« auf­tre­ten, eine Art urzeit­li­cher Schul­den­fres­ser, die nur von Zah­len­domp­teur Fas­tow mit der Leder­peit­sche in Zaum gehal­ten wer­den. Dass diese von Schau­spie­lern mit Dino­köp­fen dar­ge­stellt wer­den, ist nahezu der ein­zige Bruch zum sonst psy­cho­rea­lis­ti­schen Spiel des Ensem­bles. Es gibt keine Über­hö­hung, kein Kip­pen in die Gro­teske, keine Phan­tas­ma­go­rie, die das Alp­traum­hafte vor­her ankün­digt oder spä­ter auf­greift. Somit wir­ken die Phan­ta­sie­gestal­ten schlicht unmo­ti­viert und blei­ben unverständlich.

Ein zag­haf­tes »Buh« ist zu hören, als das Lei­tungs­team zum Applaus auf­tritt (Regie: Ralph Bridle). So rich­tig sicher ist man sich wohl nicht, ob man das nun darf, wo doch ein eigent­lich tro­cke­nes Thema span­nend und bei­zei­ten sehr unter­halt­sam auf die Bühne gebracht wurde. Doch gehört dazu mehr als ein spiel­wü­ti­ges Ensem­ble und eine 1:1-Übertragung des Tex­tes. »Shame on me« läuft von oben nach unten über die Leiste, als Fas­tow sein Schuld­ge­ständ­nis macht (und letzt­lich die nied­rigste Strafe bekommt, obwohl das Kon­zept zur Pleite von ihm stammt). Hil­ary Clin­ton filmt ihn dabei und lächelt Präsidentengatinnen-mäßig. Kei­ner ver­steht, warum aus­ge­rech­net sie jetzt die Kamera hal­ten darf. Ich am aller­we­nigs­ten. Shame on me eben.

Nach der Party ist vor der Party (Bild: hhf)
Nach der Party ist vor der Party (Bild: hhf)

N. Fin­ger­hut

31. Oktober 2010

Before Billy

Wer wis­sen will, wo die künst­le­ri­schen Wur­zeln der bun­ten »Ikea-Kultur« lie­gen, dem sei die Retro­spek­tive zum Werk des däni­schen Kon­struk­ti­vis­ten Poul Ger­nes an Herz gelegt, die zur Zeit in den Ham­bur­ger Deich­tor­hal­len zu sehen ist. Eine inter­es­sante Werk­schau mit vie­len Expo­na­ten zwi­schen Kon­struk­tion und All­tags­kul­tur. Unbe­dingt anse­hen: Den kur­zen Inter­view­film, der in einem klei­nen Neben­raum läuft, das Credo eines Künst­lers, der sich vor­ge­nom­men hat, die Welt in Far­ben zu tau­chen: »Seit eini­gen Jah­ren ver­lange ich von mei­ner Kunst, mei­nen Mit­men­schen Freude zu berei­ten und nicht zu einem ästhe­ti­schen Ego­trip zu wer­den.« Nicht so schlecht für die anbre­chende graue Zeit, oder?

Poul Ger­nes – Retro­spek­tive,
Deich­tor­hal­len Hamburg

M. Schu­mann

13. September 2010

Reinekes Bilder

Das Bild hier nebenan ist nur ein schnel­ler Schnapp­schuss bei schlech­tem Licht mit eine lau­si­gen klei­nen Kamera. Aber es lohnt sich, diese und andere kleine Zeich­nun­gen näher zu betrach­ten. Ein biß­chen wie F.K. Waech­ter, ein biß­chen wie Robert Gern­hardt, spass­ma­chende und ein biß­chen hin­ter­grün­dige Klei­nig­kei­ten des Ham­bur­gers Sebas­tian Fuchs. Zu sehen in der Gale­rie POP in der Klos­te­r­al­lee 100 in Hamburg-Eppendorf. Ein Tip.

M. Schu­mann