Archiv ‘Kunst’ Category

24. Dezember 2012

Weihnachten 2012

Wir wün­schen unse­ren Lesern ein geseg­ne­tes und fro­hes Weihnachtsfest!

Und was hält sie in der Hand? (Bild: The Yorck Project/Wikipedia)
Und was hält sie in der Hand? (Bild: The Yorck Project/Wikipedia)

Raf­fael da Urbino, Madonna Colonna (um 1507), Neue Gemäl­de­ga­le­rie Berlin

Mat­thias Schu­mann (kms)

18. November 2012

Alles im Lack

Anselm Reyle in den Deichtorhallen

Anselm Reyle scheint mit sei­nen Wer­ken einen Nerv bei Samm­lern, Gale­ris­ten und Kri­ti­kern getrof­fen zu haben. Er ist in der inter­na­tio­na­len Kunst­szene ein Phä­no­men. Nimmt man den Markt­wert sei­ner Werke als Maß­stab für sei­nen Erfolg, dann kann man ihn als bedeu­ten­den Künst­ler bezeich­nen. Seit knapp 10 Jah­ren betreibt er in Ber­lin ein Ate­lier mit meh­re­ren Angestellten.

Er selbst bezeich­net sein Ate­lier als eine Künst­ler­werk­statt nach klas­si­schem Vor­bild, in der Werke her­ge­stellt wer­den, um die Nach­frage des Mark­tes zu befrie­di­gen. Und dass die Edel­marke Dior jüngst Hand­ta­schen und Nagel­la­cke mit sei­nem Namen auf dem Markt gebracht hat, dürfte sei­nen Namen auch bei Men­schen bekannt gemacht haben, die sich vor­her nicht näher mit moder­ner Kunst beschäf­tigt haben.

Doch bei all dem Ruhm ist es dann aber schon ver­wun­der­lich, dass »Mys­tic Sil­ver« in den Deich­tor­hal­len nun seine erste grö­ßere Ein­zel­aus­stel­lung in Deutsch­land ist. Ins­ge­samt 80 Werke aus sei­nem umfang­rei­chen Oeu­vre wer­den der­zeit in der Halle für aktu­elle Kunst gezeigt.

Ein Vor­hang aus sil­ber­ner Folie trennt die rie­sige Halle in der Mitte in einen tag­hel­len und einen dunk­len Bereich. Im vor­de­ren, tag­hel­len Bereich, neh­men die Foli­en­bil­der, hin­ter Ple­xi­glas dra­pierte Glanz­fo­lie in unter­schied­li­chen Farb­tö­nen, den größ­ten Raum ein. Dane­ben wer­den einige Strei­fen­bil­der gezeigt und auch seine neue­ren Bil­der aus einer »Malen nach Zahlen«-Reihe fin­den hier ihren Platz. Dazwi­schen ste­hen groß­for­ma­tige, glän­zende Plas­ti­ken und sil­bern ein­ge­färbte Strohballen.

Durch­schrei­tet man zwi­schen den grel­len neon­gel­ben Wän­den den Vor­hang, so fin­det man in dem dunk­len Bereich vor­wie­gend die Arbei­ten, die in jeg­li­cher Form mit Licht in zu tun haben, oder ein­fach nur schö­ner anzu­se­hen sind, wenn sie in einem schumm­ri­gen Licht aus­ge­stellt wer­den. Dazu zäh­len seine Arbei­ten in denen all­täg­li­che Gegen­stände in etwas schein­bar Wert­vol­les ver­wan­delt wur­den, wie etwa ein alter Heu­wa­gen, wel­cher in gel­bem Lack getüncht wurde, oder eines sei­ner »Mate­ri­al­ab­guss­bil­der«, in Alu­mi­nium gegos­se­ner Alltagsmüll.

Der Künst­ler sel­ber tritt als Per­son hin­ter sein Werk zurück; er über­lässt es lie­ber es ande­ren, sich eine Mei­nung über sein Werk zu bil­den. Und das dür­fen die Ver­eh­rer schein­bar genauso wie seine Kritiker.

Ein glü­hen­der Ver­eh­rer ist neben vie­len ande­ren auch der künst­le­ri­sche Haus­herr der Deich­tor­hal­len Dirk Luckow, denn wenn er über Anselm Rey­les Schaf­fen redet, dann zieht er sämt­li­che Regis­ter, um auf die Bedeu­tung sei­nes Künst­lers hin­zu­wei­sen, er muss ja eine Recht­fer­ti­gung dafür lie­fern, warum dies hier eine Schau auf  »inter­na­tio­na­lem Niveau« ist. In sei­nen Aus­füh­run­gen über die Bedeu­tung Rey­les bewegt er sich dabei durch sämt­li­che Epo­chen der Kunst­ge­schichte und schwingt sich in die Beschrei­bung der Rück­griffe in schwin­del­er­re­gende Höhen auf.

Selbst in dem Fal­ten­wurf der Sil­ber­fo­lie meinte er die Remi­nis­zenz an die Fal­ten­würfe zu erken­nen, durch die ein gelern­tes Auge die Früh­go­tik von der Spät­go­tik unter­schei­den kann.

Gotik, Manie­ris­mus, Barock, Infor­mel, abs­trak­ter Expres­sio­nis­mus, Pop Art – all das soll unter Glanz­fo­lie, Spach­tel­masse, Lack­far­ben unter­schied­lichs­ter Far­big­keit ver­bor­gen sein.

Würde man nur die­sen Wor­ten fol­gen, dann würde man den­ken müs­sen, dass man es hier wirk­lich mit einem künst­le­ri­schen Genie zu tun hat.

Und es ist ein wenig wie in dem Mär­chen »Des Kai­sers neue Klei­der«, wenn man es will, dann kann man sicher­lich auch über­all diese genann­ten Zitate und Anspie­lun­gen erken­nen. Eine glän­zende mono­chrome Ober­flä­che kann leicht durch will­kür­li­che Asso­zia­tio­nen mit Inhalt und Bedeu­tung auf­ge­la­den wer­den. Wenn ein Bild nur »Untit­led« heißt, dann wird dem Betrach­ter ja auch keine Inter­pre­ta­tion auf­ge­drängt, son­dern es lässt ihm genü­gend Spiel­raum für eigene Ideen.

Die Assem­bla­gen eines Kurt Schwit­ters oder Daniel Spo­erri bezie­hen noch eine zusätz­li­che Ebene in Form einer poli­ti­schen oder gesell­schaft­li­chen Aus­sage ein. Nein, poli­tisch will Anselm Reyle ja auch nicht sein. Die groß­for­ma­ti­gen Plas­ti­ken erin­nern an Henry Moo­res bron­zene Arbei­ten, die in den Farb­topf von Jeff Koons gefal­len sind. Doch sind es bei Reyle afri­ka­ni­sche Speck­stein­fi­gu­ren vom Floh­markt, die hier ihre Reinkar­na­tion als ver­grö­ßerte, lackierte Bron­ze­fi­gu­ren in Gale­rien oder pri­va­ten Samm­lun­gen erfah­ren wer­den. Die bun­ten Neon­röh­ren, die man bei­spiels­weise auch von Bruce Nau­man kennt, sind hier zusam­men­ge­tra­gene Über­reste aus einer Fabrik für Neon­röh­ren. Bil­der aus der »Malen nach Zahlen«-Reihe erin­nern eher an die kit­schi­gen pas­tell­far­be­nen Pos­ter aus den 90ern mit sprin­gen­den Del­fi­nen im Son­nen­un­ter­gang als an Andy War­hols Pop Art.

Nüch­tern betrach­tet betreibt Anselm Reyle künst­le­ri­sche Alt­stoff­ver­wer­tung nach »Copy & Paste“-Prinzip. Die Arbeit mit vor­ge­fun­de­nen Din­gen ist an sich ja nicht ver­werf­lich, doch die aus­ge­stell­ten Werke wir­ken hier irgend­wie see­len­los und belie­big repro­du­zier­bar. Die Grenze von Kunst– zum Desi­gnob­jekt ist hier nicht mehr aus­zu­ma­chen. Die Aus­stel­lung ist aber dahin­ge­hend inter­es­sant, weil sie ein Abbild eines noch immer über­hitz­ten Kunst­markts zu zei­gen scheint. In die­sen unsi­che­ren Zei­ten wol­len die Werte ja auch ange­legt wer­den. Einen Reyle zu besit­zen ist in gewis­ser Form und bestimm­ten Krei­sen ein Sta­tus­sym­bol, ähn­lich wie eine Hand­ta­sche von Dior. Und viel­leicht hält Anselm Reyle allen sei­nen Ver­eh­rern und Kri­ti­kern auch nur ein­fach einen rie­sen­gro­ßen Spie­gel vor.

Kei­ner wollte es sich mer­ken las­sen, dass er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu sei­nem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewe­sen. Keine Klei­der des Kai­sers hat­ten sol­ches Glück gemacht wie diese. »Aber er hat ja gar nichts an!« sagte end­lich ein klei­nes Kind. »Hört die Stimme der Unschuld!« sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.

Die Aus­stel­lung Anselm Reyle »Mys­tic Sil­ver« kann noch bis zum 27. Januar 2013 in den Deich­tor­hal­len in der Halle für aktu­elle Kunst besucht werden.

Mila Heck­mann (mh)

2. November 2012

Bene-Diktum: Käthes Mieder

Eine theo­lo­gi­sche Bild­be­trach­tung zum gerade ver­gan­ge­nen Reformationstag

Hans-Jürgen Bene­dict (hjb)

14. Oktober 2012

Der Raumvermesser

HHF-Gastautor Chris­to­pher Bünte über den letz­ten »Arzak«-Band des fran­zö­si­schen Comic­zeich­ners Jean Giraud alias Moebius

 
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Arzak, Raum­ver­mes­ser auf dem Pla­ne­ten Tas­sili. – Bild: © 2012 Egmont ECC

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Azaelle Zoom, die Her­rin des Trans­fer­turms, badet in Milch – © 2012 Egmont ECC

Arzak glei­tet über die Wüste. Der eigen­ar­tige Krie­ger mit dem hohen Hut hockt gedul­dig auf einem Vogel, einem pum­me­li­gen, wei­ßen Geschöpf ohne Beine. Fast könnte man mei­nen, er medi­tiere. Unter ihm erstreckt sich eine end­lose Wüste, ein immer wie­der­keh­ren­des Motiv in Moebius‘ gesam­ten Werk. Das Bild strahlt spi­ri­tu­elle Kraft aus.

Arzak ist ein Ver­mächt­nis von einem der groß­ar­tigs­ten Künst­ler, die in der gra­fi­schen Lite­ra­tur zu fin­den sind. Moebius, der mit bür­ger­li­chem Namen Jean Giraud hieß, liebte es, fla­che Hori­zont­li­nien zu zeich­nen. Die Wüste von Mexiko inspi­rierte ihn. Sie gab ihm Kraft und prägte sei­nen expe­ri­men­tel­len Zei­chen­stil. Arzak und die Wüste – sie sind untrenn­bar mit­ein­an­der verbunden.

L’arpenteur, der Raum­ver­mes­ser, ist der Unter­ti­tel des fran­zö­si­schen Albums, das im Sep­tem­ber 2010 bei Glé­nat und jetzt in Deutsch­land bei der Ehapa Comic Collec­tion her­aus­ge­kom­men ist. Ein Fan­tasy– bzw. Science-Fiction-Abenteuer, der erste und ein­zige Band einer unvoll­en­de­ten Serie.

Arzak, der in frü­he­ren Geschich­ten auch Arzach, Harzak oder Arzack hieß, muss irgend­wann von sei­nem Vogel abstei­gen, sonst gibt es kein Aben­teuer, keine Geschichte. Die Wüste zieht ihn an. Sie holt ihn auf den Boden der Tat­sa­chen zurück und been­det das Träu­men und Glei­ten. Das Unbe­wusste kann dem Bewuss­ten nicht aus dem Weg gehen.

Der Pla­net, an dem sich in die­sem Aben­teuer das Schick­sal bricht, heißt Tas­sili. Hier rin­gen die Mensch­heit und das Volk der Werg um die Vor­herr­schaft im Uni­ver­sum. Wenn man von der span­nen­den, phan­ta­sie­vol­len und ele­gant erzähl­ten Hand­lung ein­mal absieht, kann man Arzak als einen teils amü­sier­ten, teils bis­si­gen Kom­men­tar zum Hier und Jetzt ver­ste­hen. Arzak, der in die­sem Aben­teuer nicht frei­wil­lig von sei­nem Vogel abge­stie­gen ist, son­dern abge­schos­sen wurde, hat sei­nen spi­ri­tu­el­len Raum ver­las­sen müs­sen, um einem all­ge­mei­nen Übel ins Gesicht zu bli­cken: Der Ignoranz.

Frem­den­feind­lich­keit, Will­kür und Gewalt sind auf Tas­sili an der Tages­ord­nung. Hinzu kommt eine gelähmte, am Pro­fit ori­en­tierte Büro­kra­tie und eine herr­schende Klasse, die lie­ber in einem ver­bar­ri­ka­dier­ten Turm in Milch badet, als sich um die drin­gen­den Pro­bleme der Außen­welt zu küm­mern. Die Frage, ob bes­ser die Men­schen oder die Werg das Uni­ver­sum regie­ren soll­ten, stellt sich also gar nicht.

Ob und wann Arzak in die­ser Serie wie­der über die Wüste geglit­ten wäre, bleibt offen. Sein Ver­such, Ord­nung im Uni­ver­sum her­zu­stel­len, ist ohne Abschluss. Das Gleich­ge­wicht zwi­schen Traum und Rea­li­tät, zwi­schen Unter­be­wusst­sein und Bewusst­sein, das ist jetzt an uns, den Lesern. Moebius geht das Ganze nichts mehr an. Er ver­ließ diese Welt am 10. März 2012.

Arzak – Der Raum­ver­mes­ser
Sze­na­rio und Zeich­nun­gen: Moebius
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Wei­tere Links:
Die fran­zö­sisch­spra­chige Web­seite von Moebius
Ein arte-Beitrag über Moebius auf YouTube

Chris­to­pher Bünte (cb)

9. Oktober 2012

Feuer und Flamme?

Eine Aus­stel­lung zum Thema »Arbeit« der Regis­seu­rin Gesche Piening

Ein weißes Blatt sagt mehr als 1000 Worte (Photo: Piening)
Ein wei­ßes Blatt sagt mehr als 1000 Worte (Photo: Piening)

Im März die­sen Jah­res haben wir Gesche Pie­ning zu ihrer Insze­nie­rung »Lohn und Brot« befragt, in der sie sich mit dem Thema Arbeit aus­ein­an­der­setzt. Gemein­sam mit Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner Ralph Drech­sel beleuch­tet sie die­ses nun in einem ande­ren Medium: Die Wan­der­aus­stel­lung »brenne und sei dank­bar« doku­men­tiert die Arbeits­ver­hält­nisse freier Thea­ter– und Tanz­schaf­fen­der. Hier wer­den Ein­zel­as­pekte der kul­tur­po­li­ti­schen und finan­zi­el­len Grund­si­tua­tion sowie der Arbeits– und Lebens­be­din­gun­gen visua­li­siert. Die Aus­stel­lung tourt ab sofort durch Deutsch­land und wird an Freien Thea­ter– und Tanz­häu­sern, bei Fes­ti­vals der Freien Szene und in Aus­bil­dungs­stät­ten gezeigt. In Ham­burg ist sie der­zeit im Fes­ti­val­zen­trum des 7. Thea­ter­fes­ti­vals 150% made in Ham­burg zu Gast und noch bis 14. Okto­ber täg­lich zu sehen.

Wir spra­chen mit Gesche Pie­ning über Idee, Ent­ste­hung und Hintergründe.

Sie haben pro­mi­nente För­de­rer mit dem Bun­des­ver­band Freier Thea­ter, ver.di und dem Fonds Dar­stel­lende Künste e.V. Wie viele Anträge haben Sie für diese För­de­rung geschrieben?

Anträge im klas­si­schen Sinne keine. Die meis­ten »För­de­rer« – wie die Ver­bände – haben auch eher orga­ni­sa­to­ri­sche Unter­stüt­zung geleis­tet. Es war trotz­dem der reinste Ver­hand­lungs­ma­ra­thon. Anfra­gen, Kon­zepte, Kon­zeptva­ri­an­ten, unzäh­lige E-Mails und Tele­fo­nate. Das Thema ist emo­tio­nal auf­ge­la­den, weil es die exis­ten­ti­elle Grund­lage freier künst­le­ri­scher Arbeit betrifft. Und es gibt sehr unter­schied­li­che Stra­te­gien, damit umzu­ge­hen. Wir muss­ten Ver­mitt­lungs­ar­beit leis­ten. Viel Ver­mitt­lungs– arbeit.

Das Thema Ihrer Aus­stel­lung pola­ri­siert sicher­lich. Kunst machen zu dür­fen und dafür För­de­run­gen zu erhal­ten, wird gemein­hin als Geschenk ange­se­hen. War die Kon­zep­tion und Umset­zung die­ser Aus­stel­lung ein Geschenk?

Der Begriff Geschenk im Zusam­men­hang mit Kunst­för­de­rung erscheint uns aus grund­sätz­li­chen Über­le­gun­gen her­aus unpas­send. Es geht bei rele­van­ter Kunst nicht um die per­sön­li­che Selbst­ver­wirk­li­chung von Ein­zel­nen. Es geht um weit mehr. Es geht um die iden­ti­täre Selbst­be­schrei­bung von Regio­nen, Städ­ten, Län­dern … Kunst ist ein Feld für öffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen, und die Akteure gehen kei­nem Hobby nach, son­dern einem Beruf, der kul­tu­rel­les Leben in einer Gesell­schaft erst mög­lich macht. Wieso sollte das umsonst sein? – Aber das ist ein abend­fül­len­des Thema. Für die Freie Szene und ihre Akteure haben wir mit der Aus­stel­lung ein künstlerisch-politisches Instru­ment zur Ver­fü­gung gestellt, das uns Arbeit und Ener­gie gekos­tet hat. Wir haben über das Pre­ka­riat erzählt und waren gezwun­gen, das Pro­jekt unter pre­kä­ren Bedin­gun­gen zu rea­li­sie­ren. Das als ein „Geschenk“ zu beschrei­ben, fällt uns eini­ger­ma­ßen schwer. Wir hof­fen, mit dem Pro­jekt eine drin­gend not­wen­dige Debatte zu beleben.

Kein ande­res Land habe so luxu­riöse Bedin­gun­gen für Thea­ter wie Deutsch­land, sagt man. Der »Report Dar­stel­lende Künste« spricht von ande­ren Zah­len (Mit ca. € 100,– der Pro-Kopf-Ausgaben für Kunst und Kul­tur ran­giert Deutsch­land im euro­päi­schen Ver­gleich im unte­ren Mit­tel­feld). Wel­che Aus­wir­kun­gen hat das auf die Freie Szene?

Davon erzählt die Aus­stel­lung – hoch­pre­käre Arbeits­ver­hält­nisse und finan­zi­elle Draht­seil­akte prä­gen den Lebens­all­tag vie­ler freier Thea­ter– und Tanzschaffender.

Wie kam es zur Eröff­nung in der Ber­li­ner Aka­de­mie der Künste?

Nele Hert­ling ist Vize­prä­si­den­tin der Aka­de­mie der Künste in Ber­lin. Ihr jahr­zehn­te­lan­ges Wir­ken in und für die Off-Kultur lässt sie sen­si­bel sein für die Arbeits– und Lebens­um­stände der Akteure.

Inwie­fern haben sich die Arbeits­be­din­gun­gen für die freie Thea­ter– und Tanz­szene in den letz­ten Jah­ren ver­schlech­tert und warum?

Eine frei­be­ruf­li­che oder selbst­stän­dige Tätig­keit, deren Ver­gü­tung so nied­rig ist, dass sie kaum zum Leben reicht, kennt man auch aus ande­ren Berei­chen. Die freie Thea­ter– und Tanz­szene steht exem­pla­risch für die soge­nannte Fle­xi­bi­li­sie­rung von Arbeit – der Kunst kommt hier eine frag­wür­dige Vor­rei­ter­rolle zu.

Sie nen­nen den »Report Dar­stel­lende Künste« als Grund­lage für Ihre Aus­stel­lung. Wie berei­tet man Daten, Zah­len und Fak­ten künstlerisch-sinnlich auf? Wie haben Sie sich dem angenähert?

Muss die Kunst denn auf alles eine »sinn­li­che« Ant­wort haben? – Bei Künst­lern scheint man all­ge­mein davon aus­zu­ge­hen, dass sie auf alles »nur« eine sinn­li­che oder emo­tio­nale Ant­wort fin­den kön­nen. – Wer Sinn­lich­keit sucht, der stelle sich die Inhalte ein­fach plas­tisch vor, das dürfte genü­gen (lacht).

Die erste Aus­stel­lungs­ta­fel erklärt die Arbeits­grund­la­gen für die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem »Report Dar­stel­lende Künste« und ist immer wie­der mit »hand­schrift­li­chen Kor­rek­tu­ren« ver­se­hen. Warum?

Das war unsere Reak­tion auf zahl­rei­che große und kleine For­mu­lie­rungs– und Ände­rungs­wün­sche im Text, die bis zur Druck­le­gung von ver­schie­dens­ten Mit­wir­ken­den an uns her­an­ge­tra­gen wur­den. Die Pas­sa­gen sind nur exem­pla­risch, zei­gen aber das Prin­zip. Die Viel­stim­mig­keit der Akteure und auch die Viel­schich­tig­keit des Themas.

Pla­kat 8 mit dem Titel »Fle­xi­bles Arbei­ten Freie Szene« zeigt, dass Künst­ler der Freien Szene sich nicht zu schade sein dür­fen, im die Gar­de­ro­biere zu spie­len oder die Klo­bürste zu schwin­gen. Kann man als Künst­ler in der Freien Szene über­haupt ohne Neben­jobs über­le­ben? Oder stellt der Neben­job in vie­len Fäl­len nicht gar die Haupt­ein­nah­me­quelle dar?

»Nicht zu schade sein« klingt fast ein wenig zynisch ange­sichts der Rea­li­tät. Um ihr finan­zi­el­les Über­le­ben zu sichern, sind viele Künst­le­rin­nen und Künst­ler in Zweit-, Dritt– und Viert­jobs unter­wegs. Die Über­gänge zwi­schen Haupt– und Neben­er­werb sind häu­fig fließend.

€ 427,50 Ren­ten­an­spruch im Durch­schnitt. Das sind harte Zah­len. Grund­sätz­lich fal­len frei­schaf­fende Künst­ler durch viele Ras­ter der Sozi­al­ver­si­che­rungs­mög­lich­kei­ten. Woran liegt das?

Damit sind Künst­le­rin­nen und Künst­ler nicht allein. Von pre­kä­ren Arbeits­wel­ten und soge­nann­ter fle­xi­bi­li­sier­ter Arbeit sind immer mehr Men­schen betroffen.

Nata­lie Fin­ger­hut (nf)