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16. Mai 2012

Küsse-Bisse

Patrycia Ziol­kow­ska als »Pen­the­s­i­lea« im Tha­lia in der Gaußstraße

 

Bissfest (Bild: © Matt Cooper - Fotolia.com)
Biss­fest (Bild: © Matt Cooper — Foto​lia​.com)

Ein schwe­rer Text und bei­nahe eine unlös­bare Auf­gabe: Kleists Pen­the­s­i­lea auf einer Stu­dio­bühne. Unser Gast­ko­lum­nist Hans-Jürgen Bene­dict, seit Kur­zem für Reli­gion und Gesell­schaft im HHF ver­ant­wort­lich, war beein­druckt. Eine per­sön­li­che Betrachtung:

Hein­rich von Kleists Pen­the­s­i­lea ist kaum spiel­bar. Ein unge­heu­er­li­ches Stück, das an die Abgründe von Liebe, Gewalt und Zer­ris­sen­heit rührt. Goe­the war ent­setzt von die­sem Hor­ror­drama, ganz das Gegen­stück sei­ner »ver­flucht huma­nen« Iphigenie.

Kleists Drama ist ein Meis­ter­werk der Spra­che. Augen ver­su­chen zu erzäh­len, was sie sehen. Die atem­lo­sen Verse schie­ßen wie ein Kata­rakt dahin. Das Schlacht­feld des Stü­ckes ist eigent­lich die Sprache.

Eine der­ar­tige ebenso verletzlich-zärtliche  wie aufbrausend-wütende Sprach­ge­walt­mu­sik wie diese in der »Ein­rich­tung« von Chris­tina Ratka am Tha­lia in der Gauß­straße habe ich sel­ten erlebt. Es ist die Macht des ago­na­len Kamp­fes, vor allem aber die des ero­ti­schen Begeh­rens, die als Unter­drückte sich in unge­heu­er­li­chen Bil­dern und Ver­glei­chen Bahn bricht und  einen Sprach­raum verschafft.

Die Spra­che ist wie ein wil­der Fluß, der auf sei­nen schäu­men­den Wel­len einen tan­zen­den bekränz­ten Nachen mit irr han­deln­den  Insas­sen vor­an­treibt. Noch hei­ter schön in der Schil­de­rung des Rosen­fests der Ama­zo­nen, erschüt­tert  beim Ster­ben der Mut­ter, dann aufjauchzend-erwartungsvoll in der  Begeg­nung mit dem »Lie­ben, Wil­den, Süßen, Schreck­li­chen«, staunend-zärtlich in dem Ereilt­wer­den durch den Gott der Liebe, grau­sam kalt, gewalt­tä­tig im Auf­bruch zum Kampf.

Patri­cia Ziol­kowskas Pen­the­s­i­lea spricht das alles mit sich immer wie­der stei­gern­der Inten­si­tät, im Auf und Ab der sich wider­strei­ten­den Gefühle, mit flam­men­dem Blick, mit Geschrei und Geflüs­ter. Die Musi­ka­li­tät der Kleist­schen Verse blüht auf. Selbst dort,wo die schänd­li­che Tötung und Abschlach­tung des Achill  detail­liert an der Grenze zur Per­ver­si­tät berich­tet wird.

Ruth Klü­ger hat in einem Arti­kel dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Pen­the­s­i­lea sich mit ihrem nekrophil-perversen Ver­hal­ten von den Prin­zi­pien des Ama­zo­nen­staats ent­fernt, des­we­gen auch das Ent­set­zen ihrer Gefähr­tin­nen über ihr Ver­hal­ten. Ihr aggres­si­ves Han­deln: Hunde het­zen auf den Gelieb­ten und ihn Zer­rei­ßen als koita­len Lie­bes­akt, kor­re­spon­diert dem Achills, der auch in sei­ner Schil­de­rung von  Liebe die Hunde-Metapher ver­wen­det. Beide bege­hen eine Tabu-Verletzung, Achill mit dem Schlei­fen des Leich­nams Hek­tors, Pen­the­s­i­lea in ihrer töd­li­chen Liebes-Raserei.

Es ist ja  merk­wür­dig – die Schau­spie­le­rin spielt eigent­lich nicht, sie steht hin­ter einem Pult, auf dem der Text liegt, in der unwirt­lich aus­schau­en­den Gaußstraßen-Garage. Aber in dem Flusse ihrer Sprech­ge­walt, in dem ernst­haf­ten Blick die­ser gro­ßen Tra­gö­din, in ihren unter­stüt­zen­den Ges­ten  geht einem die schreck­li­che Schön­heit die­ses Tex­tes, die­ses  Liebes-Trauma aus fer­ner und doch so naher Zeit ganz anders auf, als wenn es ein durch­ge­spiel­tes Stück  mit Kos­tü­men und Büh­nen­bild wäre.

Quälend-ungläubig Worte suchend für das Unge­heure, das sie getan: »Mit die­sen klei­nen Hän­den hätt ich ihn-? Und die­ser Mund hier, der die Liebe schwellt. Ach zu ganz anderm Dienst gemacht, als ihn-Die hät­ten lus­tig stets ein­an­der helfend/Mund jetzt und Hand und Hand und wie­der Mund-?«

Als sie begreift dass sie ihn zer­ris­sen, nicht geküßt hat , spricht sie jene beängs­ti­gend nai­ven  Zei­len, die ich, seit ich sie zum ers­ten mal gele­sen, nicht ver­ges­sen kann: »So war es ein Ver­se­hen. Küsse, Bisse/das reimt sich, und wer recht von Her­zen liebt,/Kann schon das eine für das andre greifen.«

Dies nach­ge­holte Lie­bes­be­kennt­nis führt zu einer fast per­vers schö­nen Ima­gi­na­tion – jeman­den aus Liebe fres­sen: »Sieh her, als ich an dei­nem Halse hing/hab ichs wahr­haf­tig Wort für Wort getan./ Ich war nicht so ver­rückt als es wohl schien.«  Schwär­mer, der ich bin, behaupte ich: wenn der Geheim­rat Goe­the Patri­cia Ziol­kow­ska als Pen­the­s­i­lea erlebt und gehört hätte,  viel­leicht hätte er sein nega­ti­ves Urteil über das Stück revidiert.

Post­skript: All sein Unglück und sein Glück, seine Ver­zweif­lung und seine Hin­gabe hat der Dich­ter, dem nach eige­ner Aus­sage »auf Erden nicht zu hel­fen war«, in diese Figur gelegt. In den Sprach­kas­ka­den gibt er der fata­len Lie­bes­hem­mung Aus­druck, die ihn und seine Hel­din bedrängt. Als er in Hen­ri­ette Vogel einen Men­schen, eine Frau fin­det, die ihn zu ver­ste­hen scheint, ist es schon zu spät.  Sie fei­ern ein letz­tes Mal das Leben und las­sen es dann los im gemein­sa­men Selbstmord.

In der Todes­li­ta­nei der bei­den, erst 100 Jahre spä­ter auf­ge­fun­den, drü­cken sie das aus, was sie im Leben nicht leben konn­ten: »O Liebste, wie nenn ich dich.« Man hätte die­sen Penthesilea-Abend sicher­lich auch mit die­ser Lita­nei schöns­ter Lie­bes­na­men im Ange­sicht des Todes been­den kön­nen: »Mein Hein­rich, mein Süß­tö­nen­der, mein Hya­zin­then­beet, …«  – »Mein Jet­t­chen, mein Herz­chen, mein Lie­bes, mein Lebens­licht, …«  Hier, in die­ser blu­mi­gen Lita­nei und dem dar­auf fol­gen­den Selbst­mord erfüllt sich, was jener unge­heure Satz aus Goe­thes Wahl­ver­wandt­schaf­ten benennt: »Wie ein Stern, der vom Him­mel fällt, fuhr die Hoff­nung über ihre Häup­ter hinweg.«

H.-J. Bene­dict

26. April 2012

even say wunderbar

Postato­ma­res Thea­ter mit Mass & Fie­ber auf Kamp­na­gel: Fall Out Girl

Der Strahlentod ist nah … (Bild: Mass & Fieber)
Der Strah­len­tod ist nah … (Bild: Mass & Fieber)

Es gibt diese bezau­bernde kleine Anek­dote, dass der jüdi­sche Kan­tor Sho­lom Secunda, als er mit sei­ner Frau spa­zie­ren­ging und diese über die­ses und jenes und auch über ihr Aus­se­hen klagte, er nur einen Satz zu sagen wußte: »Bay mir bistu sheyn«. Dar­aus wurde ein Lied und Patty, Maxine und LaVerne And­rews san­gen es bis zu ihrem Lebensende.

Die ers­ten paar Ragtime-Takte sind iko­nisch für das ame­ri­ka­ni­sche Lebens­ge­fühl der drei­ßi­ger und vier­zi­ger Jahre, die Zeit, in der die alte Welt von Dik­ta­to­ren gebeu­telt wurde und von der neuen geret­tet wer­den sollte. Aus die­ser Zeit stam­men auch die Über­hel­den der ame­ri­ka­nischs­ten aller Lite­ra­tur­gat­tung, Comics. Cap­tain Ame­rica, Super­man, Bat­man – alles Ret­ter der Welt gegen Schur­ke­rei und Größenwahn.

Und in der Regel ver­dan­ken diese Wel­t­en­ret­ter ihre über­mensch­li­chen Fähig­kei­ten – der düs­tere Rit­ter Bat­man aus­ge­nom­men – der Hoff­nungs­tech­no­lo­gie die­ser Jahre, die schließ­lich auch das Kriegs­ende in ihrer über– und unmensch­li­chen Gewalt mar­kierte, der Ent­de­ckung der Kraft radio­ak­ti­ver Strah­lung, ein Wort, das Marie Curie erst wenige Jahre zuvor kre­iert hatte.

Ganz und gar ohne Arg nahm man sich der neuen Ener­gie an, dachte an sau­bere und immer­wäh­rende Kraft aus dem Nichts. Und fing an, Dinge zu nut­zen, die strahl­ten. Daß eine Uhr im Dun­keln leuch­ten konnte, ohne dass eine Lampe dar­auf schien, war wun­der­bar und so gab es bald Fabri­ken, in denen Arbei­te­rin­nen mit fei­nen Pin­seln phos­pho­res­zie­rende Farbe auf die Zif­fer­blät­ter tupfte. Und wenn der Pin­sel mal stumpf wurde, feuch­tete man die Spitze zwi­schen den Lip­pen an, wie jedes Kind es mit sei­nem Tusche­kas­ten macht. Die Frauen star­ben. Sie nann­ten sie Radium Girls.

Und was wäre, wenn die plötz­lich die Stimme der Ame­ri­can War­time Girls, der drei Schwes­tern And­rews bekä­men und dazu tanz­ten? Skur­ril? Viel­leicht ein biß­chen, aber wir sind inmit­ten der neuen Pro­duk­tion der deutsch-schweizerischen Thea­ter­en­sem­bles Mass & Fie­ber, insze­niert von Niklaus Helb­ling.

»Fall Out Girl« heißt sie und der Tanz der Radium Girls ist nur eine der unzäh­li­gen Num­mern die­ser kleine Revue, die sich aus dem Fun­dus ame­ri­ka­ni­scher Kul­tur­in­dus­trie bedient. Man muß sich schon ein biß­chen aus­ken­nen oder hin­ter­her nach­schauen, um die tief­ge­staf­fel­ten Ver­weise zwi­schen Comi­cwelt, Pop­kul­tur und His­to­rie in Gänze zu durchschauen.

Fall Out Girl – der Beglei­ter des Super­hel­den Radio­ac­tive Man, den es wie­derum nur im Uni­ver­sum der Simpson-Comics von Matt Gro­ening gibt, heißt Fall Out Boy – jenes Fall Out Girl also ist das Alias von Mary Jane Wat­son, der Freun­din von Peter Par­ker. Peter Par­ker ist Spi­der­man. Alles klar?

Jene junge Dame, Anto­nia Labs heißt die Schau­spie­le­rin von Mass & Fie­ber, begibt sich auf die Suche nach ihrem post­a­po­ka­lyp­tisch ver­schol­le­nen Freund, an ihrer Seite der Musi­ker und Comi­cla­den­ver­käu­fer (noch ein Ver­weis auf die Sim­psons) Bart­leby – ja, man denke auch an Her­man Mel­vil­les Zau­de­rer – der im prä­ra­dia­len Zeit­al­ter der Schau­spie­ler und Musi­ker Johan­nes Gei­ßer ist.

Der macht nicht nur die Büh­nen­mu­sik, son­dern hat das, was nicht im Ame­ri­can Song­book der Nach­kriegs­zeit steht, zu gro­ßen Tei­len selbst geschrieben.

Wer hier nun wes­sen Side­kick ist, ist indif­fe­rent und auch uner­heb­lich für den Fluss des Stü­ckes, das sich Revu­e­num­mer um Revu­e­num­mer nach vorne ent­wi­ckelt, stets dar­auf bedacht, keine Pose ado­les­zen­ten Pseu­dost­ar­ge­tues zu umge­hen und dabei auch keine Facette eines popa­to­ma­ren The­men­parks aus­zu­las­sen scheint. Spi­der­mann ist Unter­neh­mer einer merk­wür­di­gen Indus­trie­firma, deren Wer­be­jin­gles immer wie­der mal ein­ge­spielt wer­den, und die irgend­was mit Rüs­tung und Spin­nen­net­zen macht, es tre­ten wahl­weise und ima­gi­nierte Figu­ren aus Comics und der Lite­ra­tur­ge­schichte auf, Lewis Caroll meets Marie Curie und so wei­ter und so fort.

Die Gitar­ren bau­meln stets von min­des­tens einem der Hälse der bei­den Dar­stel­ler herab, hier ein Dylan-Song, dort mal Love-Story-Thema. Ab und an wird ein Orson-Welles–Gott video­gra­phisch ein­ge­spielt, der Hand­lungs­an­wei­sun­gen und Lebens­weis­hei­ten von sich gibt. Irgend­wann ist man im Kyff­häu­ser, in dem nicht Bar­ba­rossa, son­dern Donald Duck thront, »ent«-sorgt, wie er kalau­ert. Und über allem schwebt ein rie­sen­gro­ßer, auf­ge­bla­se­ner Pika­chu – ja, ein Poké­mon, das elek­tri­sche Blitze ver­teilt. Bäng!

Und das alles funk­tio­niert präch­tig, es ist bunt, mal laut und mal leise. Die bei­den Dar­stel­ler las­sen es an nichts feh­len, sin­gen und spie­len sich lust­voll die Seele aus dem Leib, kaum kommt man ein­mal zu Atem ob des furio­sen Tem­pos, das im letz­ten Drit­tel ein wenig nach­zu­las­sen scheint. Auf der Bühne sieht man übri­gens neben den Bei­den und aller­lei graphic-reduziertem zwei­di­men­sio­na­lem Requi­si­ten­kram nur ein ein­zel­nes Ver­satz­stück, einen Para­vent, der als Pro­jek­ti­ons­flä­che und für sons­tige Pro­spekt­auf­ga­ben genutzt wird.

In einem Land, in des­sen Bau­märk­ten die Gei­ger­zäh­ler aus­ge­hen, wenn auf der ande­ren Seite der Erde ein Atom­kraft­werk zer­stört wird, ist die Hal­tung, die die­ses Stück zeigt, längst überfällig.

Denn was da so groß­ar­tig gelingt, ist die Ent­klei­dung eines Dog­mas, das sich inzwi­schen – vor allem in Deutsch­land – zu einer allein mora­li­schen Kate­go­rie ent­wi­ckelt hat. Wel­che Hoff­nun­gen und Visio­nen in der noch immer unbe­kann­ten Macht Radio­ak­ti­vi­tät gese­hen wur­den und wel­che Vor­stel­lun­gen und Pho­bien diese gene­rie­ren kann, all das ist ja auf der Bühne end­lich in bei­den Rich­tun­gen zu ent­de­cken. Das ist wich­tig, spek­ta­ku­lär und vor allem unge­mein anre­gend für die the­ma­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung, ohne das große Manko der Ver­ein­nah­mung durch dog­ma­ti­sche Fun­da­men­ta­lis­ten. Doch kein Glück ist perfekt.

Was man sich aber viel­leicht noch wünschte, bei all dem gro­ßen Ver­gnü­gen am Vir­tuo­sen, am spie­le­ri­schen Umgang mit den Topoi des Pop, mit den Visio­nen die­ser ima­gi­nier­ten Strah­len­welt, wäre eine wei­tere Sphäre, die über den Ges­tus der Zweit­ver­wer­tung, über das Zitat hin­aus gehen kann. Das kann es nicht, die­ses Stück. Das will es mög­li­cher­weise auch nicht. Und das muß es auch nicht, denn es ist tat­säch­lich eine Revue. Was schwe­rer wiegt, mag jeder für sich entscheiden.

M. Schu­mann

16. April 2012

Gesicht der Woche: Julius Feldmeier, Schauspieler

Künst­ler und Pro­mi­nente unter­stüt­zen das HAMBURGER FEUILLETON


Wir haben die Leute gefragt, über die wir schrei­ben, Auto­ren, Schau­spie­ler und Mode­ra­to­ren, was sie vom HAMBURGER FEUILLETON hal­ten und haben erfreu­li­cher­weise immer wie­der posi­tive Rück­mel­dun­gen erhal­ten. Dar­aus ent­stand die Idee zu die­ser klei­nen Aktion: Im Wochen­rhyth­mus wer­den wir jeweils einen Künst­ler vor­stel­len, der das HAMBURGER FEUILLETON mit sei­nem Namen unterstützt.

Die ers­ten sie­ben Motive aus die­ser Reihe wer­den sie – in einer limi­tier­ten Auf­lage – den nächs­ten Wochen an ver­schie­de­nen Ham­bur­ger Orten als kos­ten­lose Post­kar­ten­e­di­tion fin­den. Der erste in unse­rer Reihe ist der junge Schau­spie­ler Julius Feld­meier.

Julius Feld­meier war eines der inter­es­san­ten neuen Gesich­ter der letz­ten bei­den Spiel­zei­ten hier in Ham­burg. Des­we­gen haben wir den 1987 gebo­re­nen Schau­spie­ler gefragt, ob er bereit wäre, das HAMBURGER FEUILLETON zu unterstützen.

Die Ham­bur­ger ken­nen ihn aus Romeo und Julia (Tha­lia Gaus­straße), Luc Per­ce­vals Mac­beth (Tha­lia) und aus Samuel Weiss »Som­mer­nachts­traum« am Deut­schen Schau­spiel­haus. Am 6. Mai kann man ihn auch im ARD TATORT sehen, beim letz­ten Auf­tritt von Meh­met Kur­tu­lus in »Die Bal­lade von Cenk und Vale­rie«. In der nächs­ten Spiel­zeit wird Julius Feld­meier am Schau­spiel Graz zu sehen sein.

Julius Feld­meier liest das HAMBURGER FEUILLETON.

M. Schu­mann

10. April 2012

Ivan Nagel †

28. Juni 1931 – 9. April 2012

Einer der weni­gen Gelehr­ten des deut­schen Thea­ters ist gestor­ben, Ivan Nagel. Ein hel­ler Geist und einer, der das Thea­ter liebte.

Mehr als ihn noch ein­mal zu lesen kann man nun kaum tun, das über­ra­gende Mozart-Essay Auto­no­mie und Gnade etwa, oder auch den hüb­schen Auf­satz­band Drama und Thea­ter, der 2006 bei Han­ser erschien.

Oder sich noch ein­mal daran erin­nern, wie er als Inten­dant des Deut­schen Schau­spiel­hau­ses einst in der Pause, am Geträn­ke­stand, mit sei­nem Publi­kum über Les­sing diskutierte.

M. Schu­mann

3. März 2012

Bucky

Wo in Argen­ti­nien Schmet­ter­linge flat­tern: »Die Gene­ral­ver­samm­lung der Welt« des freien Ensem­bles Meyer + Kowksi im Ham­bur­ger Museum für Völkerkunde

Butterfly Effect (Bild: Wikipedia)
But­ter­fly Effect (Bild: Wikipedia)

Von all den mög­li­chen Kon­gre­ß­or­ten in der gro­ßen Stadt ist die­ser Saal sicher­lich der Schönste von allen. Steil ragen die Sitz­rei­hen auf, keine gepols­ter­ten Klapp­sitze, nur das nach­ge­dun­kelte Holz der Sitz­flä­chen, seit Jahr­zehn­ten blank­ge­scheu­ert, wie der Lin­ole­um­bo­den und die hun­dert­fach gebrauchte Schie­be­ta­fel. Auch die Wände des Hör­saals sind mit Holz getä­felt, ein­zi­ger Raum­schmuck sind an die­sem Tag zwei große blaue Ban­ner mit dem Logo der Ver­an­stal­tung, das eine sti­li­sierte Welt­ku­gel darstellt.

Die Ver­an­stal­tung beginnt mit leich­ter Ver­spä­tung, ein­zi­ger Red­ner des heu­ti­gen Abends ist der Chi­nese Lobo Chan, des­sen Vor­trag von einem Stu­den­ten simul­tan aus dem Kan­to­ne­si­schen über­setzt wird.

Seine Idee: Man möge anstatt einer vir­tu­el­len Ver­net­zung für eine reale Ver­samm­lung der Welt­be­völ­ke­rung an einer Stelle sorgen.

Chan ist – trotz der über­brü­cken­den Über­set­zung – ein char­man­ter Red­ner, der die Vor­trag­steil­neh­mer zu fes­seln weiß. Er lei­tet seine Grund­idee his­to­risch her, weist auf ähn­li­che Pläne in der Ver­gan­gen­heit hin. Detail­ver­ses­sen ent­wirft er einen Plan einer Gene­ral­ver­samm­lung der Welt, erwägt das Für und Wider. Eine seine Bezugs­per­so­nen in der Vision ist Buck­mins­ter Ful­ler, seine »Bedie­nungs­an­lei­tung für das Raum­schiff Erde« liegt auf dem Tisch des Vortragssaales.

Buck­mins­ter Ful­ler war eine Art Uni­ver­sal­ge­nie, eine der letz­ten Erfin­der­per­sön­lich­kei­ten des tech­ni­schen Zeit­al­ters. Wäh­rend sei­nes lan­gen Lebens (1895 — 1983) ent­warf er Gebäude, Autos und ent­deckte ein nach ihm benann­tes Ele­ment. Ful­ler war beseelt von dem Gedan­ken der Mach­bar­keit durch die Vision eines ein­zel­nen Men­schen. Damit ist er nicht weit ent­fernt von den Theo­rien der moder­nen Cha­os­for­scher und ihrem Schmet­ter­lings­theo­rem, nach dem kleine Hand­lun­gen unvor­her­seh­bare und mäch­tige Fol­gen haben kön­nen. Inter­es­san­ter­weise war auch er es, der eine neue völ­lig neue Art der Kar­ten­pro­spek­tion ent­wi­ckelte, die eine Welt ohne oben und unten, ohne Nord und Süd und ohne sozia­les Gefälle propagierte.

Eine der ent­schei­den­den Fra­gen zur Mach­bar­keit der Chan­schen Vision liegt in Aus­wahl des Ortes für die große Zahl der Teil­neh­mer. Im Laufe des Vor­tra­ges ergibt sich auch hier eine Lösung – im argen­ti­ni­schen Pata­go­nien unter­hält die Land­schafts­ar­chi­tek­tin Hanna Kaluza eine Farm rie­si­gen Aus­ma­ßes, die auf­grund ihrer expo­nier­ten Lage unter Umstän­den Platz für die Welt­be­völ­ke­rung bietet.

Eine junge Frau, die den Auf­trag hatte, über die­sen Ort zu recher­chie­ren, ist an die­sem Abend eben­falls anwe­send, gerade aus dem Flug­zeug gestie­gen, berich­tet Sie von ihren Ein­drü­cken. Genug jeden­falls, um den Anwe­sen­den bei der fol­gen­den Publi­kums­be­fra­gung Mate­rial zu liefern.

Etwas son­der­bar ist aller­dings, daß am Ende des Vor­trags nie­mand die aus­ge­ge­be­nen Fra­ge­bö­gen ein­sam­melt und sich sowohl die junge Frau als auch Chan und sein Über­set­zer unter dem Bei­fall der Anwe­sen­den ver­beu­gen. Es ist Theater.

Meyer + Kow­ski, dahin­ter ver­ber­gen sich die Ham­bur­ger Thea­ter­ma­cher Marc von Hen­nig und Susanne Rei­fen­rath, haben die­ses schöne Bei­spiel des soge­nann­ten unsicht­ba­ren Thea­ters im Ham­bur­ger Museum für Völ­ker­kunde erdacht und realisiert.

Der Abend läßt keine Momente des Zwei­fels zu, son­dern ist ein ste­ter Fluß an Inspi­ra­tion und Gedan­ken­bil­dung. »Was wäre wenn?« – das ist einer der ent­schei­den­den Gedan­ken, der jedem Zuschauer kom­men soll und muß.

Die sub­tile Ein­dring­lich­keit des real mög­li­chen Vor­trags, die über­zeu­gende natür­li­che Auf­ge­regt­heit der Schau­spie­le­rin Anja Her­den, die von ihrer fik­ti­ven Reise zur autis­ti­schen (sic!) Hanna Kaluza berich­tet, die in einem Art Hor­tus Con­clu­sus, einem ver­ges­se­nen uto­pi­schen Para­dies lebt, all das schafft eine der Uran­for­de­run­gen des Thea­ters, die Berühr­bar­keit des Publikums.

Anders näm­lich als bei den in den 70ern ver­brei­te­ten thea­ter­päd­ago­gi­schen Mit­mach­kon­zep­ten, deren Grund­lage die Ver­let­zung der gesell­schaft­li­chen Schutz­me­cha­nis­men war, läßt die Insze­nie­rung den Ein­zel­nen in Ruhe, gibt ihm die Mög­lich­keit, die Gedan­ken zum Thema schwei­fen zu lassen.

Um diese Mög­lich­keit und die davor herr­schende Angst geht es näm­lich, die Frage nach dem Mut zum Ver­las­sen der per­sön­li­chen Kom­fort­zone ist die zen­trale Idee des Abends. Dazu gehört – natur­ge­mäß – die Frage nach dem, was nach jedem Wag­nis kom­men kann, näm­lich die Angst vor der Kon­se­quenz des gerade gewag­ten. Und die bleibt in der Tat unbe­ant­wor­tet und darf getrost nach Hause getra­gen wer­den, wie die aus­ge­füll­ten Fragebögen.

M. Schu­mann