Die geregelte Generation
Altersschwerpunkt auf Kampnagel: »Dem Weggehen zugewandt«
Alle Worte sind Struktur. Alles ist Struktur, alles ist Rhythmus, alles ist Regel, ist Ablauf. Die Sprache der Alten ist die Sprache einer Generation der Geregelten. Sie ergeben sich in einer ständig variierten Floskelhaftigkeit, die Ordnung der Dinge liegt schon im allgegenwärtigen »man«, das die Distanz zum Chaos der Vergangenheit und zum Verfall der Gegenwart schon regelt.
Auf Kampnagel kann man zurzeit das Projekt »Dem Weggehen zugewandt« sehen, eine aufwendige Produktion über das Alter, die schon aufgrund ihres fast 70-köpfigen Personals die große Halle K6 bespielen darf. Es ist der eine der beiden Eröffnungsinszenierungen des Themenschwerpunktes zum Thema Alter, den die umtriebige Leitung des Hauses zeitgeistnah in diesem Mai eingerichtet hat und jugendlich-flott »Old School – von Alten lernen« genannt hat.
Zu Beginn finden sich eine Menge Bänke auf der großen Bühne, in zwei Reihen im Halbkreis angeordnet, die offene Seite zum Saal. Es sind klobige Möbelstücke aus hellem, unbehandeltem Holz. Eine jede Bank trägt einen Namensschriftzug, man braucht kein Namenslexikon und keinen Blick auf »Vornamen.de«, um herauszufinden, dass es sich nicht um die Vornamen von Kindern aus dem Prenzlauer Berg handelt. Es sind Namen einer Vorgängergeneration, früher hieß man – da ist es wieder, das »man« – eben so. Zum Einlass sieht man an einem Ende des Halbrundes einen etwas derangierten Weißhaarigen sitzen (Manfred Andrae), die Manschetten und den Kragen offen, stumm, offenbar etwas verwirrt. Damit merken wir schon einmal, worum es bei den folgenden fast 2 Stunden geht.
Es treten dann auf: ein vielköpfiger Laien-Chor mit vorherrschend silbriger Haarfarbe und merkwürdig farbenfroher Gewandung, unerwartet anstelle der weitverbreiteten Seniorenbeigevariationen. Und die prominenten Solospieler, die Fassbinder-Legende Irm Hermann mitten unter ein paar nicht mehr so prominenten Kollegen, Volksbühnenschauspielerin Carin Abicht, der schon genannte Manfred Andrae, zwei ewige Mitglieder des Deutschen Theaters in Berlin, Bärbel Bolle und Ursula Staack und die Wigman-Schülerin Fe Reichelt. Außerdem ein virtuoses 13-köpfiges Streicherensemble aus Berlin mit dem Namen »Kaleidoskop«. Die Sache ordnet sich, der Chor stellt sich auf, Irm Herrmann sitzt mit einer Kladde an einem Schreibtisch und es erklingt »Am Brunnen vor dem Tore«, vom Bewohner des »Dreimäderlhaus« ist das, von Franz Schubert.
Es ist eine Welt des Vergangenen und des Blicks zurück, in der sich Chor und Solisten bewegen, getaktet durch Zeitzeichen und knisternde Rundfunk-Ansagen. Rundfunk, das ist auch so ein Wort von früher, das findet sich heute allenfalls im »R«, in den Abkürzungen von sogenannten Medienanstalten verborgen. Es geht um Erinnerungen und das Vergehen, Irm Hermann rezitiert, aus einer Art Tagebuch physischen Verfalls und bezieht Positionen im Bühnenrund. Man kann das reduziert nennen, oder auch weit hinter den darstellerischen Möglichkeiten zurückbleibend. Ihrer tatsächlichen Aura kann das allerdings nichts anhaben.
So trist allerdings ist die Sache nicht, die Regisseurin Maria Magdalena Ludewig hat eine Menge Einfälle, sie hat ihren Laienchor choreographiert, es wird viel Altes gesungen, die Erinnerungsmaschine angeworfen. Da klappern mal die Kaffeetassen kollektiv, als sei’s ein Stück von Marthaler oder die Choristen sortieren sich nach den Farben ihrer Hemden, was die Beige-Abwesenheit erklärt, es sind die Farben des Regenbogens. Der Regenbogen ist ein Symbol der Hoffnung.
Ein wenig zerfahren wirkt das alles schon, unruhig und ein wenig knirschend zwischen Laienspiel und Profidarstellern. Da hängen die Anschlüsse des Chores schon einmal leicht hinterher und zwischendrin sieht es dann tatsächlich einmal aus wie die Seniorengymnastik in der Volkshochschule. Aber es ist auch ein in Kauf genommenes Spiel mit der Unzulänglichkeit und damit wieder nah beim Thema von Altern und Vergehen.
Im Kleinen groß wird es, wenn Rampenkoryphäen wie Ursula Staack in die Vergangenheit tauchen, Erinnerungsmuster abgerufen werden, vor der Kulisse des Semino-Rossi-Klassikers »Il Silenzio«. Und da ist es dann wieder, das »man« – »Mal wollte es doch einmal schön haben«. Die Vergangenheit und die Erinnerung mitsamt ihren starken Formalisierungen und Strukturen geben eine Führung für das Leben, das sich dem Ende zuneigt. Dem Weggehen zugewandt, ja.
Es ist eine Generation, die eigentlich schon nicht mehr lebt. Die vor dem Krieg im klein– und bildungsbürgerlich Aufgewachsenen, die den deutschen Kanon zwischen Operette und Faust spielend beherrschen, die Nachkommen Diederich Heßlings, die in den Bombennächten um ihre Kinder bangten und auch da immer die Form wahren mussten, um überleben zu können, sind inzwischen fast alle tot.
Die Generation der Kriegskinder hat sie abgelöst als Alte, sie sind es, die das Erbe weitertragen. Auch sie sind mit der »Haltung« und der Ordnung der Dinge aufgewachsen, an die sie sich jetzt klammern. Solche Wahrnehmungsräume macht der Abend dann eben auch auf, und damit erreichen sie uns, die Alten.
In einer der schönsten Szenen kann man die greise Tänzerin Fe Reichelt an der Rampe sehen, ihr tänzerischer Ausdruck ist inzwischen auf ein paar Gesten beschränkt. Sie rezitiert und wird begleitet von einem Streichtrio aus dem großen Kaleidoskop-Ensemble. Die drei junge Frauen tanzen an ihrer Stelle, immer wieder ein leichter Seitsprung zwischen den Schritten aus dem Bühnenhintergrund, sie spielen und sprechen ein Wort: »Großmutter, hüpf!« Es geht eben doch immer noch, zumindest ein bisschen, bis das Ende da ist.
Es wird heute und morgen Abend noch auf Kampnagel gespielt. Wir lernen.
Matthias Schumann (kms)

