Posts mit Schlagwort ‘Anna Depenbusch’

6. Oktober 2012

Leimrute

Anna Depen­busch trickst – das neue Album »Som­mer aus Papier«

Wenn das Coco wüsste … (Bild: Goldwerkphotography.com)
Wenn das Coco wüsste … (Bild: Gold​werk​pho​to​gra​phy​.com)

Fast könnte man mei­nen, die Welt sei wirk­lich und plötz­lich schön und leicht gewor­den, so kun­ter­bunt ist das Art­work von Anna Depen­buschs neuem Album »Som­mer aus Papier«. Die­sen Coco-Chanel-Deauville-Look, das Matro­sen­rin­gels­hirt, das tru­gen in den Fünf­zi­gern »kesse« Mäd­chen und spä­ter Jean Seberg.

Ansichts­kar­ten­bunt ist die Sehn­sucht nach Hawaii und die Som­mer­brise, sind sol­che Mäd­chen­bil­der und die gro­ßen Liebe der Matro­sen. In so eine Welt gehö­ren Songs, die hei­ßen wie Brau­se­pul­ver und auch so klin­gen. Wer die frü­he­ren Alben wie das in sich gekehrte »Ins Gesicht« aus dem Jahr 2005 oder das scharf­zün­gige »Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch« von 2011 kennt, sieht sich mit einem kom­plet­ten Stil– und Image­wech­sel kon­fron­tiert. All das mag den Fan – und davon gibt es inzwi­schen einige – nicht küm­mern und das Feld für eine neue, mehr popaf­fine Kli­en­tel erwei­tern. Aber die­ses Album ist eine hin­ter­lis­tige, ver­dammte Leimrute.

Wäre diese Sän­ge­rin eines die­ser durch­schnitt­lich gut aus­se­hen­den, durch­schnitt­lich sin­gen­den und sich von den übli­chen Ver­däch­ti­gen betex­ten­den Front­mäd­chen, ginge man dem Ding tat­säch­lich auf den Leim. Retro­chic im Sound begrüsst sie die Rei­se­gruppe in die Welt der Sehnsüchte:

»Herz­lich will­kom­men
meine Damen meine Her­ren
Ich bin heut Ihr Kapi­tän
auf uns­rer Reise zu den Sternen«

Das swingt ja ganz ordent­lich und macht gute Laune und ist ebenso leicht wie der titel­ge­bende »Som­mer aus Papier«. Eine hüb­sche kleine Idee ist das, »bun­tes Glanz­pa­pier« und alles wird schön. Dazu flot­ter Coun­try­pop und ein neues Instru­ment, die Uku­lele – ja, Mari­lyn, Hawaii, Insel der Pro­jek­tion – fol­ge­rich­tig fährt Matrosen-Anna mit dem Tret­boot in Track 7 dorthin:

»Die Sonne scheint bist du dabei
komm wir machen heute frei.
Wir trin­ken saure Limo­nade,
essen Blau­bee­r­eis mit Sahne …«

Dazu ein ein paar lächelnde Phra­sie­run­gen. So leicht muss man erst mal können.

Wäre Anna Depen­busch eine Künst­le­rin, der das genügte, die Welt wäre tat­säch­lich aus bun­tem Papier und ver­lo­gen bis in die Haar­spit­zen. Es genügt ihr nicht.

Schon das per­lende, zucker­süsse Titel­stück hat eine die­ser Geschich­ten inne, die rein aus der Erin­ne­rung leben. Denn der »Som­mer aus Papier« ist eine höchst fra­gile Sache – wo selbst Hand­schuhe aus die­sem Mate­rial gebas­telt wer­den müs­sen, ist kein wirk­lich war­mer Ort. Das ist das Dilemma in der bun­ten, selbst­ge­mach­ten Welt. Doch das ist noch fast so harm­los wie das fol­gende Duett mit Mark Fors­ter, einem die­ser jun­gen Män­ner, deren zart schmel­zende Stim­men stets im Nichts versinken.

Denn rich­tig erschre­ckend wird die Welt der bun­ten Bil­der erst, wenn die Vögel anfan­gen zu sin­gen. Die sin­gen in der Tat als klei­ner ein­lul­len­der Sound­tep­pich im Idyll vom »Leben als Gespenst«. »In einer Nacht hat er die Welt als Mensch ver­lo­ren« – ein Mann ver­blasst ange­sichts einer ebenso ver­blas­sen­den Liebe. Das könnte eine düs­tere Bal­lade sein, ist aber eine der charmant-vertracktesten Geschich­ten, die man sich vor­stel­len kann.

Sol­che, sich selbst ver­dre­hen­den Geschich­ten zu erzäh­len, gehört über­haupt zu den unbe­streit­ba­ren Stär­ken Anna Depen­buschs. Eine wei­tere die­ser Geschich­ten ist »Ben­ja­min« – der Name einer Nach­bar­schafts­liebe, die vor­bei ist. Die Lüge und der Selbst­be­trug gehö­ren zu sol­chen Dra­men des Alltags:

»Ich find’s nicht schlimm
dass wir noch Nach­barn sind
Ist sogar prak­tisch
wenn ich im Urlaub bin
für die Post und die Blu­men
und den Zeitungsjungen«

Doch lei­der muss die Ent­täuschte ihre Nach­fol­ge­rin beim Lie­bes­spiel mit dem Ver­flos­se­nen durch die Wand belau­schen und das orgas­mi­sche, laut­ma­le­ri­sche Stam­meln sei­nes Namens mit anhö­ren. Ihr bleibt nur, dem für sie Uner­träg­li­chen auszuweichen:

»Darum geh ich raus auf den Bal­kon
und schlaf auf Beton«

Der Boden der Rea­li­tät ist sehr hart. Immer­hin gibt es Hoff­nung, aber das ist erst die nächste Wendung.

Bei jemand ande­rem wäre das ein ein­fa­ches Lied­chen und eine pein­li­che Per­for­mance im Refrain – bei Anna Depen­busch gerät das zu einer fein zise­lier­ten Moment­auf­nahme einer gro­ßen Ver­let­zung. Diese Platte ist ein per­fi­des Meisterwerk.

Und außer­dem ist sie sehr bunt.

Anna Depen­busch
Som­mer aus Papier
[Ama­zon Partnerlink] 

Mat­thias Schu­mann (kms)

10. November 2011

Lauschen ohne Reue

Am 11. 11. 11 prä­sen­tiert die Lausch Lounge wie­der mal deutsch­spra­chige Singer-Songwriter vom Feinsten.

Trauen sie sich? (Bild: © Vilmos Varga - Fotolia.com)
Trauen sie sich? (Bild: © Vil­mos Varga — Foto​lia​.com)

Wer ein­mal im Publi­kum saß, kommt gern wie­der. Seit 2004 prä­sen­tie­ren Michy Reincke und sein Freund Hasko Witte unter dem Namen Lausch Lounge im regel­mä­ßi­gen Tur­nus vier nord­deut­sche Künst­ler live und unplug­ged. Das Publi­kum ist hin­ge­ris­sen, denn die Mischung macht’s: Bei jeder Lausch Lounge ste­hen eta­blierte Künst­ler und New­co­mer gemein­sam auf der Bühne. Vor­zugs­weise deutsch­spra­chige Texte kom­men hier zu Gehör und immer Eigen­kom­po­si­tio­nen der Künstler.

Wer auf der Lausch Lounge-Bühne stand, macht in der Regel von sich reden. Wenn man sich durch die Künst­ler­liste der Home­page klickt, staunt man nicht schlecht, wer zur ein­ge­schwo­re­nen und ste­tig wach­sen­den Lausch Lounge-Gemeinschaft gehört. Anna Depen­busch und Anett Lou­sian, Gis­bert zu Kny­phau­sen und Olli Schulz fin­det man hier — um nur zufäl­lig vier aus der Liste zu picken. Seit 2004 wächst die Künst­ler­schar ste­tig an, auch wenn die Musi­ker regel­mä­ßig wie­der kom­men. Regy Cla­sen bei­spiels­weise, die auch bei die­ser Lausch Lounge am 11.11. das Publi­kum wie­der davon über­zeu­gen wird, dass sie den Titel »Ham­bur­ger Soul-Perle«, den ihr das Abend­blatt gab, auf der Bühne auch lebt.

Das Pro­gramm ist — wie so oft — bei Michy Reincke am Küchen­tisch und in unzäh­li­gen Mails ent­stan­den. Die drei ehren­amt­li­chen Initia­to­ren der Ver­an­stal­tung — seit 2009 bekom­men Witte und Reincke tat­kräf­tige Unter­stüt­zung durch Yvonne Pau­lien — haben mit ihren vie­len Ideen alle Hände voll zu tun. Und das scheint glück­lich zu machen. »Die Lausch Lounge ist das schönste Hobby, das mir jemals in den Schoß gefal­len ist« sagt Witte, der sonst u. a. als Pro­mo­tion Mana­ger beim Label edel tätig ist.

Eine Weile haben die bei­den auch den NDR bei der Sen­de­reihe »Ham­burg Sounds« bera­ten. Doch scheint das kleine, feine Kon­zept der Lausch Lounge ihnen eher zu lie­gen. »Wir hal­ten es für wich­tig, in unse­rem Bereich eine kul­tu­relle Iden­ti­tät anzu­bie­ten und zu för­dern«, so Reincke auf der Home­page, »eine Idee, die über den Popstar-Rummel hin­aus­geht. Bei uns gibt es Künst­ler mit einer Hal­tung, auch mit Humor, mit einer Qua­li­tät und Lie­dern, die uns klü­ger und sen­si­bler machen kön­nen.« Wer im Som­mer bei der Lan­des­gar­ten­schau in Nor­der­stedt mit 500 ande­ren Gäs­ten bei etwa 14 Grad erbärm­lich gefro­ren hat und trotz­dem keine Sekunde dar­über nach­dachte zu gehen, weiß, wovon Reincke spricht.

»Ich bin schon ein wenig in Sorge, dass an einem Datum wie dem 11. 11. 11 alle hei­ra­ten und nicht zur Lausch Lounge kom­men« schmun­zelt Witte. Unbe­grün­det, denn das Pro­gramm ist exzel­lent und die Spiel­stätte, das Lola Kul­tur­zen­trum, lau­schig. Auf der Bühne darf man dies­mal neben Regy Cla­sen die junge Musi­ke­rin Katha­rina Vogel ent­de­cken, die sich bei Reincke vor­stellte, als der in den Flie­gen­den Bau­ten arbei­tete. Kur­zer­hand stellte er sie vor sei­nem eige­nen Pro­gramm auf die Bühne und freute sich, dass der Plan auf­ging, als das Publi­kum im aus­ver­kauf­ten Haus gebannt an ihren Lip­pen hing. Als dritte Dame im Pro­gramm tritt Meike Koes­ter auf, die nach drei CDs in eng­li­scher Spra­che und Kon­zert­rei­sen in die USA nun deut­sche Titel prä­sen­tiert. Das hätte sie schon viel frü­her tun sol­len, denn ihre Texte tref­fen mit­ten ins Herz. »An ihr mag ich die Art, wie sie ganz all­täg­li­che Situa­tio­nen in tolle Texte und groß­ar­tige Musik über­setzt« freut sich Hasko Witte.

Doch was wäre die Lausch Lounge ohne einen Hahn im Korb? Mit Jus­tin Balk kommt ein alter Bekann­ter zurück auf die Ham­bur­ger Bret­ter. Als Gitar­rist der Band »Cucum­ber Men« fei­erte er bereits Erfolge, und sein drit­tes Solo-Album macht neu­gie­rig mit schrä­gen Titeln wie »Mus­ku­löse Elfe« und »Der müden Krähe ihr Korn«. »Bei Jus­tin weiß ich nie, wie die Show wird«, sagt Witte. »Bis­her war sie jedes Mal anders und jedes Mal anders gut. Irgendwo zwi­schen furcht­bar albern und tief berührend.«

Man darf also gespannt sein auf die­sen Frei­tag. Und ganz all­ge­mein darf man sich freuen, dass es eine Insti­tu­tion wie die Lausch Lounge gibt. Eine Ver­an­stal­tung, bei der sämt­li­che Ein­nah­men an die Künst­ler gehen; bei der jedes Kon­zert über­rascht wie eine Wun­der­tüte; bei der die Ver­an­stal­ter die Künst­ler so glück­lich machen, dass die für ihre Gast­ge­ber einen Song schrei­ben, in dem fol­gende Zeile vor­kommt: »Es gibt nichts zu ver­lie­ren, außer uns an den Moment«. Na, dann los. Ver­lie­ren wir uns.

Die Lau­schlounge mit Regy Cla­sen,  Katha­rina Vogel, Meike Koes­ter und Jus­tin Balk  fin­det am 11. Novem­ber 2011 um 20:00 Uhr in Hamburg-Bergedorf im Lola Kul­tur­zen­trum e. V., Loh­brüg­ger Land­straße 8, 21031 Ham­burg, statt

Nata­lie Fin­ger­hut (nf)

25. September 2011

Schlossfräulein ohne Fahrrad

Die Ham­bur­ger Sän­ge­rin Anna Depen­busch – ein Gespräch über Fahr­rä­der, eine neu erfun­dene Platte und das Musikmachen

Da ist es nun, das neue Album der Anna Depen­busch. Und heißt genau wie das letzte »Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch«, aller­dings mit einem Zusatz, näm­lich »in Schwarz-Weiß«. Das ist Anna pur, Anna mit dem, was sie opti­mal ergänzt, Anna nur mit Kla­vier. Nichts kann sich ihrem Tempo, Rhyth­mus und der Laut­stärke ihrer Stimme so opti­mal anpas­sen, wie das Kla­vier, das sie sel­ber spielt. Eigen­sin­nig hat sie sich das seit ihrer Kind­heit ver­hasste Instru­ment wie­der beige­bracht: Hat im Win­ter das ein­same Schloss Sal­zau gehü­tet, in dem ein Kla­vier stand. Kein Mensch, keine Ablen­kung, nur sie und der große Kas­ten vol­ler Töne, die es neu zu ent­de­cken galt. Auf die Frage, ob sie dis­zi­pli­niert ist, zuckt sie die Schul­tern: »Ich habe Wün­sche, die ich unbe­dingt umset­zen muss.« Und wenn sie das Kla­vier für Ihre Musik braucht, muss das eben sein. Allein im Schloss, in zehn Kilo­me­tern Umkreis kein Mensch — ist das nicht gru­se­lig? Nicht, wenn man mit Plan an die Sache her­an­geht. Vor ihrem zwei­ten Auf­ent­halt im Schloss macht Anna kur­zer­hand einen Selbst­ver­tei­di­gungs­kurs bei der Polizei.

In ihrem zwei­ten Album hat sie ihren Songs die Ent­ste­hungs­ge­schichte zurück­ge­ge­ben, sie fast ein biss­chen in das ein­same Schloss geholt, in dem sie zum Teil ent­stan­den sind. »Ich war es den Lie­dern schul­dig«, sagt sie. Fünf Tage hat sie sich für das Schloss­al­bum im legen­dä­ren Ham­bur­ger Gaga-Studio ein­ge­nis­tet. Nur sie, das Instru­ment und eine Schlaf­ma­tratze. Was dabei her­aus­ge­kom­men ist, sind neue Arran­ge­ments, die mal fili­gra­ner, mal wuch­ti­ger, mal nur mit Klop­fen auf dem Flü­gel­kor­pus ihre Stimme beglei­ten. Und diese Stimme kommt dabei zu einer Far­big­keit, die umhaut. Anna Depen­busch singt nicht nur, sie tritt in Dia­log mit dem Instru­ment, sie flir­tet mit uns, sie flüs­tert, pfeift und jubi­liert. So unend­lich trau­rig, so über­bor­dend froh, so alles in allem schwarz und weiß wie das Leben ist mit sei­nen unzäh­li­gen Grau­tö­nen dazwischen.

»Glück­lich in Ber­lin« zum Bei­spiel, das von einer Freun­din erzählt, die in die Haupt­stadt zog, ist auf der »Mathe­ma­tik« weich, flie­ßend — mit einem nahezu lie­be­vol­len Augen­zwin­kern. Wie das eben ist, wenn man sich für Lieblings-Menschen freut, dass sie ihren Platz im Leben gefun­den haben, auch wenn der in der Ferne liegt. Auf dem schwarz-weißen Album kann man die Ver­let­zung, die im Abschied liegt, ein wenig erah­nen. Schnell, fast ein wenig schnip­pisch hüpft das Kla­vier unter ihrer Stimme, die sich manch­mal in ein fast atem­lo­ses Stac­cato singt. Und in der wun­der­ba­ren »Hai­fisch­bar­polka« fühlt man sich jetzt fast wie im Caba­ret der 20-er Jahre. Da singt eine nicht nur. Da lässt sich eine fal­len in jede Stim­mung, die das Lied her­gibt, in jede Phase, die Liebe aus­macht bis zur Wut über Abschied und Ende.

Apro­pos Liebe. Wie ist das eigent­lich mit der Mathe­ma­tik? Ist Anna auf der Suche nach der For­mel für die per­fekte Bezie­hung? Bei die­ser Frage schüt­telt es sie fast. »Ich möchte die gar nicht fin­den. Das wäre lang­wei­lig. Um Got­tes wil­len — hof­fent­lich fin­det die kei­ner!« Liebe sei kein spek­ta­ku­lä­rer Moment. In ihren Lie­dern aber, da darf sie es sein. Da darf man eine Freun­din trös­ten, die Lie­bes­kum­mer hat, ganz spek­ta­ku­lär und mit gro­ßen Wor­ten: In »Alles auf Null« singt sie »Es wird gut. Es wird groß. Es wird Gold.« So eine Freun­din möchte man doch haben, die einen zum Tan­zen abholt, wenn eine Liebe zu Ende ist; eine Freun­din, die einem ein Lied schreibt, wenn es einem schlecht geht. Hat die Kummer-Kranke sich denn gefreut dar­über? »Ach, die hatte da gerade andere Sor­gen«, sagt Anna ganz unspek­ta­ku­lär. Das Lied sei jetzt eben für alle, die Kum­mer haben.

Lie­der für alle also. Anna für alle, wie ist das denn so? Da kommt diese zier­li­che Depen­busch auf die Bühne, die leer ist bis auf ein Elek­tro­kla­vier. Wir sind bei der Lausch Lounge, die nord­deut­sche Künst­ler zu Gehör bringt; ein Ort, an dem sich groß­ar­tige deutsch­spra­chige Sän­ger ent­de­cken las­sen. Es ist Juli, wir sind auf der Lan­des­gar­ten­schau in Nor­der­stedt, und es reg­net Bind­fä­den. Das Publi­kum ist dick ein­ge­packt. Anna kommt im Etuikleid. Sie setzt sich, rückt den Stuhl zurecht. Es gibt sie, diese Men­schen, die eine Bühne fül­len, egal wie groß sie ist. Anna ist so eine. Wenn sie singt, ist Stille. Auf die Frage, ob sie sich wünscht, dass ihr Publi­kum sitzt oder steht auf den Kon­zer­ten, kommt es wie aus der Pis­tole geschos­sen: »Sit­zen! Auf jeden Fall sit­zen. Ich selbst mag es, im Thea­ter im Dun­keln zu sit­zen und meine eige­nen Gedan­ken, meine eigene Fan­ta­sie zu haben.« Bei den Beleuch­tungs­pro­ben ach­tet sie dar­auf, dass das Publi­kum sei­nen Raum im Dun­keln hat, kon­zen­triert sein kann auf die Bil­der, sich abho­len las­sen kann von der Musik. Wenn Anna Lie­der für alle macht, haben eben auch alle was davon.

Aber wo bleibt Anna selbst? Sie singt viel von Matro­sen und vom Meer. Ist sie auf der Suche nach einem Hafen? Wohl eher nicht. Anna mag Ver­än­de­rung. Auf ihren Alben pro­biert sie die unter­schied­lichs­ten Stil­va­ri­an­ten an wie Klei­der. Als sie frü­her Kas­set­ten auf­ge­nom­men hat, immer mit dem Fin­ger am Auf­nah­me­knopf der Ste­reo­an­lage, hat der Zufall ihr die Stile zuge­spielt. Heute noch hat sie eine große Kiste mit Kas­set­ten, die sie auf­ge­nom­men und geschenkt bekom­men hat. Natür­lich haben die keine Ord­nung. Man wühlt sich hin­durch und ent­deckt die Dinge. Wie im Leben eben.
»Ich glaube, das passt zu mir. Dass sich die Dinge ver­än­dern und nicht immer gleich sind.«
Und so singt Anna eben mehr vom Meer als vom Hafen. »Ich liebe das Meer, aber ich habe Respekt davor, weil ich keine gute Schwim­me­rin bin.«

Mit Edith Piaf würde sie gerne mal einen Raum tei­len, sehen, wie der sich ver­än­dert, wenn sie drin ist. »Eine so kleine zer­brech­li­che Frau mit so einer Kraft und so einer Tra­gö­die in sich. Ich glaube, das wäre eine span­nende Begeg­nung.« Zum Glück gibt es bei Anna gerade keine große Tra­gö­die. Auf die letzte Frage, was ihr zum Glück denn fehlt, muss sie ein biss­chen nach­den­ken. Und sagt dann ganz ein­fach: »Ein schö­nes Fahr­rad.« Das wün­schen wir ihr. Viele, viele Ideen für wei­tere wun­der­bare Lie­der — und ein schö­nes Fahrrad.


Ohne Schloß und ohne Fahrrad: Anna Depenbusch
Ohne Schloß und ohne Fahr­rad: Anna Depenbusch

Nata­lie Fin­ger­hut (nf)

10. April 2011

Lesetage, Tag 2: Die mögen sich wohl

Das Bild, das nicht auf Kampnagel entstand, sondern bei einer NDR-Veranstaltung,aber das Wesentliche zeigt (Quelle: Heinekomm/C. Frey))
Das Bild, das nicht auf Kamp­na­gel ent­stand, son­dern bei einer NDR-Veranstaltung,aber das Wesent­li­che zeigt (Quelle: Heinekomm/C. Frey))

Mit den Lie­bes­ro­ma­nen ist das ja immer so eine Sache. Gefüh­li­ger Kram ist das meis­tens, schlimme Hei­de­roman­zen gibt es da oder auch den Ver­such der nüch­ter­nen Ent­fer­nung und Desen­ti­men­ta­li­sie­rung, wie das die Fran­zo­sen in letz­ten Jah­ren so man­ches Mal taten. Wenn nun einer der ele­gan­tes­ten Kolum­nis­ten der Repu­blik, einen Lie­bes­ro­man vor­legt, was ist da zu erwar­ten? Immer­hin ist er ein Meis­ter der klei­nen Form, seine wöchent­lich erschei­nen­den Kurz­texte im ZEIT-Magazin sind spitz­zün­gige Betrach­tun­gen zu Gegen­wart und Zeit­ge­sche­hen. So ist denn auch »Gefühlte Nähe« eine Geschichte der klei­nen Formen.

Der Roman schil­dert das Lie­bes­le­ben einer Frau in 23 Epi­so­den anhand der Geschichte ihrer Lieb­ha­ber. Das scheint viele Men­schen zu inter­es­sie­ren, die Lesung auf Kamp­na­gel fand in der voll­aus­ge­las­te­ten Halle K6 statt. Das könnte aber auch daran gele­gen haben, dass die­ser Abend nicht nur Lesung war, son­dern auch Kon­zert. Mar­ten­steins Part­ne­rin an die­sem Abend war die ful­mi­nante Anna Depen­busch, auf die wir an die­ser Stelle schon ein­mal aus­führ­lich hin­ge­wie­sen haben. In sol­chen Kom­bi­na­tio­nen wird in den beglei­ten­den Pres­se­mit­tei­lun­gen gerne auf die »kon­ge­niale« Part­ner­schaft zweier Künst­ler hin­ge­wie­sen – in die­sem Falle ist das in der Tat kein PR-Blabla, son­dern Realität.

Mode­riert von der mit­un­ter etwas mäd­chen­haft gig­geln­den, aber dann doch kluge Fra­gen stel­len­den Mela­nie von Bis­marck, gab es viel zu Ler­nen über die Irrun­gen und Wir­run­gen von Mar­ten­steins Hel­din N., über die er, wie er im Gespräch sagte, eigent­lich gar nicht geschrie­ben hat, son­dern über ihre Män­ner. Da kenne er sich als Mann eben bes­ser aus. Das überzeugt.

Und was er da schil­dert, ist ziem­lich viel­fäl­tig, von der akri­bi­schen Schil­de­rung der Spu­ren­ver­nich­tung eines sei­ner Hel­den nach einem Sei­ten­sprung, bis hin zur Trost­lo­sig­keit eines eher irr­tüm­lich ent­stan­de­nen One-Night-Stands. Das ist immer wie­der komisch, aber eben auch die Schil­de­rung eines »See­len­mords« (Mar­ten­stein) in der Bezie­hungs­lo­sig­keit der jewei­li­gen Paar­kon­stel­la­tio­nen. Nicht umsonst heißt das Buch »Gefühlte Nähe« – es geht um Illu­sio­nen und Wün­sche. Die mit­un­ter nüch­terne Erzähl­po­si­tion in Mar­tein­steins Buch, ver­bun­den mit dem exzel­len­ten Vor­trags­rhyth­mus des Autors tut der Sache gut, aber für die ganz große Emo­tion ist an die­sem Abend Anna Depen­busch zuständig.

Die sitzt schmal hin­ter ihrem Flü­gel, lächelt ver­schmitzt in die obe­ren Ränge und fängt erst ein­mal mit der ziem­li­che irr­lich­tern­den Bal­lade »Astro­naut« an. Der Typ – so es um einen geht – könnte ein Mann aus dem Roman sein, unent­schie­den, außer­welt­lich, ein Raum­fah­rer eben. Im Laufe des Abends gibt es sechs Songs, bis auf eine Billy-Joel-Paraphrase (»Der Mann für mich« – sic!) alle vom aktu­el­len Album »Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch«. Das passt immer wie­der gut, ist eine Illus­tra­tion des im gele­se­nen Text gehör­ten, und ver­schiebt die Per­spek­tive auf das Erhellendste.

Dabei dreht die Per­son auf dem Kla­vier­ho­cker mit­un­ter kräf­tig auf, die Tiger­pranke kommt zum Vor­schein, und an schar­fer Beob­ach­tungs­gabe und Sprach­witz ist sie ihrem lite­ra­ri­schen Gegen­über kei­nes­wegs unter­le­gen. Dem  scheint das genau so gut zu gefal­len wie den 600 ande­ren in der Halle, immer wie­der kün­digt Mar­ten­stein seine Part­ne­rin mit gro­ßer Emphase an. Sieht so aus, als hät­ten sich da zwei wirk­lich gefunden …

Mat­thias Schu­mann (kms)

12. Januar 2011

Eleganz und Vergebung … it’s de-lovely

Texterin, drinnen: Anna Depenbusch bei einer NDR Kulturjournal-Veranstaltung in Hannover (Photo: C. Frey)
Tex­te­rin, drin­nen: Anna Depen­busch bei einer NDR Kulturjournal-Veranstaltung in Han­no­ver (Photo: C. Frey)

Einen gan­zen Hau­fen deut­sche Mäd­chen und Jungs mit der Gitarre vulgo Singer/Songwriter hat die Musik­in­dus­trie in den letz­ten Jah­ren auf den Markt gewor­fen. So viele nette Lie­der, auch viel Befind­lich­keit und noch mehr Herz­schmerz, alles ganz rüh­rend und mit eini­ger­ma­ßen Erfolg gesegnet.

Lei­der trägt bis­lang auch die Ham­bur­ge­rin Anna Depen­busch die­sen Titel in der Bericht­er­stat­tung, ver­mut­lich, weil nie­man­dem etwas Bes­se­res ein­fällt. Sie ver­öf­fent­licht die­ser Tage ihr zwei­tes Album »Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch«, und man kann wirk­lich nur hof­fen, daß danach von die­sem Dik­tum nichts, aber auch rein gar nichts mehr übrigbleibt.

Anna Depen­buschs erste Platte erschien 2005 auf dem Label des umtrie­bi­gen Michy Reincke, der viele Talente der Ham­bur­ger Musik­szene ent­deckt und geför­dert hat. »Ins Gesicht« war ein inni­ges Werk, auf dem Cover ist die Sän­ge­rin wie in einen Kokon ein­ge­wi­ckelt zu sehen. Schon auf die­sem Album blitzte zwi­schen aller Intro­spek­tion mensch­li­cher Gefühle und Schwä­chen Schalk und der Mut auf, über den Tel­ler­rand der eige­nen Befind­lich­keit hin­aus­zu­se­hen. Der Song »Hei­mat« von die­ser Platte wurde für den Deut­schen Musik­au­to­ren­preis nomi­niert, gelobt wurde vor allen der unver­krampfte und per­sön­li­che Umgang mit einem in Deutsch­land sehr schwie­ri­gen Thema. Musi­ka­lisch war »Ins Gesicht« eine Grat­wan­de­rung zwi­schen Pop und Chan­son, manch­mal etwas indif­fe­rent, aber immen­ses Poten­tial aus­strah­lend. Ein gutes Debut.

Die neue Platte mit dem Titel »Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch« ist gänz­lich ande­rer Cou­leur. Musi­ka­lisch sind die 12 Tracks viel­fäl­ti­ger, die Texte haben an Trenn­schärfe und Akku­ra­tesse gewon­nen. Ob brüchig-seliger Wal­zer in »Tim liebt Tina«, ein Song mit äußers­tem Mut zur Sim­pli­zi­tät von Reim und Geschichte – so ein­fach und durch­schla­gend ist der Rei­gen der Liebe wohl noch nicht ver­tont wor­den, ob Country-Fiddle in »Glück­lich in Ber­lin« oder gar der besof­fen Eastern-Polka-Sound in »Tanz mit mir«, alles lebt und atmet den Gedan­ken sei­ner Geschichte – offen­bar hat die Künst­le­rin sich Gedan­ken gemacht, wel­che musi­ka­li­sche Farbe ihre Texte jeweils am bes­ten unter­stüt­zen kann.

Und das ist größ­ten­teils äußerst schlüs­sig und wirk­lich neu an die­ser Platte. Die Texte ran­ken sich vor­wie­gend um die Geschlech­ter­be­zie­hung, um Liebe, Hass und Lei­den­schaft, aber umschif­fen die so oft gehörte Pla­ti­tüde deut­scher Lie­der­ma­cher­ly­rik – wenn das nicht gelingt, wird die oft auf­tre­tende Bana­li­tät des ero­ti­schen Augen­blicks erkannt und iro­nisch the­ma­ti­siert. Ein gutes Bei­spiel ist die Num­mer »Wenn du nach Hause kommst«, deren uner­war­te­tes Ende die Lar­mo­yanz eines Ver­las­sen­heits­blues auf äußerst reiz­volle Weise umkehrt.

Wie soll man das ein­ord­nen, in wel­che Rich­tung geht das? Kokette Lied­chen über die Liebe? Kei­nes­wegs, jedes die­ser Stü­cke atmet den Esprit und die Ele­ganz eines Cole Por­ter und ist in die­ser Form­ge­schlos­sen­heit mei­len­weit ent­fernt von den 60er-Jahre gen­der roles, die die Künst­ler, die etwa ein Frank Ramond betex­tet, mit sich her­um­tra­gen müs­sen. Anna Depen­busch ist kein weib­li­cher Baby-Crooner, der sich keck die Lip­pen nach­zieht und mit den Augen­de­ckeln klap­pert, son­dern eine moderne junge Frau, die es schafft, ihren Blick auf die Welt und ihre Bezie­hun­gen all­ge­mein machen zu können.

Schaut man sich etwa das etwas unschein­bar daher­kom­men­den und bereits erwähnte »Glück­lich in Ber­lin« an, kann man das schön nach­voll­zie­hen. Da Ganze kommt als mid-tempo Coun­try­song daher, die Wes­tern­fiddle rankt sich um Melo­die und Worte, es stampft ein trei­ben­der Rhyth­mus, ein Road­song ist das. Es wird die Geschichte einer zurück­lie­gen­den Tren­nung erzählt:

Hallo, wie schön Dich hier zu sehen, es scheint
Dir gut zu gehen
Ich glaube, Du bist glück­lich in Ber­lin
Dein gro­ßer Traum, seit vie­len Jah­ren scheint
end­lich wahr zu sein

Tja, was man so an Bana­li­tä­ten sagt, wenn man sich nach lan­ger Zeit wiedertrifft.

Ein Teil von mir wünscht Dir dafür viel Glück
Und ein Teil von mir wünscht Dich hier her zurück

Blitzt da eine immer noch vor­han­dene Sehn­sucht her­vor? Anschei­nend ja.

Zu groß, zu klein, zu nah, zu weit
Das eine geht, das andere bleibt
Dass ich Dich beneide wär´ doch irgend­wie
gelo­gen
doch es ist toll, Du hast das große Los gezogen

Die Schrei­be­rin ist bereit zu ver­ge­ben, trotz ihres vor­han­de­nen Schmer­zes und der Erin­ne­rung an ver­gan­gene Zei­ten. Aus dem ein­fa­chen Thema, ver­se­hen mit so alt­mo­di­schen Sehn­suchts­mar­kern wie »Ber­lin, die große Stadt«, dem »ich muss mei­nen Weg gehen, koste es, was es wolle« wird mit ein paar Wor­ten die Ahnung an eine ganz andere Geschichte, einer Geschichte von Trauer und Ver­ge­bung. Da kann man nur den Hut zie­hen, so etwas hat es in der deut­schen Unter­hal­tungs­mu­sik schon sehr, sehr lange nicht mehr gege­ben. Nicht von unge­fähr hatte der sprach­lich ebenso flo­ret­tie­rende ZEIT-Kolumnist Harald Mar­ten­stein unlängst in Han­no­ver einen Auf­tritt mit Anna Depen­busch, eine Kom­bi­na­tion, die man hof­fent­lich noch häu­fi­ger sehen wird  – wie schrieb der schon erwähnte Cole Por­ter in Anything Goes: »It’s de-lovely!«

Das Schall­plat­ten­lob: ★★★★★ 

»Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch»
kann man ab 14. Februar 2010 u. a. hier bestel­len.

Mat­thias Schu­mann (kms)