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24. März 2010

Das deutsche Kordsakko

Impres­sio­nen von der Leip­zi­ger Buch­messe 2010

Camou­flage
Die all­ge­meine Beklei­dungs­vor­schrift für den bun­des­deut­schen Lite­ra­tur­profi ist und bleibt das Kord­ja­cket. In der Regel hell­braun, gele­gent­lich schwarz, in sei­ner Rein­form als kom­plet­tes Ensem­ble als Kord­an­zug inklu­sive Weste. Der land­ade­lige Manufactum-Stil ist auch in der Sai­son 2010 noch ganz weit vorne, sei es beim Feuille­ton­chef oder auch bei Auto­ren. Das zeigt Kon­ti­nui­tät und ist auch modeso­zio­lo­gisch fest in der Intel­lek­tu­el­len­szene ver­an­kert. Min­des­tens ein Kords­akko gehört zur Camou­flage, um in den hel­len Hal­len in Leip­zig nicht auf­zu­fal­len. Auf­fäl­li­ger  und das Gegen­teil von getarnt sind die Cosplayer, die die Messe bevöl­kern, junge Leute in den Kos­tü­men ihrer Lieb­lings­man­gas. Ein biß­chen merk­wür­dig, ein biß­chen schrill, aber bunt. Die Irri­ta­tion ist schnell ver­flo­gen, bald hat man sich an die Mäd­chen mit Tie­roh­ren in den Haa­ren und weiß­haa­ri­gen Teen­ager in Matro­sen­kleid­chen gewöhnt. Was das wirk­lich zu bedeu­ten hat, mag den meis­ten Mes­se­be­su­chern ver­bor­gen geblie­ben sein, es ist fremd und Bestand­teil des Comic– und Graphic-Novel Pro­gramms. Die jun­gen Leute schrei­ten mit erns­ten Mie­nen über die Messe, und es scheint ihnen wich­tig zu sein.

Preis­bo­xen
Preise gibt es in Leip­zig viele, der Preis der Messe ging nicht an Helene Hege­mann, was auch kein Wun­der war, nicht etwa wegen des »Skan­dals«, der Leip­zi­ger Erklä­rung oder ähn­li­chem, son­dern ein­fach wegen der Belang­lo­sig­keit von Werk und Wir­kung. Belletristik-Preisträger wurde Georg Klein, der ver­teilte Gän­se­blüm­chen in sei­ner Dan­kes­rede und man fragte sich, ob diese Harm­lo­sig­keit poe­ti­sches Mit­tel oder bei­ßende Iro­nie ange­sichts der Gesichts­lo­sig­keit des Prei­ses war. Signi­fi­kant war die weit­ge­hende Unfä­hig­keit der Jury zur freien Rede (lobens­werte Aus­nahme: Zeit-Magazin-Redakteur Adam Soboczyn­ski), nicht ein­mal das abge­le­sene Manu­skript der Jury­prä­si­den­tin Verena Auf­fer­mann war frei von gewun­de­nen Meta­phern­stil­blü­ten. (»Die­ser Igel ist kein Hase« – ist das intel­lek­tu­el­ler Eis­kunst­lauf?). Für den lau­ten Verlags-Betrieb eher unwich­tig, aber viel schö­ner die Nach­richt des Prei­ses der Lite­ra­tur­häu­ser für Tho­mas Kapiel­ski. Der Preis­trä­ger, kein »gross­ser« Autor, ist ein ori­gi­nel­ler Schrei­ber mit Witz und Ver­stand, schön zu sehen bei sei­nem kur­zen Inter­view mit dem Ber­li­ner Lite­ra­tur­haus­chef Ernest Wich­ner auf dem arte–Stand. Klaus Wagen­bach erhielt dann noch den Kurt-Wolff-Preis für sein Lebens­werk, eine Ver­an­stal­tung in auf­ge­räum­ter Stim­mung  – wie in sei­nem Wohn­zim­mer, mit vie­len Freun­den dabei und viele andere, die ihn offen­sicht­lich moch­ten. Das war ein guter und freund­li­cher Moment in dem wil­den Mes­se­tru­bel, mit gele­gent­lich von ande­ren Stän­den her­über­we­hen­den Bei­falls­äu­ße­run­gen, die diese Ehrung mit klei­nen unbe­ab­sich­tig­ten Akzen­ten illustrierten.

Groß­le­sung
Mar­tin Wal­ser las über Heine, Burk­hard Klauß­ner las Heine und der Hoff­mann und Campe Ver­lag brachte ein neues Heine-Buch her­aus. Gemeint ist die Faksimile-Ausgabe der »Fran­zö­si­schen Zustände« von 1832, ein sehr ehren­wer­tes ver­le­ge­ri­sches Unter­fan­gen, daß auf der Messe prä­sen­tiert wurde. Was hätte da wür­di­ger sein kön­nen, als ein Essay eines deut­schen Groß­schrift­stel­lers ver­le­sen zu bekom­men und den Ori­gi­nal­text von einem der weni­gen mit­den­ken­den Schau­spie­ler zu hören. Der Ort war natür­lich ebenso wür­dig gewählt, der Lese­saal der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek. An jedem Tisch zwei Lese­lämp­chen und dahin­ter jeweils mit zwei, drei Plät­zen bestuhlt, das ist schon der »Ort Lesung« an sich. Allein, die Sache war hei­kel – Wal­ser ein unta­de­li­ger und von sei­nem Thema ein­ge­nom­me­ner Heine-Laudator, der Urtext aber ein gar sper­rig Ding und von dem gewiss schö­nen Buch sah man ein ein­zi­ges Exem­plar unter Glas. Ein­neh­mend war die Sache dann aber schon, kleine Ver­spre­cher des Ver­le­gers amü­sant (»Jen­seits­no­velle« ist doch wohl von einem ande­ren Hoff­mann & Campe-Autor und nicht von Mar­tin Wal­ser …?) und alle Anwe­sen­den guter Din­ger über das Erlebte.

Feucht­ge­biet
Ein Nicht-Cord-Sakko-Träger ist Moritz Rinke. Der hatte am Zeit-Stand eine halbe Stunde Zeit, sei­nen ers­ten Roman zu prä­sen­tie­ren. Um es gleich zu sagen, das war rundum gelun­gen. Das Buch scheint ein sel­te­nes Zeug­nis dafür, wie jemand einen Text ver­fas­sen kann, der Humor und auch Selbst­iro­nie hat und trotz­dem auf spie­le­ri­scher Art mit gro­ßen The­men umgeht. Und der Autor ver­steht auf­fal­lend viel von Struk­tur und Dra­ma­tur­gie. Rinke und sein Buch kom­men sozu­sa­gen beide aus Worps­wede, es hat viel mit den feuch­ten Nie­de­run­gen des Moo­res zu tun, das die­sen deut­schen Kunst­ort umgibt. Es geht um Kunst und deut­sche Geschichte, die soge­nannte jün­gere. Aber das oft blei­erne solch eines Zei­ten­ro­mans fehlt ihm gänz­lich. Der Mann hat Dis­tanz zum Stoff und zu sei­nem Lite­ra­ten­tum. So etwas wie »Als Roman­au­tor hatte ich plötz­lich mit Din­gen wie der Vor­ver­gan­gen­heit zu tun.« hört man in der Tat nicht allzu häu­fig. Das Wort »Humor« hat übri­gens auch etwas mit Feuch­tig­keit zu tun.

Zugu­ter­letzt, die Bücher:

Georg Klein: Roman unse­rer Kind­heit, Rowohlt 2010
Tho­mas Kapiel­ski: Misch­wald, edi­tion suhr­kamp 2009
Hein­rich Heine: Fran­zö­si­sche Zustände, Hoff­mann und Campe 2010
Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahr­hun­dert fiel, Kie­pen­heuer & Witsch 2010

Mat­thias Schu­mann (kms)