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6. Mai 2013

Backfisch-Theater

Seifenblasen im Märchenschloss (Bild: © Anna Velichkovsky - Fotolia.com)
Sei­fen­bla­sen im Mär­chen­schloss (Bild: © Anna Velich­kovsky — Foto​lia​.com)
 

Teenager-Liebe knallt ordent­lich rein. Daran erin­nert sich jeder. Der Auf­ruhr beim Anblick des gelieb­ten Sub­jekts, die völ­lige Irra­tio­na­li­tät, das gedank­li­che Krei­sen um jedes Wort, jede Geste, jeden Blick, den man getauscht hat. Dass Romeo und Julia in Shake­speares gleich­na­mi­gem Drama genau in die­sem Alter sind, steht im Text: »My child is yet a stran­ger in the world; She hath not seen the change of four­teen years«, erklärt Vater Capu­let dem hei­rats­wü­ti­gen Gra­fen Paris.

Ist »Romeo und Julia« also ein Teenager-Drama? Oder doch eine der größ­ten Lie­bes­ge­schich­ten der Welt­li­te­ra­tur? Regis­seur David Bösch ent­schei­det sich für Vari­ante eins, und der Erfolg gibt ihm schein­bar Recht. Schät­zungs­weise 50 Pro­zent der Burgtheater-Besucher an die­sem reg­ne­ri­schen Freitag-Abend sind um die 16. Und so ein biss­chen Boygroup-Atmosphäre darf schon sein. Gejohle und Gekrei­sche beim Applaus, vor allem für den schma­len Romeo (frisch von der Schau­spiel­schule: Daniel Strä­ßer) und den smar­ten Mer­cu­tio (Fabian Krü­ger).

Aber zurück auf Anfang. Der Prinz, allein auf der Vor­bühne. Er macht sich Sor­gen um Verona, denn Ban­den­kriege durch­zie­hen die Stadt. So geht es nicht wei­ter: Ster­ben soll, wer künf­tig Streit vom Zaun bricht! Dann befiehlt er: »Licht! Musik! Liebe!« Und räumt die Bühne für den lie­bes­kran­ken Romeo. Der riecht an einem Blüm­chen und träumt von Rosa­lind. Kon­se­quen­ter­weise muss er sich ein biss­chen auf­zie­hen las­sen von sei­nen Freun­den Ben­vo­lio und Mer­cu­tio. Es wird geblö­delt und gerü­pelt, abge­klatscht und derb gespro­chen. Mer­cu­tio heißt hier »Mercy«, ein wenig gerockt wer­den darf auch, quit­tiert von Geläch­ter aus den Teenager-Reihen.

Und kaum betritt der erste Capu­let die Bühne, wer­den die Degen gezo­gen, die griff­be­reit am Büh­nen­rand hän­gen. Der stot­ternde Tybalt ist ein Meis­ter sei­nes Fachs und nimmt es gar mit ver­bun­de­nen Augen mit den drei Mon­ta­gues auf. Nach kur­zem Gefechte und Geran­gel dür­fen wir sein Zuhause sehen, denn bei den Capu­lets steigt eine Party, und da trifft sich, wer in Verona Rang und Namen hat und eine locke­ren Degen.

Lady Capu­let mit Cock­tail­glas muss in atem­be­rau­bend hohen High Heels über die Bühne tor­keln. Damit ist die Figur dann auch durch. Spre­chen darf nur Papa Capu­let (Ignaz Kirch­ner), und das über Mikro, durch das er seine Gat­tin gerne „Mutti“ ruft. Den Hei­rats­an­trag an Julia (Yohanna Schwert­fe­ger) darf Graf Paris im Rüschen­hemd als Par­ty­spaß durchs Mikro machen, Julia muss mit ver­bun­de­nen Augen auf allen Vie­ren auf die Bühne krie­chen und ihn an sei­nen Lack­schu­hen erken­nen. Dass sie den schmie­ri­gen Kerl nicht will, wun­dert kei­nen, und so schickt sie ihn los, ihr ein Sprite zu holen, damit sie ihre Ruhe hat.

Zum gran­dio­sen »Con­se­quence« von The Not­wist wird dann auf der Bühne ein biss­chen hin– und her­ge­rannt, und dabei – hoppla! – per Zufall in Romeo hin­ein. Und dann ist sie – na, was wohl – völ­lig para­ly­zed, wie es im Lied­text heißt, und lässt sich küs­sen. Kein Zau­ber liegt in die­sem Kuss, keine Gän­se­haut stellt sich ein, zu vor­her­seh­bar ist diese erste Begeg­nung, zu flüch­tig und zu banal. Man ist fast ein biss­chen dank­bar, als Graf Paris übers Mikro auf sich auf­merk­sam macht, er stehe an der Tanz­flä­che, und wo bleibt denn Julia bloß? »Deine Sprite/steht bereit.«

Das ist nicht die ein­zige Plat­ti­tüde; Julia ver­steht auch den Namen ihres Romeos falsch, und des­halb steht an der Büh­nen­wand mit Kreide anfangs »ROMAN + JULIA«. Beim ers­ten Mal mag das ganz lus­tig sein, doch Romeo muss das ganze Stück lang bei der Amme sei­nen Namen kor­ri­gie­ren, und irgend­wann ist der Schen­kel­klop­fer dann auch kein Klop­fer mehr. Die Party ist fast vor­über, an der Rück­wand ste­hen die Namen der Lie­ben­den, ROMAN wurde mit flüch­ti­ger Hand und Kreide zu ROMEO, und davor wird gepisst und gekotzt. Denn Ben­vo­lio und Mer­cu­tio haben ein biss­chen viel Sprit erwischt, und der muss ja irgendwo hin. Betrun­ken sein ist irgend­wie auch noch total cool – in dem Alter.

Da will man sau­fen, fei­ern, rüpeln, knut­schen und ein biss­chen grap­schen, und des­halb dür­fen Böschs Schau­spie­ler das in der Insze­nie­rung auch. Und Julia in ihrem Glas­ku­bus, der rauf und run­ter fah­ren kann und ein sehr hüb­sches Balkon-Zitat ist (Bühne: Vol­ker Hin­ter­meier), darf die kühle Scheibe küs­sen in ihrer Sehn­sucht und Romeo spä­ter ihr Hös­chen zei­gen. Teen­ager, viel zu jung für die Liebe, voll trieb­haf­ter Emo­tion. Auch die muss irgendwo hin, und des­halb muss Romeo sich nach­her im Bei­sein von Mer­cu­tio und Ben­vo­lio auch drin­gend mal beherzt in die Hose grei­fen und ein biss­chen rub­beln. Ach, die Liebe, was war sie damals kom­pli­ziert und doch so sim­pel, ja banal.

Und irgend­wie bleibt es die­ser Abend auch. Wer Yohanna Schwert­fe­ger beim Thalia-Gastspiel in »Die Jüdin von Toledo« gese­hen hat, weiß, dass die Frau mehr kann – viel mehr. Hier klingt sie meist ver­stellt und fiep­sig. Lei­der bleibt es an die­sem Abend beim Effekt­thea­ter, immer aus auf den nächs­ten Scherz, die nächste Ran­ge­lei, das große Spek­ta­kel. Dabei kann sich keine Figur ent­wi­ckeln, keine Hand­lung. Die Kon­flikte blei­ben unklar und im Vagen.

Auch beim Fech­ten wol­len die Jungs eigent­lich nur spie­len. Dabei kann doch kei­ner zu Scha­den kom­men, denkt man. Große Kas­perl­num­mern, viel Säbel­ge­klirre und Gefuch­tel, und plötz­lich ist Mer­cu­tio tot. Wenn Romeo und seine Julia sich in der letz­ten Nacht vor sei­nem Auf­bruch nach Man­tua sehen, wird im Büh­nen­was­ser geplanscht und getobt, das sind tolle Bil­der, aber als der Mor­gen und damit der Abschied kommt, tut das irgend­wie kei­nem weh. Seine Brü­che setzt Bösch geschickt, doch bleibt danach viel heiße Luft. Und viele Tote, weil Shake­speare das so wollte.

Wenn am Ende der Prinz auf die Bühne kommt und »Licht!« und »Musik!« befiehlt, ertönt ein Tango, und alle dür­fen noch einen letz­ten ein­sa­men Tanz auf der Bühne wagen. Schlaf­wand­le­risch waten sie durchs Was­ser, wäh­rend Romeo und Julia plau­dernd im Glas­ku­bus sit­zen und gen Büh­nen­him­mel nach oben fah­ren. Ein schö­nes Bild, hat gar nicht weh getan.

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