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25. April 2010

Lesetage, 8. und letzter Tag: Mehr Kultur wagen!

Der Abschluss eines sol­chen Fes­ti­vals ist eine große Sache. Die Macher sind erschöpft, die Gäste wie­der auf der Rück­reise und man gönnt sich zum Schluß etwas Beson­de­res. Das Kon­zept der Abschluss­ver­an­stal­tung der 2010er Lese­tage war durch Eyjaf­jal­lajökull ein biß­chen durch­ein­an­der gera­ten, das als rein fran­zö­si­sche Affaire geplante Kon­zert mit Naïm Amor und Domi­ni­que A musste umbe­setzt wer­den, Naïm Amor saß näm­lich in Tus­con fest und war­tete bis zuletzt auf den Nie­der­gang der Asche. Spon­tan ein­ge­sprun­gen war die schwe­di­sche Song­wri­te­rin Elin Ruth Sig­vardsson, in ihrer Hei­mat ein ziem­li­cher Star. Unter den zur Gitarre sin­gen­den »Mäd­chen«, die der­zeit die Musik­szene über­rol­len, gehört sie sicher­lich zu den bes­se­ren, ein biß­chen Neo-Hippiefeeling, gepaart mit guten Songs sind ein guter Opener für so ein Pro­gramm. Und einen Bezug gab es ja doch, der Ver­an­stal­ter Vat­ten­fall kommt schließ­lich aus Schweden.

Haupt­at­trak­tion die­ses wahr­lich inter­na­tio­na­len Abends war Domi­ni­que A, einer der Weg­be­rei­ter des Nou­velle Chanson in Frank­reich. Bei Chan­son denkt der durch­schnitt­li­che  Kul­tur­kon­su­ment an exal­tierte, dun­kel geklei­dete Her­ren und Damen, die sich die Seele aus dem Leib und dabei natür­lich von »L’Amour« sin­gen, gern zur Gitarre oder auch mit schnu­cke­li­gen klei­nen Jazz­bands beglei­tet. Ganz groß mit Big­Band geht das auch. Frank­reich hat da eine ruhm­volle Geschichte, von Charles Tré­net bis hin zum deut­schen Pilo­ten­bar­den Rein­hard Mey (alias Fre­de­rik) reicht die Liste der inter­na­tio­nal erfolg­rei­chen Sän­ger. Als sich in den 90er Jah­ren junge Musi­ker ihrer fran­zö­si­schen Musik­tra­dion besan­nen und das Chan­son auf neue, flinke Beine stell­ten, hiel­ten sie sich durch­aus an ihrer Tra­di­tion. Ben­ja­min Bio­lay ist in vor­ders­ter Reihe zu nen­nen, ja, und auch Carla Bruni gehörte dazu. Domi­ni­que A ist sicher­lich eine der sper­rigs­ten Erschei­nun­gen in die­ser Nou­velle Vague des Lied­ge­sangs und die Aus­wahl des hier­zu­lande kaum bekann­ten Künst­lers für den Abschluss­abend ist ein Geschenk für die­ses Fes­ti­val. Getrie­ben ist der 1968 gebo­rene von unbän­di­gem Gestal­tungs­wil­len, sowohl text­li­che als auch musi­ka­li­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nen The­men sind inten­siv und las­sen auch auf der Meta­ebene eini­ges ver­mu­ten. Sein an die­sem Abend von der Ham­bur­ger Schau­spie­le­rin Laura de Weck klug struk­tu­rie­rend vor­ge­tra­ge­nes Essay über seine Bezie­hung zur Musik ver­rät viel Beschäf­ti­gung und Aus­ein­an­der­set­zung mit der Genese von Text und Klang. Nun kann man von einem nord­deut­schen Publi­kum kaum fran­ko­phone Nei­gung erwar­ten, vier exem­pla­risch vor­ge­tra­gene Texte (alle eigens für den Abend über­setzt) aus dem Pro­gramm wie­sen dann den Weg in die poe­ti­sche Aus­drucks­welt des Domi­ni­que A.:

Immor­tels
Ich habe dir nie gesagt
Daß wir unsterb­lich sind
Warum gehst du
Bevor ich’s dir ver­rat?
Hast du es schon gewusst?
Und hast du schon geahnt
Daß hin­ter uns­ren Säu­fer­frat­zen
Göt­ter sich verbergen?

Das hat nichts mit lálá zu tun, son­dern zeigt das Fort­le­ben des fran­zö­si­schen Pathos in der gesun­ge­nen Musik. Klingt das auf dem aktu­el­len Album La musi­que noch nach Pop, ist der Livek­ünst­ler Domi­ni­que A. weit­aus ver­stö­ren­der. Bewußt hat er sich für ein Solo­set ent­schie­den, es genügt ihm die Gitarre. Wer nun glaubt, daß da einer vor sich hin klampft, um schön zu sin­gen, ist damit auf dem kom­plett fal­schen Damp­fer. Eine Bat­te­rie von Effekt­ge­rä­ten umrankt den Musi­ker, Kas­ka­den von Loops und Sam­ples schaf­fen groß­flä­chige Sound­tep­pi­che, über denen die Gitarre die Qua­len der Geschich­ten, die Domi­ni­que A. erzäh­len will, illus­trie­ren. Das ist wohl­über­legt, kon­zi­piert, bis hin zur Brüs­kie­rung eines Publi­kums, daß seine Ohren nicht durch den Wohl­klang weich machen soll. Er sehnt sich nach Brü­chen, nach Rei­bung, und das ist eine Her­aus­for­de­rung zu bei­der­sei­ti­gem Gewinn. Seine Stimme ist kon­ser­va­tiv, warm und ein­schmei­chelnd, wie er selbst sagt, »eine klas­si­sche Chan­son­stimme«. Musi­ka­lisch ist Domi­ni­que A. aber sicher­lich näher an den Experimental-Poppern Daft Punk als an Jac­ques Brel. Daß dabei der mit­ge­brachte fran­zö­si­sche Ton­tech­ni­ker weit übers Ziel hin­aus­schießt und den lust­vol­len Schmerz der Aus­ein­an­der­set­zung gele­gent­lich in Schmerz­haf­tig­keit kip­pen lässt, dar­über muss man hinwegsehen.

Die­ses lite­ra­ri­sche Kon­zert weist in die rich­tige Rich­tung. Text­ua­li­tät und Ver­mitt­lung waren ja im Vor­feld des Fes­ti­vals anschei­nend ein Thema, hier erschliesst sich in der inter­dis­zi­pli­nä­ren Aus­ein­an­der­set­zung eine andere Form der poe­ti­schen Ver­mitt­lung. Kein Effekt, kein Mul­ti­me­dia, son­dern der Ein­blick in die ganz­heit­li­che Beschäf­ti­gung eines Künst­lers mit sei­nen The­men, eine Poe­tik der Ver­let­zung, die die bigotte Kul­ti­viert­heit der Hoch­kul­tur, die vie­ler­orts vor­herrscht, bricht. Daß das nicht allen gefällt, ist klar. Kul­tur muss etwas wagen. Mehr davon!

Mat­thias Schu­mann (kms)