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5. Oktober 2012

Bittere Zuckerwatte

Renate Aichin­ger schreibt in ihrem Prosa-Debut »Welt.All.Tag« über das Leben – ohne Zucker­guss, aber mit Ein­bli­cken in Ecken, in die sonst kei­ner schaut.

Zirkus ist auch nicht immer Zuckerwatte. (Bild: © Bernd Jürgens - Fotolia.com)
Zir­kus ist auch nicht immer Zucker­watte. (Bild: © Bernd Jür­gens — Foto​lia​.com)

Clown Beppo bringt alle zum Lachen – am meis­ten seine Frau Berta, die im Zir­kus­zelt Zucker­watte ver­kauft. Sie lacht schon, bevor er auf der Bana­nen­schale aus­rutscht. Und sie hat sonst nicht viel zu lachen, die Frau Berta. Denn Beppo glei­tet lang­sam ab in eine Welt des Ver­ges­sens und des Zorns. Kein Zirkuswelt-Zauber ver­mag die schlei­chen­den Pro­zesse der Demenz auf­zu­hal­ten. Die Lich­ter gehen lang­sam aus, und die Zucker­watte von Frau Berta wird feucht und kleb­rig. Und am Ende wird ein neuer Clown auf der Bana­nen­schale aus­rut­schen. Alle wer­den lachen, und kei­ner wird Bep­pos Feh­len bemer­ken. Her­ein­spa­ziert in Renate Aichin­gers Manege der klei­nen Alltagsgeschichten.

Auf dem Buch­rü­cken wer­den die Salz­bur­ger Nach­rich­ten zitiert: »Erin­nert sehr stark an Elfriede Jelinek!« steht da. Mit einem Aus­ru­fe­zei­chen. Das mag ein Kom­pli­ment sein. Aber Aichin­ger hat einen viel zu eige­nen Kopf, um ver­gli­chen zu wer­den. Natür­lich merkt man ihr die öster­rei­chi­sche Her­kunft an. Diese Ver­spielt­heit der Spra­che, die Liebe zum Detail, das Ver­bin­den des­sen, was (nicht) zusam­men gehört. »Du willst ein per­fek­tes Din­ner sein und bist doch nur ein Schwam­merl im Gulasch. So dick gebun­den, dass du nicht mal gegen den Strom schwim­men kannst.«

Wenn Aichin­ger über den All­tag schreibt, der die Welt aus­macht – der Titel ist mit Bedacht gewählt –, dann sucht sie sich kleine Augen­bli­cke, schiebt hier einen Vor­hang bei­seite, lugt dort durch eine Tür. Und erhascht dabei eine Essenz des All­täg­li­chen, die mit Wucht kommt. Aber umsonst gibt es sie nicht, die Wucht. Man muss sich schon ein wenig anstren­gen für sein (Lese-) Glück. Denn Aichin­ger legt einem Steine in den Weg, wo sie nur kann. Ihr Lieb­lings­satz­zei­chen ist der Punkt. Gern auch mit­ten im Satz – oder gar im Wort. Welt.All.Tag eben. Manch­mal hemmt das den Lese­fluss, und man möchte unge­dul­dig wei­ter­blät­tern. Es lohnt sich aber, das nicht zu tun.

Doch nicht nur die Spra­che ist unge­wöhn­lich bis gro­tesk. Auch inhalt­lich kommt der All­tag kei­nes­wegs all­täg­lich daher. Denn Aichin­ger setzt das Sezier­mes­ser an und erzählt. Vom Leben einer jun­gen Frau von der Wiege bis zur Bahre im Zeit­raf­fer, die sich bis zum Ende an die sichere Hand ihrer Oma wünscht. Von der Frau Erna, deren Lieb­lings­tag der Mon­tag ist, weil sie da ins Ama­li­en­bad geht; für ein Bade­zim­mer in der Woh­nung reicht die Rente nicht. Und das ist ihr Glück, denn sie freut sich die ganze Woche über auf den Schwatz in der Umkleide mit ihren Amalienbad-Bekanntschaften.

Oder sie erzählt von einer jun­gen Frau bei ihrem Tag im Ein­kaufs­zen­trum bis zum Moment ihrer Abschie­bung – wo sie doch gerade noch im Kon­sum­wun­der­land den Prin­zes­sin­nen­traum geträumt hat: »Es geht um Leben und Tod. Als Kar­ten­be­sit­zer. Solange das Plas­tik funk­tio­niert, so lange ist man dabei.«

Zwi­schen den Geschich­ten fin­den sich kleine lyri­sche For­men. Auch hier führt die Spra­che sich gern ad absur­dum, um am Ende wie­der Sinn zu machen. Und so lesen wir uns durch das Leben der Figu­ren und tau­meln und träu­men mit ihnen bis zum Abgrund.

Wie bei Frau Z., deren Gartenzwerg-Sammlung eines Tages gepfän­det wird, weil die letz­ten 33 Zwerge nicht bezahlt sind. Oder zur »Sen­dung mit dem Klaus«, der bei der Müll­ab­fuhr arbei­tet und sein Leben am liebs­ten gleich mit abfüh­ren würde. Split­ter der Rea­li­tät, die kurz fun­keln und glück­lich und meis­tens etwas trau­rig machen. Aber das will sie bestimmt gar nicht, die Frau Aichin­ger. Denn so bit­ter sie manch­mal klingt, so lie­be­voll hält sie fest an ihren Figu­ren. Und die hal­ten sich fest an den klei­nen Din­gen, die ihren All­tag lebens­wert machen. »Ich und meine bei­den Kof­fer, die mich unter mei­nem Bett beschüt­zen wie starke Wach­hunde, wenn ich wie­der schlecht träume – im Schlaf oder im Leben.« Punkt.

Renate Aichin­ger
Welt.All.Tag
Edi­tion Lau­rin [Ama­zon Partnerlink]

Nata­lie Fin­ger­hut (nf)

9. Januar 2012

»Das Geld auf anständige Weise ausgeben …«

Zwei­ter Teil des gros­sen HAMBURGER FEUILLETON-Interviews mit dem Thalia-Geschäftsführer und Autor Lud­wig von Otting

Alles Bolle auf der Jolle: Ludwig von Otting in der Loge (Photo: Stefan Albrecht/HHF)
Alles Bolle auf der Jolle: Lud­wig von Otting in der Loge (Photo: Ste­fan Albrecht/HHF)

Die voll­stän­dige Text­fas­sung des gro­ßen Inter­view mit Lud­wig von Otting, das in unse­rem 13-minütigen Interview-Film “Der Ermög­li­cher” bereits auf die­ser Seite des HAMBURGER FEUILLETONS zu lesen war. Der Text erscheint im Wochen­rhyth­mus in drei Teilen.

Orts­wech­sel. Der zweite Teil des Gesprächs mit Lud­wig von Otting fin­det in einer Loge des 1. Rangs statt. Im Hin­ter­grund wird die Bühne des »Gestie­fel­ten Katers« abge­baut und die Abend­vor­stel­lung vor­be­rei­tet. Wir fra­gen den Autor nach sei­nen lite­ra­ri­schen Vor­lie­ben und den Geschäfts­füh­rer nach der Ver­bin­dung zwi­schen Juris­te­rei und Thea­ter.

Wie kommt es zu dem Sujet ihres Buches, Pira­ten, See­fah­rer etc., das klingt alles sehr kun­dig. Sind sie zum Seg­ler gewor­den, hier an der Küste?
Ich hab von See­fahrt kei­nen Schim­mer, aber natür­lich ver­su­che ich das ein biss­chen zu ver­schlei­ern in mei­nen Büchern, in dem ich mir ein paar Infor­ma­tio­nen besorgt habe. Ich meine, ich habe heute noch die größte Mühe Back­bord und Steu­er­bord und Luv und Lee zu unter­schei­den. Es ist letzt­lich für die Geschichte auch nicht wich­tig, aber es ist halt schon für die Authen­ti­zi­tät von so Geschich­ten schon ganz gut, wenn man da so ein biss­chen was weiß.

Da ist aber schon eine Fas­zi­na­tion da für die See­fahrt und die Gefah­ren auf See?
Eine Rie­sen­fas­zi­na­tion, klar, die­ses ganze Unwe­sen, was die da trei­ben auf See, die Inseln, die See­un­ge­heuer. Ich hab mal ein paar See­un­ge­heuer erfun­den, in dem Buch, was sie da lie­gen haben, den »Tyran­no­gur­kus« und die »Mör­der­mu­schel« und den gan­zen Krem­pel, das hab ich erfun­den, weil ich mich geär­gert habe.

Kurz nach Erschei­nen mei­nes ers­ten Buches in dem eine Rie­sen­krake eine Rolle spielte, kam die­ser schöne Film, »Fluch der Kari­bik«, mit 3 oder 4 Fol­gen, und da spielt eben auch die Rie­sen­krake eine Rolle. Ich dachte, mich trifft der Schlag, natür­lich wird jeder Mensch den­ken, ich hab das da geklaut.

Not­falls wäre ja nach­zu­wei­sen, dass der Erschei­nungs­ter­min mei­nes Buches lange vor dem Film war – trotz­dem ärgerts mich, und dann hab ich mir gedacht, wenn alle als ers­tes auf ne Rie­sen­krake kom­men kom­men als See­un­ge­heuer, dann muss ich ein paar andere erfin­den, und des­we­gen hab ich dann diese andern Unge­heuer eingebaut.

Das ist ja auch ein Topos bei Jules Verne, die Krake?
Das weiß ich nicht mehr genau. Ich glaube ja. Ich­ver­mute, dass ich  die meis­ten Sachen irgendwo geklaut habe aber lei­der nicht weiß, wo. Als Kind hab ich alles in mich rein­ge­fres­sen, Jules Verne und Robert Louis Ste­ven­son, natür­lich Mark Twain und Jack Lon­don, der ja auch unend­li­che See­ge­schich­ten geschrie­ben hat Da kommt natür­lich alles irgend­wann irgendwo mal vor. Diese ganz Welt habe ich mir als Kind schon ange­le­sen, und ich hoffe, dass es so spe­zi­ell wie­der raus­kommt, dass man mich nicht wie Herrn zu Gut­ten­berg bald der Pla­giate über­füh­ren kann und sagen, das hast du aus dem Buch, und das hast du aus dem Buch. Ich bin ganz sicher, dass ich rela­tiv viel aus ande­ren Büchern habe oder auch aus Erzäh­lun­gen oder auch aus Fil­men. Ich habe zum Bei­spiel als 15jähriger ein mehr­bän­di­ges Werk gele­sen, ich weiß gar nicht wie das hieß, aber die Haupt­fi­gur ist ein Lord Horn­blo­wer

C. S. Fores­ter …
Fores­ter, genau. Eigent­lich ein biss­chen B-Movie-mäßig, so eine Art Trashroman.

Der dann mit Gre­gory Peck ver­filmt wurde, zumin­det ein Buch dar­aus …
Ja, der ist ja dem Nel­son nach­emp­fun­den, wie ich gehört habe. Aus die­ser Geschichte habe ich ganz viel ver­in­ner­licht. Mich hat auch Graf Luck­ner sehr inter­es­siert. Also gele­sen habe ich irr­sin­nig viele Seefahrtsgeschichten.

Hora­tio Horn­blo­wer hat  als Schiffs­junge ange­fan­gen und ist dann bis zum Admi­ral auf­ge­stie­gen, ein Klas­si­ker der Mari­ne­li­te­ra­tur …
Ich hab das gerne gele­sen, aber habe rück­bli­ckend das Gefühl, dass das eher tra­shig ist, ich habe auch Enid Bly­ton unheim­lich gerne gele­sen und das ist nun bei Gott keine Welt­li­te­ra­tur, aber das ist auch wurscht, ich finde, dass man als Kind so’n Zeug auch essen darf, lesen darf, rein­fres­sen darf und muss, und das man das auch sozu­sa­gen mit in seine Welt auf­neh­men kann.

Was lesen sie heute?
Fra­gen Sie mich nach mei­nen Lieblingsautoren?

Nein, eher was Sie zur Zeit lesen.
Jetzt im Moment lese ich zum Bei­spiel wahn­sin­nig gern Jas­per Fforde. Keine Ahnung, wie man den aus­spricht, mit zwei „F“ am Anfang. Das ist ein Wali­ser, der Bücher schreibt, die sich so ganz äußer­lich als Kri­mis, Science-Fiction Kri­mis gerie­ren, aber die voll von Witz und Phan­ta­sie sind, wie ich’s ganz sel­ten gele­sen habe, das ist ein Lieb­lings­au­tor von mir, jetzt ein neue­rer. Ich lese wahn­sin­nig gerne Sebald und ich bin ein gro­ßer Anhän­ger von Arno Schmidt, sehr hete­ro­gen sind meine lite­ra­ri­schen Vorlieben.

Lesen sie Stü­cke?
Nein, gar nicht, Also nur im Zusam­men­hang mit Thea­ter, zu mei­nem Ver­gnü­gen lese ich keine Stü­cke. Stü­cke sind auch nicht da um am Strand gele­sen zu wer­den. Nein, ich lese Prosa und Lyrik, da hab ich meine Vor­lie­ben. Jean Paul lieb ich sehr, Mat­thias Clau­dius, von den neue­ren eben Arno Schmidt, und dann gibt’s einen Autor, den über­haupt kein Mensch mehr kennt, den ich für einen bedeu­ten­der Nach­kriegs­au­tor halte, das ist Gre­gor von Rez­zori, der wun­der­bare Romane geschrie­ben hat, damit meine ich jetzt nicht diese däm­li­chen, halb­por­no­gra­phi­schen, schnell hin­ge­schmier­ten »Maghre­bi­ni­schen Geschich­ten«, son­dern so etwas wie »Ein Her­me­lin in Tscherno­pol«, das ist wirk­lich ganz große Lite­ra­tur, die, finde ich, ihrer Wie­der­ent­de­ckung harrt.

So eine KuK-Tradition ist da auch noch mit drin …
Der hat nun wirk­lich die iro­ni­sche Dis­tanz des alten, in sei­nem Fall nicht so ganz geklär­ten, Adels­ge­schlechts zu einer bür­ger­li­chen – und auch zu einer pro­le­ta­ri­schen – Gesell­schaft wie kein ande­rer. Den find ich zum Bei­spiel per­sön­lich wesent­lich wich­ti­ger als viele andere, die auch noch leben, deren Namen man sich nicht unbe­dingt mer­ken muss.

Wir sie hier so ent­spannt in der Loge sit­zen, die Beine hoch­ge­legt, das hat so ein wenig was von Jolle. – »Alles Bolle auf der Jolle« ist eins der Lie­der aus den »Ruch­lo­sen Riva­len«
Alles Bolle auf der Jolle. Meine Nei­gung zu Kalau­ern ist auch nicht gerade schwach ausgeprägt.

Wie ist denn die Reak­tion im Haus auf den Kat­zen­stein? Conny Schir­mer hat die Musik gemacht, dann gibt es diese Lesung mit den wil­den Jungs bei Lite­ra­tur­fes­ti­vals. Das sieht schon wohl­wol­lend unter­stüt­zend aus, sehr dicht dran.
Ja, also, ich sag mal, die Leute neh­men es teil­weise wahr und teil­weise nicht wahr, nega­tive Reak­tio­nen kenn ich keine, das sagt einem auch kei­ner, wenn einer es liest und es Scheiße fin­det. Sie sagen ent­we­der gar nix oder was net­tes. Also der Joa­chim Lux ist eigent­lich der erste Inten­dant, der ein biss­chen drauf rea­giert und es auch sei­nen Kin­dern geschenkt hat. Ich fühl mich da ganz wohl.

Joa­chim Lux, der Inten­dant – das Spiel zwi­schen Inten­dant und Kauf­mann … haben Sie über die Jahre eine beson­dere Tech­nik ent­wi­ckelt, mit all die­sen unter­schied­li­chen Inten­dan­ten und Künst­lern klar­zu­kom­men? Sie sind der »Geld­ver­tei­ler« haben sie mal gesagt, der dafür sorgt, dass die Künst­ler im Haus frei arbei­ten kön­nen. Kann man das noch prä­zi­ser aus­drü­cken, für Leute die sich unter einem kauf­män­ni­schen Geschäfts­füh­rer am Thea­ter nicht so viel vor­stel­len kön­nen?
Was mich eigent­lich wun­dert, dennd as kaufmännisch-finanzielle ist als Berufs­bild wesent­lich mehr ver­brei­tet als die künst­le­ri­sche Leitung.

Aber ich meine, so ein Thea­ter hat einen jähr­li­chen Bedarf von 25 Mil­lio­nen Euro. Davon ver­dient das Thea­ter einen Teil sel­ber, etwa 5 Mil­lio­nen, der Rest wird als Sub­ven­tion da hin­ge­legt. Und meine Ver­ant­wor­tung ist es, ich mach das ja nicht alleine, meine zen­trale Ver­ant­wor­tung ist  dafür zu sor­gen, dass das Geld auf anstän­dige Weise aus­ge­ge­ben wird.

Dazu gehört in einem gewis­sen Umfang sicher auch, dass man spa­ren kann, dass man Spar­vor­ga­ben durch­set­zen kann, es ist ein furcht­ba­res Miss­ver­ständ­nis, wenn Leute glau­ben, dass ich prin­zi­pi­ell glück­lich bin, wenn irgend­et­was wenig kos­tet oder beson­ders hohe Ein­nah­men macht.

Natür­lich freue ich mich über jedes Stück, das Erfolg hat, aber mein  Job ist es nicht, die Sub­ven­tio­nen nicht aus­zu­ge­ben, son­dern sie auf ver­nünf­tige und anstän­dige Weise aus­zu­ge­ben. Seriös und so, das mög­lich viel dabei raus­kommt. Das mach ich auch kei­nes­wegs alleine, es wäre albern, so zu tun, als ob ich mir den Gesamt­er­folg alleine an den Hut hef­ten könnte. Das ist ein sehr kom­ple­xes Sys­tem mit sehr ein­ge­spiel­ten Leuten.

Ich habe wahn­sin­nig gute Mit­ar­bei­ter auf den ver­schie­de­nen Ebe­nen, in den ver­schie­de­nen Berei­chen mit denen das dann auch ganz gut funk­tio­niert. Und der Zusam­men­hang, die Zusam­men­ar­beit mit dem Inten­dan­ten ist natür­lich auch ganz wich­tig dafür und das hab ich eigent­lich in allen drei Fäl­len so leid­lich hingekriegt

Gibt es eine lang­fris­tige Pla­nung, die über Spiel­zeit­pla­nung hin­aus­geht? Gibt es einen Mas­ter­plan über die Jahre, etwas wie „Wir wer­den etwa in 10 Jah­ren da etwas machen müs­sen?“
Naja, klar, gerade die gesamte Thea­ter­struk­tur ist ja keine, die sich nur von Spiel­zeit zu Spiel­zeit fort­schreibt. Zunächst ein­mal ist die Lauf­zeit eines Inten­dan­ten­ver­tra­ges ein ganz wesent­li­cher Para­me­ter. Ein Inten­dant hat fünf Jahre Ver­trag, der wird dann auch irgend­wann mal ver­län­gert, für so eine Ägide denkt man auch, was die Instand­hal­tung des Hau­ses, die Anschaf­fung tech­ni­schen Equip­ments, Aus­bau­ten, Anbau­ten, Umbau­ten und der­glei­chen anbe­langt und das sind durch­aus Dinge, die in die Zukunft rei­chen. Wenn man so etwas wie die Gauß­straße macht, dann weiß man, dass das ein Pro­jekt ist, das wei­ter reicht.

Gibt’s eine Ein­mi­schung in den aku­ten künst­le­ri­schen Betrieb, dass man sagt, diese Pro­duk­tion wird zu teuer, hört jetzt mal auf hier?
Das gibt es natür­lich wirk­lich, wobei es nicht so funk­tio­niert, wie Sie es eben beschrie­ben haben. Man muss von vor­ne­her­ein die Gel­der so bud­ge­tie­ren, wie man glaubt, dass es ver­nünf­tig ist. Und wenn dann so ein Bud­get an die Gren­zen stößt und eine Pro­duk­tion mehr haben will, mehr braucht, mehr zu brau­chen meint, dann steht man vor der Ent­schei­dung, ob man das ver­wei­gert oder ob man irgendwo noch ›ne Reserve hat oder so was.

Das ist natür­lich eine ganz zen­trale Auf­gabe von mir, da mit Augen­maß und Liebe zum Thea­ter, unter Ein­schät­zung der Poten­tiale, die da sind, die Ent­schei­dung vor­zu­be­rei­ten. Ich fälle die aber nicht alleine, so eine Ent­schei­dung fällt man nicht im ein­sa­men Käm­mer­lein, und über­rascht den Inten­dan­ten dann mit ›ner Akten­no­tiz: »Habe soeben die Zusatz­mit­tel für Ste­mann gestri­chen«, da muss man natür­lich gemein­sam dran und mit dem Regis­seur und dem Büh­nen­bild­ner und der Werk­statt­lei­tung und allen ande­ren sehen, was unbe­dingt not­wen­dig ist und dann fin­det man immer Kompromisse.

Ste­mann ist in die­sem Zusam­men­hang wirk­lich ein gutes Stich­wort. Von ein paar Jah­ren gab es da einen sehr ekla­tan­ten Ein­griff in die künst­le­ri­sche Arbeit in der Dis­kus­sion mit einem Jelinek-Stück.
Ja, aber von außen, nicht von innen.

Es geht die Geschichte, sie hät­ten mit einem Team auf die Stri­che geach­tet, ob bestimmte Text­stel­len nun jus­ti­zia­bel wer­den kön­nen oder nicht.
Das pas­siert häu­fi­ger. Ich meine, es gibt bestimmte Stü­cke, bestimmte Auto­ren, bestimmte Ver­lage, bei denen es höchst pro­ble­ma­tisch ist, ein Stück inter­pre­ta­to­risch zu ver­än­dern. Allen voran ist das Brecht, am schlimms­ten da die »Drei­gro­schen­oper«, wenn sie da ein fal­sches Instru­ment ein­set­zen, haben sie die Weill-Foundation am Hals.

Aber es gibt auch immer wie­der moderne Stü­cke, die irgend­wel­che Fälle auf­grei­fen, wo man sehen muss, dass man nicht mit den Per­sön­lich­keits­rech­ten von jeman­dem in Kon­flikt kommt. Und das Stück, von dem sie spre­chen, das war eine Jelinek-Text, »Ulrike Maria Stuart«. Die Jelinek sel­ber hat über­haupt kein Pro­blem mit jed­we­der Ver­än­de­rung, die ver­hält sich voll­kom­men rela­xed gegen­über Regie­e­in­grif­fen, for­dert die nachgerade.

In dem Fall war’s eine andere Auto­rin, die da zitiert wurde in dem Stück, die sich ver­letzt und belei­digt fühlte. Und es gab vor allem die Toch­ter von der Ulrike Mein­hof, die Mit­wir­kungs­rechte bean­spruchte, die wir ihr nicht ein­räu­men woll­ten, und da gab’s mäch­tig viel Zoff. Und da setzt man sich natür­lich hin und guckt sich das genau an und ver­sucht erst ein­mal sel­ber zu beur­tei­len, ob eine Rechts­ver­let­zung vor­liegt oder nicht. Wir haben Anwälte dazu geholt und dann  ent­schie­den, dass das, was wir da machen, so gemacht wer­den kann. Dann gab’s zwar einen Pro­zess, aber der ist für uns posi­tiv ausgegangen.

Wie fas­sen das dann die Künst­ler auf, sagen die dann »Fin­ger weg, wir wol­len das durch­set­zen«?
Das ist sehr unter­schied­lich. Der Ste­mann ist ja ein hoch­in­tel­li­gen­ter Mann, der weiß genau, was er treibt. Der ärgert sich natür­lich über jede Grenze, die ihm gesetzt wird, und ver­sucht die irgend­wie zu aus­zu­deh­nen oder zu durch­bre­chen, aber letzt­lich ist das jemand, mit dem man reden kann und der Argu­men­ten zugäng­lich ist.

Es gibt aber auch Leute, die über­haupt nicht zugäng­lich sind. Da muss man es  unter Umstän­den zulas­sen oder mit Gewalt ver­hin­dern, das pas­siert dann schon, aber ganz sel­ten. Im Grunde sind das alle Vor­gänge von enger Zusam­men­ar­beit, lan­ger Dis­kus­sion und gemein­sa­mem Ergeb­nis. Eigent­lich ist Thea­ter auch nur so gut und kann auch nur so was werden.

Ich ver­mag mich über­haupt nicht zu sehen in Oppo­si­tion oder gar in einer Feind­schaft zu den Krea­tiv­pro­du­zen­ten, zu Regis­seu­ren, zu Dra­ma­tur­gen oder Büh­nen­bild­nern, son­dern ich sehe mich als ein Ermög­li­cher, zumin­dest als jemand, der sol­che Sachen freund­schaft­lich beglei­tet und ver­sucht, die Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen so gut zu gestal­ten, wie es eben geht.

Lesen sie nächs­ten Mon­tag, im drit­ten und letz­ten Teil, Lud­wig von Ottings Mei­nung zur Ham­bur­ger Kul­tur­po­li­tik und über die Insze­nie­run­gen, die er nicht ver­ges­sen mag …

Mat­thias Schu­mann (kms)