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7. April 2011

Atomic Lifestyle – Von guter und böser Literatur.

Vor­be­mer­kung: Die Gewin­nung von Strom aus Atom­re­ak­to­ren ist eine extrem frag­wür­dige Art der Ener­gie­ge­win­nung. Die Tech­no­lo­gie ist schwer zu kon­trol­lie­ren und ver­ur­sacht nach dem der­zei­ti­gen Stand der Tech­nik Rest­müll, der auf jahr­hun­der­te­lange Sicht nicht zu ent­sor­gen ist. Des­we­gen ist jede Aus­stiegs­über­le­gung mit Sicher­heit gut und rich­tig. Punkt.

Der Deut­sche hat per se viel Angst. Kata­stro­phen säu­men sei­nen Lebens­weg. Schnee­ka­ta­stro­phen mit »von der Außen­welt abge­schnit­te­nen« Dör­fern, in denen sich die Fern­seh­teams tum­meln (wie sind die da hin­ge­kom­men?), Schwei­ne­pest und Vogel­grippe, all das erfor­dert sofor­tige Maß­nah­men zur Absi­che­rung der gefähr­de­ten Bevöl­ke­rung. Am bes­ten von der Regie­rung und das schnell. Exper­ten aller Art sind omni­prä­sent in allen berich­ten­den Medien, es bil­den sich schnelle Ein­greif­trup­pen gegen Schnee, Schweine und andere gefähr­li­che Bedro­hun­gen. Die in neuen Tagen unbe­dingt erfor­der­li­chen Facebook-Gruppen und Web­logs gegen die Gefahr und für die Soli­da­ri­sie­rung mit den »Betrof­fe­nen« ent­ste­hen im Minu­ten­takt. Ein Zustand, den man auch hys­te­risch nen­nen könnte, Frank Schirr­ma­cher hat uns in sei­ner FAZ jüngst erklärt, warum das so ist und warum das auch gut so ist.

Vor eini­gen Wochen ist in Japan ein furcht­ba­res Unglück pas­siert, eine Natur­ka­ta­stro­phe beson­de­ren Aus­ma­ßes mit beson­de­ren Fol­gen. In der Folge wurde ein »siche­res« Atom­kraft­werk zer­stört und ist seit­dem in einem größ­ten­teils unkon­trol­lier­ba­ren Zustand. Das ist, beson­ders für Japan, schlimm, sehr schlimm sogar, denn es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass große Teile der dicht besie­del­ten Region lang­fris­tig unbe­wohn­bar sein wer­den und viele Men­schen unter den Fol­gen von Fall­out und Strah­lung zu lei­den haben wer­den oder gar ster­ben müssen.

Vor 6 Jah­ren haben die Deut­schen sich eine Kanz­le­rin gewählt, die den von der Vor­gän­ger­re­gie­rung initi­ier­ten Aus­stieg aus der Risi­ko­tech­no­lo­gie wie­der rück­gän­gig gemacht hat. Sie erhoff­ten sich von einer kon­ser­va­ti­ven Wende wohl auch mehr Sicher­heit in wirt­schaft­lich schwie­ri­gen Zei­chen, da war der Atom­aus­stieg auch nur ein Kol­la­te­ral­scha­den. Uner­müd­lich blie­ben die stand­haf­ten Castor-Gegner im Wend­land, ansons­ten war es still, ande­res war wich­ti­ger. Als nun die Welle über das weit ent­fernte Land rollte und dabei auch den Gedan­ken an die Sicher­heit der Anla­gen weg­spülte, da war sie wie­der da, die deut­sche Angst. In der Tat kauf­ten die Men­schen in die­sem Land Gei­ger­zäh­ler und Jod­ta­blet­ten um sich vor etwas zu schüt­zen, was etwa 9.000 km wei­ter in west­li­cher Rich­tung pas­siert war. Und es geschah all das, was zu erwar­ten war und man auch von den vie­len ande­ren deut­schen Kata­stro­phen kannte. Unzäh­lige Facebook-Nutzer schmück­ten ihre Ava­tare mit den schon in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen Antiatomkraft-Button, den man einst vor Brok­dorf und in Wackers­dorf am Parka trug, Grup­pen wur­den gegrün­det und die Web­logs á la »aus​stieg​-jetzt​.de« spros­sen aus den Wei­ten des deut­schen Inter­net­zes. Prompt ver­lor die CDU in ihrem Stamm­land Baden-Württemberg die Wahl und dort zog ein grü­ner Regie­rungs­chef in den Land­tag ein. Die Kanz­le­rin setzte die Lauf­zeit der Alt­re­ak­to­ren in Deutsch­land aus.

Aber wir wären nicht in Deutsch­land, wenn das alles nicht beson­ders gründ­lich gemacht würde. Auf den schi­cken Alfas in Win­ter­hude pappte plötz­lich der Auf­kle­ber mit der lus­ti­gen Sonne, und der Satz, man sei ja »schon immer« dage­gen gewe­sen, war plötz­lich auch im begü­ter­ten Eppen­dorf zu hören. »Bio« kauft man ja sowieso. Es ist schön, dass die Ener­gie­de­batte somit auch die Teile der Gesell­schaft erreicht, die bis­lang mit ihren sprits­au­fen­den SUVs zum Ise­markt gefah­ren sind. Sie tun es im Übri­gen auch weiterhin.

Seine poli­ti­sche Mei­nung kund­zu­tun und gegen Unge­rech­tig­kei­ten zu kämp­fen, ist ein schö­ner Bestand­teil der demo­kra­ti­schen Kul­tur der Bun­des­re­pu­blik, viele gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen in die­sem Staat haben auf der Straße begon­nen. Für die Kul­tur zu strei­ten ist ebenso not­wen­dig und kann etwas bewir­ken, die jüngs­ten Pro­teste gegen die Etat­kür­zun­gen am Ham­bur­ger Schau­spiel­haus und die dar­auf fol­gende ver­lo­rene Wahl für die Ver­ur­sa­cher der Misere zei­gen das deut­lich. Ham­burg hat die Kul­tur nötig, vor allem eine Kul­tur, die sich nicht am Gla­mour­fak­tor ori­en­tiert, son­dern die sich im öffent­li­chen Raum prä­sen­tiert und an die Bür­ger her­an­tritt. Vor 13 Jah­ren wurde ein inter­na­tio­na­les Lite­ra­tur­fes­ti­val unter dem etwas hei­me­li­gen Namen »Ham­bur­ger Lese­tage« begrün­det, seit fast 10 Jah­ren spielt die­ses Fes­ti­val unter den gro­ßen Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen in der Repu­blik mit, das Pro­gramm ist groß und viel­fäl­tig, mit Kin­der– und Erwach­se­nen­pro­gramm, und es fin­det in allen Stadt­tei­len statt, auch in den Rand­be­zir­ken und in soge­nann­ten Pro­blem­vier­teln. Der Begrün­der und Ver­an­stal­ter die­ses Fes­ti­vals war und ist der Haupt­en­er­gie­ver­sor­ger der Stadt, die Ham­bur­gi­schen Electricitäts-Werke AG, HEW. Der Senat, ein rot-grüner übri­gens, ver­kaufte die HEW im Jahr 2002 an Vat­ten­fall, einen schwe­di­schen Kon­zern. Und da wird es offen­bar schwie­rig für den nun­mehr wach­ge­küss­ten Teil der Atom­kraft­geg­ner. Demons­trierte man in den 70er und 80er Jah­ren noch gegen die Kraft­werke in der Hand der loka­len Ener­gie­ver­sor­ger und somit gegen den Staat, rich­tet sich der dif­fuse Zorn nun­mehr gegen das – für die Pro­test­ler offen­bar ebenso dif­fuse –  Gebilde eines inter­na­tio­nal ope­rie­ren­den Groß­kon­zerns. Das ist für viele sicher­lich noch mehr beängs­ti­gend. Der die deut­sche Angst ist über­all, auch hier.

Aber eben da fängt die Malaise an, jeden­falls für die Lese­tage. Im 13. Jahr sei­ner Exis­tenz ist das Fes­ti­val näm­lich eine »Greenwashing-Kampagne« die­ses »bösen« Ener­gie­mul­tis und alle Teil­neh­mer sind plötz­lich Lob­by­is­ten eines »Drecks­kon­zerns« – so zumin­dest Mei­nung der Gegner.

Das ist sicher­lich eine wenig dif­fe­ren­zierte Mei­nungs­äu­ße­rung – aber man kann sie als sol­che akzep­tie­ren. Man kann auch akzep­tie­ren, dass ein klei­nes Off-Festival gegrün­det wird, das sich »Lese­tage sel­ber machen« nennt und sich als Alter­na­tive zu den Lese­ta­gen gene­riert. Das ist eine Berei­che­rung des Ange­bots, man bie­tet hier auch Auto­ren, die auf dem gro­ßen Fes­ti­val bis­lang noch nicht auf­ge­tre­ten sind, die Mög­lich­keit sich zu prä­sen­tie­ren, das Ganze aller­dings ohne Hono­rar. Auch das ist keine schlechte Sache.

Was aber nicht akzep­ta­bel ist und damit lei­der das ganze Anlie­gen kom­plett dis­kre­di­tiert, ist die Über­zeu­gung der Festival-Gegner, sie seien auf der mora­lisch rich­ti­gen Seite und die dar­aus resul­tie­rende Art und Weise der Angriffe auf jene, die sie zu über­zeu­gen glau­ben müs­sen. Lei­der kann man das nicht anders als hane­bü­chen bezeich­nen. Wenn Auto­ren öffent­lich an den Pran­ger gestellt wer­den, weil sie an den Lese­ta­gen teil­neh­men, per­sön­lich ange­schrie­ben und übel beschimpft wer­den, dass sie nicht bei »den Guten« sind; sie auf­ge­for­dert wer­den, ihre Ver­träge nicht zu erfül­len, son­dern hono­rar­frei bei der Off-Alternative auf­zu­tre­ten, dann ist das nicht nur ein Anschlag auf die Auto­ri­tät von renom­mier­ten Den­kern und Schrei­bern, die mit Sicher­heit nicht der »Auf­klä­rung« bedür­fen, ob sie mora­lisch rich­tig han­deln. Son­dern es han­delt sich um einen Ein­griff in die Frei­heit der Kunst mit Metho­den aus längst ver­gan­gen erhoff­ten Zeiten.

Wel­che Mei­nung haben diese Initia­to­ren denn eigent­lich von Auto­ren, dass sie Ihnen nicht ein­mal zutrauen, ihre Mei­nungs­bil­dung selbst vor­zu­neh­men? Und wenn dann auch einem öffentlich-rechtlichen Sen­der, der über die Ver­an­stal­tun­gen berich­tet und frei­wil­li­ger Medi­en­part­ner ist, in einem offe­nen Brief an die Inten­danz unter­stellt wird, es seien obskure Ver­träge geschlos­sen wor­den, womög­lich noch unter dem Fluss von Geld­mit­teln und im glei­chen Schrei­ben dazu auf­ge­for­dert wird, die Bericht­er­stat­tung zu unter­las­sen, dann kann man da nur noch mit den neu­lich so tref­fen­den Wor­ten von Judith Holo­fer­nes kom­men­tie­ren: »Ich glaube, es hackt!« Sol­che Metho­den erin­nern lei­der nicht nur von Ferne an die Medi­en­be­ein­flus­sung in tota­li­tä­ren Sys­te­men. Eigent­lich könnte sich die Par­tei »Die Linke«, die auf der Welle mit­schwimmt, auf Flug­blät­tern zu Stö­run­gen der Lesun­gen auf­ruft, noch erin­nern, wie das damals war.

Hat sich da jemand die­ser Stör­wil­li­gen auch nur ein­mal Gedan­ken gemacht über die Situa­tion der Lite­ra­tur in der Gesell­schaft? Der Lite­ra­tur­be­trieb ist ein sich selbst befruch­ten­des Sys­tem, die Auto­ren, obgleich Pro­du­zen­ten, sind deren schwächs­tes Glied. Viele von Ihnen kön­nen vom Ver­kauf ihrer Bücher nicht leben, nicht ein­mal soge­nannte renom­mierte Auto­ren. Sie leben von Prei­sen, von Sti­pen­dien und von den Hono­ra­ren bei ihren Lesun­gen. Fes­ti­vals wie die Lese­tage und die lit.Cologne sind wich­tige Bestand­teile der sozia­len Struk­tur des Lite­ra­tur­be­trie­bes, und eine wich­tige Berei­che­rung in der Kul­tur­land­schaft der Städte. Eine Lese­reise ist keine Show­tour­nee, und die gezahl­ten Hono­rare, seien sie von Buch­hand­lun­gen oder auch ande­ren Ver­an­stal­tern gezahlt, gehö­ren zum müh­sa­men Brot­er­werb der Künst­ler. Zer­stört man die Fes­ti­vals, und daran wird ja hier anschei­nend mas­siv gear­bei­tet, ver­schwin­den diese Auf­tritts­mög­lich­kei­ten und kön­nen auch nicht durch ein wie auch immer gear­te­tes Off-Programm aus­ge­gli­chen wer­den. Und damit ist immer noch kein Reak­tor abge­schal­tet. Aber ein Festival.

Und es stellt sich die Frage nach der Wer­tig­keit von Kul­tur­spon­so­ring über­haupt. Müs­sen wir uns dar­auf gefasst machen, dass durch eine, wie auch immer gear­tete poli­ti­sche Stel­lung­nahme alle Ver­an­stal­tun­gen, die nicht, getreu der 70er Jahre-Parole »umsonst und drau­ßen« sind, ein­ge­stellt wer­den sol­len? Müs­sen wir in Zukunft auf die lit.Cologne ver­zich­ten, weil deren Haupt­spon­sor Rhei­n­En­er­gie ist, die ers­tens Ölkraft­werke (CO2!) und zwei­tens zu 20% dem Atom­kraft­wer­ke­be­trei­ber RWE gehört? Gehört das Schles­wig Holstein-Musik-Festival abge­schafft, weil es einen gro­ßen Teil sei­ner Spon­so­ren­gel­der on eon bekommt, die ja auch zur »bösen« Atom­lobby gehö­ren? Die öffent­li­che Hand wird diese Aus­fälle bei wei­ter­hin sin­ken­den Kul­tur­etats nicht leis­ten kön­nen, und damit ist es dann vor­bei mit sol­chen Ver­an­stal­tun­gen. Und man möge sich fra­gen, ob man Botticelli-Gemälde in Zukunft in die Maga­zine ver­ban­nen sollte, schließ­lich stand der Künst­ler unter Ver­trag einer äußerst zwei­fel­haf­ten Dynas­tie, der Medici, Macht­po­li­ti­kern ers­ter Güte mit durch­aus unfei­nen Metho­den. Kunst kommt ohne Mäze­na­ten­tum nicht aus, damals nicht, und heute noch weni­ger. Ein bekann­ter Ham­bur­ger Autor hat das auf dem Thea­ter schön in Worte gefasst: »… die Kunst geht nach Brot.« Das war vor über 200 Jah­ren, der Autor hieß Gott­hold Ephraim Lessing.

So ein­fach ist das eben alles nicht. Und des­we­gen wird das HAMBURGER FEUILLETON von den Vat­ten­fall Lese­ta­gen wei­ter berich­ten. Wenn die Sache nicht so abge­glit­ten wäre, hät­ten wir uns die andere Seite auch gerne ange­schaut. So aber nicht.

(Den Bericht vom gest­ri­gen Lesetage-Salon mit den Auto­ren Moritz Rinke, Mat­thias Göritz und der Lesetage-Programmleiterin Bar­bara Heine rei­chen wir dem­nächst nach.)

Mat­thias Schu­mann (kms)