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16. Januar 2012

»Das Thalia ist ein Geschenk.«

Drit­ter und letz­ter Teil des gros­sen HAMBURGER FEUILLETON-Interviews mit dem Thalia-Geschäftsführer und Autor Lud­wig von Otting

Dicke Personalakte: Ludwig von Otting beim Gespräch (Photo: Stefan Albrecht/HHF)
Dicke Per­so­nal­akte: Lud­wig von Otting beim Gespräch (Photo: Ste­fan Albrecht/HHF)

Im drit­ten Teil unse­res Inter­views äußert sich Lud­wig von Otting zu Ver­gan­gen­heit und Zukunft in der Ham­bur­ger Kul­tur­po­li­tik und beschreibt seine per­sön­li­chen Büh­nen­lei­den­schaf­ten. Unse­ren bereits ver­öf­fent­lich­ten 13-minütigen Interview-Film »Der Ermög­li­cher« fin­den sie auf die­ser Seite des HAMBURGER FEUILLETONS.

Stich­wort Ham­bur­ger Kul­tur­po­li­tik: Das muss natür­lich kom­men, wir haben eine har­tes Jahr hin­ter uns (Anmer­kung: Das Inter­view wurde im März 2011 geführt), mit den gan­zen Schau­spiel­haus­que­re­len, von ihnen stammt die­ses sehr def­tige Zitat mit dem »ros­ti­gen Nagel im Kopf«. Gab’s da ein Feed­back, kam da was zurück von der Behörde?
Nein, über­haupt nicht. So ein paar Behör­den­mit­ar­bei­ter haben mir zuge­flüs­tert, dass sie das Klasse gefun­den hät­ten. Aber das Zitat, das muss man dazu sagen, war gemünzt auf den Finanz­se­na­tor und auf kei­nen ande­ren,  von des­sen Haus­halts­di­rek­tor stammt eigent­lich die­ser Satz, dass er nicht ver­steht, warum die Staats­thea­ter Sub­ven­tio­nen brau­chen, wo der »König der Löwen« ohne Sub­ven­tio­nen auskommt.

Die rea­gie­ren nie auf so was. Ich weiß zwar, dass ich in der Kul­tur­be­hörde eine dicke Per­so­nal­akte habe. Frau von Welck hat mir mal irgend­wel­che pole­mi­schen Ver­feh­lun­gen vor­ge­hal­ten, die echt 15 Jahre zurück lagen, die in der Zei­tung damals zitiert wor­den waren. Das sam­meln die alles.

Ein Dos­sier von Otting?
Eine Per­so­nal­akte. Das ist ja erst mal ein nor­ma­ler Vor­gang. Und als ich erfuhr, dass ich eine habe – ich wusste das gar nicht – habe ich gebe­ten, sie mir zu zei­gen, und dann haben die mir dann die­ses dicke Ding vor­ge­legt. Dann hab ich gesagt, Leute, steckt’s wie­der weg, ich will’s gar nicht sehen.

Hat sich was ver­än­dert, wir haben eine Wahl gehabt? Ist die Krise jetzt vor­bei?
Sagen wir mal, wir haben ganz gute Chan­cen auf eine pro­fes­sio­nelle Behör­den­lei­tung, das macht erst ein­mal gute Laune. Aber was dar­aus wird, das weiß der liebe Him­mel. Ich bin da vor­sich­tig. Die Geschol­te­nen sind oft die die­je­ni­gen, denen man hin­ter­her am dank­bars­ten ist, und die von allen gehy­ped und geliebt wer­den, sind oft die, die man am wenigs­ten ach­tet, da habe ich schon sehr ver­schie­dene Sachen erlebt. Müs­sen wir mal abwarten

Ist die neue Kul­tur­se­na­to­rin Bar­bara Kis­se­ler so eine Art Hoff­nungs­trä­ge­rin für die Ham­bur­ger Kul­tur­szene?
Naja, die Hoff­nung wird ja, wenn man so will, vom Bür­ger­meis­ter getra­gen. Der hat tat­säch­lich der Kul­tur demons­tra­tiv den Rang ein­ge­räumt, zu sagen, ich brau­che da eine gute erste Beset­zung und hat das dann auch umgesetzt.Das macht einem schon Hoff­nung, wenn Kul­tur nicht das letzte Res­sort ist, wo sie mona­te­lang irgend­wen suchen und dann aus irgend­ei­nem Win­kel irgend­je­mand her­vor­zer­ren, der dann die­sen Job macht.

Da haben wir ja auch eine leid­volle Geschichte hier in Ham­burg …
Leid­volle Geschichte, ja. Man kann aber auch einen sehr tol­len Kul­tur­se­na­tor haben, über den man sich per­sön­lich schwarz ärgert, weil der viel­leicht andere Spar­ten oder Insti­tute bevor­zugt. Wir haben gott­sei­dank mit denen nicht soviel zu tun.

Um mal die Kir­che im Dorf zu las­sen, die Kul­tur­be­hörde muss ers­tens den Inten­dan­ten bestim­men alle 5 Jahre, dann ist das wich­tigste Kapi­tel abge­schlos­sen, und dann müs­sen die zusam­men mit dem Auf­sichts­rat dar­über wachen, das wir unser Geld anstän­dig aus­ge­ben, aber das ist eigent­lich auch nur ein dar­über wachen, und wenn wir das anstän­dig machen, dann mischen die sich auch nicht wei­ter ein.

Und dann gibt’s 3. immer mal  ein paar Son­der­pro­bleme, am Rande und drum herum, da gibt’s in der Behörde ein paar Leute, die sehr hilf­reich sind, die man fra­gen kann.

Da sind sicher etli­che kom­pe­tente Figu­ren in der Behörde, die haben halt in letz­ter Zeit nicht mehr sehr gut zusam­men­ge­ar­bei­tet, unter den ver­schie­de­nen Lei­tun­gen brach das alles ein und wurde immer grösser.

Frau von Welck hatte den Appa­rat noch­mal auf­ge­schwellt, für eine Mil­lion neue Stel­len  geschaf­fen – voll­kom­men wahn­sin­nig – das sind jetzt hun­derte von Men­schen in die­ser Behörde. Sie haben für jeden Staub­fus­sel ein eige­nes Refe­rat, ein Sekre­ta­riat und so, aber der Out­put ist eher überschaubar.

Nun gibt es offen­bar die Pläne, den Rie­sen­bal­lon, die Elb­phil­har­mo­nie, die­sen Etat viel­leicht in eine andere Behörde zu ver­la­gern. Das kann unter Umstän­den viel­leicht ent­las­ten …?
Das ist ja wurscht, wenn die das von der Brust­ta­sche in die Sei­ten­ta­sche oder in die Hosen­ta­sche schieben.

Ham­burg muss dafür zah­len, die müss­ten einen Betriebs­haus­halt her­zau­bern  und pro Jahr bestimmt einen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag auf­brin­gen, um diese Insti­tu­tion über­haupt ver­nünf­tig zu führen.

Das ist schon ein enor­mes Kuckucksei, was sich die vorige Regie­rung da geleis­tet hat, ohne tat­säch­lich die Kos­ten zu über­bli­cken, ohne sie kon­trol­lie­ren zu kön­nen. Das ist hand­werk­lich das größte Desas­ter, von dem ich jemals aus so einer Nähe Kennt­nis genom­men habe.

Zurück zum Thea­ter – gibt es Stü­cke, die so rich­tig kle­ben geblie­ben sind über die Jahre?
Natür­lich eine ganze Reihe von Insze­nie­run­gen gibt es, die für mich per­sön­lich sehr wich­tig sind, und große Erleb­nisse waren. Es gibt jedes Jahr ein, zwei Insze­nie­run­gen die ich groß­ar­tig finde. Ich bin jemand, der ins Thea­ter geht und an irgend­ei­ner Ecke auf­ge­regt wer­den möchte. Ich möchte nicht beru­higt wer­den, nicht erho­ben wer­den, ich möchte eine Szene sehen, die mich total über­rascht, eine Figur sehen, die so ist, wie ich sie noch nie gese­hen habe in der Rolle.

Als Bei­spiel: Fritz Lich­ten­hahn als Zet­tel im Som­mer­nachts­traum von Gosch in 1987. Das war keine durch­ge­hend geglückte Auf­füh­rung, aber die­ser Fritz Lich­ten­hahn ist mir – da gibt es einen Mono­log von Zet­tel, wo der erwacht aus sei­nem Traum – der ist mir so unver­ges­sen, dass ich häu­fig – zuletzt übri­gens heute mor­gen – daran den­ken muss. Das ist einer der ganz gro­ßen Thea­ter­mo­mente mei­nes Lebens.

Dann kom­men natür­lich Arbei­ten von Flimm, sein Pla­to­nov, auch frü­her schon,  in der Gobert-Zeit, gab es Flimm-Aufführungen, »Sol­da­ten« und »Edu­ard II und so was, die für mich ein­fach zum Fun­dus des­sen gehö­ren, was meine Erin­ne­rungs­exis­tenz aus­macht.  Und dann Wil­son, natür­lich »Black Rider«, das ist für mich mein Pro­duk­ti­ons­groß­er­eig­nis gewe­sen, weil ich da auch per­sön­lich sehr stark am Zustan­de­kom­men betei­ligt war. Das geht hin bis zu Krie­gen­burg, von dem es groß­ar­tige Auf­füh­run­gen, wie »Die schmut­zi­gen Hände« oder »Das letzte Feuer« gab, die ich wahn­sin­nig geliebt habe.

Mit die bes­ten Auf­füh­run­gen von Krie­gen­burg waren in der Gauß­strasse, die hat, etwas poin­tiert gesagt, kein Mensch gese­hen, da gab es mal so eine Reihe von Kurzin­sze­nie­run­gen, das »Maga­zin des Glücks«, Texte von Dea Loher. Zum Bei­spiel der Mono­log, wo Mark­ward Müller-Elmau hin­ter einer Milch­glas­scheibe die Frau von Hel­mut Kohl gespielt hat, klingt nach einem schlech­ten Scherz, war’s aber nicht. Das war einer der bewe­gends­ten und berüh­rends­ten Momente, die Frau, die durch ihre Lich­tall­er­gie daran gehin­dert war, die Welt noch wirk­lich wahr zu nehmen …

Es gibt aber auch in die­ser Ägide Insze­nie­run­gen, die unge­heuer wich­tig sind, ich finde der »Woyzeck« von der Jette Ste­ckel ist so eine Auf­füh­rung. Ich bin sehr glück­lich, dass Luk Per­ce­val jetzt hier ist, des­sen »Ham­let«, des­sen »Othello«, sind  unfass­bar gute Auf­füh­run­gen. Ich kann mich immer wie­der neu ent­zün­den, des­we­gen bin ich am Thea­ter, weil ich mich so gern in Flam­men set­zen lasse, weil ich das genieße. Ich genieße es aber auch, wenn ich heu­len kann im Thea­ter. Wenn es rich­tig zur Sache geht, kön­nen sie mich Rotz und Was­ser heu­len sehen, und ich amü­siere mich auch­gerne. Ich liebe die Schau­spie­ler und die Regis­seure dafür, da geht so rich­tig mein gan­zes Herz­blut rein.

Bei die­ser Begeis­te­rung, wie wird das sein, wenn sie ein­mal nicht mehr direkt an so einem Haus arbei­ten, wird das schwer wer­den für sie?
Ich freu mich dar­auf, wenn ich mal end­lich Thea­ter sehen kann, ohne dafür immer ver­ant­wort­lich zu sein  oder es aus einem Kon­kur­renz­blick zu sehen. Ich geh jetzt schon sehr gern in andere Thea­ter, wo ich ein­fach ent­spannt was gucken kann, wo ich auch Insze­nie­run­gen sehen kann, die ich toll finde, wo aber die Leute raus­ge­hen in Scha­ren, was ja bei mir im Thea­ter doch ziem­li­che Kopf­schmer­zen macht, ich hab’s gar nicht gern, wenn die Leute die Auf­füh­run­gen hassen.

Thea­ter ist nicht immer Herz­blut, es ist auch manch­mal Galle, ich ärgere mich auch oft über unse­ren eige­nen Kram, ich genier mich oft in Grund und Boden und ich warte halt immer wie­der dar­auf, dass ich ange­zün­det werde, dass es mich zu Trä­nen rührt und das pas­siert auch immer wie­der. Ich bin  froh, wenn ich neue Insze­nie­run­gen sehe, Hand­schrif­ten ent­de­cken kann und neue Zugänge fin­den kann, zu Stü­cken die ich schon x-mal gese­hen habe

Gibt es noch andere Kol­le­gen, bei denen Kunst und Ver­wal­tung ähn­lich eng ver­zahnt sind.
Die haben alle irgend­wie ne kleine Nei­gung zur Kunst, mal mehr, mal weni­ger. Die meis­ten sind eher ein biss­chen tro­cken natür­lich, der Typus ver­hin­der­ter Künst­ler, der ich bin, der ist nicht der Regeltypus.

Wär das ein Job gewe­sen, wenn jemand gesagt hätte: Ret­ten sie das Schau­spiel­haus?
Das kam ja immer wie­der, Flimm hatte ja schon Ange­bote, das Schau­spiel­haus zu über­neh­men. Als ich so Mitte 40 war, hab ich gedacht, das wär eine Auf­gabe, inzwi­schen denk ich mir, das muss ich mir nicht mehr antun.

Das ist ein schwe­res Haus, oder?
Viel schwe­rer als das Tha­lia, das Tha­lia ist ja ein Geschenk. Das Schau­spiel­haus ist eine Auf­gabe, das Tha­lia ist ein Geschenk.

Ein schö­nes Schluss­wort. Vie­len Dank für das Gespräch!
Da nich für …

Mat­thias Schu­mann (kms)

15. September 2011

Der Ermöglicher

Thalia-Geschäftsführer Lud­wig von Otting im Gespräch


Im Thea­ter gibt es immer Men­schen, die hin­ter den Kulis­sen arbei­ten, die kaum jemand kennt und ohne die fast nichts mög­lich wäre. Dazu gehö­ren in den gro­ßen Häu­sern nicht nur die Mit­ar­bei­ter der tech­ni­schen Abtei­lun­gen wie Büh­nen­werk­stät­ten, Licht­tech­ni­ker und Ton­meis­ter, son­dern auch die der Verwaltung.

Eine der inter­es­san­tes­ten die­ser grauen Emi­nen­zen der deut­schen Thea­ter­land­schaft ist sicher­lich der lang­jäh­rige Geschäfts­füh­rer des Ham­bur­ger Tha­lia Thea­ters, Lud­wig von Otting.

Er ist nicht nur für die Finan­zen des Hau­ses am Als­ter­tor zustän­dig, son­dern auch seit vie­len Jah­ren und über drei Inten­dan­zen hin­weg inten­siv in den Spiel­be­trieb involviert.

Seit eini­ger Zeit macht er auch als Autor von sich reden, unter dem Pseud­onym »Leuw von Kat­zen­stein« schreibt er aben­teu­er­li­che Jugend­bü­cher über Pira­ten und Seeungeheuer.

Wir tra­fen Lud­wig von Otting Anfang März an sei­ner Wir­kungs­stätte, im Tha­lia Thea­ter, und führ­ten ein lan­ges Inter­view mit ihm über das Thea­ter, die Bücher und die Ham­bur­ger Kulturpolitik.

Die gekürzte Film­fas­sung ist ab heute exklu­siv im HAMBURGER FEUILLETON zu sehen, die aus­führ­li­chere Print­fas­sung wer­den wir nach­fol­gend – als mehr­tei­lige Serie – im Wochen­rhyth­mus an die­ser Stelle prä­sen­tie­ren. Den ers­ten Teil »Der älteste Zie­gel­stein in der Mauer des Thea­ters« kön­nen sie hier lesen.

Wir dan­ken Ste­fan Albrecht (www​.bes​te​bil​der​.de) und sei­nem Team, der die­sen Bei­trag für uns ermög­licht hat und Rachel Mischke für die groß­ar­tige Post Production.

Mat­thias Schu­mann (kms)

2. März 2011

Alle dabei. Keiner dagegen.

Alles in Butter? (© askaja - Fotolia.com)
Alles in But­ter? (© askaja — Foto​lia​.com)

Stadt ist Kul­tur – ein Plä­do­yer für Ham­burg“ heißt die Ver­an­stal­tung auf Kamp­na­gel, zu der sich irgend­wie alle im K2 ver­sam­meln, die mit Kul­tur zu tun haben. Schon im Titel liegt der Hund begra­ben: Jeder darf ein Plä­do­yer hal­ten – für die Kul­tur – und ein biss­chen Dampf ablas­sen über die jüngs­ten Miss­griffe und Fehl­ent­schei­dun­gen der Kul­tur­po­li­tik. Das fällt mal amü­san­ter aus, mal etwas tro­cke­ner, der Tenor jedoch ist klar: Man ist sich einig. Das Publi­kum jubelt, man fei­ert sich ein biss­chen, und ein Buch darf man auch mit nach Hause neh­men mit so schö­nen Bei­trä­gen wie »Für eine Kul­tur des Mit­ma­chens« oder »Kul­tur ist Lebens­mit­tel«. Neues erfährt man dabei wenig. Da spricht jede kul­tu­relle Sparte so ein biss­chen über Freud und Leid in der Arbeit. Grund­te­nor: Zu wenig Geld, zu wenig Geld und – immer wie­der – zu wenig Geld.

Kampnagel-Intendantin Ame­lie Deuf­lhard macht den Anfang und erzählt von Ent­schei­dun­gen der Poli­tik zuguns­ten über­di­men­sio­nier­ter Reprä­sen­ta­ti­ons­ob­jekte (Elb­phil­har­mo­nie) und gegen eine leben­dige, viel­fäl­tige Kul­tur­land­schaft. Kul­tur müsse für Ham­burg wie­der Nah­rung wer­den, nicht das Sah­ne­häub­chen oben drauf. Ein schö­nes Bild, ein kla­res State­ment, gewusst haben das alle Betei­lig­ten auch schon vor­her. Da klagt Kunstverein-Vorsitzender Harald Fal­cken­berg (der für seine Samm­lung in den Phö­nix­hal­len gerade von der Stadt einen Zuschuss in Höhe von 500.000 Euro erhal­ten hat) dar­über, dass Samm­lun­gen nahezu nur noch über ihre Wech­sel­aus­stel­lun­gen einen Reiz für die Besu­cher dar­stel­len. Kunsthallen-Direktor Huber­tus Gaß­ner bringt die pro­ble­ma­ti­sche Zusam­men­ar­beit von Poli­tik und Kunst in den letz­ten Jah­ren auf den Punkt: »Ich habe weder eine Samm­lung noch ein Haus. Ich habe nur Sie als Publi­kum – was ja nicht so schlecht ist.« Jubel im Zuschau­er­raum.
Klare Einig­keit und Ärger auf dem Podium über das Ham­bur­ger Stadt­mar­ke­ting: Eine Stadt wie Ham­burg gehört nicht jedes Jahr neu »gela­belt« von der Kul­tur– zur Umwelt­haupt­stadt und zur Stadt der Thea­ter. Man wünscht sich ein kon­stan­tes und vor allem kla­res Bekennt­nis zu Ham­burgs kul­tu­rel­ler Viel­falt – und nicht einen Neben­ver­merk über das Thalia-Theater, wäh­rend »König der Löwen« in der Image-Broschüre ganz­sei­tig bewor­ben wird.

Oder wie Film­pro­du­zen­tin und Regis­seu­rin Ulrike Grote nach einer flam­men­den Lie­bes­er­klä­rung an die Film­land­schaft in Ham­burg ein­drück­lich sagt: »Ham­burg trägt ein Tor in sei­nem Wap­pen und sollte das als Auf­trag anneh­men.« Von den Bil­dern im Film zum Ham­bur­ger Stadt­bild: Kon­stan­tin Klef­fel, Prä­si­dent der Archi­tek­ten­kam­mer, plä­diert für Orte des Dia­logs mit den Bür­gern. Er wolle kein Stutt­gart 21 hin­auf­be­schwö­ren, aber es bräuchte eine »Stadt­werk­statt« für die Bür­ger­be­tei­li­gung am Städ­te­bau sowie ins­ge­samt Räume zum Aus­tausch geschaf­fen wer­den müss­ten.
Thalia-Intendant Lux spricht letzt­lich aus, was viele ins­ge­heim den­ken, wenn er sagt, er sei der Debat­ten müde. Hier möchte einer Thea­ter machen und nicht stän­dig über des­sen Legi­ti­ma­tion dis­ku­tie­ren müs­sen. Dass Kul­tur und Bil­dung zum Plat­zen einer Regie­rung geführt hät­ten, zeige doch deren Stel­len­wert. Die Dis­kus­sio­nen um Ham­bur­ger Schau­spiel­haus und Schul­sys­tem seien es schließ­lich gewe­sen, die die schwarz-grüne Regie­rung in Miss­kre­dit gebracht hät­ten. Lux´ State­ment gerät zum Auf­ruf, die Synergie-Effekte zwi­schen den Insti­tu­tio­nen zu nut­zen, Freun­des­kreise zu ver­net­zen und dadurch Kräfte freizusetzen.

Regis­seur Nico­las Ste­mann ent­zieht sich der Debatte char­mant – und plä­diert genau für die­sen Rück­zug. Er liest seine Para­bel über den Anti-Helden Peter Neu­hau­sen, der den schwer­wie­gen­den Ent­schluss fasst, sei­nen Eltern den Schritt weg von der Kunst­schule hin zum Spar­kas­sen­an­ge­stell­ten mit­zu­tei­len. Wäh­rend der Über-Vater  in kaf­ka­es­ker Manier seine Gabel in den Schwei­ne­bra­ten rammt, kommt es zu Aus­ge­las­sen­heit auf und vor dem Podium – und zeigt zugu­ter­letzt: Machen muss die Kunst. Nicht kla­gen, den­ken, dis­ku­tie­ren. Ein guter Text, ein Film, der unter die Haut geht, Minu­ten, die man in der Kunst­halle vor einem Bild steht und das Gedrän­gel um sich ver­gisst – hier legi­ti­miert sich die Inves­ti­tion in Kultur.

Das haben alle schon vor­her gewusst. Dis­ku­tie­ren mag nach die­sen Plä­do­yers nie­mand mehr so recht, denn: Zu viel Einig­keit erstickt die Debatte im Kern. Und den­noch: Dass eine sol­che Ver­an­stal­tung statt fin­det, dass Kul­tur­schaf­fende sich tref­fen und nach Syn­er­gien suchen, wurde Zeit. Es braucht nur eine Platt­form dafür.

Nata­lie Fin­ger­hut (nf)

22. Dezember 2010

Schauspielhaus-Intendanz: Wer soll kommen?

Die Gerüch­te­kü­che bro­delt, der neue Inten­dant am Ham­bur­ger Deut­schen Schau­spiel­haus soll noch vor den Neu­wah­len beru­fen wer­den. Stim­men Sie ab, wer von den am hei­ßes­ten gehan­del­ten Kan­di­da­ten es Ihrer Mei­nung nach wer­den soll.

Nach­trag: Auf Nach­frage unse­rer Leser hier einige kurze Erläu­te­run­gen zu den ein­zel­nen Kandidaten.

Karin Beier: z. Z. Inten­danz in Köln, gilt als grosse Hoff­nung des Stadt­thea­ters, Köln boomt z. Z.

Ste­fa­nie Carp: War Dra­ma­tur­gin am Schau­spiel­haus unter Baum­bauer, hat da ein gutes Pro­fil gehabt, ist Schau­spiel­di­rek­to­rin bei den Wie­ner Festwochen.

Vol­ker Lösch: Haus­re­gis­seur in Stutt­gart, steht für Expe­ri­mente und die Ver­bin­dung von Laien und Pro­fis auf der Bühne, viele poli­ti­sche und soziale Themen

Mat­thias Lili­en­thal: Kommt aus Ber­lin, war Chef­dra­ma­turg an der Volks­bühne, lei­tet dort sehr erfolg­reich die Über­reste des Heb­bel­thea­ters »Heb­bel am Ufer«

Mat­thias Schu­mann (kms)

13. Oktober 2010

Gastbeitrag: Kultur geht anders als Shoppen

Kom­men­tar unse­res Gast­au­tors Anselm Lenz,
Dra­ma­turg in Hamburg

Seit Jah­ren, spä­tes­tens jedoch seit dem Mani­fest »Not in our Name, Marke Ham­burg«, for­miert sich ein Bünd­nis der Kul­tur­schaf­fen­den in Ham­burg gegen die Pro­zesse der Gen­tri­fi­zie­rung, »Even­ti­sie­rung« und »Durch­öko­no­mi­sie­rung« der Kul­tur­po­li­tik in Hamburg.

Für die Bür­ger und Kon­su­men­ten rich­ten sich Fra­gen auf das Ange­bot, die Ein­tritts­preise und die Qua­li­tät von Kul­tur in der Stadt. Dabei wer­den in der Dis­kus­sion immer wie­der Ver­glei­che zu Städ­ten wie bspw. Ber­lin, Wien, Ams­ter­dam oder Kopen­ha­gen gezo­gen. Das Inter­esse an kul­tu­rel­len Bio­to­pen, die expli­zit auch die freie Kunst-, Kul­tur– und Club­szene ein­schlie­ßen, schei­nen viel­fach aus­schlag­ge­bend für die Aus­wahl des Wohn-, Arbeits– und Stu­di­en­or­tes zu sein.

Die Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen
Die staat­li­che Kul­tur­för­de­rung hat in Ham­burg keine alte Tra­di­tion und geht zumeist auf bür­ger­li­che Initia­ti­ven zurück. (dazu zäh­len bspw. die Grün­dun­gen der heu­ti­gen Staats­thea­ter wie auch der Bücher­hal­len). So ist Ham­burg als alter mittel-/nordwesteuropäischer Han­dels­platz und regio­nale Stadt­macht als aus­ge­spro­chen ver­spä­tete Kul­tur­me­tro­pole zu bezeich­nen. Bei­spiel­haft sei hier­für die Grün­dung der Uni­ver­si­tät Ham­burg im Jahre 1919 genannt, also fast  600 Jahre nach der ers­ten Uni­ver­si­tät im deutsch gepräg­ten aka­de­mi­schen Raum (in Prag).

»Ach, das waren noch Zei­ten, als Ham­burg unter einem Min­der­wer­tig­keits­kom­plex litt und Kul­tur­stadt wer­den wollte.« schreibt Eve­lyn Fin­ger in DIE ZEIT vom 30. Sep­tem­ber die­ses Jah­res. Inso­fern ist die Kul­tur­ferne die­ser Stadt und die Frage nach dem öko­no­mi­schen Nut­zen des kul­tu­rel­len Cha­rak­ters einer Stadt hier nicht neu. Neu scheint hin­ge­gen zu sein, daß die­ser Man­gel an kul­tu­rel­ler Trag­weite Ham­burgs, gerade in Rela­tion zu ande­ren, häu­fig viel weni­ger rei­chen und klei­ne­ren euro­päi­schen Groß­städ­ten, der aktu­el­len Kul­tur­po­li­tik nicht mehr pein­lich zu sein scheint. Viel­mehr wird nun auf impor­tierte Kunst und Kul­tur gesetzt in Form von Fes­ti­vals, Events, Gast­spie­len und Musi­cals — mit den Künst­lern ande­rer Städte. Ham­burg hatte mal den Anspruch (und bis in die spä­ten 1980er Jahre dafür auch ent­spre­chen­des Geld aus­ge­ge­ben), sei­ner­seits und mit sei­nen eige­nen Künst­lern in andere Städte auszustrahlen.

Die Schaf­fen­den
Die Kunst­pro­duk­tion in Ham­burg lei­det seit den 1990er Jah­ren unter sta­gnie­ren­der (und sin­ken­der) Kul­tur­för­de­rung. Das betrifft den aka­de­mi­schen Aus­bil­dungs­be­trieb genauso wie die För­de­rung von freiem Kul­tur­schaf­fen (die in Ham­burg in Rela­tion zu bspw. Wien quasi gar nicht vor­kommt), wie auch die gro­ßen Ren­no­mier­be­triebe wie die gro­ßen Staats­thea­ter, wo hin­ter den feu­da­len Fas­sa­den zu teils unglaub­lich schwa­chen Kon­di­tio­nen kul­tu­relle Höchst­leis­tun­gen gebracht wer­den sol­len. Gepaart mit den enor­men Lebens­hal­tungs­kos­ten macht das Ham­burg als Stand­ort für Kul­tur­schaf­fende immer weni­ger attrak­tiv. Das Klima ist inzwi­schen als teils offen feind­se­lig zu bezeich­nen. Man hört soet­was wie: Wer jetzt noch nicht in Ber­lin oder Wien ist, hat andere Gründe als professionelle.

Das Publi­kum
Das Publi­kum ist so viel­fäl­tig wie eine Stadt von zwei Mil­lio­nen Ein­woh­nern selbst. Die Frage nach der Zweck­mä­ßig­keit der För­de­rung der Staats­thea­ter gegen­über der Ren­ta­bi­li­tät der Musi­cals stellt sich even­tu­ell genauso wenig oder viel wie der Ver­such Tele5 gegen Pho­enix aus­zu­spie­len: Es sind andere Bedürf­nisse und andere Auf­ga­ben, die zu erle­di­gen sind.

Das Publi­kum sind zunächst die Bür­ger selbst. Zum Ham­bur­ger Selbst­ver­ständ­nis gehört zum einen ein gelas­se­ner Lokal­pa­trio­tis­mus für die hie­si­gen kul­tu­rel­len Grö­ßen und die Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen, und  zum ande­ren der Anspruch als Metro­pole von inter­na­tio­na­ler Rele­vanz auch ent­spre­chend wahr­ge­nom­men zu werden.

Dazu gehört expli­zit (und ent­lang sei­ner kul­tür­li­chen Ver­or­tung im Stadt­le­ben als regio­nal ham­bur­gi­sche Beson­der­heit hier sogar zual­ler­erst) die einst­mals so genannte Szene, die sich stadt­geo­gra­phisch in St. Pauli, der Schanze und in Altona ver­or­ten läßt und sich zuletzt ins­be­son­dere durch die neue deut­sche Popu­lär­mu­sik und die Bil­dende Kunst auszeichnete.

Da das Bedürf­nis zu Schaf­fen dem Bedürf­nis zu kon­su­mie­ren vor­ge­schal­tet sein muß (ohne Pro­du­zen­ten kein Kon­sum), könnte es sein, daß auch dem Publi­kum bei genaue­rem Hin­se­hen, die lokale Kul­tur­pro­duk­tion weit­aus mehr am Her­zen liegt, als all­zu­leicht ange­nom­men. Denn zuerst liebt man in Ham­burg seine Stadt mit sei­nen Bio­to­pen und Pro­duk­ti­ons­stät­ten – und erst dann den Nutz– und Unter­hal­tungs­wert. Immer­noch zie­hen Mil­lio­nen von Besu­chern den Gang ins Kino, ins Thea­ter, ins Musi­cal dem pri­va­ten Kon­sum an den Bild­schir­men zuhause vor – und dabei spielt es auch eine Rolle, ob man ein Musi­cal mit Hafen­rund­fahrt anschaut oder sich der kul­tu­rel­len Szene der Thea­ter, Büh­nen und Kon­zert­clubs begibt. Bei­des sind rele­vante Zugänge zu Kul­tur, letz­te­rer ver­bin­det even­tu­ell dau­er­haf­ter mit der Stadt und sei­nen Menschen.

Die Stadt
Ham­burg ist eine der meist­be­such­ten Städte Deutsch­lands. Das liegt nicht nur am Hafen. Das ist deut­lich mit kul­tu­rel­len Vor­zü­gen verknüpft.

Ham­burg ist die größte unter den Städ­ten Euro­pas, die nicht Haupt­stadt ihres Lan­des sind. Der öko­no­mi­sche und kul­tu­relle Anspruch Ham­burgs kann es nur sein, mit den nächs­ten Metro­po­len wie Kopen­ha­gen im Nor­den, Ams­ter­dam im Wes­ten, Ber­lin im Osten und, sagen wir sogar Mün­chen im Süden, mit­hal­ten zu kön­nen. Nun ist in Fra­gen der Öko­no­mie Ham­burg seine Rele­vanz sicher nicht so schnell strei­tig zu machen. Doch kul­tu­rell? Die genann­ten Städte sind alle­samt klei­ner als Ham­burg. Nach dem Ham­bur­ger Selbst­ver­ständ­nis möchte man sich doch eigent­lich mit Lon­don und Wien zumin­dest in einer Liga bewe­gen kön­nen. Well … das ist zual­lerst eine Frage der Kultur.

Die Schön­heit der Chance
Ham­burg als zurück­ge­lehnte Groß­stadt mit dem Selbst­ver­ständ­nis einer kon­ti­nen­tal rele­van­ten Kul­tur­stadt braucht seine eigene Kul­tur­pro­duk­tion, wenn es nicht aus­schließ­lich von außen belie­fert wer­den und damit seine nega­tive Export­bi­lanz aus­bauen will. Die letz­ten Export­schla­ger einer ori­gi­när Ham­bur­ger Kul­tur­pro­duk­tion sind bespw. das Thalia-Theater unter Khuon, das Bal­lett unter Neu­meier, die»Hamburger Schule« und die damit ver­knüpfte ästhe­ti­sche Pra­xis von Grup­pen wie Toco­tro­nic, bil­dende Künst­ler wie Daniel Rich­ter und Jona­than Meese und Schau­spie­ler wie die Gruppe Stu­dio Braun.

Doch in den letz­ten Jah­ren tut sich dem all­ge­mei­nen Ver­neh­men nach ein Loch auf. Der inter­na­tio­nale Ruhm ist lange ver­blaßt. Die bun­des­weite Rele­vanz ist infrage gestellt. Die Ant­wort dar­auf sollte nicht Kür­zung der Kul­tur, son­dern ihre Stär­kung sein.

Die Schön­heit der Chance sich als kul­tu­relle Metro­pole mit, ver­ein­facht gesagt, bri­ti­scher Offen­heit, skan­di­na­vi­scher Gelas­sen­heit und han­sea­ti­schem Reich­tum gegen die (teils jähr­lich wech­seln­den) ner­vö­sen Trend­me­tro­po­len zu behaup­ten, ist gege­ben. Das Argu­ment ist auch hier­bei eben nicht öko­no­mi­scher Erfolg. Son­dern kul­tu­relle Rele­vanz in allen Aspekten.

Kul­tur geht anders als Shop­pen – ein Bünd­nis schmie­den
Ziel einer neuen kul­tur­po­li­ti­schen Initia­tive sollte es sein, ein brei­tes Bünd­nis zu schmie­den. Das kann über den Pro­zeß einer weit­ge­streu­ten Ein­la­dung zur Par­ti­zi­pa­tion, über eine offene Bestands­auf­nahme und wei­ter über eine mode­rierte Ana­lyse hin zu einer kon­zen­trier­ten For­de­rung auf Ver­än­de­rung des kul­tur­po­li­ti­schen Pro­fils der Stadt Ham­burg verlaufen.

(lenz)