Posts mit Schlagwort ‘Leipziger Buchmesse’

8. September 2011

Lattenberührung

Cle­mens J. Setz Erzäh­lungs­band »Die Liebe zur Zeit des Mahl­städ­ter Kindes«

Die suhr­kamp­sche Ver­lags­prä­sen­ta­tion soll unzwei­fel­haft auf einen Gro­ßen hof­fen las­sen, einen jener Austro-Literaten, die die deutsch­spra­chige Lite­ra­tur so berei­chert haben, einen neuen Tho­mas Bern­hard – auch er ein Suhrkamp-Autor – viel­leicht. Der junge Mann mit den fein­ge­zeich­ne­ten Zügen, der schma­len Brille und sei­ner Unra­siert­heit hat dann auch eine jener Viten, die inter­es­sant erschei­nen – nicht nur Schrei­ber ist er, son­dern auch »Ober­ton­sän­ger und Gele­gen­heits­zau­be­rer«. Das klingt sehr schön, ein wenig skur­ril, aber geht auch durch als wel­t­en­er­fah­rend spe­zi­ell. Ein inter­es­san­ter jun­ger Autor also, zwei Romane hat er geschrie­ben, ein paar Preise hat er bereits bekom­men, den größ­ten nun mit dem Buch­preis der Leip­zi­ger Messe. Er ist viel­leicht eine der Hoff­nun­gen, auf die wir uns immer wie­der ein­las­sen müs­sen in jeder immer wie­der neu Texte mah­len­den Sai­son zwi­schen Früh­jahrs– und Herbst­pro­gram­men, zwi­schen Leip­zig und Frank­furt, jährlich.

Schon der erste Ein­stieg in den Erzäh­lungs­band »Die Liebe zur Zeit des Mahl­städ­ter Kin­des« kommt groß­mäch­tig daher, Cle­mens J. Setz lan­det einen gewal­ti­gen Auf­schlag, damit ist auch sofort klar, es han­delt sich um »Lite­ra­tur«! Sprach­lich hoch ange­setzt, bild­ge­schwän­gert, meta­phern­stark (»Clowns­schminke, die man nicht mehr abbe­kommt …«), in einer gewal­ti­gen satz­bau­li­chen Ara­beske, die über bei­nahe die ganze erste Seite geht, beginnt die Erzäh­lung »Milch­glas«. Die Innen­schau eines Kna­ben­le­bens, unzwei­fel­haft puber­täts­nah, ist die Folie für die minu­tiöse und dann auch gewandte und fein­ge­zeich­nete Hin­füh­rung zu einem bei­läu­fi­gen und wie selbst­ver­ständ­lich ent­ste­hen­den Gewalt­aus­bruch. Die Figur, der Erzäh­ler ist eigen­tüm­lich son­der­bar und ebenso eigen­tüm­lich ver­traut. Wer dabei an »Tör­leß« denkt, ist nicht auf dem fal­schen Weg, eine Ent­wick­lungs­ge­schichte mit einer neben­säch­li­chen Ver­let­zung der Konvention.

Gewalt, in all­täg­li­cher Aus­übung, in aller Bei­läu­fig­keit – mit­un­ter kommt schon das »ist doch gar nicht so schlimm« an den Leser heran – ist Setz‹ Thema, der Erzäh­lungs­band funk­tio­niert durch­gän­gig wie ein Varia­tio­nen­spiel über die­ses Leit­mo­tivs, der Zer­stö­rung von Nähe und Inti­mi­tät. Die Figu­ren sind hin­rei­chend inter­es­sant, um nah­bar zu schei­nen, ihr Leben in der Regel jedoch lang­wei­lig genug, um eine All­tags­iden­ti­fi­ka­tion zu bie­ten, selbst wenn sie sich in fer­nen Wel­ten bewe­gen (»Cha­rak­ter IV«). Die genau geplante Kunst­fer­tig­keit des Autors Setz liegt vor allem darin, das immer wie­der ein­set­zende Thema in Gleich­gül­tig­keit auf­ge­hen zu las­sen, das »momen­tum« ist nie über­ra­schend, son­dern von einer eher selbst­ver­ständ­li­chen Kon­se­quenz geprägt.

Nicht immer funk­tio­nie­ren diese Pro­jekte der aus der Nor­ma­li­tät her­aus­wach­sen­den Bru­ta­li­tät, es gibt unan­ge­nehme Aus­rut­scher im Kon­zept. Die durch­weg por­no­gra­phi­sche Erzäh­lung »Die Blitz­ab­lei­te­rin« erstickt in ihren fast 50 Sei­ten im Bemü­hen, der sprach­li­chen Bana­li­tät ihres Gen­res zu ent­kom­men und ihr einen ent­schei­den­den und sich lösen­den »Twist« zu geben.

Das dreigestrichene C (© Nathalie P - Fotolia.com)
Das drei­ge­stri­chene C (© Natha­lie P — Foto​lia​.com)

Lei­der unter­schei­det sich die­ser Ver­such nicht wesent­lich von sei­nem Ursprung und ist damit kom­plett mißlungen.

Anders jedoch die Tite­l­er­zäh­lung, bezeich­nen­der­weise ist sie an das Ende die­ses Ban­des gestellt. Hier spielt Setz sein Expe­ri­ment noch ein­mal syn­the­tisch durch.

Zum ers­ten Mal wird die Gewalt als sol­che for­mu­liert, das titel­ge­bende »Mahl­städ­ter Kind« ist eine Lehm­skulp­tur, deren Kunst­af­fekt darin besteht, sie phy­sisch zu ver­let­zen, kon­krete Gewalt aus­zu­üben. Wie­der ein­mal steigt die Erzäh­lung in einen »Nor­mal­zu­stand« ein, ein jun­ger Mann hütet die Woh­nung einer Frau ein, die näch­tens aus­zieht, auf diese Skulp­tur ein­zu­schla­gen. Natür­lich ist er ver­liebt in diese Frau, der Abschieds­dia­log zu Beginn, in all sei­ner Bana­li­tät, ist ein fein beob­ach­te­tes Stück ver­knif­fe­ner Kom­mu­ni­ka­tion zweier unglei­cher Part­ner in der Nähe.

Was folgt, ist der übli­che, gleich­wohl hoff­nungs­lose, Ver­such der Annä­he­rung, der selbst­re­dend und kon­se­quent bis zur Ernied­ri­gung des ver­hal­ten wer­ben­den Lieb­ha­bers führt. Über all dem schwebt die Meta­pher der Ent­gren­zung durch die Aus­übung von Schlä­gen gegen die Skulp­tur. Selbst­ver­ständ­lich schei­tert der Wer­bungs­ver­such durch die feh­lende Kon­se­quenz des Man­nes, sich gegen das »Kind« zu wen­den. Ein gera­dezu klas­si­scher Fall. Und hier stimmt dann auch die Melange zwi­schen psy­cho­lo­gi­scher Betrach­tung und Bil­der­fin­dung, Skur­ri­li­tät und spie­le­ri­scher Kon­struk­tion. Allein, das Ganze ist den­noch so indif­fe­rent in sei­ner Farbe, in sei­nem Gefühl, daß ein scha­ler Nach­ge­schmack, eine gewisse Unzu­frie­den­heit bei der Lek­türe zurück­bleibt. Das ist weit ent­fernt von Bern­hard, von des­sen Unbe­ding­heit und sei­ner Vehe­menz. Es ist brav.

Cle­mens J. Setz: »Die Liebe zur Zeit des Mahl­städ­ter Kin­des« (Ama­zon Partnerlink)

Mat­thias Schu­mann (kms)

7. September 2011

»Dabei hat man übersehen …«

Hen­ning Rit­ters Notiz­hefte – ein Buch, das blei­ben darf

Robespierres Auge? (Quelle: © magann - Fotolia.com)
Robes­pierres Auge? (Quelle: © magann — Foto​lia​.com)

Dieses Buch gehört durch­aus zu den bemer­kens­wer­te­ren Erfah­run­gen, die ein zeit­ge­nös­si­scher Leser haben kann. Der rau­nende Ton, die spit­zen Sen­ten­zen, der Kos­mos der Den­ker, in dem es sich bewegt, all das ist höchst unmo­dern, auf gar kei­nen Fall ist es modisch. Hen­ning Rit­ter, um den es hier geht, FAZ-Redakteur, Res­sort­lei­ter jener Rubrik »Geis­tes­wis­sen­schaf­ten«, die einst den ver­gan­ge­nen Ruhm die­ses Blat­tes stützte und auf­ge­baut hatte, ist ein Autor, den man getrost als einen gelehr­ten Leser bezeich­nen kann. Er ist jemand, der genau und noch genauer schaut und seine Gedan­ken dazu notiert, Notiz-Hefte eben. Seine The­men und seine Lek­türe sind ebenso unmo­dern wie die Atti­tude; schon auf den ers­ten Sei­ten fal­len Namen wie Speng­ler, Schmitt und Sie­burg, diese sind vor allem auch Namen einer ver­lo­re­nen Epo­che deut­schen Intel­lek­tua­lis­mus. Es ist ein Rück­blick in eine Zeit inten­si­ver Aus­ein­an­der­set­zung mit Men­schen und Geschichte, mit Inhal­ten, die noch nicht »Con­tent« hie­ßen, ein Blick auf einen unpo­pu­lä­ren, einen ver­lus­tig gegan­ge­nen Diskurs.

Schon hört man die Stim­men, die die­ses Werk alt­mo­disch, gest­rig nen­nen mögen, die jene Ent­schei­dung für die Leip­zi­ger Aus­zeich­nung in der Kate­go­rie »Sach­buch« gar als unpo­li­tisch und ana­chro­nis­tisch schmä­hen. Das ist Unrecht, denn das Buch ist sei­ner Zeit in dem Maße vor­aus, wie es rück­wärts­ge­wandt erscheint. Und dafür gibt es vor allem einen guten Grund.

Die­ser kleine, hübsch und unauf­dring­lich aus­ge­stat­tete Lei­nen­band mit sei­nen bei­den gedeck­ten Lese­bänd­chen und dem blass­blau­grauen Schutz­um­schlag wird – und das ist über­haupt nicht ver­mes­sen zu behaup­ten – zu jenen Büchern gehö­ren, die auch in nähe­rer Zukunft aus dem Bücher­re­gal genom­men wer­den und nicht nur dort ste­hen blei­ben, zum intel­lek­tu­el­len Dekor sei­ner Besitzer.

Vor­aus­ge­setzt, die­ser Leser ist bereit, sich dem Autor zu stel­len, nicht ein­mal, nicht zwei­mal, son­dern immer wie­der. Und das ist schon eine Auf­gabe. Mit­un­ter ehr­furcht­ge­bie­tend kommt Hen­ning Rit­ters Bele­sen­heit daher, der Bogen der Aus­ein­an­der­set­zung spannt sich von der Früh­auf­klä­rung bis in die klas­si­sche Moderne – damit ist dann, geis­tes­ge­schicht­lich gese­hen, bei­nahe auch Schluß, eigent­lich hören die Betrach­tun­gen bei Adorno auf. So müh­sam das scheint, gar intel­lek­tua­lis­tisch läh­mend, stei­nern, so inter­es­sant und zugleich leben­dig ist es auch. Die Ent­ste­hung des­sen, was unsere (post-)moderne Welt geprägt hat und immer noch bestimmt, der Geburt der Auf­klä­rung gilt Rit­ters vor­dring­lichs­tes Interesse.

Die Form ist häu­fig anek­do­tisch und mit­nich­ten müh­se­lig, die Geschich­ten und Geschicht­chen, die den eige­nen Gedan­ken aus­lö­sen, sind mit­un­ter bou­le­var­deske His­to­rien, die Essenz, und sei sie noch so knapp bemes­sen, ist den­noch fast immer bemer­kens­wert tref­fend. Sei dies eine Minia­tur über die Male­rin Eli­sa­beth Vigée-Lebrun und prä­re­vo­lu­tio­näre bäu­er­li­che Dro­hung gegen ihre herr­schaft­li­che Kut­sche; der Gedanke danach ist hell und klar, enligh­te­ned, auf­klä­rend in Impe­tus und Inhalt, denn aus dem Zorn der Unter­drück­ten folgt für Rit­ter die immer­wäh­rende Hoff­nung: »Mor­gen wer­den wir sein, was ihr seid und ihr wer­det sein, was wir sind.« – er nennt dies, demi-sêc, den »popu­lä­ren revo­lu­tio­nä­ren Affekt.«

Oder sei es, kurz danach im Text­fluß fol­gend, die beschei­dende und nicht unwahr­schein­li­che Infra­ge­stel­lung aller Inter­pre­ta­tio­nen über die berühmte Kleist-Stelle über die grü­nen Augen­glä­ser, (»Wenn alle Men­schen statt der Augen grüne Glä­ser hät­ten …«) die als Kern der kleist­schen Kri­tik an der kan­ti­schen Ratio­nal­phi­lo­so­phie gilt. »Dabei hat man über­se­hen (sic!), daß Robes­pierre grüne Bril­len­glä­ser getra­gen hat. … Ob Kleist bei sei­ner Frage an die grü­nen Bril­len­glä­ser Robes­pierres dachte und also wis­sen wollte, was wäre, wenn alle Men­schen wären wie Robes­pierre?« Es ist so ein­fach wie ver­blüf­fend, wie ver­meint­li­ches his­to­ri­sches Klein­wis­sen zu einer völ­lig neuen Per­spek­tive füh­ren kann. Sol­cher­lei geis­tige Kunst­fer­tig­keit fiel dann auch den Leip­zi­ger Juro­ren auf, die ihm den die­se­jäh­ri­gen Buch­preis in der Kate­go­rie »Sach­buch« zusprachen.

Die­ser Ideen, wenn­gleich die letzt­ge­schil­derte sicher­lich die pla­ka­tivste ist, sind viele im Buch. Es ist es ein Nach­schla­ge­werk inter­es­sier­ter Gedan­ken, und das sichert gewiß seine Bestän­dig­keit. Und genau des­we­gen ist es ein Buch für das Jetzt und das Spä­ter, denn es ist nicht an irgend­ei­nen frag­li­chen, per­sön­li­chen Ruhm gebun­den, son­dern an die Zeit­läufte, aus denen es schöpft. Es ist der Zukunft zuge­wandt. Bestimmt folgt auch bald ein E-Book.

Hen­ning Rit­ter: Notiz­hefte (Ama­zon Partnerlink)

Mat­thias Schu­mann (kms)

26. März 2011

Wir sind langsam

Mat­thias Schu­mann (kms)

24. März 2010

Das deutsche Kordsakko

Impres­sio­nen von der Leip­zi­ger Buch­messe 2010

Camou­flage
Die all­ge­meine Beklei­dungs­vor­schrift für den bun­des­deut­schen Lite­ra­tur­profi ist und bleibt das Kord­ja­cket. In der Regel hell­braun, gele­gent­lich schwarz, in sei­ner Rein­form als kom­plet­tes Ensem­ble als Kord­an­zug inklu­sive Weste. Der land­ade­lige Manufactum-Stil ist auch in der Sai­son 2010 noch ganz weit vorne, sei es beim Feuille­ton­chef oder auch bei Auto­ren. Das zeigt Kon­ti­nui­tät und ist auch modeso­zio­lo­gisch fest in der Intel­lek­tu­el­len­szene ver­an­kert. Min­des­tens ein Kords­akko gehört zur Camou­flage, um in den hel­len Hal­len in Leip­zig nicht auf­zu­fal­len. Auf­fäl­li­ger  und das Gegen­teil von getarnt sind die Cosplayer, die die Messe bevöl­kern, junge Leute in den Kos­tü­men ihrer Lieb­lings­man­gas. Ein biß­chen merk­wür­dig, ein biß­chen schrill, aber bunt. Die Irri­ta­tion ist schnell ver­flo­gen, bald hat man sich an die Mäd­chen mit Tie­roh­ren in den Haa­ren und weiß­haa­ri­gen Teen­ager in Matro­sen­kleid­chen gewöhnt. Was das wirk­lich zu bedeu­ten hat, mag den meis­ten Mes­se­be­su­chern ver­bor­gen geblie­ben sein, es ist fremd und Bestand­teil des Comic– und Graphic-Novel Pro­gramms. Die jun­gen Leute schrei­ten mit erns­ten Mie­nen über die Messe, und es scheint ihnen wich­tig zu sein.

Preis­bo­xen
Preise gibt es in Leip­zig viele, der Preis der Messe ging nicht an Helene Hege­mann, was auch kein Wun­der war, nicht etwa wegen des »Skan­dals«, der Leip­zi­ger Erklä­rung oder ähn­li­chem, son­dern ein­fach wegen der Belang­lo­sig­keit von Werk und Wir­kung. Belletristik-Preisträger wurde Georg Klein, der ver­teilte Gän­se­blüm­chen in sei­ner Dan­kes­rede und man fragte sich, ob diese Harm­lo­sig­keit poe­ti­sches Mit­tel oder bei­ßende Iro­nie ange­sichts der Gesichts­lo­sig­keit des Prei­ses war. Signi­fi­kant war die weit­ge­hende Unfä­hig­keit der Jury zur freien Rede (lobens­werte Aus­nahme: Zeit-Magazin-Redakteur Adam Soboczyn­ski), nicht ein­mal das abge­le­sene Manu­skript der Jury­prä­si­den­tin Verena Auf­fer­mann war frei von gewun­de­nen Meta­phern­stil­blü­ten. (»Die­ser Igel ist kein Hase« – ist das intel­lek­tu­el­ler Eis­kunst­lauf?). Für den lau­ten Verlags-Betrieb eher unwich­tig, aber viel schö­ner die Nach­richt des Prei­ses der Lite­ra­tur­häu­ser für Tho­mas Kapiel­ski. Der Preis­trä­ger, kein »gross­ser« Autor, ist ein ori­gi­nel­ler Schrei­ber mit Witz und Ver­stand, schön zu sehen bei sei­nem kur­zen Inter­view mit dem Ber­li­ner Lite­ra­tur­haus­chef Ernest Wich­ner auf dem arte–Stand. Klaus Wagen­bach erhielt dann noch den Kurt-Wolff-Preis für sein Lebens­werk, eine Ver­an­stal­tung in auf­ge­räum­ter Stim­mung  – wie in sei­nem Wohn­zim­mer, mit vie­len Freun­den dabei und viele andere, die ihn offen­sicht­lich moch­ten. Das war ein guter und freund­li­cher Moment in dem wil­den Mes­se­tru­bel, mit gele­gent­lich von ande­ren Stän­den her­über­we­hen­den Bei­falls­äu­ße­run­gen, die diese Ehrung mit klei­nen unbe­ab­sich­tig­ten Akzen­ten illustrierten.

Groß­le­sung
Mar­tin Wal­ser las über Heine, Burk­hard Klauß­ner las Heine und der Hoff­mann und Campe Ver­lag brachte ein neues Heine-Buch her­aus. Gemeint ist die Faksimile-Ausgabe der »Fran­zö­si­schen Zustände« von 1832, ein sehr ehren­wer­tes ver­le­ge­ri­sches Unter­fan­gen, daß auf der Messe prä­sen­tiert wurde. Was hätte da wür­di­ger sein kön­nen, als ein Essay eines deut­schen Groß­schrift­stel­lers ver­le­sen zu bekom­men und den Ori­gi­nal­text von einem der weni­gen mit­den­ken­den Schau­spie­ler zu hören. Der Ort war natür­lich ebenso wür­dig gewählt, der Lese­saal der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek. An jedem Tisch zwei Lese­lämp­chen und dahin­ter jeweils mit zwei, drei Plät­zen bestuhlt, das ist schon der »Ort Lesung« an sich. Allein, die Sache war hei­kel – Wal­ser ein unta­de­li­ger und von sei­nem Thema ein­ge­nom­me­ner Heine-Laudator, der Urtext aber ein gar sper­rig Ding und von dem gewiss schö­nen Buch sah man ein ein­zi­ges Exem­plar unter Glas. Ein­neh­mend war die Sache dann aber schon, kleine Ver­spre­cher des Ver­le­gers amü­sant (»Jen­seits­no­velle« ist doch wohl von einem ande­ren Hoff­mann & Campe-Autor und nicht von Mar­tin Wal­ser …?) und alle Anwe­sen­den guter Din­ger über das Erlebte.

Feucht­ge­biet
Ein Nicht-Cord-Sakko-Träger ist Moritz Rinke. Der hatte am Zeit-Stand eine halbe Stunde Zeit, sei­nen ers­ten Roman zu prä­sen­tie­ren. Um es gleich zu sagen, das war rundum gelun­gen. Das Buch scheint ein sel­te­nes Zeug­nis dafür, wie jemand einen Text ver­fas­sen kann, der Humor und auch Selbst­iro­nie hat und trotz­dem auf spie­le­ri­scher Art mit gro­ßen The­men umgeht. Und der Autor ver­steht auf­fal­lend viel von Struk­tur und Dra­ma­tur­gie. Rinke und sein Buch kom­men sozu­sa­gen beide aus Worps­wede, es hat viel mit den feuch­ten Nie­de­run­gen des Moo­res zu tun, das die­sen deut­schen Kunst­ort umgibt. Es geht um Kunst und deut­sche Geschichte, die soge­nannte jün­gere. Aber das oft blei­erne solch eines Zei­ten­ro­mans fehlt ihm gänz­lich. Der Mann hat Dis­tanz zum Stoff und zu sei­nem Lite­ra­ten­tum. So etwas wie »Als Roman­au­tor hatte ich plötz­lich mit Din­gen wie der Vor­ver­gan­gen­heit zu tun.« hört man in der Tat nicht allzu häu­fig. Das Wort »Humor« hat übri­gens auch etwas mit Feuch­tig­keit zu tun.

Zugu­ter­letzt, die Bücher:

Georg Klein: Roman unse­rer Kind­heit, Rowohlt 2010
Tho­mas Kapiel­ski: Misch­wald, edi­tion suhr­kamp 2009
Hein­rich Heine: Fran­zö­si­sche Zustände, Hoff­mann und Campe 2010
Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahr­hun­dert fiel, Kie­pen­heuer & Witsch 2010

Mat­thias Schu­mann (kms)

20. März 2010

Elektrolesen

Über digi­tale Lese­ge­räte ist viel zu lesen, die wenigs­ten haben je eins in der Hand gehabt. Auf der Leip­zi­ger Buch­messe (Bericht folgt) konnte ich ein aktu­el­les Sony-Gerät kurz berüh­ren: Was für eine Ent­täu­schung! Das Dis­play ist rela­tiv win­zig, aber klar zu lesen, selbst beim dif­fu­sen Mes­se­licht. Aber die Bedie­nung … als iPhone-Besitzer der ers­ten Stunde war es mit völ­lig unver­ständ­lich, warum ich zum Blät­tern auf die nächste Seite mehr oder weni­ger rohe Gewalt aus­üben muss. Das so gewohnte leichte Wischen über den Screen, der ele­gante »Streich­ler«, führte zu rein gar nichts. Ich habe dann den eben­falls vor­han­de­nen »Weiter«-Knopf bedient. Auf Nach­frage beim Stand­per­so­nal wurde mir bedeu­tet, daß das Ding ja über einen Touch­screen ver­füge (wozu dann der Knopf?), aber es doch gehö­ri­gen Nach­drucks bedürfe, um eine Reak­tion her­vor­zu­ru­fen. Die kam dann auch tat­säch­lich nach eini­ger Ver­zö­ge­rung und damit die nächste Ent­täu­schung – es ist unend­lich lang­sam. Ich warte aufs iPad.

Mat­thias Schu­mann (kms)