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4. Juni 2011

Hel, Twelve Points

Expres­sio­nis­mus und Popu­lär­mu­sik. Über die Fort­set­zung einer deut­schen Tra­di­tion beim dies­jäh­ri­gen Euro­vi­sion Song Contest

Mat­thias Schu­mann (kms)

8. Mai 2010

Oslo, aussen

Lena: My Cassette Player
Lena: My Cas­sette Player

Lena: My Cas­sette Player

Das Album ist miss­lun­gen. Eine belie­bige Songaus­wahl, keine Linie. Main­strea­mig und glatt. Der Sound ist bass­las­tig und in den Tie­fen top­fig. Die Sän­ge­rin ist jung und uner­fah­ren, die Pro­duk­tion will stimm­li­che Män­gel ver­schlei­ern und der auf­ge­setzte Akzent ist fast uner­träg­lich. Aus­ser­dem das Pro­dukt eine mehr­mo­na­tig lau­fen­den Castingshow.

Damit ist alles gesagt, was man über Lenas (TAFKA Lena Meyer-Landrut) Debut­al­bum »My Cas­sette Player« sagen kann. Fast alles.

Denn … das alles ist rich­tig und ist es nicht. Diese Platte ist gefäl­lig, und zwar bis hin zur Gefall­süch­tig­keit, und darin ist sie bril­li­ant. Daß das jun­gen Talent, das die Medien so sehr lie­ben, daß nicht ein­mal eine stumpfe Bou­le­vard­kam­pa­gne es beschä­di­gen kann – daß diese »18-jährige Abitu­ri­en­tin« den bun­des­deut­schen Mas­sen gefällt, ist ein Phä­no­men. Der wahre Coup des Hin­ter– und Vor­der­grund­wer­kers des deut­schen Grand Prix-Vorentscheids, Ste­fan Raab, liegt in der Her­bei­füh­rung der Kom­pa­ti­bi­li­tät einer bis zur Pene­tranz eigen­wil­lig daher­kom­men­den Künst­le­rin. Von der exal­tier­ten Per­for­mance der ers­ten Aus­schei­dungs­shows, die Raab sicht­lich beein­druckt hatte, ist in die­ser Stu­dio­pro­duk­tion nur wenig geblie­ben, und damit tut er der Sän­ge­rin in die­sem Fall erst ein­mal einen Gefal­len. Daß dahin­ter wirt­schaft­li­che Inter­es­sen ste­hen, ist eine Binse und auch nicht der Rede wert, das ganze ist schließ­lich Pop–Busi­ness. Sieht man Lena Meyer-Landrut zur Zeit bei einem der unen­de­lich vie­len Promotion-Acts, schaut man gele­gent­lich in müde Augen und auch der Vor­trag wirkt inzwi­schen manch­mal rou­ti­niert. Aber das muss so sein, wenn die Erfolgs­ma­schine anlau­fen soll, das Groß­pro­jekt Grand-Prix will vor­be­rei­tet wer­den und auch nach­hal­tig zemen­tiert wer­den. Was Raab weiß, ist, daß er einen – mög­li­cher­weise in sei­nen Augen unge­schlif­fe­nen – Edel­stein geför­dert hat. Und es wird alles getan, um ihn zu polie­ren. Und wie das so ist – wo poliert wird, fal­len Ecken und Facet­ten dem Glanz zum Opfer. Aber es glänzt so sehr, daß viele, viele Men­schen diese Platte kau­fen wer­den und sie ande­ren wei­ter­emp­feh­len werden.

So ein Debut­al­bum soll mög­lichst viel vom Ver­mö­gen des Debut­an­ten zei­gen, und so wird es auch zusam­men­ge­stellt. Eine schon aus­ge­bil­dete Farbe zu fin­den, ist mit Sicher­heit nicht zu erwar­ten. Inso­fern ist der Titel »My Cas­sette Player« gut gewählt, asso­zia­tiv denkt man an die schön alt­mo­di­schen Mixtapes, die zum kul­tu­rel­len Gedächt­nis der prä­di­gi­ta­len Käu­fer­schicht gehö­ren. Die Knal­ler kom­men natür­lich am Anfang, weil man den Lieb­lings­hit natür­lich als ers­tes auf die Cas­sette über­spielt, in die­sem Fall natür­lich der Grand-Prix-Song »Satellite«.

Dann folgt der Titel­song, bei dem text­lich mäch­tig und dann doch nicht unele­gant in die Retro­kiste gegrif­fen wird:

I am not the kind of girl
Who takes you to a world
That’s far behind
But if you want me to replay
You need a little time
To rewind (…)

Like a book that’s on a shelf
With all its memo­ries
It’s hard to find …

Laid back ist der Vor­trag, und im Hin­ter­grund schram­melt gele­gent­lich die hin­läng­lich bekannte Raab­sche Uku­lele. Und so lang­sam kommt einem da der Ein­druck, daß da ein paar Geis­ter gewirkt haben, die den Witz ange­sichts des Chart-Erlebnisses nicht ver­lo­ren haben – flach ist anders. Geschrie­ben haben die­sen Song Raab und die Sän­ge­rin sel­ber. Stu­diert man das Book­let, fin­det man die Kom­bi­na­tion häu­fi­ger, Raab hat 8 der 13 Songs beige­steu­ert – das ganze bekommt Linie. Auf einem Mixtape kom­men eben die Songs, die man mag. Anschei­nend mögen’s beide ganz gern, das gefäl­lige Sam­mel­su­rium. Und der Raab kann ziem­lich exzel­lente Songs schrei­ben, so eine Bal­lade wie »Cater­pil­lar in the Rain« passt schon bei­nahe ins Ame­ri­can Song­book, so etwas krie­gen andere ihren Leb­tag nicht hin. Und siehe da – die unaus­ge­bil­dete Stimme wird plötz­lich ziem­lich geschmei­dig und kriegt dann noch eine andere Farbe als den Mädchen-Sound (»die neue Björk«), der ihr oft ange­hängt wird. Die Stimme ist eben nicht gross, keine »Röhre«, aber form­fä­hig und immer von Aus­drucks­wil­len geprägt.

Gele­gent­lich ist die Spiel­freude von Lena Meyer-Landrut, die die TV-Auftritte des Cas­tings so geprägt haben, auch auf die­ser Stu­dio­pro­duk­tion noch zu hören, häu­fig in den letzte Zei­len ein­zel­ner Songs, wenn’s denn mal ein biß­chen unge­stü­mer sein darf. (»I Like to Bang my Head«) Über den Vor­trags­stil der jun­gen Dame ist schon viel geschrie­ben und geschwätzt wor­den, hin­reis­send Vor­läu­fi­ges und rei­zend Manie­rier­tes ste­hen da häu­fig ziem­lich gleich­wer­tig neben­ein­an­der. Immer­hin formt sie mit all ihrer Exal­tiert­heit Geschich­ten, die einen Zuhö­rer inter­es­sie­ren kön­nen – hier ist das schon fast hin­ter der Poli­tur ver­schwun­den, aber dahin­ter blitzt es gele­gent­lich char­mant durch.

Was wird fol­gen, wenn die­ser ganze Grand-Prix-Aufruhr sich end­lich gelegt hat, wenn die Pla­zie­rung (wel­che auch immer), nicht mehr rele­vant sein wird? Schön wär’s ja, wenn noch was käme. Aber erst­mal: Ein schö­nes Debut.

Lena: My Cas­sette Player

Das Schall­plat­ten­lob: ★★★☆☆ 

Mat­thias Schu­mann (kms)

20. März 2010

Oslo, innen

Es fällt ja schwer, etwas über Cas­ting­shows zu schrei­ben. Dumm, men­schen­ver­ach­tend, Prekariats-TV, Ein­ta­ges­stern­chen. Und das da in der Regel der sou­bret­ten­hafte Knö­del­ton ame­ri­ka­ni­scher Musi­cal­pro­ve­ni­enz gepflegt wird, ist auch eine Binse. Was da alles anders ist bei »Unser Star für Oslo«, ist schon gewal­tig durch den Blät­ter– und Onli­ne­wald gerauscht. Das non-bohlenhafte eines Ste­fan Raab, die gesang­li­chen Qua­li­tä­ten der Bewer­ber, alles schon durch. Und Lena Meyer-Landrut. Die kleine Ver­rückte, die Blu­men­elfe, das spon­tane Björk-Double. Alles schön, die junge Frau ist unge­mein talen­tiert und eig­net sich her­vor­ra­gend als Pro­jek­ti­ons­flä­che. Warum muss sich eigent­lich heut­zu­tage jemand als ver­rückt bezeich­nen las­sen, der sich nur begrenzt dem Quo­ten­ra­dio­sound unter­wirft? Eine Kate­go­rie ist da wohl nötig, sonst wird es beängs­ti­gend, das Andere.

Immer­hin bekom­men wir es hier mit einem für die­ses Genre völ­lig neuen Blick­win­kel zu tun. Anders als bei vie­len die­ser Hoff­nungs­schöp­fer des Star­tums steht anschei­nend die Form und die Gestal­tung des Inhalts im Zen­trum. Wann immer diese Sän­ge­rin auf­tritt, tritt nicht der Vor­trag im All­ge­mei­nen in den Vor­der­grund, son­dern die Ent­ste­hung des Song­tex­tes, der erzähl­ten Geschichte. Aus der blo­ßen Tex­tur des Pop­mu­si­ka­li­schen tritt die Nar­ra­tion wie­der her­vor. Prima la musica e poi le parole (Salieri) ist nicht mehr – oder ein­fa­cher: Die Stimm­fä­hig­keit der Künst­le­rin tritt fast voll­stän­dig hin­ter den Aus­druck zurück. Das ist bemer­kens­wert und schafft Auf­merk­sam­keit für die mit­un­ter tri­via­len Lügen des Pop­songs, aber gibt Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten zurück, die diese Tri­via­li­tät auf eine Ebene heben, die sich einer Wahr­heit in der Deu­tung mehr nähert als das »aus­drucks­volle« Stimm­pres­sen, das aus der täg­li­chen Musik­ma­schine quillt. Kein Geknö­del eben, son­dern Geschich­ten. Bravo. Ob diese Form der Bin­nen­er­zäh­lung im Pop­song nun der Welt des »Euro­vi­sion Song Con­test« gerecht wird, ist unge­wiß. Aber es schmückt ganz ungemein.

Mat­thias Schu­mann (kms)