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7. April 2011

Atomic Lifestyle – Von guter und böser Literatur.

Vor­be­mer­kung: Die Gewin­nung von Strom aus Atom­re­ak­to­ren ist eine extrem frag­wür­dige Art der Ener­gie­ge­win­nung. Die Tech­no­lo­gie ist schwer zu kon­trol­lie­ren und ver­ur­sacht nach dem der­zei­ti­gen Stand der Tech­nik Rest­müll, der auf jahr­hun­der­te­lange Sicht nicht zu ent­sor­gen ist. Des­we­gen ist jede Aus­stiegs­über­le­gung mit Sicher­heit gut und rich­tig. Punkt.

Der Deut­sche hat per se viel Angst. Kata­stro­phen säu­men sei­nen Lebens­weg. Schnee­ka­ta­stro­phen mit »von der Außen­welt abge­schnit­te­nen« Dör­fern, in denen sich die Fern­seh­teams tum­meln (wie sind die da hin­ge­kom­men?), Schwei­ne­pest und Vogel­grippe, all das erfor­dert sofor­tige Maß­nah­men zur Absi­che­rung der gefähr­de­ten Bevöl­ke­rung. Am bes­ten von der Regie­rung und das schnell. Exper­ten aller Art sind omni­prä­sent in allen berich­ten­den Medien, es bil­den sich schnelle Ein­greif­trup­pen gegen Schnee, Schweine und andere gefähr­li­che Bedro­hun­gen. Die in neuen Tagen unbe­dingt erfor­der­li­chen Facebook-Gruppen und Web­logs gegen die Gefahr und für die Soli­da­ri­sie­rung mit den »Betrof­fe­nen« ent­ste­hen im Minu­ten­takt. Ein Zustand, den man auch hys­te­risch nen­nen könnte, Frank Schirr­ma­cher hat uns in sei­ner FAZ jüngst erklärt, warum das so ist und warum das auch gut so ist.

Vor eini­gen Wochen ist in Japan ein furcht­ba­res Unglück pas­siert, eine Natur­ka­ta­stro­phe beson­de­ren Aus­ma­ßes mit beson­de­ren Fol­gen. In der Folge wurde ein »siche­res« Atom­kraft­werk zer­stört und ist seit­dem in einem größ­ten­teils unkon­trol­lier­ba­ren Zustand. Das ist, beson­ders für Japan, schlimm, sehr schlimm sogar, denn es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass große Teile der dicht besie­del­ten Region lang­fris­tig unbe­wohn­bar sein wer­den und viele Men­schen unter den Fol­gen von Fall­out und Strah­lung zu lei­den haben wer­den oder gar ster­ben müssen.

Vor 6 Jah­ren haben die Deut­schen sich eine Kanz­le­rin gewählt, die den von der Vor­gän­ger­re­gie­rung initi­ier­ten Aus­stieg aus der Risi­ko­tech­no­lo­gie wie­der rück­gän­gig gemacht hat. Sie erhoff­ten sich von einer kon­ser­va­ti­ven Wende wohl auch mehr Sicher­heit in wirt­schaft­lich schwie­ri­gen Zei­chen, da war der Atom­aus­stieg auch nur ein Kol­la­te­ral­scha­den. Uner­müd­lich blie­ben die stand­haf­ten Castor-Gegner im Wend­land, ansons­ten war es still, ande­res war wich­ti­ger. Als nun die Welle über das weit ent­fernte Land rollte und dabei auch den Gedan­ken an die Sicher­heit der Anla­gen weg­spülte, da war sie wie­der da, die deut­sche Angst. In der Tat kauf­ten die Men­schen in die­sem Land Gei­ger­zäh­ler und Jod­ta­blet­ten um sich vor etwas zu schüt­zen, was etwa 9.000 km wei­ter in west­li­cher Rich­tung pas­siert war. Und es geschah all das, was zu erwar­ten war und man auch von den vie­len ande­ren deut­schen Kata­stro­phen kannte. Unzäh­lige Facebook-Nutzer schmück­ten ihre Ava­tare mit den schon in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen Antiatomkraft-Button, den man einst vor Brok­dorf und in Wackers­dorf am Parka trug, Grup­pen wur­den gegrün­det und die Web­logs á la »aus​stieg​-jetzt​.de« spros­sen aus den Wei­ten des deut­schen Inter­net­zes. Prompt ver­lor die CDU in ihrem Stamm­land Baden-Württemberg die Wahl und dort zog ein grü­ner Regie­rungs­chef in den Land­tag ein. Die Kanz­le­rin setzte die Lauf­zeit der Alt­re­ak­to­ren in Deutsch­land aus.

Aber wir wären nicht in Deutsch­land, wenn das alles nicht beson­ders gründ­lich gemacht würde. Auf den schi­cken Alfas in Win­ter­hude pappte plötz­lich der Auf­kle­ber mit der lus­ti­gen Sonne, und der Satz, man sei ja »schon immer« dage­gen gewe­sen, war plötz­lich auch im begü­ter­ten Eppen­dorf zu hören. »Bio« kauft man ja sowieso. Es ist schön, dass die Ener­gie­de­batte somit auch die Teile der Gesell­schaft erreicht, die bis­lang mit ihren sprits­au­fen­den SUVs zum Ise­markt gefah­ren sind. Sie tun es im Übri­gen auch weiterhin.

Seine poli­ti­sche Mei­nung kund­zu­tun und gegen Unge­rech­tig­kei­ten zu kämp­fen, ist ein schö­ner Bestand­teil der demo­kra­ti­schen Kul­tur der Bun­des­re­pu­blik, viele gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen in die­sem Staat haben auf der Straße begon­nen. Für die Kul­tur zu strei­ten ist ebenso not­wen­dig und kann etwas bewir­ken, die jüngs­ten Pro­teste gegen die Etat­kür­zun­gen am Ham­bur­ger Schau­spiel­haus und die dar­auf fol­gende ver­lo­rene Wahl für die Ver­ur­sa­cher der Misere zei­gen das deut­lich. Ham­burg hat die Kul­tur nötig, vor allem eine Kul­tur, die sich nicht am Gla­mour­fak­tor ori­en­tiert, son­dern die sich im öffent­li­chen Raum prä­sen­tiert und an die Bür­ger her­an­tritt. Vor 13 Jah­ren wurde ein inter­na­tio­na­les Lite­ra­tur­fes­ti­val unter dem etwas hei­me­li­gen Namen »Ham­bur­ger Lese­tage« begrün­det, seit fast 10 Jah­ren spielt die­ses Fes­ti­val unter den gro­ßen Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen in der Repu­blik mit, das Pro­gramm ist groß und viel­fäl­tig, mit Kin­der– und Erwach­se­nen­pro­gramm, und es fin­det in allen Stadt­tei­len statt, auch in den Rand­be­zir­ken und in soge­nann­ten Pro­blem­vier­teln. Der Begrün­der und Ver­an­stal­ter die­ses Fes­ti­vals war und ist der Haupt­en­er­gie­ver­sor­ger der Stadt, die Ham­bur­gi­schen Electricitäts-Werke AG, HEW. Der Senat, ein rot-grüner übri­gens, ver­kaufte die HEW im Jahr 2002 an Vat­ten­fall, einen schwe­di­schen Kon­zern. Und da wird es offen­bar schwie­rig für den nun­mehr wach­ge­küss­ten Teil der Atom­kraft­geg­ner. Demons­trierte man in den 70er und 80er Jah­ren noch gegen die Kraft­werke in der Hand der loka­len Ener­gie­ver­sor­ger und somit gegen den Staat, rich­tet sich der dif­fuse Zorn nun­mehr gegen das – für die Pro­test­ler offen­bar ebenso dif­fuse –  Gebilde eines inter­na­tio­nal ope­rie­ren­den Groß­kon­zerns. Das ist für viele sicher­lich noch mehr beängs­ti­gend. Der die deut­sche Angst ist über­all, auch hier.

Aber eben da fängt die Malaise an, jeden­falls für die Lese­tage. Im 13. Jahr sei­ner Exis­tenz ist das Fes­ti­val näm­lich eine »Greenwashing-Kampagne« die­ses »bösen« Ener­gie­mul­tis und alle Teil­neh­mer sind plötz­lich Lob­by­is­ten eines »Drecks­kon­zerns« – so zumin­dest Mei­nung der Gegner.

Das ist sicher­lich eine wenig dif­fe­ren­zierte Mei­nungs­äu­ße­rung – aber man kann sie als sol­che akzep­tie­ren. Man kann auch akzep­tie­ren, dass ein klei­nes Off-Festival gegrün­det wird, das sich »Lese­tage sel­ber machen« nennt und sich als Alter­na­tive zu den Lese­ta­gen gene­riert. Das ist eine Berei­che­rung des Ange­bots, man bie­tet hier auch Auto­ren, die auf dem gro­ßen Fes­ti­val bis­lang noch nicht auf­ge­tre­ten sind, die Mög­lich­keit sich zu prä­sen­tie­ren, das Ganze aller­dings ohne Hono­rar. Auch das ist keine schlechte Sache.

Was aber nicht akzep­ta­bel ist und damit lei­der das ganze Anlie­gen kom­plett dis­kre­di­tiert, ist die Über­zeu­gung der Festival-Gegner, sie seien auf der mora­lisch rich­ti­gen Seite und die dar­aus resul­tie­rende Art und Weise der Angriffe auf jene, die sie zu über­zeu­gen glau­ben müs­sen. Lei­der kann man das nicht anders als hane­bü­chen bezeich­nen. Wenn Auto­ren öffent­lich an den Pran­ger gestellt wer­den, weil sie an den Lese­ta­gen teil­neh­men, per­sön­lich ange­schrie­ben und übel beschimpft wer­den, dass sie nicht bei »den Guten« sind; sie auf­ge­for­dert wer­den, ihre Ver­träge nicht zu erfül­len, son­dern hono­rar­frei bei der Off-Alternative auf­zu­tre­ten, dann ist das nicht nur ein Anschlag auf die Auto­ri­tät von renom­mier­ten Den­kern und Schrei­bern, die mit Sicher­heit nicht der »Auf­klä­rung« bedür­fen, ob sie mora­lisch rich­tig han­deln. Son­dern es han­delt sich um einen Ein­griff in die Frei­heit der Kunst mit Metho­den aus längst ver­gan­gen erhoff­ten Zeiten.

Wel­che Mei­nung haben diese Initia­to­ren denn eigent­lich von Auto­ren, dass sie Ihnen nicht ein­mal zutrauen, ihre Mei­nungs­bil­dung selbst vor­zu­neh­men? Und wenn dann auch einem öffentlich-rechtlichen Sen­der, der über die Ver­an­stal­tun­gen berich­tet und frei­wil­li­ger Medi­en­part­ner ist, in einem offe­nen Brief an die Inten­danz unter­stellt wird, es seien obskure Ver­träge geschlos­sen wor­den, womög­lich noch unter dem Fluss von Geld­mit­teln und im glei­chen Schrei­ben dazu auf­ge­for­dert wird, die Bericht­er­stat­tung zu unter­las­sen, dann kann man da nur noch mit den neu­lich so tref­fen­den Wor­ten von Judith Holo­fer­nes kom­men­tie­ren: »Ich glaube, es hackt!« Sol­che Metho­den erin­nern lei­der nicht nur von Ferne an die Medi­en­be­ein­flus­sung in tota­li­tä­ren Sys­te­men. Eigent­lich könnte sich die Par­tei »Die Linke«, die auf der Welle mit­schwimmt, auf Flug­blät­tern zu Stö­run­gen der Lesun­gen auf­ruft, noch erin­nern, wie das damals war.

Hat sich da jemand die­ser Stör­wil­li­gen auch nur ein­mal Gedan­ken gemacht über die Situa­tion der Lite­ra­tur in der Gesell­schaft? Der Lite­ra­tur­be­trieb ist ein sich selbst befruch­ten­des Sys­tem, die Auto­ren, obgleich Pro­du­zen­ten, sind deren schwächs­tes Glied. Viele von Ihnen kön­nen vom Ver­kauf ihrer Bücher nicht leben, nicht ein­mal soge­nannte renom­mierte Auto­ren. Sie leben von Prei­sen, von Sti­pen­dien und von den Hono­ra­ren bei ihren Lesun­gen. Fes­ti­vals wie die Lese­tage und die lit.Cologne sind wich­tige Bestand­teile der sozia­len Struk­tur des Lite­ra­tur­be­trie­bes, und eine wich­tige Berei­che­rung in der Kul­tur­land­schaft der Städte. Eine Lese­reise ist keine Show­tour­nee, und die gezahl­ten Hono­rare, seien sie von Buch­hand­lun­gen oder auch ande­ren Ver­an­stal­tern gezahlt, gehö­ren zum müh­sa­men Brot­er­werb der Künst­ler. Zer­stört man die Fes­ti­vals, und daran wird ja hier anschei­nend mas­siv gear­bei­tet, ver­schwin­den diese Auf­tritts­mög­lich­kei­ten und kön­nen auch nicht durch ein wie auch immer gear­te­tes Off-Programm aus­ge­gli­chen wer­den. Und damit ist immer noch kein Reak­tor abge­schal­tet. Aber ein Festival.

Und es stellt sich die Frage nach der Wer­tig­keit von Kul­tur­spon­so­ring über­haupt. Müs­sen wir uns dar­auf gefasst machen, dass durch eine, wie auch immer gear­tete poli­ti­sche Stel­lung­nahme alle Ver­an­stal­tun­gen, die nicht, getreu der 70er Jahre-Parole »umsonst und drau­ßen« sind, ein­ge­stellt wer­den sol­len? Müs­sen wir in Zukunft auf die lit.Cologne ver­zich­ten, weil deren Haupt­spon­sor Rhei­n­En­er­gie ist, die ers­tens Ölkraft­werke (CO2!) und zwei­tens zu 20% dem Atom­kraft­wer­ke­be­trei­ber RWE gehört? Gehört das Schles­wig Holstein-Musik-Festival abge­schafft, weil es einen gro­ßen Teil sei­ner Spon­so­ren­gel­der on eon bekommt, die ja auch zur »bösen« Atom­lobby gehö­ren? Die öffent­li­che Hand wird diese Aus­fälle bei wei­ter­hin sin­ken­den Kul­tur­etats nicht leis­ten kön­nen, und damit ist es dann vor­bei mit sol­chen Ver­an­stal­tun­gen. Und man möge sich fra­gen, ob man Botticelli-Gemälde in Zukunft in die Maga­zine ver­ban­nen sollte, schließ­lich stand der Künst­ler unter Ver­trag einer äußerst zwei­fel­haf­ten Dynas­tie, der Medici, Macht­po­li­ti­kern ers­ter Güte mit durch­aus unfei­nen Metho­den. Kunst kommt ohne Mäze­na­ten­tum nicht aus, damals nicht, und heute noch weni­ger. Ein bekann­ter Ham­bur­ger Autor hat das auf dem Thea­ter schön in Worte gefasst: »… die Kunst geht nach Brot.« Das war vor über 200 Jah­ren, der Autor hieß Gott­hold Ephraim Lessing.

So ein­fach ist das eben alles nicht. Und des­we­gen wird das HAMBURGER FEUILLETON von den Vat­ten­fall Lese­ta­gen wei­ter berich­ten. Wenn die Sache nicht so abge­glit­ten wäre, hät­ten wir uns die andere Seite auch gerne ange­schaut. So aber nicht.

(Den Bericht vom gest­ri­gen Lesetage-Salon mit den Auto­ren Moritz Rinke, Mat­thias Göritz und der Lesetage-Programmleiterin Bar­bara Heine rei­chen wir dem­nächst nach.)

Mat­thias Schu­mann (kms)

26. Juni 2010

Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel

Es war im August 2002, als der Schrei­ber die­ser Zei­len mit eini­gen Freun­den am Ufer eines nord­deut­schen Sees auf einer grü­nen Wiese lag. Es war ein sehr hei­ßer Tag, und im Gepäck war eine Aus­gabe von »Thea­ter heute«. Im Heft war – wie immer – ein Stück­ab­druck und aus purer Laune her­aus begann die Sommerfrische-Gesellschaft die­ses Stück auf einer Wiese im August­som­mer mit ver­teil­ten Rol­len zu lesen. Erst aus­zugs­weise, immer wie­der unter­bro­chen von Geläch­ter und der Auf­for­de­rung wei­ter zu machen. Diese recht tsche­chow­sche Szene hat es tat­säch­lich gege­ben, das Stück hieß »Die Nibe­lun­gen« und der Autor hieß Moritz Rinke. Am Abend des so unter­halt­sa­men Diletto wurde die Pre­miere bei den Worm­ser Nibelungen-Festspielen auf 3sat über­tra­gen, zuge­rich­tet von Die­ter Wedel, der vom Thea­ter lei­der nur so viel ver­steht wie Edmund Stoi­ber von Rhe­to­rik. Dafür ver­stand der Autor um so mehr von Dra­ma­tur­gie und Witz und das hob das thea­trale Cen­ter­fold aus »Thea­ter heute« aus den vie­len Stück­ver­öf­fent­li­chun­gen »jun­ger Auto­ren« des Zen­tral­or­gans der deut­schen Büh­nen­land­schaft weit her­aus. Ben­amt als Bear­bei­tung Heb­bel­scher Tüme­leischwang sich der Natio­nal­kra­cher dunk­ler Epo­che zu einer Leich­tig­keit empor, die das Thema ver­dient hat und aus dem ebenso dunk­len Sumpf sei­ner Rezep­ti­ons­ge­schichte her­aus­holte. Für Rin­kes bril­lante Beherr­schung des Thea­ter­me­tiers spre­chen auch die frü­he­ren, ebenso ele­gant kon­stru­ier­ten wie in der Ideie­rung ori­gi­nel­len Werke »Der Mann, der noch kei­ner Frau Blöße ent­deckte« (auch ein Rück­griff in prä­na­tio­nale Zei­ten) oder das Erfolgs­stück »Repu­blik Vineta« von 2000.

Nun hat Moritz Rinke sei­nen Debut-Roman mit dem etwas eigen­ar­ti­gen Titel »Der Mann, der durch das Jahr­hun­dert fiel« geschrie­ben. Das erwähnte Jahr­hun­dert ist das letzte, das schreck­li­che deut­sche Jahr­hun­dert. Der Mann ist Paul Wend­land, ein – wie sein Autor Rinke – in die Hauptstadt-Fremde gezo­ge­ner Worps­we­der, der dem Kunst­druck des Künst­ler­dor­fes sei­ner Kind­heit ent­flo­hen ist. Aus sei­ner Ber­li­ner Emi­gra­tion muss er zur Ret­tung sei­nes im Moor­bo­den ver­sin­ken­den Eltern­hau­ses zurück­keh­ren – kaum ange­kom­men muss er sich nicht nur der Bau­be­wäl­ti­gung des »Grund­bruchs« stel­len, son­dern auch dem so ver­hass­ten Moor (»Mein gan­zes Leben nasse, sump­fige Füße …«). Das näm­lich gibt in schö­ner Wie­der­kehr Skulp­tu­ren sei­nes eini­ger­ma­ßen berühm­ten und ehren­wer­ten Bildhauer-Großvaters Paul Kück frei, deren Vor­bil­der lokale Nazi-Größen waren. Sie tra­gen so unge­mein deut­sche Titel wie Reichs­bau­ern­mi­nis­ter oder gar Reichsbauernführer.

Wie in den Stü­cken hat das Buch ein nicht zu ver­leug­nen­des Gespür für den Ges­tus, in dem die Bewäl­ti­gung der His­to­rie sich von dräu­end blei­schwe­rer Bewäl­ti­gungs­prosa ande­rer Werke ins Tra­gi­ko­mi­sche umkeh­ren muss. Die große Stärke die­ses Romans ist es, sei­nem Stoff nicht in ech­ter Weise »gerecht« zu werden.Was hat die deut­sche Lite­ra­tur nicht alles Ehren­wer­tes pro­du­zie­ren müs­sen, um die beson­de­ren Schre­ckens­jahre die­ses »deut­schen Jahr­hun­derts« zu ver­ar­bei­ten – Rin­kes­klit­ze­klei­ner Ent­wick­lungs­ro­man vor gro­ßem Hin­ter­grund ist in bes­ter Lubitsch-Manier erschre­ckend komisch. Es gibt unglaub­lich gro­teske Sze­nen, wie den zunächst am grü­ßen­den Arm der Skulp­tur schei­tern­den Ver­such, den Reichs­bau­ern­füh­rer des Nachts mit einem Tre­cker ver­schwin­den zu las­sen und sei­nen anschlie­ßen­den Abtrans­port durch die Nacht. Skur­ril wie­derum sind dann die Ver­knüp­fun­gen zur ur-deutschen Geis­tes­ge­schichte, so gehört auch ein »Ril­ke­koch­topf« zum Inven­tar des Moorhauses.

Das modernde Moor als den Grund und Boden sei­ner Geschichte zu wäh­len, ist wirk­lich grund­o­ri­gi­nell, ebenso wie das Auf­tau­chen der eher­nen Nazi­fi­gu­ren aus dem brau­nen Sumpf. Der Geschichts­sumpf legt dann in Folge nicht nur die braune Ver­gan­gen­heit bloß, so ganz neben­bei trägt sich die Erzäh­lung durch die Nach­kriegs­jahre inklu­sive der 68er-Zeit und bil­det zudem noch ein Art Kriminal-Handlung aus – fast zu viel der Ver­wo­ben­heit, aber als erfah­re­ner Dra­ma­turg bekommt Rinke so etwas rela­tiv spie­lend in den Griff. Der Roman ist exzel­lent struk­tu­riert und wie die ver­geb­li­chen Ver­su­che sei­nes Hel­den, sein Erle­ben durch Sta­tus­lis­ten zu ord­nen, in eine erkleck­li­che Anzahl an Kapi­tel und Unter­ka­pi­tel geteilt, die zudem hübsch baro­cke Über­schrif­ten zie­ren wie bei­spiels­weise: »Ohl­rogge kann immer noch nicht los­las­sen und trinkt Kaf­fee von 1933″. Eine leichte sprach­li­che Ver­spielt­heit ist dem Autor ohne­hin nicht abzu­spre­chen: »Um sie herum pur­zel­ten die Kin­der auf die Welt, heims­ten die ande­ren Kück­frauen Mut­ter­kreuze ein, nur sie emp­fing nichts …«

Am Ende ver­sinkt das Haus der Ver­gan­gen­heit und Paul Wend­land zieht die nas­sen, sump­fi­gen Füße aus dem Moor …

Jetzt muss man nur noch wie­der zur Wiese am See fahren.

Moritz Rinke:
Der Mann, der durch das Jahr­hun­dert fiel

Mat­thias Schu­mann (kms)

17. April 2010

Lesetage, Tag 2: Nah dran

Volks­dorf ist für den Zen­tral­ham­bur­ger eine ziem­lich weite Reise. Fast 45 Minu­ten ist man aus der Stadt­mitte im abend­li­chen Ver­kehr unter­wegs, bis man end­lich den Ort der Lesung mit Mar­grit Schri­ber aus der Schweiz erreicht. Sie hat einen klei­nen Roman geschrie­ben, »Die häss­lichste Frau der Welt.« Ihre Schwei­zer Her­kunft ist unver­kenn­bar, die knapp 40 Besu­cher in plü­schi­grot möblier­ten Koralle-Kino brau­chen ein wenig Zeit um sich an den sehr ent­fernt klin­gen­den Zun­gen­schlag zu gewöh­nen. Die Ver­an­stal­tung beginnt ein wenig spä­ter, man war­tet noch auf letzte Gäste. Das Buch han­delt vom Leben und Ster­ben der Julia Pastrana, einer Frau, die Mitte des vor­letz­ten Jahr­hun­derts, auf­grund einer Erb­krank­heit ent­stellt, als »Affen­frau« durch die Gesell­schaft gereicht wurde. Soge­nannte Freak­shows waren in die­sen Jah­ren der fort­schrei­ten­den indus­tri­el­len Ent­wick­lung und des bedin­gungs­lo­sen Glau­bens an tech­ni­schen und wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritt eine beliebte Ange­le­gen­heit. Unter dem Vor­wand der Wis­sen­schaft­lich­keit wur­den die die unap­pe­tit­lichs­ten Expe­ri­mente mit anders­ar­ti­gen Men­schen durch­ge­führt, immer ver­bun­den mit der Zur­schau­stel­lung der »Expo­nate«. Gewisse Aus­wüchse die­ses Show­be­triebs gibt es auch heute noch, in abge­mil­de­ter Form in den Reality-Shows des Event-TVs, sehr nah an den altem Zustän­den bei »Wis­sen­schaft­lern« wie Gun­ther von Hagens.

Das ist ein bri­san­tes Thema, das Buch ist nah an der Doku­men­ta­tion, die Erzäh­lung ist sprach­lich eher karg und tro­cken gewor­den. Die Geschichte aber ist groß genug für die 180 Sei­ten des Buches. Und das Buch hat seine Leser gefun­den, nicht nur in Volks­dorf, son­dern ganz offen­bar auch in der moder­nen Zeit des Web 2.0. Unter den Zuhö­rern in Volks­dorf war eine Abord­nung der Internet-Community lovely​books​.de, in deren Forum das Buch eine rezen­sie­rende Fan­ge­meinde gefun­den hat. Diese Gemein­schaft hat sich nicht nur des Buches ange­nom­men, son­dern auch sei­nes Stof­fes. Julia Pastrana wurde nach ihrem Tode prä­pa­riert (man kann auch sagen aus­ge­stopft) und zusam­men mit einem, mög­li­cher­weise ihrem, eben­falls prä­pa­rier­ten Kind wei­ter aus­ge­stellt. Die Über­reste des »Prä­pa­rats« lie­gen heute in Oslo in einem gericht­me­di­zi­ni­schen Insti­tuts und wer­den wei­ter­hin der »For­schung« zur Ver­fü­gung gehal­ten. Bei lovely​books​.de hat sich eine Gruppe gegrün­det, die den Leich­nam beer­di­gen will und dazu sogar eine Peti­tion an das nor­we­gi­sche Königs­haus ein­ge­reicht. Bei die­ser Lesung wurde stolz das Ant­wort­schrei­ben gezeigt, der Vor­gang ist noch in der Schwebe.

Was diese Ver­an­stal­tung vor allem zeigt: Lite­ra­tur kann leben­dige und span­nende Aus­ein­an­der­set­zung mit einem Thema sein, auch in Zei­ten des Web 2.0. Neue Kon­takt­for­men zwi­schen Autor und Leser tun sich da auf, das ist auf­re­gende Lite­ra­tur­ver­mitt­lung par excel­lence, uner­heb­lich von Ort und Werk. Ein inter­es­san­ter Weg.

Mat­thias Schu­mann (kms)

15. April 2010

Lesetage vorab: Das Glas Wasser

Da gibt es doch tat­säch­lich eine Debatte dar­über, wie man Bücher vor­le­sen soll. Ein Hil­des­hei­mer Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler namens Ste­phan Porombka meint, man müsse sich doch mal über­le­gen, ob man die Auto­ren­le­sung nicht neu erfin­den könne. Er meint: »…  das, was an Kon­zep­ten ver­wirk­licht wird,…« sei »… grund­sätz­lich etwas, was ich einen unau­ra­ti­schen Umgang mit Lite­ra­tur nenne: Da ist alles doch sehr pro­tes­tan­tisch, sehr karg, wenig Insze­nie­rung.« Aha. Und wei­ter, es würde ja gar nicht auf die  »Gemen­ge­lage rea­giert, mit der sich die Lite­ra­tur in der Medi­en­ge­sell­schaft aus­ein­an­der­set­zen muss.« Dar­über könnte man jetzt treff­lich Dis­kurs füh­ren, das erin­nert doch schön an die For­de­rung, auch das Thea­ter müsse sich der Ange­bo­ten von Fern­se­hen und Film stel­len. Das klappt nun auch nicht wirk­lich gut, all diese net­ten Medi­en­ver­schie­bun­gen enden in der Regel in Effekt­ha­sche­rei und fina­ler Inhalts­lo­sig­keit. Über die For­men der Lite­ra­tur­ver­mitt­lung kann man sich aller­dings auch tat­säch­lich Gedan­ken machen, auch ohne Mul­ti­me­dia­di­en­bo­hei. Da gibt es gute Bei­spiele, neben der Sprach­ho­heit geht es ja in der Lite­ra­tur in der Tat um inhalt­li­che Fra­gen. Und wenn der »Con­tent« (heißt doch so, oder?) im Wech­sel­spiel der Künste ver­mit­telt wird, kann das doch ziem­lich erbau­end und nüt­zend sein. »Fülle des Wohl­lauts« reicht in der Tat nicht. Nie.

Lite­ra­tur­ver­mitt­lung ist ja ein Thema in der Stadt, heute begin­nen ja auch die Lese­tage, das Blatt ist ja Medi­en­part­ner. Und wen fragt das Ham­bur­ger Abend­blatt dazu? Zu Wort kom­men nicht etwa die Macher des Fes­ti­vals, son­dern der Ex-HoCa-Chef Dr. Rai­ner Moritz, sei­nes Zei­chens Lei­ter des Ham­bur­ger Lite­ra­tur­hau­ses. Er plä­do­yiert natür­lich für die pro­tes­tan­ti­sche Form der »Dar­bie­tung«, sein hüb­sches Haus ist ja auch recht gut dafür geeig­net. Beson­ders avant­gar­dis­tisch ist das natür­lich nicht. Macht ja auch nichts, die Ver­an­stal­tun­gen sind ja recht gut besucht und das Publi­kums nimmt das gerne an. Meint auch Herr Porombka. Also alles gut, auch wenn das Blatt da einen Art Wett­streit her­bei­raunt: »Punkt­sieg Moritz.« Doch ein Glas Was­ser? Eher ein Lüft­chen darin.

Nun ist aber gerade der Bezug zu den Lese­ta­gen eher ein Hin­ke­fuß, das Kon­zept sieht ja vor, mög­lichst viele Facet­ten der Ver­mitt­lung zu zei­gen, Lesun­gen an unge­wöhn­li­chen Orten, Kon­zert mit lite­ra­ri­schen Tex­ten usw. Wieso also die­ser Experte, lie­bes Aben­blatt? Fragt doch mal die Leute, die bei­des machen, Was­ser­glas­le­sun­gen (Was ist das eigent­lich für ein unin­ter­es­san­tes Wort …?) und Ver­an­stal­tun­gen, die den Tel­ler­rand ein biß­chen ank­rat­zen. Ansons­ten: Heute Abend geht es los mit 70 ganz unter­schied­li­chen Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen. Auch im Lite­ra­tur­haus. Wie sagt der Ber­li­ner? »Und das ist gut so.« Dem ist nichts hinzuzufügen.

Mat­thias Schu­mann (kms)

13. April 2010

Lesetage: Der Plan

Eines der  größ­ten Lite­ra­tur­fes­ti­vals im deutsch­spra­chi­gen Raum steht in Ham­burg bevor. Über Kul­tur­spon­so­ring und die dazu­ge­hö­ri­gen Ver­knüp­fun­gen zwi­schen Wirt­schaft & Kul­tur mag man den­ken wie man will, eine so lan­ges Enga­ge­ment wie es der Ener­gie­ver­sor­ger Vat­ten­fall (vor­mals der Staats­be­trieb HEW) für ein der­ar­ti­ges Ereig­nis an den Tag legt, kann nicht genug gewür­digt wer­den. Seit 12 Jah­ren bringt die­ses Fes­ti­val deutsch­spra­chige und inter­na­tio­nale Auto­ren nach Ham­burg und es hat sich durch die kluge Pro­gramm­ge­stal­tung und die enge Anbin­dung an die Orte der Stadt eines ste­ten Besu­cher­zu­laufs erfreuen kön­nen. Eine Stadt wird bespielt und »belesen« …

Hier also die Pla­nung von Blog am Abend für die­ses Ham­bur­ger Kul­tur­groß­er­eig­nis, Ände­run­gen natür­lich vorbehalten:

Don­ners­tag, 15. April
Arno Gei­ger: Alles über Sally
natür­lich auch wegen der schon ange­kün­dig­ten Rezen­sion …
Ham­bur­ger Literaturhaus

Frei­tag, 16. April
Mar­grit Schri­ber: Die häss­lichste Frau der Welt
Schau­lust vor der Medi­en­ge­sell­schaft … genau das rich­tige Thema für das Web 2.0 …
Koralle-Kino in Volksdorf

Sams­tag, 17. April
Eine unwahr­schein­li­che Nacht (mit Chris­tiane Neu­de­cker, Silke Scheu­er­mann, Vol­ker Arzt und Max Rau­ner)
Ein span­nen­der Abend, Kon­frontat­tio­nen zwi­schen Wis­sen­schaft­lern, Lyri­kern und Men­schen mit Wahr­neh­mun­gen …
Kamp­na­gel, K2

Sonn­tag, 18. April
Burg­hardt Klauß­ner: Aus mei­nem Bücher­sch­app
Das kann nur amü­sant wer­den, ein segeln­der Schau­spie­ler der ers­ten Garde, prä­sen­tiert seine mari­time Samm­lung …
Inter­na­tio­na­les Mari­ti­mes Museum, Hafencity

Mon­tag, 19. April
Jür­gen Löhle: Patch­work und Alex­an­der Böker: Quäl dich, du Sau
Der Rad­sportabend bei den Lese­ta­gen. Naja, per­sön­li­che Vor­liebe des Rezen­sen­ten …
Rad­sport von Hacht

Diens­tag, 20. April
Luise von Preu­ßen, ein Abend mit Bet­tina Hen­nig, Chris­tine Grä­fin von Brühl und Daniel Schön­pflug
Renais­sance eine Sym­bol­fi­gur? Hoch­ka­rä­tig besetzt und bou­le­vard­taug­lich auf jeden Fall …
Museum für Kunst und Gewerbe

Mitt­woch, 21. April
Olga Krouk: Schat­ten­see­len und Tanja Heit­mann: Win­ter­mond
Die­ser Vam­pir­wahn ein­mal haus­ge­macht, zwei deutsch­spra­chige Nach­fol­ger. Irgend­was muß da doch dran sein …
Ham­bur­ger Sternwarte

Don­ners­tag, 22. April
Domi­ni­que A: »La musi­que»
Ein inter­na­tio­na­les High­light, Nou­veau Chan­son und fran­zö­si­sche Poe­sie … und gleich­zei­tig die Abschluss­gala des Fes­ti­vals …
Kamp­na­gel, K6

Eine auf­re­gende Woche steht also bevor.

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Mat­thias Schu­mann (kms)