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23. Mai 2012

Bene-Diktum: Gottsucher

Gast-Kolumnist Hans-Jürgen Bene­dict über Mar­tin Walsers klei­nen Band »Über Recht­fer­ti­gung, eine Versuchung«

Martin Wal­ser hat ein  klei­nes theo­lo­gi­sches Buch geschrie­ben: »Über Recht­fer­ti­gung, eine Ver­su­chung.«  Der 85 jäh­rige Schrift­stel­ler,  seit sei­nem Roman »Ehen in Phil­ipps­burg« 1957 eine lite­ra­ri­sche Insti­tu­tion der Bun­des­re­pu­blik, hat zuletzt sich in sei­nem aus­la­den­den Alters­werk »Mut­ter­sohn« bereits mit dem Glau­ben und der reli­giö­sen Dimen­sion des Lebens inten­siv beschäftigt.

Nun aber – eine kleine theo­lo­gi­sche Streit­schrift, die es in sich hat. Mar­tin Wal­ser erin­nert mit Kaf­kas Josef K., mit Robert Walsers, Tho­mas Manns  und Jean Pauls Roman­fi­gu­ren daran, dass es im Leben des Men­schen ent­schei­dend um Frage geht, ob er gerecht­fer­tigt sei. Er lobt die Selbst­ver­nei­nungs­or­gien die­ser Auto­ren. Und er ent­deckt den frü­hen Karl Barth des Römer­briefs, jenen rich­tungs­wei­sen­den Schwei­zer Theo­lo­gen des 20. Jahr­hun­derts, und er ent­deckt des­sen sprach­ge­wal­tig dia­lek­ti­schen Ver­such der Beschrei­bung der Situa­tion des Men­schen vor Gott, zitiert ihn sei­ten­lang enthu­si­as­miert: »Der Glaube bleibt nur als Glaube übrig, ohne Selbst­wert, ohne Eigen­kraft, ohne eine Größe sein zu wol­len, weder vor Gott noch vor den Men­schen«. Er steht voll und ganz zu der Aus­sage Barths, dass der Mensch vor Gott immer der Ange­klagte bleibt.

Wal­ser  ent­deckt und bekräf­tigt mit Pau­lus und vor allem mit dem radi­kal into­le­ran­ten Augus­ti­nus Got­tes mensch­lich gese­hen unge­rechte Gna­den­wahl – dass er den Erst­ge­bo­re­nen, Esau, ver­wirft und Jakob erwählt. Das was mit die­sem Motiv pas­siert, solle man lesen wie einen Roman, schlägt Wal­ser vor. Er zitiert Pau­lus, »Wer bist du Mensch, dass du mit Gott rech­test.«  Und fragt dann: »was müs­sen diese Men­schen erfah­ren haben, dass sie Gott so groß und den Men­schen so klein erlebt haben.«  Ich jeden­falls, bekennt Wal­ser, bleibe Augus­tins Bewunderer.

Zuge­spitzt sagt er: »Recht­fer­ti­gung ohne Reli­gion wird zur Recht­ha­be­rei.« Wir seien »Recht­ha­bezwerge«, unser gan­zes Leben sei dar­auf aus­ge­rich­tet recht haben zu wol­len, auch er sel­ber habe daran Anteil.  Das »Bedürf­nis nach Recht­fer­ti­gung« sei uns ver­lo­ren­ge­gan­gen. Wir heu­ti­gen Men­schen seien sol­che ‚die andere und die Ver­hält­nisse ankla­gen, anstatt die Schuld ein­mal bei uns sel­ber zu suchen. Wir soll­ten end­lich ein­mal zuge­ben, dass uns etwas fehlt, dass uns Gott fehlt. »Meine Muse ist der Man­gel.« Das treibe ihn zum Schrei­ben. Und er ver­weist auf Nietz­sches Dionysos-Dithyramben, in denen er Ari­adne so  herr­lich kla­gen lässt: »O komm zurück, mein  unbe­kann­ter Gott, mein Schmerz, mein letz­tes Glück.«

Und er zitiert den Barth-Satz – zwei mal sogar: »Als der unbe­kannte Gott wird Gott erkannt, als der ‚an den man nur ohne Hoff­nung auf Hoff­nung hin glau­ben kann.« Also der Schmerz, das Lei­den ist es, was den Men­schen über sich hin­aus­treibt. »Schön wird etwas nur durch bestan­de­nen Schmerz«. So sei es bei Äschy­los‘ Pro­me­theus, so bei Höl­der­lin, Kafka, so auch in Nietz­sches Ecce homo und selbst noch im Anti-Christ.

Wal­ser hat über seine Schrift­stel­le­rei mal gesagt, sie bestehe in dem Ver­such »etwas so schön zu sagen, wie es noch nicht ist«. Genau diese Ein­sicht wen­det er jetzt auf die Theo­lo­gie an – schon in »Mein Jen­seits«  heißt es »der Glau­ben mache die Welt schö­ner als das Wis­sen.«  Und: »Glau­ben heißt die Welt so schön machen, wie sie nicht ist.« Jetzt heißt es: gelun­gene Theo­lo­gie sei eigent­lich Dich­tung. »Karl Barths Spra­che ist nicht weni­ger Dich­tung als die Spra­che Nietz­sches. Aber beide erin­nern an eine Zeit, in der es den Unter­schied zwi­schen Dich­tung und Reli­gion nicht gab. Die Psal­men. Das Alte und das  Neue Tes­ta­ment«.

Barth tanze genauso mit den Wör­tern wie Zara­thus­tra, aber es ist ein Tanz mit der Nega­tion, »ein dia­lek­ti­scher Tanz«, auf­ge­löst in Bewe­gung, ins Umkrei­sen der Gnade, ins Erleb­bar machen, dass uns etwas fehlt. Das ist eine wich­tige Ein­sicht – Theo­lo­gie als über etwas klug reden geht an den Men­schen und ihren exis­ten­ti­el­len  Fra­gen vor­bei, man muss in etwas sein  und reden. Das fehlt in der Theo­lo­gie von heute oft. Diese Dimen­sion errei­chen Filme eher (etwa Lars von Triers Brea­king the Waves oder Melan­cho­lia).

Wal­ser Begeis­te­rung für den frü­hen Barth ist nach­voll­zieh­bar. Den mitt­le­ren Barth mit der nicht enden wol­len­den Suada sei­ner Kirch­li­chen Dog­ma­tik, einen Regal­me­ter breit, und sei­nem Offen­ba­rungs­po­si­ti­vis­mus blen­det er völ­lig aus. Da müsste er soviel lesen, dass er selbst nicht mehr zum Schrei­ben käme. Aller­dings irrt Wal­ser, wenn er meint, Barth sei der Kir­chen­va­ter unse­rer Zeit und nicht mehr Schlei­er­ma­cher. Es ist genau umge­kehrt – die klu­gen libe­ra­len  Theo­lo­gen von heute gehen wie­der von Schlei­er­ma­cher aus. Von sei­nem »Glaube sei Geschmack für das Unend­li­che«, der sich in allen mög­li­chen kul­tu­rel­len Pro­duk­tio­nen zeigt, die von den Theo­lo­gen mit Fleiß ana­ly­siert wer­den. Denen aber der Hun­ger nach Gott, die Sehn­sucht nach Recht­fer­ti­gung ver­lo­ren gegan­gen ist.

Wal­ser gibt bekannt (denn ursprüng­lich war der Text eine an der Har­vard Uni­ver­sity 2011 gehal­tene Rede), er möchte am Frei­tag um 13 Uhr ein Semi­nar anbie­ten, das sich mit die­sen Fra­gen beschäf­tigt und in dem vor allem Barth und Nietz­sche gele­sen wer­den sol­len. Ich melde  mich vir­tu­ell für dies Semi­nar an  und werde als ers­tes wie­der zum Römer­brief– Kom­men­tar Barths grei­fen. Und dann möchte ich mit Wal­ser dar­über dis­ku­tie­ren, was die gesell­schaft­li­chen Ursa­chen die­ses Nicht­fra­gens nach Recht­fer­ti­gung , die­ses Zufrie­denseins mit dem Recht­ha­ben­wol­len sind.

Fehlt uns die Not der Figu­ren Dos­t­o­jew­skis und Kaf­kas? Und ist diese Recht­fer­ti­gung bei uns ver­steckt beant­wor­tet in der ästhe­ti­schen Produktion(so wie schon Nietz­sches sagte, die Welt sei »allein als ästhe­ti­sches Phä­no­men gerecht­fer­tigt«, etwa durch den Ton eines Dudel­sacks, die Musik)? Und bei denen, die im gesell­schaft­li­chen Unten sind, ist sie da still­ge­legt durch die All­ge­gen­wart der Mas­sen­me­dien, die unter­halt­sam ablen­ken? Oder ist die Zeit einer expressiv-dichterischen Gott­su­che vor­bei und zeigt sich exis­ten­ti­ell nur noch in frag­wür­di­gen Fundamentalismen?

Hans-Jürgen Bene­dict (hjb)

24. März 2010

Das deutsche Kordsakko

Impres­sio­nen von der Leip­zi­ger Buch­messe 2010

Camou­flage
Die all­ge­meine Beklei­dungs­vor­schrift für den bun­des­deut­schen Lite­ra­tur­profi ist und bleibt das Kord­ja­cket. In der Regel hell­braun, gele­gent­lich schwarz, in sei­ner Rein­form als kom­plet­tes Ensem­ble als Kord­an­zug inklu­sive Weste. Der land­ade­lige Manufactum-Stil ist auch in der Sai­son 2010 noch ganz weit vorne, sei es beim Feuille­ton­chef oder auch bei Auto­ren. Das zeigt Kon­ti­nui­tät und ist auch modeso­zio­lo­gisch fest in der Intel­lek­tu­el­len­szene ver­an­kert. Min­des­tens ein Kords­akko gehört zur Camou­flage, um in den hel­len Hal­len in Leip­zig nicht auf­zu­fal­len. Auf­fäl­li­ger  und das Gegen­teil von getarnt sind die Cosplayer, die die Messe bevöl­kern, junge Leute in den Kos­tü­men ihrer Lieb­lings­man­gas. Ein biß­chen merk­wür­dig, ein biß­chen schrill, aber bunt. Die Irri­ta­tion ist schnell ver­flo­gen, bald hat man sich an die Mäd­chen mit Tie­roh­ren in den Haa­ren und weiß­haa­ri­gen Teen­ager in Matro­sen­kleid­chen gewöhnt. Was das wirk­lich zu bedeu­ten hat, mag den meis­ten Mes­se­be­su­chern ver­bor­gen geblie­ben sein, es ist fremd und Bestand­teil des Comic– und Graphic-Novel Pro­gramms. Die jun­gen Leute schrei­ten mit erns­ten Mie­nen über die Messe, und es scheint ihnen wich­tig zu sein.

Preis­bo­xen
Preise gibt es in Leip­zig viele, der Preis der Messe ging nicht an Helene Hege­mann, was auch kein Wun­der war, nicht etwa wegen des »Skan­dals«, der Leip­zi­ger Erklä­rung oder ähn­li­chem, son­dern ein­fach wegen der Belang­lo­sig­keit von Werk und Wir­kung. Belletristik-Preisträger wurde Georg Klein, der ver­teilte Gän­se­blüm­chen in sei­ner Dan­kes­rede und man fragte sich, ob diese Harm­lo­sig­keit poe­ti­sches Mit­tel oder bei­ßende Iro­nie ange­sichts der Gesichts­lo­sig­keit des Prei­ses war. Signi­fi­kant war die weit­ge­hende Unfä­hig­keit der Jury zur freien Rede (lobens­werte Aus­nahme: Zeit-Magazin-Redakteur Adam Soboczyn­ski), nicht ein­mal das abge­le­sene Manu­skript der Jury­prä­si­den­tin Verena Auf­fer­mann war frei von gewun­de­nen Meta­phern­stil­blü­ten. (»Die­ser Igel ist kein Hase« – ist das intel­lek­tu­el­ler Eis­kunst­lauf?). Für den lau­ten Verlags-Betrieb eher unwich­tig, aber viel schö­ner die Nach­richt des Prei­ses der Lite­ra­tur­häu­ser für Tho­mas Kapiel­ski. Der Preis­trä­ger, kein »gross­ser« Autor, ist ein ori­gi­nel­ler Schrei­ber mit Witz und Ver­stand, schön zu sehen bei sei­nem kur­zen Inter­view mit dem Ber­li­ner Lite­ra­tur­haus­chef Ernest Wich­ner auf dem arte–Stand. Klaus Wagen­bach erhielt dann noch den Kurt-Wolff-Preis für sein Lebens­werk, eine Ver­an­stal­tung in auf­ge­räum­ter Stim­mung  – wie in sei­nem Wohn­zim­mer, mit vie­len Freun­den dabei und viele andere, die ihn offen­sicht­lich moch­ten. Das war ein guter und freund­li­cher Moment in dem wil­den Mes­se­tru­bel, mit gele­gent­lich von ande­ren Stän­den her­über­we­hen­den Bei­falls­äu­ße­run­gen, die diese Ehrung mit klei­nen unbe­ab­sich­tig­ten Akzen­ten illustrierten.

Groß­le­sung
Mar­tin Wal­ser las über Heine, Burk­hard Klauß­ner las Heine und der Hoff­mann und Campe Ver­lag brachte ein neues Heine-Buch her­aus. Gemeint ist die Faksimile-Ausgabe der »Fran­zö­si­schen Zustände« von 1832, ein sehr ehren­wer­tes ver­le­ge­ri­sches Unter­fan­gen, daß auf der Messe prä­sen­tiert wurde. Was hätte da wür­di­ger sein kön­nen, als ein Essay eines deut­schen Groß­schrift­stel­lers ver­le­sen zu bekom­men und den Ori­gi­nal­text von einem der weni­gen mit­den­ken­den Schau­spie­ler zu hören. Der Ort war natür­lich ebenso wür­dig gewählt, der Lese­saal der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek. An jedem Tisch zwei Lese­lämp­chen und dahin­ter jeweils mit zwei, drei Plät­zen bestuhlt, das ist schon der »Ort Lesung« an sich. Allein, die Sache war hei­kel – Wal­ser ein unta­de­li­ger und von sei­nem Thema ein­ge­nom­me­ner Heine-Laudator, der Urtext aber ein gar sper­rig Ding und von dem gewiss schö­nen Buch sah man ein ein­zi­ges Exem­plar unter Glas. Ein­neh­mend war die Sache dann aber schon, kleine Ver­spre­cher des Ver­le­gers amü­sant (»Jen­seits­no­velle« ist doch wohl von einem ande­ren Hoff­mann & Campe-Autor und nicht von Mar­tin Wal­ser …?) und alle Anwe­sen­den guter Din­ger über das Erlebte.

Feucht­ge­biet
Ein Nicht-Cord-Sakko-Träger ist Moritz Rinke. Der hatte am Zeit-Stand eine halbe Stunde Zeit, sei­nen ers­ten Roman zu prä­sen­tie­ren. Um es gleich zu sagen, das war rundum gelun­gen. Das Buch scheint ein sel­te­nes Zeug­nis dafür, wie jemand einen Text ver­fas­sen kann, der Humor und auch Selbst­iro­nie hat und trotz­dem auf spie­le­ri­scher Art mit gro­ßen The­men umgeht. Und der Autor ver­steht auf­fal­lend viel von Struk­tur und Dra­ma­tur­gie. Rinke und sein Buch kom­men sozu­sa­gen beide aus Worps­wede, es hat viel mit den feuch­ten Nie­de­run­gen des Moo­res zu tun, das die­sen deut­schen Kunst­ort umgibt. Es geht um Kunst und deut­sche Geschichte, die soge­nannte jün­gere. Aber das oft blei­erne solch eines Zei­ten­ro­mans fehlt ihm gänz­lich. Der Mann hat Dis­tanz zum Stoff und zu sei­nem Lite­ra­ten­tum. So etwas wie »Als Roman­au­tor hatte ich plötz­lich mit Din­gen wie der Vor­ver­gan­gen­heit zu tun.« hört man in der Tat nicht allzu häu­fig. Das Wort »Humor« hat übri­gens auch etwas mit Feuch­tig­keit zu tun.

Zugu­ter­letzt, die Bücher:

Georg Klein: Roman unse­rer Kind­heit, Rowohlt 2010
Tho­mas Kapiel­ski: Misch­wald, edi­tion suhr­kamp 2009
Hein­rich Heine: Fran­zö­si­sche Zustände, Hoff­mann und Campe 2010
Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahr­hun­dert fiel, Kie­pen­heuer & Witsch 2010

Mat­thias Schu­mann (kms)