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1. Januar 2012

Drei deutsche Männer am Fluß

Euro­päi­sches Lied­gut – Axel Prahl, Götz Als­mann und Michy Reincke bli­cken in den Westen

Ein Blick nach Westen lohnt sich immer (Bild: © kristina rütten - Fotolia.com)
Ein Blick nach Wes­ten lohnt sich immer (Bild: © kris­tina rüt­ten — Foto​lia​.com)

Wir in Deutsch­land haben es ja nicht so mit dem moder­ne­ren Lied­ge­sang. Der Deut­sche hat seine Män­ner­ge­sangs­ver­eine für die Vor­gest­ri­gen, den Lie­der­ma­cher für die Gest­ri­gen und den deut­schen Schla­ger­sän­ger (auch gest­rig). Der Fran­zose hat nicht nur savoir vivre, die Bas­ken­mütze, das Baguette und den Vin rouge, nein, er hat auch das fran­zö­si­sche Chan­son und seine Inter­pre­ten. Und so schielt man gern nach Wes­ten, über unse­ren deut­schen Rhein, denn da gibt es Gil­bert Becaud, Charles Azna­vour und Dalida.

Aber deutsch­spra­chi­ges Lie­der­in­ter­pre­ten kom­men inzwi­schen auch hier­zu­lande her­vor­ra­gend an, es gibt ja Her­bert Grö­ne­meyer und den gro­ßen und den klei­nen Udo. Das rockt und singt so vor sich hin und glück­li­cher­weise hört sich das nicht immer so unbeholfen-verschwiemelt an wie bei dem aktu­el­len Chart­stür­mer Tim Bendzko, dem offen­bar vor lau­ter  Sil­bendrech­se­lei die Worte gänz­lich ent­glit­ten und dann »Wenn Worte meine Spra­che wären« titelte – wenn denn wenigs­tens Spra­che seine Worte wären.

Inter­es­san­ter­weise haben sich in den letz­ten Wochen drei Künst­ler, die unter­schied­li­cher nicht könn­ten, mit dem Lie­der­sin­gen aus­ein­an­der­ge­setzt und auch Alben ver­öf­fent­licht. Um so erstaun­li­cher ist, daß sie alle über den Fluß schauen, und sich ein jeder von ihnen eine kleine Prise La France gönnt. Voilá:

Der Schau­spie­ler
Viele Schau­spie­ler sin­gen gern, man­che lau­ter, man­che lei­ser, und, da eine gewisse Scham­lo­sig­keit zum Beruf und auch zur Dis­po­si­tion gehört, tun sie es fast auch alle. Das beliebte Brecht/Weill/Holländer-Programm hat schon jeder Zweit­se­mest­ler an der Schau­spiel­schule drauf. Lite­ra­tur macht man auch mal gerne zur Gitar­ren­be­glei­tung, irgend­wer raunt und klim­pert immer wie­der im Reper­toire herum und nennt es dann Chanson.

Da bekommt man schon einen Schreck, wenn man auf einem Plat­ten­co­ver der Album­ti­tel ers­tens einen bekann­ten Tatort-Kommissar mit absur­der Fri­sur zu sehen bekommt und zwei­tens den Titel »Blick aufs Mehr« lesen muß. Der Kalauer ist zum Glück eine Täu­schung, die Fri­sur wohl ein Witz. Axel Prahl, um den es sich hier han­delt, gefällt sich ja vor allem im Fern­se­hen in der Rolle des rauh­bei­ni­gen Nord­deut­schen mit Herz, daß er ein Meis­ter an dif­fe­ren­zier­tem Spiel sein kann, wie bei­spiels­weise in den Fil­men Andreas Dre­sens, zeigt er in die­sem Medium lei­der viel zu wenig. So ähn­lich kommt dann auch die­ses deut­sche Album daher, eröff­net maritim-schunkelnd mit »Reise, Reise« (für die nicht Nord­deut­schen: das Wort hat nichts mit Rei­se­kof­fern zu tun, son­dern kommt vom eng­li­schen »rise«).

Der musi­ka­li­sche Auf­tritt ist mehr­teil­er­fä­hig, (digi­tal ver­murkste) Strei­cher, schmach­tende Oboe, schlim­mer Solo-Trompetensound, gro­ßes Westentaschen-Kino – die Farbe bleibt kon­stant. Denkt man sich das Ganze ana­lo­ger, unpro­du­zier­ter, und sieht dem Schauspieler-Sänger mal diese, wohl Sin­nen­freu­dig­keit demons­trie­rende, etwas röh­rende Breit­bei­nig­keit in Titeln wie »Ich bin nun mal so« nach, dann erin­nert man sich viel­leicht an das eine oder andere, was viel­leicht ein­mal in Fil­men wie »Die Dinge des Lebens« gehört haben mag – Chan­son du Cinéma. Es sind ein paar kleine Bal­la­den (»Wieso bist du immer noch da«, »Wei­ter­gehn«), die den wenig grob­schläch­ti­gen Sän­ger Prahl zei­gen, wo zwi­schen den selbst­ge­tex­te­ten Zei­len so etwas wie Form und Wille zu sehen ist, wo ein klei­nes Gefühl glaub­wür­dig wer­den kann, wo das starke Talent eines Gestal­ters wahr­zu­neh­men ist und Geschich­ten erzählt wer­den. Lei­der sind diese fei­ne­ren Num­mern in der Min­der­zahl, Schram­mel­gi­tar­ren kom­men da schon öfter ins Spiel. Aber das Andere, das Fei­nere, bleibt hän­gen, und das ist doch schon mal was für so eine Art Debüt-Album.

Der Enter­tai­ner
Über­haupt kein Debü­tant, weder auf der Matt­scheibe noch als Musi­ker, ist Götz Als­mann. Auch er hat eine absurde Fri­sur zu zei­gen, inzwi­schen ist die Tolle zum Mar­ken­zei­chen sti­li­siert. Schon gar nicht schlecht ist der 54-jährige in der Ver­mark­tung sei­ner Per­son und sei­nes veri­ta­blen Könnens.

Als Enter­tai­ner sucht er sei­nes­glei­chen, kaum jemand in der deut­schen Fern­seh­land­schaft ver­eint die Qua­li­tä­ten des Standup-Unterhalters mit musi­ka­li­schen Fer­tig­kei­ten, Wort­witz und Kla­mauk­fä­hig­keit sind beacht­lich und er ist eine gro­ßer Freund und Ken­ner deutsch­spra­chi­ger Unter­hal­tungs­mu­sik. Die spielt dies­mal »In Paris«, Als­mann hat sich eine ganze Reihe deut­sche Tra­duk­tio­nen fran­zö­si­scher Klas­si­ker mund­fer­tig gemacht – von Charles Tre­nets »La Mer« bis Charles Azna­vours »Tu t‹ lais­ses aller«.

Das ist an und für sich ein char­man­tes Unter­fan­gen, ganz wie man es von dem umtrie­bi­gen TV-Menschen Als­mann erwar­ten kann. So char­mant aber, wie das ganze daher kommt, so inhalts­leer ist es dann auch. Mun­ter klim­pert die Marimba, der Sän­ger singt geschmei­dig, und das pas­siert durchs ganze Album. Götz Als­mann ist alles, aber er ist kein Interpret.

Beson­ders deut­lich wird das bei Titeln wie »Tu t‹ lais­ses aller« – auf deutsch »Du läßt dich gehen«. Alles was da ein­mal an Brü­chen in Text und Musik drin war, ver­sinkt da in relax­ter Latino-Barpiano-Sauce. Schat­ten gibt es da allen­falls im gedämpf­ten Piano, der Ges­tus bleibt so nett wie wohl die­ses ganze Album gemeint ist. Nicht ein­mal die Suche nach einer irgend­wie inten­dier­ten iro­ni­schen Dis­tanz ist für den geneig­ten Hörer erfolg­reich. Gefäl­lig ist das zwar, warum aber dann deut­sche Texte, wenn man eh nicht hin­hö­ren mag?

Der Sän­ger
Wie das anders geht, zeigt der Ham­bur­ger Pop­mu­si­ker Michy Reincke, seit Jahr­zehn­ten im Geschäft, seit Jah­ren eher in Ken­ner­krei­sen bekannt und ein biss­chen erfolg­reich. Ein biß­chen wei­ter hin­ten in der Play­list sei­nes Albums mit dem put­zi­gen Namen »Der Name kommt mir nicht bekannt vor« fin­det sich ein Titel mit dem Namen »Himm­li­sche Fel­der«. Dahin­ter ver­birgt sich nichts ande­res als Joe Dassins »Aux Champs Ely­sees«, daß schon 1969 von Hans Brad­tke (»Pack die Bade­hose ein«) einen deut­schen Text ver­paßt bekom­men hat. So ganz ohne ger­ma­ni­schen Holz­ham­mer dich­tet Reincke die Verse um, baut eine Remi­nis­zenz an sei­nen gro­ßen Hit »Taxi nach Paris« ein: »Ich kam mit dem Taxi und hatte nicht genug Kies«, viel schnodd­ri­ger ist das Ganze als der Schla­ger­text von einst. Eine Hom­mage an eine Straße, eine Stadt, an eine Frau, an eine Erinnerung.

Im Geschich­ten­er­zäh­len ist Reincke nicht der Schlech­teste, das musi­ka­li­sche Sto­ry­tel­ling ist sein Metier. Gele­gent­lich ver­fällt er in die Mythen des Pop, in »Nur um dich tan­zen zu sehen« wird der schöne, olle Topos des wil­den, unan­ge­paß­ten Lebens beschwo­ren, von der graue Bank­an­ge­stellte träu­men mögen: »Komm wir tref­fen uns auf dem Dach, machen ein biß­chen Krach, dre­hen die Reg­ler auf 10 …«. Das ist sicher­lich ein biss­chen ein­fach und schon hun­dert­fach da gewe­sen. Aber es ist hübsch gemacht und schmiegt sich musi­ka­lisch an. Ist eben Popmusik.

Ebenso hübsch gemacht ist auch der Opener des Albums »Erzähl mir nicht …«. Eine Groß­stadt­ge­schichte, die Begeg­nung zweier Bezie­hungs­lo­ser, smart und fein im Dia­log erzählt. Hier fin­den wir den Philipp-Sarde-Gestus, den gro­ßen musi­ka­li­schen Bogen, der bei den digi­ta­len Arran­ge­ments auf dem Prahl-Album nur zu ahnen war, warm, far­big und hym­nisch wie­der. Und da wird der Nord­deut­sche Reincke fran­zö­si­scher, inspi­rier­ter und auch eine klei­nes biß­chen grös­ser als all die Bemü­hun­gen der Kol­le­gen. Und dann schrei­ten die im bes­ten Sinne alt­mo­di­sche Pop­mu­sik, der deut­sche Lied­ge­sang und das Pari­ser »Olym­pia« Seit an Seit. Geht doch – Douce Alle­ma­gne.

Axel Prahl: Blick aufs Mehr [Ama­zon Part­ner­link]
Götz Als­mann: In Paris [Ama­zon Part­ner­link]
Michy Reincke: Der Name kommt mir nicht bekannt vor [Ama­zon Part­ner­link]

M. Schu­mann

10. November 2011

Lauschen ohne Reue

Am 11. 11. 11 prä­sen­tiert die Lausch Lounge wie­der mal deutsch­spra­chige Singer-Songwriter vom Feinsten.

Trauen sie sich? (Bild: © Vilmos Varga - Fotolia.com)
Trauen sie sich? (Bild: © Vil­mos Varga — Foto​lia​.com)

Wer ein­mal im Publi­kum saß, kommt gern wie­der. Seit 2004 prä­sen­tie­ren Michy Reincke und sein Freund Hasko Witte unter dem Namen Lausch Lounge im regel­mä­ßi­gen Tur­nus vier nord­deut­sche Künst­ler live und unplug­ged. Das Publi­kum ist hin­ge­ris­sen, denn die Mischung macht’s: Bei jeder Lausch Lounge ste­hen eta­blierte Künst­ler und New­co­mer gemein­sam auf der Bühne. Vor­zugs­weise deutsch­spra­chige Texte kom­men hier zu Gehör und immer Eigen­kom­po­si­tio­nen der Künstler.

Wer auf der Lausch Lounge-Bühne stand, macht in der Regel von sich reden. Wenn man sich durch die Künst­ler­liste der Home­page klickt, staunt man nicht schlecht, wer zur ein­ge­schwo­re­nen und ste­tig wach­sen­den Lausch Lounge-Gemeinschaft gehört. Anna Depen­busch und Anett Lou­sian, Gis­bert zu Kny­phau­sen und Olli Schulz fin­det man hier — um nur zufäl­lig vier aus der Liste zu picken. Seit 2004 wächst die Künst­ler­schar ste­tig an, auch wenn die Musi­ker regel­mä­ßig wie­der kom­men. Regy Cla­sen bei­spiels­weise, die auch bei die­ser Lausch Lounge am 11.11. das Publi­kum wie­der davon über­zeu­gen wird, dass sie den Titel »Ham­bur­ger Soul-Perle«, den ihr das Abend­blatt gab, auf der Bühne auch lebt.

Das Pro­gramm ist — wie so oft — bei Michy Reincke am Küchen­tisch und in unzäh­li­gen Mails ent­stan­den. Die drei ehren­amt­li­chen Initia­to­ren der Ver­an­stal­tung — seit 2009 bekom­men Witte und Reincke tat­kräf­tige Unter­stüt­zung durch Yvonne Pau­lien — haben mit ihren vie­len Ideen alle Hände voll zu tun. Und das scheint glück­lich zu machen. »Die Lausch Lounge ist das schönste Hobby, das mir jemals in den Schoß gefal­len ist« sagt Witte, der sonst u. a. als Pro­mo­tion Mana­ger beim Label edel tätig ist.

Eine Weile haben die bei­den auch den NDR bei der Sen­de­reihe »Ham­burg Sounds« bera­ten. Doch scheint das kleine, feine Kon­zept der Lausch Lounge ihnen eher zu lie­gen. »Wir hal­ten es für wich­tig, in unse­rem Bereich eine kul­tu­relle Iden­ti­tät anzu­bie­ten und zu för­dern«, so Reincke auf der Home­page, »eine Idee, die über den Popstar-Rummel hin­aus­geht. Bei uns gibt es Künst­ler mit einer Hal­tung, auch mit Humor, mit einer Qua­li­tät und Lie­dern, die uns klü­ger und sen­si­bler machen kön­nen.« Wer im Som­mer bei der Lan­des­gar­ten­schau in Nor­der­stedt mit 500 ande­ren Gäs­ten bei etwa 14 Grad erbärm­lich gefro­ren hat und trotz­dem keine Sekunde dar­über nach­dachte zu gehen, weiß, wovon Reincke spricht.

»Ich bin schon ein wenig in Sorge, dass an einem Datum wie dem 11. 11. 11 alle hei­ra­ten und nicht zur Lausch Lounge kom­men« schmun­zelt Witte. Unbe­grün­det, denn das Pro­gramm ist exzel­lent und die Spiel­stätte, das Lola Kul­tur­zen­trum, lau­schig. Auf der Bühne darf man dies­mal neben Regy Cla­sen die junge Musi­ke­rin Katha­rina Vogel ent­de­cken, die sich bei Reincke vor­stellte, als der in den Flie­gen­den Bau­ten arbei­tete. Kur­zer­hand stellte er sie vor sei­nem eige­nen Pro­gramm auf die Bühne und freute sich, dass der Plan auf­ging, als das Publi­kum im aus­ver­kauf­ten Haus gebannt an ihren Lip­pen hing. Als dritte Dame im Pro­gramm tritt Meike Koes­ter auf, die nach drei CDs in eng­li­scher Spra­che und Kon­zert­rei­sen in die USA nun deut­sche Titel prä­sen­tiert. Das hätte sie schon viel frü­her tun sol­len, denn ihre Texte tref­fen mit­ten ins Herz. »An ihr mag ich die Art, wie sie ganz all­täg­li­che Situa­tio­nen in tolle Texte und groß­ar­tige Musik über­setzt« freut sich Hasko Witte.

Doch was wäre die Lausch Lounge ohne einen Hahn im Korb? Mit Jus­tin Balk kommt ein alter Bekann­ter zurück auf die Ham­bur­ger Bret­ter. Als Gitar­rist der Band »Cucum­ber Men« fei­erte er bereits Erfolge, und sein drit­tes Solo-Album macht neu­gie­rig mit schrä­gen Titeln wie »Mus­ku­löse Elfe« und »Der müden Krähe ihr Korn«. »Bei Jus­tin weiß ich nie, wie die Show wird«, sagt Witte. »Bis­her war sie jedes Mal anders und jedes Mal anders gut. Irgendwo zwi­schen furcht­bar albern und tief berührend.«

Man darf also gespannt sein auf die­sen Frei­tag. Und ganz all­ge­mein darf man sich freuen, dass es eine Insti­tu­tion wie die Lausch Lounge gibt. Eine Ver­an­stal­tung, bei der sämt­li­che Ein­nah­men an die Künst­ler gehen; bei der jedes Kon­zert über­rascht wie eine Wun­der­tüte; bei der die Ver­an­stal­ter die Künst­ler so glück­lich machen, dass die für ihre Gast­ge­ber einen Song schrei­ben, in dem fol­gende Zeile vor­kommt: »Es gibt nichts zu ver­lie­ren, außer uns an den Moment«. Na, dann los. Ver­lie­ren wir uns.

Die Lau­schlounge mit Regy Cla­sen,  Katha­rina Vogel, Meike Koes­ter und Jus­tin Balk  fin­det am 11. Novem­ber 2011 um 20:00 Uhr in Hamburg-Bergedorf im Lola Kul­tur­zen­trum e. V., Loh­brüg­ger Land­straße 8, 21031 Ham­burg, statt

N. Fin­ger­hut

12. Januar 2011

Eleganz und Vergebung … it’s de-lovely

Texterin, drinnen: Anna Depenbusch bei einer NDR Kulturjournal-Veranstaltung in Hannover (Photo: C. Frey)
Tex­te­rin, drin­nen: Anna Depen­busch bei einer NDR Kulturjournal-Veranstaltung in Han­no­ver (Photo: C. Frey)

Einen gan­zen Hau­fen deut­sche Mäd­chen und Jungs mit der Gitarre vulgo Singer/Songwriter hat die Musik­in­dus­trie in den letz­ten Jah­ren auf den Markt gewor­fen. So viele nette Lie­der, auch viel Befind­lich­keit und noch mehr Herz­schmerz, alles ganz rüh­rend und mit eini­ger­ma­ßen Erfolg gesegnet.

Lei­der trägt bis­lang auch die Ham­bur­ge­rin Anna Depen­busch die­sen Titel in der Bericht­er­stat­tung, ver­mut­lich, weil nie­man­dem etwas Bes­se­res ein­fällt. Sie ver­öf­fent­licht die­ser Tage ihr zwei­tes Album »Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch«, und man kann wirk­lich nur hof­fen, daß danach von die­sem Dik­tum nichts, aber auch rein gar nichts mehr übrigbleibt.

Anna Depen­buschs erste Platte erschien 2005 auf dem Label des umtrie­bi­gen Michy Reincke, der viele Talente der Ham­bur­ger Musik­szene ent­deckt und geför­dert hat. »Ins Gesicht« war ein inni­ges Werk, auf dem Cover ist die Sän­ge­rin wie in einen Kokon ein­ge­wi­ckelt zu sehen. Schon auf die­sem Album blitzte zwi­schen aller Intro­spek­tion mensch­li­cher Gefühle und Schwä­chen Schalk und der Mut auf, über den Tel­ler­rand der eige­nen Befind­lich­keit hin­aus­zu­se­hen. Der Song »Hei­mat« von die­ser Platte wurde für den Deut­schen Musik­au­to­ren­preis nomi­niert, gelobt wurde vor allen der unver­krampfte und per­sön­li­che Umgang mit einem in Deutsch­land sehr schwie­ri­gen Thema. Musi­ka­lisch war »Ins Gesicht« eine Grat­wan­de­rung zwi­schen Pop und Chan­son, manch­mal etwas indif­fe­rent, aber immen­ses Poten­tial aus­strah­lend. Ein gutes Debut.

Die neue Platte mit dem Titel »Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch« ist gänz­lich ande­rer Cou­leur. Musi­ka­lisch sind die 12 Tracks viel­fäl­ti­ger, die Texte haben an Trenn­schärfe und Akku­ra­tesse gewon­nen. Ob brüchig-seliger Wal­zer in »Tim liebt Tina«, ein Song mit äußers­tem Mut zur Sim­pli­zi­tät von Reim und Geschichte – so ein­fach und durch­schla­gend ist der Rei­gen der Liebe wohl noch nicht ver­tont wor­den, ob Country-Fiddle in »Glück­lich in Ber­lin« oder gar der besof­fen Eastern-Polka-Sound in »Tanz mit mir«, alles lebt und atmet den Gedan­ken sei­ner Geschichte – offen­bar hat die Künst­le­rin sich Gedan­ken gemacht, wel­che musi­ka­li­sche Farbe ihre Texte jeweils am bes­ten unter­stüt­zen kann.

Und das ist größ­ten­teils äußerst schlüs­sig und wirk­lich neu an die­ser Platte. Die Texte ran­ken sich vor­wie­gend um die Geschlech­ter­be­zie­hung, um Liebe, Hass und Lei­den­schaft, aber umschif­fen die so oft gehörte Pla­ti­tüde deut­scher Lie­der­ma­cher­ly­rik – wenn das nicht gelingt, wird die oft auf­tre­tende Bana­li­tät des ero­ti­schen Augen­blicks erkannt und iro­nisch the­ma­ti­siert. Ein gutes Bei­spiel ist die Num­mer »Wenn du nach Hause kommst«, deren uner­war­te­tes Ende die Lar­mo­yanz eines Ver­las­sen­heits­blues auf äußerst reiz­volle Weise umkehrt.

Wie soll man das ein­ord­nen, in wel­che Rich­tung geht das? Kokette Lied­chen über die Liebe? Kei­nes­wegs, jedes die­ser Stü­cke atmet den Esprit und die Ele­ganz eines Cole Por­ter und ist in die­ser Form­ge­schlos­sen­heit mei­len­weit ent­fernt von den 60er-Jahre gen­der roles, die die Künst­ler, die etwa ein Frank Ramond betex­tet, mit sich her­um­tra­gen müs­sen. Anna Depen­busch ist kein weib­li­cher Baby-Crooner, der sich keck die Lip­pen nach­zieht und mit den Augen­de­ckeln klap­pert, son­dern eine moderne junge Frau, die es schafft, ihren Blick auf die Welt und ihre Bezie­hun­gen all­ge­mein machen zu können.

Schaut man sich etwa das etwas unschein­bar daher­kom­men­den und bereits erwähnte »Glück­lich in Ber­lin« an, kann man das schön nach­voll­zie­hen. Da Ganze kommt als mid-tempo Coun­try­song daher, die Wes­tern­fiddle rankt sich um Melo­die und Worte, es stampft ein trei­ben­der Rhyth­mus, ein Road­song ist das. Es wird die Geschichte einer zurück­lie­gen­den Tren­nung erzählt:

Hallo, wie schön Dich hier zu sehen, es scheint
Dir gut zu gehen
Ich glaube, Du bist glück­lich in Ber­lin
Dein gro­ßer Traum, seit vie­len Jah­ren scheint
end­lich wahr zu sein

Tja, was man so an Bana­li­tä­ten sagt, wenn man sich nach lan­ger Zeit wiedertrifft.

Ein Teil von mir wünscht Dir dafür viel Glück
Und ein Teil von mir wünscht Dich hier her zurück

Blitzt da eine immer noch vor­han­dene Sehn­sucht her­vor? Anschei­nend ja.

Zu groß, zu klein, zu nah, zu weit
Das eine geht, das andere bleibt
Dass ich Dich beneide wär´ doch irgend­wie
gelo­gen
doch es ist toll, Du hast das große Los gezogen

Die Schrei­be­rin ist bereit zu ver­ge­ben, trotz ihres vor­han­de­nen Schmer­zes und der Erin­ne­rung an ver­gan­gene Zei­ten. Aus dem ein­fa­chen Thema, ver­se­hen mit so alt­mo­di­schen Sehn­suchts­mar­kern wie »Ber­lin, die große Stadt«, dem »ich muss mei­nen Weg gehen, koste es, was es wolle« wird mit ein paar Wor­ten die Ahnung an eine ganz andere Geschichte, einer Geschichte von Trauer und Ver­ge­bung. Da kann man nur den Hut zie­hen, so etwas hat es in der deut­schen Unter­hal­tungs­mu­sik schon sehr, sehr lange nicht mehr gege­ben. Nicht von unge­fähr hatte der sprach­lich ebenso flo­ret­tie­rende ZEIT-Kolumnist Harald Mar­ten­stein unlängst in Han­no­ver einen Auf­tritt mit Anna Depen­busch, eine Kom­bi­na­tion, die man hof­fent­lich noch häu­fi­ger sehen wird  – wie schrieb der schon erwähnte Cole Por­ter in Anything Goes: »It’s de-lovely!«

Das Schall­plat­ten­lob: ★★★★★ 

»Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch»
kann man ab 14. Februar 2010 u. a. hier bestel­len.

M. Schu­mann

24. November 2010

Würdenträger

Was hat einen als jun­gen Erwach­se­nen die­ser Song genervt. Diese Synthie-Klänge. Die­ses grau­en­volle Edith-Piaf-Sample. Der wirk­lich bekloppte Band-Name. Dazu die Erin­ne­rung an Jugend­par­ties, wo das Zeug auch immer gespielt wurde und es irgend­wie pein­lich war, das gut zu fin­den. Aber es war ein Hit, sein Größ­ter. »Taxi nach Paris« muss Michy Reincke die letz­ten 25 Jahre ver­folgt haben. Danach kamen noch ein paar wei­tere mehr oder weni­ger erfolg­rei­che Songs (»Vale­rie, Vale­rie«), aber wann immer der Ham­bur­ger Sän­ger irgendwo seine Musik vor­stellte, wurde er nach die­sem einem Stück gefragt. Und immer gab es nur eine mög­li­che Ant­wort von ihm, ohne viel Zögern hieß es immer, er möge das Lied einfach.

Dahin­ter steht etwas, was man frü­her mit dem steif­lei­ne­nen Wort »Hal­tung« bezeich­net hat. Michy Reincke hat immer wei­ter pro­du­ziert, ist einem klei­ne­ren Fankreis immer noch bekannt, beson­ders im Nor­den der Repu­blik ist er eine feste Größe im Musik­ge­schäft. Er hat ein Label gegrün­det und hat so wun­der­bare Talente wie Regy Cla­sen und Anna Depen­busch um sich ver­sam­melt und ihnen viel Raum zur künst­le­ri­schen Ent­wick­lung gege­ben. Und mit genau die­ser Hal­tung hat er nun ein neues Album gemacht, es heißt »Palais Salam«. Darin sind viele der alten Lie­der ent­hal­ten, auch das immer­fah­rende »Taxi«. Sol­che Alben hei­ßen andern­orts »Best of« und in die­sem Falle ist das ein wenig mehr wahr und rich­tig als sonst. Reincke hat seine alten Songs aufs Äußerste ein­ge­dampft, von den Ursprungs­ver­sio­nen und vor allem von den Arran­ge­ments ihrer Ent­ste­hungs­zeit sind sie mei­len­weit ent­fernt und da pas­sie­ren dann plötz­li­che erstaun­li­che Dinge. Das »Taxi« fährt auf der Spur eines swin­gen­den Wal­king­bas­ses, das Vibra­phon raunt dazu und man hört her­aus, warum Michy Reincke das Lied immer mochte. Es ist ein guter Pop­song, schön gebaut, mit amü­san­tem Text, tat­säch­lich ohne jede Peinlichkeit.

Trotz der laid-​​back Jazz-​​Stimmung, die sich durch die ganze Platte zieht – Besen da, ver­hal­tene Rimshots dort, Flü­gel­horn und Kla­vier – ist das kein Jazz und will es nicht sein.


Es ist Pop­mu­sik. Reincke hat eine sei­ner mut­maß­li­chen musi­ka­li­schen Ursze­nen in einen hübsch-distanzierten Text gegos­sen. In Pop im Radio wird noch ein­mal deut­lich, was so ein Jugend­ge­fühl aus­macht und die leicht ver­klärte Erin­ne­rung an die Ori­en­tie­rung, die Radio­mu­sik einst aus­ge­macht hat:

»Wir woll­ten nur Musik und die kam ausm Radio
Wir waren unend­lich und jung, ohne viel Erin­ne­rung
die Gedan­ken irgendwo, man spielte Pop im Radio.«

Das ist schon stark in der Refle­xion des jugend­li­chen Sen­ti­ments und zugleich ein schö­ner Rück­blick auf die Zei­ten, wo Pop–Musik noch Bedeu­tun­gen hatte und Jugend­iden­ti­tä­ten kre­ierte. Heute ist das anders. Michy Reincke trägt seine musi­ka­li­sche Ent­wick­lung mit Würde und dabei kommt eine Menge schö­nes alt­mo­di­sches Zeug her­aus. Und wer dann bei »Es wär so schön, wenn wir sin­gen, wenn wir gehen« nicht anfängt zu heu­len, der ist viel­leicht auf die eine oder andere Art zu heu­tig. Die heu­ti­gen Hips­ter sagen bei so was: »Respekt«.

Das Schall­plat­ten­lob: ★★★★☆ 

Michy Reincke: Palais Salam

M. Schu­mann