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7. Februar 2012

Schluppenbluse

Wie Bou­le­vard und Poli­tik zusam­men­ge­hö­ren: Niklaus Helb­lings präch­ti­ger »Tartuffe« in Lübeck

Dreieckskonstellation (Foto: Thorsten Wulff/Theater Lübeck)
Drei­ecks­kon­stel­la­tion (Foto: Thors­ten Wulff/Theater Lübeck)

Wie das Per­so­nal einem bekannt vor­kommt, so ver­traut: Eine kühle, blonde Frau in hoch­ge­schlos­se­ner Bluse, den Hals mit einer Schleife ver­schnürt, eine Ikone des Kinos. Und ein kurz gestutz­ter Exis­ten­zia­lis­ten­bart, und der locker über den Schul­tern gekno­tete Pull­over, der klas­si­sche Sohn-aus-gutem-Hause-Look – alles sind Bil­der aus dem Fun­dus einer cine­as­ti­schen Erin­ne­rung. Und nicht eine Spur einer heu­ti­gen Erschei­nung, keine modi­sche Aktua­li­sie­rung ist hier auf der Bühne.

Viel­leicht ist Niklaus Helb­ling bei der Ide­en­fin­dung zu sei­ner Lübe­cker »Tartuffe«-Inszenierung ja an einen der Meis­ter der Sur­rea­lis­mus gekom­men. Ein wenig ist es so, als stün­den in der Becker­grube Cathe­rine Deneuve, Jean Sorel und Michel Pic­coli auf der Bühne. Der Kinn­bart, die brei­ten Revers, die Schlup­pen­bluse – eine Gesell­schaft, ganz wie aus Luis Bun­u­els spä­tem Werk »Belle de Jour« her­ab­ge­stie­gen. Es ist ein Bild der bür­ger­li­chen Satu­riert­heit, die vol­ler Blind­heit vor dem Ver­lust, vor der Demon­tage und dem Abgrund steht. Das fran­zö­si­sche Kino der 60er und 70er Jahre bie­tet sol­che Arche­ty­pen zuhauf; ein »damals«, als das Poli­ti­sche noch in der Luft und in der Kunst lag.

Die Geschwin­dig­keit, mit der die­ses satte Leben sich selbst zer­stört, ist aus­ser­or­dent­lich bemer­kens­wert. Sel­ten hat man an einem deut­schen Stadt­thea­ter das »clip­clap« des Bou­le­vards, die Kunst des genauen Timings und die schnel­len paß­ge­nauen Anschlüsse in solch einer Per­fek­tion sehen kön­nen. Mit atem­be­rau­ben­der Geschwin­dig­keit, glei­cher­mas­sen quä­lend wie zer­stö­rend in sei­ner Exakt­heit, bewegt sich das Spiel auf die finale bür­ger­li­che Kata­stro­phe, auf den Ver­lust der Dinge und der Werte hin. Es gibt keine Ermü­dung im Spiel­fluß und in der Bedeu­tung, alle Vor­gänge sind von unaus­weich­li­cher Konsequenz.

Wie wun­der­schön per­fekt ist das, wenn etwa in der gro­ßen Ent­hül­lungs­szene des vier­ten Akts Dia­log und Begleit­mu­sik paß­ge­nau in das Schwei­gen einer Gene­ral­pause tru­deln, oder wenn Klei­nig­kei­ten wie eine zufal­lende Tür akus­tisch ver­stärkt wer­den und auch das Spre­chen in einen Hohl­raum mit einem Echo ver­se­hen wird. Nichts ist da ohne Bedeu­tung, jede Ver­spielt­heit in die­sem Spiel kann eine neue Facette in der Per­son, in der Hand­lung, im Stück ergeben.

Auch sind die Klänge wich­tig in die­sen 100 Minu­ten Moliere. (Musik: Felix Huber) Schon zu Beginn liegt ein kaum wahr­nehm­ba­rer akus­ti­scher Tep­pich unter dem Gemur­mel der Lübe­cker, pulst vor sich hin und mar­kiert in einem raschen Cre­scendo den Anfang. Nicht viel spä­ter tritt der junge Valère (Jörn Kolpe) auf, mit sich im Gepäck die bürgerlich-musikalische Phan­ta­sie der gro­ßen Lie­bes­sehn­sucht, einen Hauch des Tris­t­a­n­ak­kor­des schleppt er hin­ter sich her. Auch hier ist die Dosie­rung mikro­sko­pisch, aber stüt­zend. (Nota: Helb­lings eige­nes Ensem­ble nennt sich Mass & Fie­ber – der Deu­tungs­raum mag da schon abge­steckt sein …)

In jeder Form der Sti­li­sie­rung – und davon hat die Insze­nie­rung reich­lich – steckt neben dem Wil­len zur Kon­zen­tra­tion immer auch die Gefahr, sich in der For­ma­li­sie­rung zu ver­lie­ren. Helb­ling hat einen gesun­den Hang zum Slap­stick – nie wird ver­ges­sen, daß sich um eine Komö­die han­delt, nicht um einen Dekla­ma­ti­ons­text – mal hier eine akro­ba­ti­sche Ein­lage, mal dort eine absurde Cho­reo­gra­phie zu wie­der das Tempo for­cie­ren­den Electro-Beats in den Umbauten.

Ein biss­chen geht bei all dem absurd-anregenden thea­tra­li­schen Tsching­dara die psy­cho­lo­gi­sche Deu­tungs­ba­sis flö­ten. Warum nur um alles in der Welt die halbe Fami­lie Orgons (Götz van Ooyen) dem Blen­der Tartuffe folgt, das erklärt der Abend nicht. Aber es zeigt die Dekon­struk­tion der Gesell­schaft durch das Dogma, gleich wel­cher Art. Zum Schluß, wenn sich das Haus Orgon, und das durch­aus im dop­pel­ten Sinne, selbst zer­stört hat – der Büh­nen­raum besteht aus ein­ge­häng­ten Panee­len, die sich im Laufe des Abends durch vie­ler­lei Umstände ablö­sen – wer­den auch die bür­ger­li­chen Groß­in­si­gnien abge­hängt, die Korn­leuch­ter, die den Raum den gan­zen Abend nach oben begrenzt haben. Tie­fer kann man nicht fal­len. Und dann geht wie­der der Spie­ler mit dem Regis­seur durch, plötz­lich taucht ein Mikro­phon auf und ein gro­ßes Musi­cal­fi­nale mit allem, was dazu­ge­hört, beginnt. Voilà, gro­ßes Theater!

Es spie­len, neben den genann­ten, Sven Simon (Madame Per­nelle), Sara Wort­mann (Emire), Patrick Heppt (Damis), Lisa Char­lotte Fried­rich (Mariane), Tho­mas Schreyer (Cléante), Kat­rin Aebi­scher (Dorine) und Mat­thias Her­mann (Tartuffe). 

Mat­thias Schu­mann (kms)