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28. März 2013

Möbelrücker

Wie Moritz Rinke den moder­nen Men­schen sucht und was er fin­det: »Wir lie­ben und wis­sen nichts« in den Ham­bur­ger Kammerspielen

Katzen und Affen auf einem Maskenball (Bild: Felix Wandler/Hamburger Kammerspiele)
Kat­zen und Affen auf einem Mas­ken­ball (Bild: Felix Wandler/Hamburger Kammerspiele)

Die Latte liegt hoch, sehr hoch: »So ist die Lieb! So ist die Lieb! – Mit Küs­sen nicht zu stillen …«

Edu­ard Möri­kes Gedicht ver­bild­licht seit bei­nahe 200 Jah­ren das pro­to­ty­pi­sche Ideal der Paar­be­zie­hung, das kann der bezie­hungs­be­reite Groß­städ­ter in jeder Äuße­rung sei­ner Umwelt nach­for­schen, ob in Maga­zi­nen, Kino oder in der Rat­ge­ber­li­te­ra­tur. Das Ziel ist ewi­ger Gleich­klang und ewi­ges Begeh­ren, die Per­fek­tion der roman­ti­schen Vor­stel­lung vom Glück.

Diese Zei­len der deut­schen Roman­tik ber­gen aber auch den tie­fen Zwei­fel der Unvoll­kom­men­heit in sich, die Unge­wiss­heit, ob denn alles, was da ver­an­stal­tet wird an emo­tio­na­ler Ver­ren­kung, an Balz– und Begehr­ver­hal­ten und dem dar­auf fol­gen­den »Sett­le­ment« dem Ideal genügt. In der heu­ti­gen Gesell­schaft wird erstaun­li­cher­weise die­ses Bild hoch­ge­hal­ten, haben sich die Zei­ten und sozia­len Kon­stel­la­tio­nen seit dem frü­hen 19. Jahr­hun­dert doch sehr verändert.

Das Indi­vi­duum steht doch so hoch im Kurs, die freie Ent­schei­dung bei der Part­ner­wahl scheint alle Schwie­rig­kei­ten der Ver­gan­gen­heit auf­zu­lö­sen, dem ewi­gen und frei­heit­li­chen Glück scheint nichts mehr entgegenzustehen.

In die­ses Bild vom Para­dies der Paare, das so tief in den Köp­fen und – so es sie gibt – auch in den Her­zen der medial ver­wer­te­ten Kon­sum­ge­sell­schaft ver­wur­zelt ist, ist auch der Aus­gangs­punkt von Moritz Rin­kes neuem Stück »Wie lie­ben und wis­sen nichts«, das an den Kam­mer­spie­len seine Hamburg-Premiere hatte. Rinke ist einer der weni­gen Auto­ren der jün­ge­ren Gene­ra­tion, die das dra­ma­tur­gi­sche Hand­werk mit der Mut­ter­milch ein­ge­so­gen zu schei­nen haben, seine gros­sen Büh­nen­er­folge der ver­gan­ge­nen Jahre sind extrem genau kon­stru­iert und beste­chen durch die federnde Ele­ganz sei­ner Spra­che. An die Reihe von »Repu­blik Vineta« bis hin zu den phä­no­me­na­len »Nibe­lun­gen« knüpft nun »Wir lie­ben und wis­sen nichts« rela­tiv naht­los an, der Text ist gut, die Poin­ten sit­zen, die Figu­ren sind scharf gezeich­net. Und der Autor schaut auf seine Zeit.

Der Plot ist kon­zen­triert, zwei Paare tref­fen auf­ein­an­der, vier Typen, deren Klischee-Existenzen so typisch sind für eine heu­tige Gesell­schaft von Selbst­ver­wirk­li­chern und ver­meint­lich Erfolg­rei­chen. Da wäre die Management-Trainerin Han­nah (Katha­rina Wacker­na­gel), die Zen-Kurse für mitt­lere Füh­rungs­kräfte gibt, mit dem erfolg­lo­sen Autor Sebas­tian (Ste­phan Kampwirth) zusam­men­lebt. Und der IT-beflissene Raum­fahr­tin­ge­nieur Roman (Wanja Mues), an sei­ner Seite die Ehe­frau Mag­da­lena (Karo­line Eich­horn), die eigent­lich nichts tut. Beide Paare haben sich zum Woh­nungs­tausch aus beruf­li­chen Grün­den ver­ab­re­det, Aus­gangs­punkt der Geschichte ist die fast leer­ge­räumte Woh­nung von Han­nah und Sebas­tian. Die ist, wie es sich für den intel­lek­tu­el­len Mit­tel­stand gehört, hübsch weiß, das zen­trale Büh­nen­ob­jekt (Aus­stat­tung: Lars Peter) ist der berühmte Lounge-Chair des Ehe­paars Charles und Ray Eames. Auch so ein krea­ti­ves Paar.

Rasant sind die Dia­loge in den ers­ten zwei Drit­teln des Stü­ckes, Ste­phan Kampwirth erfreut sich sicht­lich an der Wort­wech­se­lei mit sei­ner Part­ne­rin Katha­rina Wacker­na­gel. Deren schir­mer­prob­tes Spiel hat so gar nichts von der Auf­ge­setzt­heit man­cher Büh­nen­künst­ler, die »natür­li­che Stim­mung« ist unzwei­fel­haft ihr Metier.

Ihre Han­nah ist offen­bar die trei­bende Kraft in der Bezie­hung der bei­den, und die depressiv-tragikomische Ego­zen­trik ihres Auto­ren­freun­des Sebas­tian ist viel­leicht ein klei­ner Spie­gel­blick des Autors: »Ich komme aus einer klas­si­schen Selbst­mör­der­fa­mi­lie«. Hin­ter die­sen Figu­ren steht stets der tiefe Zwei­fel an der Rich­tig­keit ihrer Exis­tenz, bricht die Fas­sade auf. Han­nah hat bei aller Kar­rie­re­pla­nung einen laten­ten Kin­der­wunsch, der ihr der Lonesome Rider Sebas­tian nicht erfül­len kann und will. Natür­lich beschäf­tigt er, der sich nicht ent­schei­den will, mit liber­ti­nä­ren Gesell­schaf­ten. Er schreibt Kata­log­vor­worte, der »große Roman« war­tet und er pos­tu­liert Frei­hei­ten, die er nicht hat.

Unwill­kür­lich fal­len einem die moder­nen Bezie­hungs­schlach­ten des heute nicht mehr gespiel­ten Schwe­den Lars Norén ein (»Dämo­nen«), in ihrer Uner­bitt­lich­keit und Gna­den­lo­sig­keit sind sie Pro­dukte einer ande­ren Zeit, des Endes des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts. Rin­kes Figu­ren sind Suchende, tru­deln herum in einer Welt vol­ler räum­li­cher Ent­wur­ze­lung und feh­len­der ideo­lo­gi­scher Per­spek­ti­ven. Das Schlacht­feld ist das­selbe, der, der einem ver­meint­lich am nächs­ten steht, ist auch der Spar­rings­part­ner im Kampf mit sich selbst.

Dem Tausch­paar Wanja Mues und Karo­line Eich­horn fehlt es ebenso an Per­spek­ti­ven und sie blei­ben qua Anlage ein wenig blas­ser als die ande­ren bei­den. Er, ein tech­nik­ver­lieb­ter und von der eige­nen Wich­tig­keit stets über­zeug­ter Bra­mar­bas, sie das deko­ra­tive Frau­chen an sei­ner Seite mit einem Hang zur Kunst – auch das ist eine Vor­lage, an der der Autor sich abar­bei­ten kann – beide kom­men ein wenig stumpf daher, trotz der for­cier­ten Dyna­mik eines bevor­ste­hen­den Termins.

Es ist klar, dass es eine ero­ti­sche Ver­schrän­kung die­ses halt­lo­sen Quar­tet­tes geben muss, das gebie­tet der Komö­di­en­plot und die Maske der jewei­li­gen sozia­len Rolle. Funk­tio­nie­ren tut das natür­lich nicht, das Ende wie der Anfang unge­wiss – damit ist die Regel des Bou­le­vards eigent­lich aus­ge­he­belt, trotz der unaus­weich­li­chen Ver­satz­stü­cke des Genres.

Gelöst ist das Ganze, wie schon ange­deu­tet, flott – bis zum letz­ten Drit­tel. An der Stelle, an der Rinke sei­nem mög­li­chen Alter Ego Sebas­tian zum Credo ver­hel­fen will, da fängt der Abend an zu schlep­pen, als hätte jemand die Bremse getre­ten. Es ist schwer für den Zuschauer, die­ses Ritar­dando mit­zu­ma­chen, wähnte er sich doch bis dahin in einer Screwball-Comedy.

Hier liegt die insze­na­to­ri­sche Schwie­rig­keit des Stof­fes, unter Umstän­den hatte die Regis­seu­rin Ulrike Maack aber auch eine gewisse Beiß­hem­mung, ange­sichts der Nahezu-Uraufführung (die gab es im Dezem­ber in Frank­furt) und der Anwe­sen­heit des Autors, an ent­schei­den­der Stelle ein­mal den gefürch­te­ten Blei­stift des thea­tra­len Stri­ches krei­sen zu las­sen, um das an sich Gelun­gene noch ein wenig wei­ter zu formen.

Aber – ein trotz der Ein­schrän­kung  intel­li­gen­ter und dann darum eben sehens­wer­ter Abend ist das. Zudem ist Moritz Rinke ist ein gesell­schafts­po­li­tisch moti­vier­ter Roman­ti­ker, das scheint gewiss. End­lich mal einer, sol­che Leute wer­den gebraucht.

Mat­thias Schu­mann (kms)

26. Juni 2010

Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel

Es war im August 2002, als der Schrei­ber die­ser Zei­len mit eini­gen Freun­den am Ufer eines nord­deut­schen Sees auf einer grü­nen Wiese lag. Es war ein sehr hei­ßer Tag, und im Gepäck war eine Aus­gabe von »Thea­ter heute«. Im Heft war – wie immer – ein Stück­ab­druck und aus purer Laune her­aus begann die Sommerfrische-Gesellschaft die­ses Stück auf einer Wiese im August­som­mer mit ver­teil­ten Rol­len zu lesen. Erst aus­zugs­weise, immer wie­der unter­bro­chen von Geläch­ter und der Auf­for­de­rung wei­ter zu machen. Diese recht tsche­chow­sche Szene hat es tat­säch­lich gege­ben, das Stück hieß »Die Nibe­lun­gen« und der Autor hieß Moritz Rinke. Am Abend des so unter­halt­sa­men Diletto wurde die Pre­miere bei den Worm­ser Nibelungen-Festspielen auf 3sat über­tra­gen, zuge­rich­tet von Die­ter Wedel, der vom Thea­ter lei­der nur so viel ver­steht wie Edmund Stoi­ber von Rhe­to­rik. Dafür ver­stand der Autor um so mehr von Dra­ma­tur­gie und Witz und das hob das thea­trale Cen­ter­fold aus »Thea­ter heute« aus den vie­len Stück­ver­öf­fent­li­chun­gen »jun­ger Auto­ren« des Zen­tral­or­gans der deut­schen Büh­nen­land­schaft weit her­aus. Ben­amt als Bear­bei­tung Heb­bel­scher Tüme­leischwang sich der Natio­nal­kra­cher dunk­ler Epo­che zu einer Leich­tig­keit empor, die das Thema ver­dient hat und aus dem ebenso dunk­len Sumpf sei­ner Rezep­ti­ons­ge­schichte her­aus­holte. Für Rin­kes bril­lante Beherr­schung des Thea­ter­me­tiers spre­chen auch die frü­he­ren, ebenso ele­gant kon­stru­ier­ten wie in der Ideie­rung ori­gi­nel­len Werke »Der Mann, der noch kei­ner Frau Blöße ent­deckte« (auch ein Rück­griff in prä­na­tio­nale Zei­ten) oder das Erfolgs­stück »Repu­blik Vineta« von 2000.

Nun hat Moritz Rinke sei­nen Debut-Roman mit dem etwas eigen­ar­ti­gen Titel »Der Mann, der durch das Jahr­hun­dert fiel« geschrie­ben. Das erwähnte Jahr­hun­dert ist das letzte, das schreck­li­che deut­sche Jahr­hun­dert. Der Mann ist Paul Wend­land, ein – wie sein Autor Rinke – in die Hauptstadt-Fremde gezo­ge­ner Worps­we­der, der dem Kunst­druck des Künst­ler­dor­fes sei­ner Kind­heit ent­flo­hen ist. Aus sei­ner Ber­li­ner Emi­gra­tion muss er zur Ret­tung sei­nes im Moor­bo­den ver­sin­ken­den Eltern­hau­ses zurück­keh­ren – kaum ange­kom­men muss er sich nicht nur der Bau­be­wäl­ti­gung des »Grund­bruchs« stel­len, son­dern auch dem so ver­hass­ten Moor (»Mein gan­zes Leben nasse, sump­fige Füße …«). Das näm­lich gibt in schö­ner Wie­der­kehr Skulp­tu­ren sei­nes eini­ger­ma­ßen berühm­ten und ehren­wer­ten Bildhauer-Großvaters Paul Kück frei, deren Vor­bil­der lokale Nazi-Größen waren. Sie tra­gen so unge­mein deut­sche Titel wie Reichs­bau­ern­mi­nis­ter oder gar Reichsbauernführer.

Wie in den Stü­cken hat das Buch ein nicht zu ver­leug­nen­des Gespür für den Ges­tus, in dem die Bewäl­ti­gung der His­to­rie sich von dräu­end blei­schwe­rer Bewäl­ti­gungs­prosa ande­rer Werke ins Tra­gi­ko­mi­sche umkeh­ren muss. Die große Stärke die­ses Romans ist es, sei­nem Stoff nicht in ech­ter Weise »gerecht« zu werden.Was hat die deut­sche Lite­ra­tur nicht alles Ehren­wer­tes pro­du­zie­ren müs­sen, um die beson­de­ren Schre­ckens­jahre die­ses »deut­schen Jahr­hun­derts« zu ver­ar­bei­ten – Rin­kes­klit­ze­klei­ner Ent­wick­lungs­ro­man vor gro­ßem Hin­ter­grund ist in bes­ter Lubitsch-Manier erschre­ckend komisch. Es gibt unglaub­lich gro­teske Sze­nen, wie den zunächst am grü­ßen­den Arm der Skulp­tur schei­tern­den Ver­such, den Reichs­bau­ern­füh­rer des Nachts mit einem Tre­cker ver­schwin­den zu las­sen und sei­nen anschlie­ßen­den Abtrans­port durch die Nacht. Skur­ril wie­derum sind dann die Ver­knüp­fun­gen zur ur-deutschen Geis­tes­ge­schichte, so gehört auch ein »Ril­ke­koch­topf« zum Inven­tar des Moorhauses.

Das modernde Moor als den Grund und Boden sei­ner Geschichte zu wäh­len, ist wirk­lich grund­o­ri­gi­nell, ebenso wie das Auf­tau­chen der eher­nen Nazi­fi­gu­ren aus dem brau­nen Sumpf. Der Geschichts­sumpf legt dann in Folge nicht nur die braune Ver­gan­gen­heit bloß, so ganz neben­bei trägt sich die Erzäh­lung durch die Nach­kriegs­jahre inklu­sive der 68er-Zeit und bil­det zudem noch ein Art Kriminal-Handlung aus – fast zu viel der Ver­wo­ben­heit, aber als erfah­re­ner Dra­ma­turg bekommt Rinke so etwas rela­tiv spie­lend in den Griff. Der Roman ist exzel­lent struk­tu­riert und wie die ver­geb­li­chen Ver­su­che sei­nes Hel­den, sein Erle­ben durch Sta­tus­lis­ten zu ord­nen, in eine erkleck­li­che Anzahl an Kapi­tel und Unter­ka­pi­tel geteilt, die zudem hübsch baro­cke Über­schrif­ten zie­ren wie bei­spiels­weise: »Ohl­rogge kann immer noch nicht los­las­sen und trinkt Kaf­fee von 1933″. Eine leichte sprach­li­che Ver­spielt­heit ist dem Autor ohne­hin nicht abzu­spre­chen: »Um sie herum pur­zel­ten die Kin­der auf die Welt, heims­ten die ande­ren Kück­frauen Mut­ter­kreuze ein, nur sie emp­fing nichts …«

Am Ende ver­sinkt das Haus der Ver­gan­gen­heit und Paul Wend­land zieht die nas­sen, sump­fi­gen Füße aus dem Moor …

Jetzt muss man nur noch wie­der zur Wiese am See fahren.

Moritz Rinke:
Der Mann, der durch das Jahr­hun­dert fiel

Mat­thias Schu­mann (kms)

24. März 2010

Das deutsche Kordsakko

Impres­sio­nen von der Leip­zi­ger Buch­messe 2010

Camou­flage
Die all­ge­meine Beklei­dungs­vor­schrift für den bun­des­deut­schen Lite­ra­tur­profi ist und bleibt das Kord­ja­cket. In der Regel hell­braun, gele­gent­lich schwarz, in sei­ner Rein­form als kom­plet­tes Ensem­ble als Kord­an­zug inklu­sive Weste. Der land­ade­lige Manufactum-Stil ist auch in der Sai­son 2010 noch ganz weit vorne, sei es beim Feuille­ton­chef oder auch bei Auto­ren. Das zeigt Kon­ti­nui­tät und ist auch modeso­zio­lo­gisch fest in der Intel­lek­tu­el­len­szene ver­an­kert. Min­des­tens ein Kords­akko gehört zur Camou­flage, um in den hel­len Hal­len in Leip­zig nicht auf­zu­fal­len. Auf­fäl­li­ger  und das Gegen­teil von getarnt sind die Cosplayer, die die Messe bevöl­kern, junge Leute in den Kos­tü­men ihrer Lieb­lings­man­gas. Ein biß­chen merk­wür­dig, ein biß­chen schrill, aber bunt. Die Irri­ta­tion ist schnell ver­flo­gen, bald hat man sich an die Mäd­chen mit Tie­roh­ren in den Haa­ren und weiß­haa­ri­gen Teen­ager in Matro­sen­kleid­chen gewöhnt. Was das wirk­lich zu bedeu­ten hat, mag den meis­ten Mes­se­be­su­chern ver­bor­gen geblie­ben sein, es ist fremd und Bestand­teil des Comic– und Graphic-Novel Pro­gramms. Die jun­gen Leute schrei­ten mit erns­ten Mie­nen über die Messe, und es scheint ihnen wich­tig zu sein.

Preis­bo­xen
Preise gibt es in Leip­zig viele, der Preis der Messe ging nicht an Helene Hege­mann, was auch kein Wun­der war, nicht etwa wegen des »Skan­dals«, der Leip­zi­ger Erklä­rung oder ähn­li­chem, son­dern ein­fach wegen der Belang­lo­sig­keit von Werk und Wir­kung. Belletristik-Preisträger wurde Georg Klein, der ver­teilte Gän­se­blüm­chen in sei­ner Dan­kes­rede und man fragte sich, ob diese Harm­lo­sig­keit poe­ti­sches Mit­tel oder bei­ßende Iro­nie ange­sichts der Gesichts­lo­sig­keit des Prei­ses war. Signi­fi­kant war die weit­ge­hende Unfä­hig­keit der Jury zur freien Rede (lobens­werte Aus­nahme: Zeit-Magazin-Redakteur Adam Soboczyn­ski), nicht ein­mal das abge­le­sene Manu­skript der Jury­prä­si­den­tin Verena Auf­fer­mann war frei von gewun­de­nen Meta­phern­stil­blü­ten. (»Die­ser Igel ist kein Hase« – ist das intel­lek­tu­el­ler Eis­kunst­lauf?). Für den lau­ten Verlags-Betrieb eher unwich­tig, aber viel schö­ner die Nach­richt des Prei­ses der Lite­ra­tur­häu­ser für Tho­mas Kapiel­ski. Der Preis­trä­ger, kein »gross­ser« Autor, ist ein ori­gi­nel­ler Schrei­ber mit Witz und Ver­stand, schön zu sehen bei sei­nem kur­zen Inter­view mit dem Ber­li­ner Lite­ra­tur­haus­chef Ernest Wich­ner auf dem arte–Stand. Klaus Wagen­bach erhielt dann noch den Kurt-Wolff-Preis für sein Lebens­werk, eine Ver­an­stal­tung in auf­ge­räum­ter Stim­mung  – wie in sei­nem Wohn­zim­mer, mit vie­len Freun­den dabei und viele andere, die ihn offen­sicht­lich moch­ten. Das war ein guter und freund­li­cher Moment in dem wil­den Mes­se­tru­bel, mit gele­gent­lich von ande­ren Stän­den her­über­we­hen­den Bei­falls­äu­ße­run­gen, die diese Ehrung mit klei­nen unbe­ab­sich­tig­ten Akzen­ten illustrierten.

Groß­le­sung
Mar­tin Wal­ser las über Heine, Burk­hard Klauß­ner las Heine und der Hoff­mann und Campe Ver­lag brachte ein neues Heine-Buch her­aus. Gemeint ist die Faksimile-Ausgabe der »Fran­zö­si­schen Zustände« von 1832, ein sehr ehren­wer­tes ver­le­ge­ri­sches Unter­fan­gen, daß auf der Messe prä­sen­tiert wurde. Was hätte da wür­di­ger sein kön­nen, als ein Essay eines deut­schen Groß­schrift­stel­lers ver­le­sen zu bekom­men und den Ori­gi­nal­text von einem der weni­gen mit­den­ken­den Schau­spie­ler zu hören. Der Ort war natür­lich ebenso wür­dig gewählt, der Lese­saal der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek. An jedem Tisch zwei Lese­lämp­chen und dahin­ter jeweils mit zwei, drei Plät­zen bestuhlt, das ist schon der »Ort Lesung« an sich. Allein, die Sache war hei­kel – Wal­ser ein unta­de­li­ger und von sei­nem Thema ein­ge­nom­me­ner Heine-Laudator, der Urtext aber ein gar sper­rig Ding und von dem gewiss schö­nen Buch sah man ein ein­zi­ges Exem­plar unter Glas. Ein­neh­mend war die Sache dann aber schon, kleine Ver­spre­cher des Ver­le­gers amü­sant (»Jen­seits­no­velle« ist doch wohl von einem ande­ren Hoff­mann & Campe-Autor und nicht von Mar­tin Wal­ser …?) und alle Anwe­sen­den guter Din­ger über das Erlebte.

Feucht­ge­biet
Ein Nicht-Cord-Sakko-Träger ist Moritz Rinke. Der hatte am Zeit-Stand eine halbe Stunde Zeit, sei­nen ers­ten Roman zu prä­sen­tie­ren. Um es gleich zu sagen, das war rundum gelun­gen. Das Buch scheint ein sel­te­nes Zeug­nis dafür, wie jemand einen Text ver­fas­sen kann, der Humor und auch Selbst­iro­nie hat und trotz­dem auf spie­le­ri­scher Art mit gro­ßen The­men umgeht. Und der Autor ver­steht auf­fal­lend viel von Struk­tur und Dra­ma­tur­gie. Rinke und sein Buch kom­men sozu­sa­gen beide aus Worps­wede, es hat viel mit den feuch­ten Nie­de­run­gen des Moo­res zu tun, das die­sen deut­schen Kunst­ort umgibt. Es geht um Kunst und deut­sche Geschichte, die soge­nannte jün­gere. Aber das oft blei­erne solch eines Zei­ten­ro­mans fehlt ihm gänz­lich. Der Mann hat Dis­tanz zum Stoff und zu sei­nem Lite­ra­ten­tum. So etwas wie »Als Roman­au­tor hatte ich plötz­lich mit Din­gen wie der Vor­ver­gan­gen­heit zu tun.« hört man in der Tat nicht allzu häu­fig. Das Wort »Humor« hat übri­gens auch etwas mit Feuch­tig­keit zu tun.

Zugu­ter­letzt, die Bücher:

Georg Klein: Roman unse­rer Kind­heit, Rowohlt 2010
Tho­mas Kapiel­ski: Misch­wald, edi­tion suhr­kamp 2009
Hein­rich Heine: Fran­zö­si­sche Zustände, Hoff­mann und Campe 2010
Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahr­hun­dert fiel, Kie­pen­heuer & Witsch 2010

Mat­thias Schu­mann (kms)