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21. Juni 2012

Sommerluft

Zwei sehens­werte kleine Raum­in­stal­la­tio­nen bei der »Ham­burg Art Week«

Businesstraum (Bild: HHF)
Busi­nes­s­traum (Bild: HHF)

Die Sonne scheint hier nicht von oben, nicht ein­mal von unten. Die­ser Gar­ten schweigt und kein noch so zar­ter Hauch bringt die Blü­tens­ten­gel hier zum Schwin­gen. Eigent­lich müss­ten sie das, denn diese Pflan­zen haben keine Wur­zeln, sie schwe­ben in der Luft.

Es ist ein selt­sa­mer Gar­ten ist, alle Blu­men wach­sen von oben nach unten, brau­chen keine Wur­zeln. Da ist kein Dickicht, da ist kein Wild­wuchs, nur schwe­bende Blü­ten. Und rings­herum ste­hen hohe Häu­ser, die Steine und der Beton der Stadt sind die Land­schaft rund­herum, blickt man durch die Schei­ben des umge­ben­den Gewächshauses.

Das Ganze ist kein Gar­ten, der Raum eine leer ste­hende Büro­etage mit­ten in der Ham­bur­ger Innen­stadt. Die Blu­men hän­gen kopf­über, an dün­nen, kaum wahr­nehm­ba­ren Nylon­fä­den. Erst die Besu­cher, die sich zwi­schen ihnen hin­durch­schlän­geln, brin­gen sie ein biss­chen in Bewegung.

Ein hüb­scher Glas­kas­ten, in dem Schreib­ti­sche vor­ge­se­hen sind und Moni­tore, Hem­den und Kra­wat­ten. Hier wer­den Tele­phone klingeln.

Die Raum­in­stal­la­tion »sum­mer in the city« der Gestal­te­rin Clau­dia Reich – eine Sta­tion der über die Stadt ver­teil­ten »Ham­burg Art Week« – ver­än­dert die­sen schnö­den Platz der Gewinn­op­ti­mie­rung und des Nut­zens, sam­melt Licht und Luf­tig­keit und Per­spek­tive zwi­schen mas­si­ven Häusern.

Es ist keine große Kunst, nichts, das etwas mit Macht und Gewalt will. Es ist ein schö­ner Ort gewor­den, der den Blick öff­net. Ein Som­mer­ort, egal, wie das Wet­ter ist.

»He hath a gar­den circummur’d with brick,
Whose wes­tern side is with a vineyard back’d«

Der hin­tere Teil die­ser Etage braucht Beleuch­tung. Die Wände sind rauh, graue Spach­tel­masse klebt an alt­rosa Gips­plat­ten, Kabel, Lampen.

Es fül­len hier Worte einen Raum, nicht gespro­chene, son­dern geschrie­bene Varia­tio­nen der roman­ti­schen Impli­ka­tion »wun­der­bar«. Es ist ein urdeut­scher Begriff, gren­zen­los posi­ti­vis­tisch, ver­klä­rend, hoff­nungs­voll. Ein Wunder-Wort.

In klei­nen Begriffs­clus­tern sind aus Stahl­blech aus­ge­schnit­te­nen Objekte ange­ord­net, Exkla­ma­tio­nen eines Zustan­des der Ver­zü­ckung, der nicht logisch ableit­bar ist, son­dern aus etwas her­rührt, das man getrost als Offen­ba­rung bezeich­nen kann. Das mag kein popu­lä­res Wort sein heut­zu­tage, trifft aber im Kern den Moment des Erschre­ckens und Erstau­nens im Ange­sicht des Neuen.

Und es ver­weist auf die Unfä­hig­keit, wei­ter zu spre­chen. Nach »wun­der­bar« kommt nichts mehr. Die Ana­lo­gien sind viel­fäl­tig, »unglaub­lich«, »ein­zig­ar­tig« – allen impli­zit ist eine end­gül­tige Exzel­lenz­be­schrei­bung des Augenblicks.

Die Worte wer­fen Schat­ten, beinhal­ten  das nicht Fass­bare und die Kon­fron­ta­tion mit dem Uner­war­te­ten. Nicht ohne Grund ist diese Raum­ge­stal­tung für die »Nacht der Kir­chen« kon­zi­piert gewe­sen, bei die­ser Neu­ein­rich­tung wird sie aus dem sakra­len Raum her­aus­ge­nom­men und an einen Ort des All­tags verpflanzt.

Dort ist das Wunder-Wort nicht nahe­lie­gend, trotz­dem nimmt es sei­nen Platz ein und lässt ein wenig Kon­tem­pla­tion zu, in einem Raum, der für die Pro­duk­ti­vi­tät gemacht ist.

Was ein biss­chen Stahl­blech und ein paar Nylon­fä­den so alles errei­chen kön­nen, in die­ser Zeit des immer­wäh­ren­den Super­la­tivs ohne Maß. Wofür man Clau­dia Reich eigent­lich ein biss­chen dank­bar sein kann.

Mat­thias Schu­mann (kms)