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29. Mai 2012

Gesicht der Woche: Nina Petri

Künst­ler und Pro­mi­nente unter­stüt­zen das HAMBURGER FEUILLETON

Wir haben die Leute gefragt, über die wir schrei­ben, Auto­ren, Schau­spie­ler und Mode­ra­to­ren, was sie vom HAMBURGER FEUILLETON hal­ten und haben erfreu­li­cher­weise immer wie­der posi­tive Rück­mel­dun­gen erhal­ten. Dar­aus ent­stand die Idee zu die­ser klei­nen Aktion: Im Wochen­rhyth­mus wer­den wir jeweils einen Künst­ler vor­stel­len, der das HAMBURGER FEUILLETON mit sei­nem Namen unterstützt.

Nina Petri  ist eines der mar­kan­tes­ten Gesich­ter des neuen deut­schen Kinos. Ihre inten­si­ven Dar­stel­lun­gen in Fil­men von Tom Tykwer, Doris Dör­rie oder Sönke Wort­mann brachte ihr u. a. den Deut­schen Film­preis ein. Trotz aller fil­mi­schen Erfolge gehört ihr Herz der Bühne, so war sie 2006 an der Grün­dung der »Thea­ter­fa­brik« in Hamburg-Barmbek betei­ligt. Zuletzt war sie in den Ham­bur­ger Kam­mer­spie­len in »Seine Braut war das Meer und sie umschlang ihn« zu sehen.

Nina Petri liest das HAMBURGER FEUILLETON.

Mat­thias Schu­mann (kms)

12. September 2011

An der Stange

Nina Petris Solo in den Kam­mer­spie­len: »Seine Braut war das Meer …«

Madame Gou­lou ist täto­wiert
Vom Aus­schnitt bis zum Spann
Und jeder, der sie enga­giert
Sieht sich die Bil­der an.

Fritz Grass­hoff, Madame Gou­lou, 1950

Ja, Bil­der anschauen. Ein Solo ist eine Ent­blö­ßung für jeden Schau­spie­ler. Allein, nicht gestützt von Mit­spie­lern, setzt er sich allem aus, Text, dem Raum, und dem immer fokus­sier­ten Blick des Publi­kums. Nicht viele Schau­spie­ler wagen so etwas und noch weni­ger kön­nen so etwas. Nina Petri kann das und bei ihrem Solo »Seine Braut war das Meer und sie umschlag ihn«, das am ver­gan­ge­nen Sonn­tag in den Ham­bur­ger Kam­mer­spie­len Pre­miere hatte, sieht man das auch. Ihre Kunst ist von fei­ne­rer Natur, genaues Timing ihr Metier, und im beschränk­ten Raum der Kam­mer­spiele sind auch ihre klei­ne­ren mimi­schen Regun­gen genau zu sehen, auch in der 17. Reihe, der letz­ten die­ses klei­nen Hauses.

Die Geschichte, die sie erzählt, ist die einer ver­las­se­nen Frau, von wem wirk­lich, erfährt man im Laufe des Abends. Das Genre ist mari­tim, und all die Schiffe, Kapi­täne und See­leute sind der Raum für immer neue per­spek­ti­vi­sche Wen­dun­gen der Geschichte. Und dann sind da auch noch Lie­der, von Käut­ner bis Grass­hoff – hin­ter sei­nem Flü­gel ver­steckt summt und brummt und orgelt Jens-Karsten Stoll und legt einen musi­ka­li­schen Schal um jede neue Spiel­va­ria­tion – die Schau­spie­le­rin zeigt auch her­aus­ra­gende  Sou­bret­ten­qua­li­tä­ten. Das Ganze ist unprä­ten­tiös in Szene gesetzt (Mar­tin Maria Blau) und die Bühne redu­ziert – Rück­pro vom Meer, eine den gan­zen Abend vom Him­mel rie­selnde Sand­kas­kade, ein Leucht­glo­bus (Mar­tin Scheibe), das genügt zur Entfaltung.

Schau­spie­le­risch ist das ein gelun­ge­ner Abend und das liegt im Wesent­li­chen an der Solis­tin, der man gerne bei ihrer Kunst zusieht, sei es im klei­nen Ram­pen­spiel, sei es in der ganz gro­ßen, der diven­haf­ten Geste. Und wie wun­der­bar ist es anzu­se­hen, wie bei Fritz Gras­hoffs und Nor­bert Schul­zes Cou­plet »Madame Gou­lou« aus kes­ser Pose ein exal­tier­ter, ver­zwei­fel­ter Pole­dance ohne Stange wird.

Das Publi­kum quit­tiert, man muß sagen, lei­der, die ver­meint­li­che Kie­z­akro­ba­tik mit hef­ti­gem Applaus, unge­ach­tet die­ses star­ken Bil­des von Ver­ein­ze­lung und Scheitern.

Ganz und gar unglück­lich aber ist, so bedau­er­lich das sein mag, die man­gelnde Qua­li­tät des eigens für die Insze­nie­rung von Andreas Mar­ber geschrie­be­nen Tex­tes. Nina Petri muß wirk­lich grau­en­hafte Sätze sagen wie diese: »Unsere hem­mungs­lose, unver­schämte Leib­lich­keit. Unsere Kör­per waren die Kon­ti­nente, unsere Liebe das Meer, das sie ver­band und von­ein­an­der unter­schied.« Oder auch so etwas wie: »Wir lagen in nas­sen Laken, naß von all dem Schweiß, den wir ver­gos­sen im Dienst unse­rer Liebe.«

Sol­che schwüls­ti­gen Uner­träg­lich­kei­ten fin­den sich immer wie­der im Ver­lauf des Stü­ckes, als Iro­nie geht das nicht mehr durch, nicht ein­mal als Boulevardattitüde.

Gewiß hat das Genre einen schwe­ren Hang zu Sen­ti­men­ta­li­tät und Über­zeich­nung. All die See­fah­rer­ro­man­tik und die wei­chen, schö­nen Illu­sio­nen zwi­schen Hong­kong und Shang­hai und Ham­burg und Haiti ver­lan­gen aber doch inzwi­schen, wo wir uns nicht in mehr in der 50er-Verdrängungswelt bewe­gen, nach Bre­chung, nach der Hin­ter­fra­gung von Sehn­süch­ten und deren Wahr­haf­tig­keit. Das gelingt der Stoll­schen Musik­be­glei­tung glän­zend, dem Text nie und lei­der auch der Insze­nie­rung selten.

Es ist wirk­lich zu befürch­ten, daß die­ser Gro­schen­ro­man­stil beab­sich­tigt ist. Und zu allem Unglück zieht sich das sprach­lich ver­un­glückte Werk auch noch um ein paar Schlei­fen zuviel dem Ende ent­ge­gen – wo war da bei all dem die Dra­ma­tur­gie, die hier wahr­haf­tig gefor­dert gewe­sen wäre?

Das tut dann eben lei­der nicht nur beim ers­ten Mal weh. Ein star­ker Auf­tritt und ein schwa­cher Text.

Mat­thias Schu­mann (kms)