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1. Januar 2012

Drei deutsche Männer am Fluß

Euro­päi­sches Lied­gut – Axel Prahl, Götz Als­mann und Michy Reincke bli­cken in den Westen

Ein Blick nach Westen lohnt sich immer (Bild: © kristina rütten - Fotolia.com)
Ein Blick nach Wes­ten lohnt sich immer (Bild: © kris­tina rüt­ten — Foto​lia​.com)

Wir in Deutsch­land haben es ja nicht so mit dem moder­ne­ren Lied­ge­sang. Der Deut­sche hat seine Män­ner­ge­sangs­ver­eine für die Vor­gest­ri­gen, den Lie­der­ma­cher für die Gest­ri­gen und den deut­schen Schla­ger­sän­ger (auch gest­rig). Der Fran­zose hat nicht nur savoir vivre, die Bas­ken­mütze, das Baguette und den Vin rouge, nein, er hat auch das fran­zö­si­sche Chan­son und seine Inter­pre­ten. Und so schielt man gern nach Wes­ten, über unse­ren deut­schen Rhein, denn da gibt es Gil­bert Becaud, Charles Azna­vour und Dalida.

Aber deutsch­spra­chi­ges Lie­der­in­ter­pre­ten kom­men inzwi­schen auch hier­zu­lande her­vor­ra­gend an, es gibt ja Her­bert Grö­ne­meyer und den gro­ßen und den klei­nen Udo. Das rockt und singt so vor sich hin und glück­li­cher­weise hört sich das nicht immer so unbeholfen-verschwiemelt an wie bei dem aktu­el­len Chart­stür­mer Tim Bendzko, dem offen­bar vor lau­ter  Sil­bendrech­se­lei die Worte gänz­lich ent­glit­ten und dann »Wenn Worte meine Spra­che wären« titelte – wenn denn wenigs­tens Spra­che seine Worte wären.

Inter­es­san­ter­weise haben sich in den letz­ten Wochen drei Künst­ler, die unter­schied­li­cher nicht könn­ten, mit dem Lie­der­sin­gen aus­ein­an­der­ge­setzt und auch Alben ver­öf­fent­licht. Um so erstaun­li­cher ist, daß sie alle über den Fluß schauen, und sich ein jeder von ihnen eine kleine Prise La France gönnt. Voilá:

Der Schau­spie­ler
Viele Schau­spie­ler sin­gen gern, man­che lau­ter, man­che lei­ser, und, da eine gewisse Scham­lo­sig­keit zum Beruf und auch zur Dis­po­si­tion gehört, tun sie es fast auch alle. Das beliebte Brecht/Weill/Holländer-Programm hat schon jeder Zweit­se­mest­ler an der Schau­spiel­schule drauf. Lite­ra­tur macht man auch mal gerne zur Gitar­ren­be­glei­tung, irgend­wer raunt und klim­pert immer wie­der im Reper­toire herum und nennt es dann Chanson.

Da bekommt man schon einen Schreck, wenn man auf einem Plat­ten­co­ver der Album­ti­tel ers­tens einen bekann­ten Tatort-Kommissar mit absur­der Fri­sur zu sehen bekommt und zwei­tens den Titel »Blick aufs Mehr« lesen muß. Der Kalauer ist zum Glück eine Täu­schung, die Fri­sur wohl ein Witz. Axel Prahl, um den es sich hier han­delt, gefällt sich ja vor allem im Fern­se­hen in der Rolle des rauh­bei­ni­gen Nord­deut­schen mit Herz, daß er ein Meis­ter an dif­fe­ren­zier­tem Spiel sein kann, wie bei­spiels­weise in den Fil­men Andreas Dre­sens, zeigt er in die­sem Medium lei­der viel zu wenig. So ähn­lich kommt dann auch die­ses deut­sche Album daher, eröff­net maritim-schunkelnd mit »Reise, Reise« (für die nicht Nord­deut­schen: das Wort hat nichts mit Rei­se­kof­fern zu tun, son­dern kommt vom eng­li­schen »rise«).

Der musi­ka­li­sche Auf­tritt ist mehr­teil­er­fä­hig, (digi­tal ver­murkste) Strei­cher, schmach­tende Oboe, schlim­mer Solo-Trompetensound, gro­ßes Westentaschen-Kino – die Farbe bleibt kon­stant. Denkt man sich das Ganze ana­lo­ger, unpro­du­zier­ter, und sieht dem Schauspieler-Sänger mal diese, wohl Sin­nen­freu­dig­keit demons­trie­rende, etwas röh­rende Breit­bei­nig­keit in Titeln wie »Ich bin nun mal so« nach, dann erin­nert man sich viel­leicht an das eine oder andere, was viel­leicht ein­mal in Fil­men wie »Die Dinge des Lebens« gehört haben mag – Chan­son du Cinéma. Es sind ein paar kleine Bal­la­den (»Wieso bist du immer noch da«, »Wei­ter­gehn«), die den wenig grob­schläch­ti­gen Sän­ger Prahl zei­gen, wo zwi­schen den selbst­ge­tex­te­ten Zei­len so etwas wie Form und Wille zu sehen ist, wo ein klei­nes Gefühl glaub­wür­dig wer­den kann, wo das starke Talent eines Gestal­ters wahr­zu­neh­men ist und Geschich­ten erzählt wer­den. Lei­der sind diese fei­ne­ren Num­mern in der Min­der­zahl, Schram­mel­gi­tar­ren kom­men da schon öfter ins Spiel. Aber das Andere, das Fei­nere, bleibt hän­gen, und das ist doch schon mal was für so eine Art Debüt-Album.

Der Enter­tai­ner
Über­haupt kein Debü­tant, weder auf der Matt­scheibe noch als Musi­ker, ist Götz Als­mann. Auch er hat eine absurde Fri­sur zu zei­gen, inzwi­schen ist die Tolle zum Mar­ken­zei­chen sti­li­siert. Schon gar nicht schlecht ist der 54-jährige in der Ver­mark­tung sei­ner Per­son und sei­nes veri­ta­blen Könnens.

Als Enter­tai­ner sucht er sei­nes­glei­chen, kaum jemand in der deut­schen Fern­seh­land­schaft ver­eint die Qua­li­tä­ten des Standup-Unterhalters mit musi­ka­li­schen Fer­tig­kei­ten, Wort­witz und Kla­mauk­fä­hig­keit sind beacht­lich und er ist eine gro­ßer Freund und Ken­ner deutsch­spra­chi­ger Unter­hal­tungs­mu­sik. Die spielt dies­mal »In Paris«, Als­mann hat sich eine ganze Reihe deut­sche Tra­duk­tio­nen fran­zö­si­scher Klas­si­ker mund­fer­tig gemacht – von Charles Tre­nets »La Mer« bis Charles Azna­vours »Tu t‹ lais­ses aller«.

Das ist an und für sich ein char­man­tes Unter­fan­gen, ganz wie man es von dem umtrie­bi­gen TV-Menschen Als­mann erwar­ten kann. So char­mant aber, wie das ganze daher kommt, so inhalts­leer ist es dann auch. Mun­ter klim­pert die Marimba, der Sän­ger singt geschmei­dig, und das pas­siert durchs ganze Album. Götz Als­mann ist alles, aber er ist kein Interpret.

Beson­ders deut­lich wird das bei Titeln wie »Tu t‹ lais­ses aller« – auf deutsch »Du läßt dich gehen«. Alles was da ein­mal an Brü­chen in Text und Musik drin war, ver­sinkt da in relax­ter Latino-Barpiano-Sauce. Schat­ten gibt es da allen­falls im gedämpf­ten Piano, der Ges­tus bleibt so nett wie wohl die­ses ganze Album gemeint ist. Nicht ein­mal die Suche nach einer irgend­wie inten­dier­ten iro­ni­schen Dis­tanz ist für den geneig­ten Hörer erfolg­reich. Gefäl­lig ist das zwar, warum aber dann deut­sche Texte, wenn man eh nicht hin­hö­ren mag?

Der Sän­ger
Wie das anders geht, zeigt der Ham­bur­ger Pop­mu­si­ker Michy Reincke, seit Jahr­zehn­ten im Geschäft, seit Jah­ren eher in Ken­ner­krei­sen bekannt und ein biss­chen erfolg­reich. Ein biß­chen wei­ter hin­ten in der Play­list sei­nes Albums mit dem put­zi­gen Namen »Der Name kommt mir nicht bekannt vor« fin­det sich ein Titel mit dem Namen »Himm­li­sche Fel­der«. Dahin­ter ver­birgt sich nichts ande­res als Joe Dassins »Aux Champs Ely­sees«, daß schon 1969 von Hans Brad­tke (»Pack die Bade­hose ein«) einen deut­schen Text ver­paßt bekom­men hat. So ganz ohne ger­ma­ni­schen Holz­ham­mer dich­tet Reincke die Verse um, baut eine Remi­nis­zenz an sei­nen gro­ßen Hit »Taxi nach Paris« ein: »Ich kam mit dem Taxi und hatte nicht genug Kies«, viel schnodd­ri­ger ist das Ganze als der Schla­ger­text von einst. Eine Hom­mage an eine Straße, eine Stadt, an eine Frau, an eine Erinnerung.

Im Geschich­ten­er­zäh­len ist Reincke nicht der Schlech­teste, das musi­ka­li­sche Sto­ry­tel­ling ist sein Metier. Gele­gent­lich ver­fällt er in die Mythen des Pop, in »Nur um dich tan­zen zu sehen« wird der schöne, olle Topos des wil­den, unan­ge­paß­ten Lebens beschwo­ren, von der graue Bank­an­ge­stellte träu­men mögen: »Komm wir tref­fen uns auf dem Dach, machen ein biß­chen Krach, dre­hen die Reg­ler auf 10 …«. Das ist sicher­lich ein biss­chen ein­fach und schon hun­dert­fach da gewe­sen. Aber es ist hübsch gemacht und schmiegt sich musi­ka­lisch an. Ist eben Popmusik.

Ebenso hübsch gemacht ist auch der Opener des Albums »Erzähl mir nicht …«. Eine Groß­stadt­ge­schichte, die Begeg­nung zweier Bezie­hungs­lo­ser, smart und fein im Dia­log erzählt. Hier fin­den wir den Philipp-Sarde-Gestus, den gro­ßen musi­ka­li­schen Bogen, der bei den digi­ta­len Arran­ge­ments auf dem Prahl-Album nur zu ahnen war, warm, far­big und hym­nisch wie­der. Und da wird der Nord­deut­sche Reincke fran­zö­si­scher, inspi­rier­ter und auch eine klei­nes biß­chen grös­ser als all die Bemü­hun­gen der Kol­le­gen. Und dann schrei­ten die im bes­ten Sinne alt­mo­di­sche Pop­mu­sik, der deut­sche Lied­ge­sang und das Pari­ser »Olym­pia« Seit an Seit. Geht doch – Douce Alle­ma­gne.

Axel Prahl: Blick aufs Mehr [Ama­zon Part­ner­link]
Götz Als­mann: In Paris [Ama­zon Part­ner­link]
Michy Reincke: Der Name kommt mir nicht bekannt vor [Ama­zon Part­ner­link]

Mat­thias Schu­mann (kms)

8. Oktober 2011

Wer bin ich?

Cäthe Sie­lands Debut-Album »Ich muss gar nichts«

 

Gestreifte Hose. (Foto: imanic - Fotolia)
Gestreifte Hose. (Foto: ima­nic — Fotolia)

 

Popmu­si­ka­li­sche Sehn­suchts­räume und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mus­ter zu beob­ach­ten ist ja immer ganz hilf­reich, wenn es darum geht, sich ein Bild über eine neue Platte zu machen. Pop­mu­sik funk­tio­niert in den sel­tens­ten Fäl­len über die Musik selbst, fast nie über das reine Werk, dazu kommt in ers­ter Linie eine Menge ande­res Zeug wie Image (Rock – Auf­be­geh­ren, Pop – Gla­mour, Avant­garde – Intel­lekt), Aus­se­hen (Haare hoch? Haare ab? Nie­ten? Anzug?), Ziel­grup­pen­aus­rich­tung (Kauf­mich! Genau des­we­gen!) und eben die immer­wäh­rende und alles ent­schei­dende Frage nach der Iden­ti­tät: »Wer bin ich?« Frü­her war das eine Frage für den jun­gen Erwach­se­nen, mit der fort­schrei­ten­den Ado­les­zenz­ver­län­ge­rung in der Gesell­schaft fra­gen sich das noch ein paar Opas mehr. Es trifft dann auf den Künst­ler wie auch auf den Hörer zu, beide zusam­men fin­den sich in Einig­keit und dann ist ein Fan da. Der wird dann von der Kul­tur­in­dus­trie bedient, die Erwar­tungs­hal­tung, die das Image weckt, muß erfüllt wer­den. Der Kon­sens ist so einfach.

Wenig ein­fach ist das mit Cäthe Sie­lands »Ich muss gar nichts«. Die New­co­me­rin ist, wie es sich gehört, jung, gut aus­se­hend und hat natür­lich ein Allein­stel­lungs­merk­mal, das irri­tie­ren soll und muß, ihre beein­dru­ckende Stimme. Frü­her nannte man so etwas »Reib­ei­sen­stimme«, und die Damen, die mit so etwas auf­tra­ten, tru­gen dann in der Regel ein genauso wider­bors­ti­ges, aber dann auch immer markt­kom­pa­ti­bel teil­do­mes­ti­zier­tes Image. Gianna Nan­nini, Mari­anne Faith­full, Bon­nie Tyler, Tina Tur­ner – alle schwan­ken zwi­schen Selbst­dar­stel­lung und dem Kli­schee einer weib­li­cher Stärke, die Dinge ver­spricht. Ich muss gar nichts – das schlägt in diese Kerbe, rauhe Stimme, wil­des Mäd­chen, Pro­jek­ti­ons­flä­chen männ­li­chen Pop­kul­tur. Und ein paar Takte des Openers »Unter mei­ner Haut« genü­gen, um an genau jene Musik­kas­sette mit »Bello e Impos­si­bile« zu den­ken, die bei der Fahrt über den Bren­ner anno 1986 im Auto­ra­dio klap­perte, der eine oder andere Synthie-Loop kommt anschei­nend auch direkt von die­ser MC. Mit ande­ren Wor­ten: Cäthe singt mit so ›ner Art Power-Stimme und es rockt drum­herum, als wären Nir­vana nie pas­siert. Die Platte trägt schon zu Beginn eine Leder­ja­cke, eine von der ganz abge­wetz­ten Art.

Nun ist das kein Kirmes-Rock mit irgend­wel­chen deut­schen Tex­ten, was man jetzt viel­leicht den­ken könnte, so retro ist die Chose nicht. Musi­ka­lisch ist da zum Glück mehr drin, schon »Senorita« ist eine feine Num­mer mit hüb­schen rhyth­mi­schen Ver­schie­bun­gen, schwe­rem Curt-Cress-Beat und reich­lich zurück­ge­lehn­ter Stim­mung, die Stimme nicht ganz an der Rampe ste­hend. Soweit prima, wenn die Sache mit dem Image nicht wäre, denn dazu gibt es lei­der ein fürch­ter­li­ches Video, das die Sän­ge­rin in die­ser ver­lo­ge­nen Riot-Girl-FuckMe-Pose (Kor­sage! Kame­raf­lirt!! Abbruch­haus!!!) zeigt, die einem im Buch­la­den an Rubri­ken wie »Fre­che Frauen« den­ken läßt. Und dum­mer­weise ist der Text zu die­sem Song dann auch noch aus dem Jar­gon­kist­lein einer Selbst­hil­fe­gruppe entsprungen:

»Meine Schwes­ter ist ein depres­si­ver Schwan
Ihre Augen sind trü­bes Glas.
Ich male Man­da­las auf die Tape­ten um sie herum …«

Cäthe schreibt – guter Ton für anstän­dige New­co­mer, die, laut Pres­se­text, einen Pop­kurs absol­viert haben – ihre Texte selbst. Das geht mal poe­tisch ganz gut (»Ding«), rutscht mal in die doofe Mackerat­ti­tüde (»Kau­gummi«) und ist manch­mal sogar ganz lus­tig (»Spi­ri­tu­ell«). Die Bil­der sind in der Regel etwas abge­grif­fen (»Ich grüß den Pflas­ter­ma­ler von Paris …«) aber irgend­wie in Ord­nung. Die Songs sind gut pro­du­ziert, gute Musi­ker mischen da im Hin­ter­grund mit und wenn es mal nicht ganz so röh­rend nach vorne geht, kommt ein schö­nes war­mes Tim­bre zum Vor­schein, des­sen Brü­chig­keit nichts mit oller Rock­röh­ren–Herrlich­keit zu tun hat. (»Bleib hier«, »Ich muss gar nichts«) Die Stimme ist wirk­lich inter­es­sant und auch beein­dru­ckend, da gibt es kei­nen Zwei­fel. Aber so ganz ist noch nicht klar, wo die Reise wirk­lich hin­ge­hen soll. Man sollte das beobachten.

Das Schall­plat­ten­lob: ★★★☆☆ 

Cäthe: Ich muss gar nichts [Ama­zon Partnerlink]

Mat­thias Schu­mann (kms)