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25. September 2011

Schlossfräulein ohne Fahrrad

Die Ham­bur­ger Sän­ge­rin Anna Depen­busch – ein Gespräch über Fahr­rä­der, eine neu erfun­dene Platte und das Musikmachen

Da ist es nun, das neue Album der Anna Depen­busch. Und heißt genau wie das letzte »Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch«, aller­dings mit einem Zusatz, näm­lich »in Schwarz-Weiß«. Das ist Anna pur, Anna mit dem, was sie opti­mal ergänzt, Anna nur mit Kla­vier. Nichts kann sich ihrem Tempo, Rhyth­mus und der Laut­stärke ihrer Stimme so opti­mal anpas­sen, wie das Kla­vier, das sie sel­ber spielt. Eigen­sin­nig hat sie sich das seit ihrer Kind­heit ver­hasste Instru­ment wie­der beige­bracht: Hat im Win­ter das ein­same Schloss Sal­zau gehü­tet, in dem ein Kla­vier stand. Kein Mensch, keine Ablen­kung, nur sie und der große Kas­ten vol­ler Töne, die es neu zu ent­de­cken galt. Auf die Frage, ob sie dis­zi­pli­niert ist, zuckt sie die Schul­tern: »Ich habe Wün­sche, die ich unbe­dingt umset­zen muss.« Und wenn sie das Kla­vier für Ihre Musik braucht, muss das eben sein. Allein im Schloss, in zehn Kilo­me­tern Umkreis kein Mensch — ist das nicht gru­se­lig? Nicht, wenn man mit Plan an die Sache her­an­geht. Vor ihrem zwei­ten Auf­ent­halt im Schloss macht Anna kur­zer­hand einen Selbst­ver­tei­di­gungs­kurs bei der Polizei.

In ihrem zwei­ten Album hat sie ihren Songs die Ent­ste­hungs­ge­schichte zurück­ge­ge­ben, sie fast ein biss­chen in das ein­same Schloss geholt, in dem sie zum Teil ent­stan­den sind. »Ich war es den Lie­dern schul­dig«, sagt sie. Fünf Tage hat sie sich für das Schloss­al­bum im legen­dä­ren Ham­bur­ger Gaga-Studio ein­ge­nis­tet. Nur sie, das Instru­ment und eine Schlaf­ma­tratze. Was dabei her­aus­ge­kom­men ist, sind neue Arran­ge­ments, die mal fili­gra­ner, mal wuch­ti­ger, mal nur mit Klop­fen auf dem Flü­gel­kor­pus ihre Stimme beglei­ten. Und diese Stimme kommt dabei zu einer Far­big­keit, die umhaut. Anna Depen­busch singt nicht nur, sie tritt in Dia­log mit dem Instru­ment, sie flir­tet mit uns, sie flüs­tert, pfeift und jubi­liert. So unend­lich trau­rig, so über­bor­dend froh, so alles in allem schwarz und weiß wie das Leben ist mit sei­nen unzäh­li­gen Grau­tö­nen dazwischen.

»Glück­lich in Ber­lin« zum Bei­spiel, das von einer Freun­din erzählt, die in die Haupt­stadt zog, ist auf der »Mathe­ma­tik« weich, flie­ßend — mit einem nahezu lie­be­vol­len Augen­zwin­kern. Wie das eben ist, wenn man sich für Lieblings-Menschen freut, dass sie ihren Platz im Leben gefun­den haben, auch wenn der in der Ferne liegt. Auf dem schwarz-weißen Album kann man die Ver­let­zung, die im Abschied liegt, ein wenig erah­nen. Schnell, fast ein wenig schnip­pisch hüpft das Kla­vier unter ihrer Stimme, die sich manch­mal in ein fast atem­lo­ses Stac­cato singt. Und in der wun­der­ba­ren »Hai­fisch­bar­polka« fühlt man sich jetzt fast wie im Caba­ret der 20-er Jahre. Da singt eine nicht nur. Da lässt sich eine fal­len in jede Stim­mung, die das Lied her­gibt, in jede Phase, die Liebe aus­macht bis zur Wut über Abschied und Ende.

Apro­pos Liebe. Wie ist das eigent­lich mit der Mathe­ma­tik? Ist Anna auf der Suche nach der For­mel für die per­fekte Bezie­hung? Bei die­ser Frage schüt­telt es sie fast. »Ich möchte die gar nicht fin­den. Das wäre lang­wei­lig. Um Got­tes wil­len — hof­fent­lich fin­det die kei­ner!« Liebe sei kein spek­ta­ku­lä­rer Moment. In ihren Lie­dern aber, da darf sie es sein. Da darf man eine Freun­din trös­ten, die Lie­bes­kum­mer hat, ganz spek­ta­ku­lär und mit gro­ßen Wor­ten: In »Alles auf Null« singt sie »Es wird gut. Es wird groß. Es wird Gold.« So eine Freun­din möchte man doch haben, die einen zum Tan­zen abholt, wenn eine Liebe zu Ende ist; eine Freun­din, die einem ein Lied schreibt, wenn es einem schlecht geht. Hat die Kummer-Kranke sich denn gefreut dar­über? »Ach, die hatte da gerade andere Sor­gen«, sagt Anna ganz unspek­ta­ku­lär. Das Lied sei jetzt eben für alle, die Kum­mer haben.

Lie­der für alle also. Anna für alle, wie ist das denn so? Da kommt diese zier­li­che Depen­busch auf die Bühne, die leer ist bis auf ein Elek­tro­kla­vier. Wir sind bei der Lausch Lounge, die nord­deut­sche Künst­ler zu Gehör bringt; ein Ort, an dem sich groß­ar­tige deutsch­spra­chige Sän­ger ent­de­cken las­sen. Es ist Juli, wir sind auf der Lan­des­gar­ten­schau in Nor­der­stedt, und es reg­net Bind­fä­den. Das Publi­kum ist dick ein­ge­packt. Anna kommt im Etuikleid. Sie setzt sich, rückt den Stuhl zurecht. Es gibt sie, diese Men­schen, die eine Bühne fül­len, egal wie groß sie ist. Anna ist so eine. Wenn sie singt, ist Stille. Auf die Frage, ob sie sich wünscht, dass ihr Publi­kum sitzt oder steht auf den Kon­zer­ten, kommt es wie aus der Pis­tole geschos­sen: »Sit­zen! Auf jeden Fall sit­zen. Ich selbst mag es, im Thea­ter im Dun­keln zu sit­zen und meine eige­nen Gedan­ken, meine eigene Fan­ta­sie zu haben.« Bei den Beleuch­tungs­pro­ben ach­tet sie dar­auf, dass das Publi­kum sei­nen Raum im Dun­keln hat, kon­zen­triert sein kann auf die Bil­der, sich abho­len las­sen kann von der Musik. Wenn Anna Lie­der für alle macht, haben eben auch alle was davon.

Aber wo bleibt Anna selbst? Sie singt viel von Matro­sen und vom Meer. Ist sie auf der Suche nach einem Hafen? Wohl eher nicht. Anna mag Ver­än­de­rung. Auf ihren Alben pro­biert sie die unter­schied­lichs­ten Stil­va­ri­an­ten an wie Klei­der. Als sie frü­her Kas­set­ten auf­ge­nom­men hat, immer mit dem Fin­ger am Auf­nah­me­knopf der Ste­reo­an­lage, hat der Zufall ihr die Stile zuge­spielt. Heute noch hat sie eine große Kiste mit Kas­set­ten, die sie auf­ge­nom­men und geschenkt bekom­men hat. Natür­lich haben die keine Ord­nung. Man wühlt sich hin­durch und ent­deckt die Dinge. Wie im Leben eben.
»Ich glaube, das passt zu mir. Dass sich die Dinge ver­än­dern und nicht immer gleich sind.«
Und so singt Anna eben mehr vom Meer als vom Hafen. »Ich liebe das Meer, aber ich habe Respekt davor, weil ich keine gute Schwim­me­rin bin.«

Mit Edith Piaf würde sie gerne mal einen Raum tei­len, sehen, wie der sich ver­än­dert, wenn sie drin ist. »Eine so kleine zer­brech­li­che Frau mit so einer Kraft und so einer Tra­gö­die in sich. Ich glaube, das wäre eine span­nende Begeg­nung.« Zum Glück gibt es bei Anna gerade keine große Tra­gö­die. Auf die letzte Frage, was ihr zum Glück denn fehlt, muss sie ein biss­chen nach­den­ken. Und sagt dann ganz ein­fach: »Ein schö­nes Fahr­rad.« Das wün­schen wir ihr. Viele, viele Ideen für wei­tere wun­der­bare Lie­der — und ein schö­nes Fahrrad.


Ohne Schloß und ohne Fahrrad: Anna Depenbusch
Ohne Schloß und ohne Fahr­rad: Anna Depenbusch

Nata­lie Fin­ger­hut (nf)