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21. Juni 2012

Sommerluft

Zwei sehens­werte kleine Raum­in­stal­la­tio­nen bei der »Ham­burg Art Week«

Businesstraum (Bild: HHF)
Busi­nes­s­traum (Bild: HHF)

Die Sonne scheint hier nicht von oben, nicht ein­mal von unten. Die­ser Gar­ten schweigt und kein noch so zar­ter Hauch bringt die Blü­tens­ten­gel hier zum Schwin­gen. Eigent­lich müss­ten sie das, denn diese Pflan­zen haben keine Wur­zeln, sie schwe­ben in der Luft.

Es ist ein selt­sa­mer Gar­ten ist, alle Blu­men wach­sen von oben nach unten, brau­chen keine Wur­zeln. Da ist kein Dickicht, da ist kein Wild­wuchs, nur schwe­bende Blü­ten. Und rings­herum ste­hen hohe Häu­ser, die Steine und der Beton der Stadt sind die Land­schaft rund­herum, blickt man durch die Schei­ben des umge­ben­den Gewächshauses.

Das Ganze ist kein Gar­ten, der Raum eine leer ste­hende Büro­etage mit­ten in der Ham­bur­ger Innen­stadt. Die Blu­men hän­gen kopf­über, an dün­nen, kaum wahr­nehm­ba­ren Nylon­fä­den. Erst die Besu­cher, die sich zwi­schen ihnen hin­durch­schlän­geln, brin­gen sie ein biss­chen in Bewegung.

Ein hüb­scher Glas­kas­ten, in dem Schreib­ti­sche vor­ge­se­hen sind und Moni­tore, Hem­den und Kra­wat­ten. Hier wer­den Tele­phone klingeln.

Die Raum­in­stal­la­tion »sum­mer in the city« der Gestal­te­rin Clau­dia Reich – eine Sta­tion der über die Stadt ver­teil­ten »Ham­burg Art Week« – ver­än­dert die­sen schnö­den Platz der Gewinn­op­ti­mie­rung und des Nut­zens, sam­melt Licht und Luf­tig­keit und Per­spek­tive zwi­schen mas­si­ven Häusern.

Es ist keine große Kunst, nichts, das etwas mit Macht und Gewalt will. Es ist ein schö­ner Ort gewor­den, der den Blick öff­net. Ein Som­mer­ort, egal, wie das Wet­ter ist.

»He hath a gar­den circummur’d with brick,
Whose wes­tern side is with a vineyard back’d«

Der hin­tere Teil die­ser Etage braucht Beleuch­tung. Die Wände sind rauh, graue Spach­tel­masse klebt an alt­rosa Gips­plat­ten, Kabel, Lampen.

Es fül­len hier Worte einen Raum, nicht gespro­chene, son­dern geschrie­bene Varia­tio­nen der roman­ti­schen Impli­ka­tion »wun­der­bar«. Es ist ein urdeut­scher Begriff, gren­zen­los posi­ti­vis­tisch, ver­klä­rend, hoff­nungs­voll. Ein Wunder-Wort.

In klei­nen Begriffs­clus­tern sind aus Stahl­blech aus­ge­schnit­te­nen Objekte ange­ord­net, Exkla­ma­tio­nen eines Zustan­des der Ver­zü­ckung, der nicht logisch ableit­bar ist, son­dern aus etwas her­rührt, das man getrost als Offen­ba­rung bezeich­nen kann. Das mag kein popu­lä­res Wort sein heut­zu­tage, trifft aber im Kern den Moment des Erschre­ckens und Erstau­nens im Ange­sicht des Neuen.

Und es ver­weist auf die Unfä­hig­keit, wei­ter zu spre­chen. Nach »wun­der­bar« kommt nichts mehr. Die Ana­lo­gien sind viel­fäl­tig, »unglaub­lich«, »ein­zig­ar­tig« – allen impli­zit ist eine end­gül­tige Exzel­lenz­be­schrei­bung des Augenblicks.

Die Worte wer­fen Schat­ten, beinhal­ten  das nicht Fass­bare und die Kon­fron­ta­tion mit dem Uner­war­te­ten. Nicht ohne Grund ist diese Raum­ge­stal­tung für die »Nacht der Kir­chen« kon­zi­piert gewe­sen, bei die­ser Neu­ein­rich­tung wird sie aus dem sakra­len Raum her­aus­ge­nom­men und an einen Ort des All­tags verpflanzt.

Dort ist das Wunder-Wort nicht nahe­lie­gend, trotz­dem nimmt es sei­nen Platz ein und lässt ein wenig Kon­tem­pla­tion zu, in einem Raum, der für die Pro­duk­ti­vi­tät gemacht ist.

Was ein biss­chen Stahl­blech und ein paar Nylon­fä­den so alles errei­chen kön­nen, in die­ser Zeit des immer­wäh­ren­den Super­la­tivs ohne Maß. Wofür man Clau­dia Reich eigent­lich ein biss­chen dank­bar sein kann.

Mat­thias Schu­mann (kms)

15. März 2011

doppelpass

 

Ladri di biciclette (Bild: Thalia Theater)
Ladri di bici­clette (Bild: Tha­lia Theater)

Das HAMBURGER FEUILLETON im digi­ta­len Zwie­ge­spräch – die HHF-Autoren Nata­lie Fin­ger­hut (die zur Zeit in Mün­chen weilt und des­we­gen nicht in der Auf­füh­rung war) und Mat­thias Schu­mann (Ham­burg) chat­ten über Alex­an­der Simons Romeo und Julia in der Gaußstraßen-Garage. Wir wagen ein Expe­ri­ment in einem jun­gen Medium, schließ­lich geht es bei Shake­speare auch um ziem­lich junge Leute, denen das heut­zu­tage nicht so ganz fremd wäre. Ein Protokoll:

fin­ger­hut ich hab keine ahnung, wie wir das anfan­gen jetzt
schu­mann ich auch nicht
schu­mann was stellst du dir das denn vor, wie das war?
fin­ger­hut wie romeo und julia war?
schu­mann ja
fin­ger­hut äh.
das ist eine sehr selt­same frage
ich geh grad mal bil­der anschauen bei tha​lia​-thea​ter​.de
schu­mann nein, da ist keine selt­same frage: wie stellt sich die »remote-kritikerin« denn eine r&j-inszenierung von jun­gen schau­spiel­schü­lern vor? ohne bil­der anschauen, bitte
fin­ger­hut also: zunächst bekomme ich einen hei­li­gen zorn, wenn ich auf der home­page lese »wahre liebe? yes we can!»
schu­mann geht es denn um die wahre liebe in dem stück?
fin­ger­hut wobei sich zu bestä­ti­gen, dass man noch wirk­lich lie­ben kann, also den mut haben kann zu den gro­ßen, ech­ten gefüh­len, gar nicht dumm ist
aber was hat barack obama damit zu tun?
schu­mann na auf der bühne nichts
fin­ger­hut also, gibt es sie, die wahre liebe in der lie­bes­ge­schichte aller lie­bes­ge­schich­ten auf dem thea­ter? fragst du das wirk­lich?
schu­mann denn die ist weiss
fin­ger­hut autsch. der spruch schmerzt, herr schu­mann
schu­mann ist das nicht eine vision?
fin­ger­hut für mich ist in dem stück eine große erste ver­liebt­heit. die­ses wenn der him­mel ein­stürzt, weil man einen men­schen zum ers­ten mal sieht
dann die fas­zi­na­tion dar­über, dass für das gegen­über der him­mel auch ein­zu­stür­zen scheint
schu­mann wie stellt man das denn dar?
fin­ger­hut bin ich regis­seu­rin? nein!
schu­mann zunächst ist da auf der bühne eine grosse kon­struk­tion der per­so­nen
eine raum­cho­reo­gra­phie auf weis­sem boden­tuch
ein lee­rer weis­ser tanz­saal (büch­ner)
fin­ger­hut wei­ter
schu­mann keine rol­len­fest­le­gung
jeder mann ein romeo, jede frau eine julia
oder wahl­weise die ande­ren figu­ren
fin­ger­hut ver­stehe. begeg­nen sich alle romeos und julias gleich­zei­tig? und ist es denn nun liebe? oder viel­mehr die pro­jek­tion von liebe?
schu­mann nein, keine grup­pen­an­ord­nung wie damals bei martha­ler mit sei­nen 12 gret­chen
pro­jek­tion gibts spä­ter auch noch
fin­ger­hut hab ich’s doch gewusst
schu­mann eher eine anord­nung von ver­schie­de­nen facet­ten und typen der bei­den rol­len
von aus­sen ist das erst­mal so ein biß­chen casiraghi-jeunesse-dorée
party-gepose. sehr redu­zierte bewe­gung der gesell­schaft
fin­ger­hut gesell­schaft? oder per­son­nage auf der bühne?
schu­mann die par­ty­ge­sell­schaft. das fest
erin­nerte ein biß­chen an »vogue« von mal­colm mcla­ren
fin­ger­hut das kenn ich mal wie­der nicht. ist bestimmt uralt, und ich war 5. also, 8 schau­spie­ler (innen) spie­len party. dann?
schu­mann das ist die folie, vor der die begeg­nung statt­fin­det
fin­ger­hut die erste begeg­nung
schu­mann genau
fin­ger­hut ist ja zunächst mal wie im stück
schu­mann das ist alles »wie im stück«. aus­ser der mul­ti­pli­ka­tion der cha­rak­tere
fin­ger­hut ver­stehe
schu­mann dann wer­den die sta­tio­nen abge­ar­bei­tet. also szene an szene
fin­ger­hut da begeg­nen sich alle romeos und julias?
auf dem fest? vier paare?
schu­mann nein, ein paar
die ande­ren sind das par­ty­volk
fin­ger­hut ver­stehe. das wäre ja auch furcht­bar gewe­sen
schu­mann war es nicht
fin­ger­hut furcht­bar viel liebe auf ein­mal
schu­mann ja kaum zu ertra­gen. immer ganz hübsch umge­setzt die ein­zel­nen sachen
die bal­kon­szene
eine papier­rolle von der decke
fin­ger­hut eine papier­rolle?
schu­mann julia dahin­ter auf einer treppe
reisst sich das fens­ter sel­ber aus dem papier
unten einer der romeos
fin­ger­hut das klingt zau­ber­haft
schu­mann viel über­schwang, so wie es sein soll
ja, aber gele­gent­lich nach pro­ben­raum
fin­ger­hut yes, we can
schu­mann wäre man böse, würde man das ide­en­thea­ter nen­nen
fin­ger­hut aber du bist ja nicht böse. zum glück
schu­mann aber ich finde, bei so was ist das statt­haft. eben.
trotz­dem wer­den halt immer lösun­gen für ein­zelne sze­nen gesucht
fin­ger­hut naja, das war ja auch seine erste regie.
romeo kommt mit dem fahr­rad, sehe ich gerade auf den fotos. eine all­tags­liebe? oder eben gar nicht all­täg­lich?
schu­mann nee, das ist sehr stylish mit dem fahr­rad
fin­ger­hut stylish …
schu­mann dem geht wie­der eine grup­pen­cho­reo­gra­phie vor­aus
fin­ger­hut ich mag keine stylis­hen dinge auf der bühne
schu­mann und er flitzt mit dem rad durch die men­schen
gibt eine sehr nette dyna­mik
auch ein aus­druck von über­schwang
fin­ger­hut also: sie sind ver­liebt und vol­ler über­schwang
schu­mann inter­es­sant ist, daß das fast immer funk­tio­niert mit der sze­ne­rie
in der nachtigall/lerchenszene aber völ­lig egal ist
da siegt der zau­ber des tex­tes kom­plett über alles andere
alles modi­sche ist vergessen

fin­ger­hut schön klingt das. und gar nicht stylish. ich bin ein biss­chen ver­söhnt
schu­mann kann man auch sein.
fin­ger­hut ich setzt mal schnell kaf­fee auf. aber bitte wei­ter­schrei­ben.
dann hab ich danach wenigs­tens mal was ver­nünf­ti­ges zu lesen
schu­mann wenn dann alles klar ist, romeo liebt julia, julia liebt romeo und wir in die phase der zerstörung/tragik kom­men
redu­ziert sich das per­so­nal
zum schluss bleibt nur ein paar übrig
fin­ger­hut die dür­fen nicht mehr mit­spie­len? das ist gemein
schu­mann nee, die ster­ben ja alle, zumin­dest im ansatz
und wenn gestor­ben ist, ab
fin­ger­hut vor allem klingt es für mich als außen­ste­hende ein biss­chen inkon­se­quent. immer­hin sind die äuße­ren umstände schuld, dass die bei­den tee­nies ihr leben las­sen müs­sen. und aus­ge­rech­net die sind am ende nicht mehr da?
aber der tod ist ein­sam …
schu­mann eben
und das ist kon­se­quent
also dumm­heit kann man dem gan­zen nicht vor­wer­fen
es ist ein ganz und gar mög­li­cher ansatz
fin­ger­hut ich werfe über­haupt nichts vor
ich frage bloß
schu­mann dann gibt es noch ein paar erhei­ternde mätz­chen
paris schickt julia video­bot­schaf­ten
das ist knapp und sau­ber gemacht
so etwas wie: ich liebe dich. du bist schön. ich bin schön.
fin­ger­hut jaja, der schöne paris
mamis lieb­ling
schu­mann gibt nen lacher und sagt in 30 sekun­den alles
fin­ger­hut hübsch
schu­mann unru­hige nächte auf hoch­ge­stell­ten matrat­zen, auch nett, drü­ber ne pro­jek­tion
also julias bett­ge­wälze
da gibt’s sie übri­gens tat­säch­lich mehr­fach
fin­ger­hut wie das so ist, wenn man sich nachts den kopf zer­bricht. dann ist man ja gleich min­des­tens drei­mal da
schu­mann eben, auch das ist schlüs­sig. und es gibt eine sehr effekt­volle kei­le­rei
fin­ger­hut kei­le­rei! muss ja auch sein. und wie stirbt mer­cu­tio?
schu­mann das ist die szene
sie haben eine grosse sal­to­matte, so hieß das glaube ich frü­her, im turn­un­ter­richt
fin­ger­hut das muss aber wirk­lich schon lange her sein, herr schu­mann
schu­mann ist es. wenn man sich dar­auf fal­len läßt, knallt es ordent­lich
das ding liegt am hin­te­ren büh­nen­rand, zwei hal­ten einen vor­hang davor
die jungs sprin­gen hin­ter dem vor­hang dar­auf, las­sen sich fal­len, das gibt ein irres getöse
und eine vor­stel­lung von gewalt
man sieht immer wie­der mal einen hoch­kom­men und dann wie­der hin­ter dem vor­hang ver­schwin­den. auch das eine lös­umg
fin­ger­hut kei­le­rei, kra­wall und rem­mi­demmi
schu­mann nein, das ist nicht so effekt­ge­la­den, wie es klingt
fin­ger­hut lösung klingt in dem falle irgend­wie nega­tiv
ist das so gemeint?
schu­mann das bezieht sich ja nur auf die anein­an­de­rei­hung von guten ideen, die nicht unbe­dingt ein gan­zes bil­den
es wirkt immer so ein biß­chen wie num­mern­re­vue
fin­ger­hut kann das am kon­zept lie­gen?
schu­mann wenn man den ein­druck von schau­spiel­stu­dio, der ja unwei­ger­lich in der luft liegt, bei­seite wischt, dann könnte man daran den­ken, daß das stol­pern, der feh­lende fluss auch eine idee ist
aber was würde das erzäh­len?
fin­ger­hut hilf­lo­sig­keit der in das spiel gewor­fe­nen lie­ben­den sub­jekte (roland bart­hes?)?
schu­mann wohl nicht
fin­ger­hut also, eine num­mern­re­vue der liebe
schu­mann nur ein ein­druck, und viel­leicht zu knapp for­mu­liert
das wird doch durch die dyna­mik der jun­gen talente über­deckt
fin­ger­hut das klingt dann doch wie­der furcht­bar unro­man­tisch und gar nicht nach »yes, we can« und unbe­dingt­heit des gefühls
schu­mann hmm. das kata­stro­pi­sche ende ist homo­ge­ner
fin­ger­hut uiuiuiui. was für ein satz
schu­mann der ist doch bei dem stück gerecht­fer­tigt
unbe­dingt­heit und kata­stro­phe
oder mög­li­cher­weise auch: unbe­dingt­heit führt in die kata­stro­phe
fin­ger­hut viel­leicht lie­ben wir des­halb nicht mehr unbe­dingt. weil das meis­tens in die kata­stro­phe führt
schu­mann es ist ja gerade die maß­lo­sig­keit, die in die kata­stro­phe führt
aber anders­herum: ist die maß­lo­sig­keit denn unbe­dingt gut?
fin­ger­hut nie wird liebe wie­der so unbe­dingt, mit jeder kör­per– und hirn­fa­ser gespürt wer­den wie beim ers­ten mal
schu­mann das ist eine deu­tung des tex­tes
fin­ger­hut weil das affek­tive gedächt­nis sich den schmerz danach gleich mit­merkt
schu­mann inso­fern doch ein kon­strukt
eine mah­nung zum selbst­be­halt und gleich­zei­tig eine grosse, als schön emp­fun­dene illu­sion
fin­ger­hut ist das eine deu­tung? oder die deu­tung von alex­an­der simon?
schu­mann das wäre doch zu ver­bin­den
wobei das eher shake­speare (wer immer er war) ist
aber daß der gedanke kommt, spricht für herrn simon
fin­ger­hut unbe­dingt!
schu­mann und das ist doch ein schö­ner schluss, oder? noch fra­gen, fin­ger­hut?
fin­ger­hut keine wei­te­ren fra­gen, schumann

17. Januar 2011

lear. no thing. no think.

»Nay, and thou canst not smile as the wind sits, thou’lt catch cold shortly.«  – King Lear, I, 4

Man soll ja nicht ins Thea­ter gehen, wenn man ver­grippt ist – allein, um sich zu scho­nen und auch die ande­ren nicht mit sei­nen unge­plan­ten Laut­äu­ße­run­gen zu beläs­ti­gen. Wenn aller­dings eine Lear-Premiere am Deut­schen Schau­spiel­haus ansteht, dann wird man schon mal leicht­sin­nig. Ein gros­ses Stück, ein wich­ti­ges Stück, und das Haus könnte mal end­lich wie­der einen Erfolg ver­tra­gen. Unter die­sen Vor­zei­chen ist es dann aber auch schwer,  ein gutes Ende zu erwar­ten. So war es dann auch bei Georg Schmied­leit­ners Lear am Sams­tag. Also nur ein Ein­druck, keine Bespre­chung – und so beginnt er denn, der Eindruck:

Das schönste Bild des Abends, ein nacht­blauer, leicht im Luft­zug schwin­gen­der Vor­hang, auf­ge­hängt zwi­schen zwei papie­re­nen Säu­len, natron­braun. Die erste Expo­si­tion des Hau­ses Glouces­ter fin­det auf dem Pro­sze­nium statt – wer um alles in der Welt gibt eigent­lich mal den Aus­stat­tern der deut­schen Thea­ter den Tipp, dass sie sich diese Büh­nen­uni­form, die schlecht sit­zen­den Anzüge, die Woll­pul­lun­der und 60er-Jahre-Brillen, mitt­ler­weile nichts, aber auch gar nichts mehr erzäh­len. Das war ja noch amü­sant, als es Anna Vieb­rock auf die Marthaler-Bühne brachte, aber PRO HELVETIA war 1993! Die­ses Zeug ist nicht Avant­garde, auch in der hin­ter­letz­ten Schan­zen­ka­schemme trägt das kei­ner mehr. Und es cha­rak­te­ri­siert den deut­schen Spie­ßer kei­nes­wegs, höchs­tens einen spie­ßi­gen Kostümbildner.

So, der Vor­hang fällt, das sons­tige Per­so­nal ist an den Sei­ten auf­ge­stellt, ein biß­chen gro­tesk ver­bo­gen. Man sieht so eine Art Papp­kar­ton, natron­braun, das Boden­tuch ist Pack­pa­pier, hel­les natron­braun. Lear (Mar­kus John, wie­der ein­mal mit ent­blöß­tem Embon­point, nun ja – wir wis­sen: »And with pre­sen­ted naked­ness outface/The winds and per­se­cu­ti­ons of the sky.«) hängt an einem Zug und pen­delt mit gro­ßen Pin­sel­stri­chen sein Reich aus. Am Büh­nen­ho­ri­zont lesen wir, schwarz, »no thing.« Auch das ein Lear-Klassiker, »I am a fool, thou art not­hing.« Und dann pas­siert auch nichts. Rein gar nichts. Eine Stunde wird der Text gemacht, die solide Bre­mer Shakespeare-Übersetzung ist nun auch schon fast 30 Jahre alt, Dia­loge wie ein Björn-Borg-Match, immer von der Grund­li­nie, kein Angriff, nichts. Irgend­wann reißt der Papp­kar­ton und Jana Schul­zens Narr ist auf der Bühne, mit über­gro­ßer Krone und im mun­te­ren Ges­tus des jun­gen Vale­rio, der Leonce aus dem Ennui befreien will. So lang­sam fragt man sich, wo diese Reise hin­ge­hen soll. Immer­hin, es gibt ein paar Lacher. Der in Ungnade gefal­lene Kent trägt übri­gens inzwi­schen die nächste Uni­form, dies­mal die der sozial gestrau­chel­ten, die farb­lich frag­wür­dige Ballonseidenjacke.

Dann lässt sich die Grippe nicht mehr bän­di­gen, keine Atem­übung der Welt mag hel­fen, nur noch die Gar­de­ro­ben­frau drau­ßen, im Gang, sie bringt einen Becher Was­ser. Das hilft erst ein­mal. Jana Schulz war­tet, auch auf dem Gang, auf den nächs­ten Auf­tritt und hat auch einen Becher in der Hand. Sie ist eine mit­füh­lende Per­son und will die Grippe auch mit Was­ser bekämp­fen. Das ist wirk­lich sehr nett, schließ­lich ist das ja eine Pre­miere und da hat man gewiss andere Dinge im Kopf als hus­tende Besu­cher zu reani­mie­ren. Dann muss sie wie­der auf die Bühne. Bis zur Pause fin­det Lear nun auf dem Schirm statt, die Hus­te­rei kann man ja kei­nem zumu­ten – im Foyer des Schau­spiel­hau­ses ist eine mit­tel­gro­ßer Fern­se­her über dem Geträn­ke­aus­schank, da kann man leid­lich erken­nen, wie es wei­ter geht. Ton gibt es auch, rund um den Geträn­ket­re­sen war­ten die freund­li­chen Her­ren und Damen vom Ein­lass auf die Pause. Man plau­dert, gele­gent­lich schauen sie auf den Bild­schirm. Da ist eine schöne Totale zu sehen, die Lear-Figuren auf­ge­baut im Nichts-Karton. Jana Schulz hängt irgend­wie an der rech­ten Pro­sze­ni­ums­papp­säule, dann ist sie weg. Von der Bar aus kann man sie durch die Rotunde flit­zen sehen, um den Auf­tritt auf der ande­ren Seite zu wiederholen.

Das Grund­li­ni­en­spiel, das kann man auch durch die Video­über­tra­gung sehen, scheint sich fort­zu­set­zen. Zwei Sze­nen kann man iden­ti­fi­zie­ren, Lears große Hei­de­szene, Regen und Sturm, dies­mal aus Farb­ei­mern, mit denen sich John und Schulz gegen­sei­tig wäs­sern … und Glouces­ters Blen­dung. Einer der Ein­lass­men­schen schaut kurz auf und sagt »Oh, King Lear geht Müm­mels­manns­berg.« Die Kol­le­gen schmun­zeln, aber irgend­wie ist das auch nicht so ganz falsch. Hier, drau­ßen vor dem Bild­schirm geht es auf die Pause zu, die Bar wird bestückt, die Glä­ser wer­den befüllt, in Frisch­hal­te­fo­lie ein­ge­schla­gene Weiß­brote auf dem Tre­sen gesta­pelt. Und das ist auch ein Ende, denn jetzt ist die Grippe wirk­lich stär­ker als der Wille, der Leere die­ses Abends noch wei­ter stand­zu­hal­ten.  – »That’s a sheal’d peas­cod.« Ein Nichts. Fürwahr.

Mat­thias Schu­mann (kms)

29. November 2010

Das Versagen der Poesie

Es ist schon komisch. Die Bil­der sind fast 20 Jahre alt und sind immer noch da. Als Jür­gen Flimm damals »Was ihr wollt« auf die Bühne des Tha­lias brachte, war alles Zau­ber, alles schwe­bend. Rolf Glit­ten­berg hatte eine sei­ner schöns­ten Büh­nen gebaut, eine Grotte der Sehn­sucht und des Wan­dels, ein wun­der­sa­mes Schau­spie­ler­en­sem­ble (Kre­mer, Pau­l­mann, Lie­fers, Spren­ger, Kus­ter, Bant­zer, Kurt usw.) flog spinn­web­zart durch das Stück.

Heute ist das alles ziem­lich anders. Jan Bosse hat sich mit sei­ner Dra­ma­tur­gin den Text gegrif­fen, ihn durch­ge­walkt und mund­ge­recht gebo­gen. Sein Illy­rien ist genauso künst­lich wie einst Flimms Grotte, aber ohne jeg­li­chen Hauch des Arti­fi­zi­el­len. Ein Dio­rama hat er sich bauen las­sen, die Thalia-Bühne ist geschrumpft, ein­ge­engt durch die Instal­la­tion eines Urwald-Schaukastens. Ein gemal­ter Rund­ho­ri­zont sug­ge­riert Ferne hin­ter den papier­nen Pflan­zen die­ses illy­ri­schen Wal­des, in dem wun­der­li­che Tiere leben und die Pilze sprie­ßen. Neben einem gehörn­ten Zau­ber­tier mit schö­nen Strei­fen an den Hin­ter­läu­fen (ein Okapi?) thront ein jäger­grü­ner Mann hin­ter einem Tas­ten­in­stru­ment und spielt die Musik der Liebe und Ent­frem­dung. Über­haupt ist viel Musik. Aber das steht im Stück. Es ist ein Expe­ri­men­tier­gärt­lein für die kom­ple­xen Ver­wirr­nisse die­ses irr­sin­ni­gen Stü­ckes, das eigent­li­che Spiel fin­det im schma­len Strei­fen zwi­schen der Kante des Dio­ra­mas und der Rampe statt. Der Büh­nen­raum ist voll­kom­men geschlos­sen, kei­ner der Schau­spie­ler ver­lässt die Bühne für einen Auf– oder Abtritt, wenn nichts zu tun ist, hockt man auf den Rabat­ten oder im Wald.

Soweit die Szene, soweit der Raum. Was wir alle wis­sen, dass in Shake­speares Lie­bes­wel­ten (wer immer er war) nichts so ist, wie es zu sein scheint, son­dern immer nur für den Augen­blick so scheint, wie es sein könnte. Das weiß auch Jan Bosse. Nicht nur, dass  seine Viola mit einem Mann besetzt wird, zugleich wer­den die Rol­len der gestran­de­ten Viola und ihres Bru­ders in einer Figur zusam­men­ge­fasst. Das hat in die­sem Fall wenig mit Shakespeare-Werktreue zu tun (im 16./17. Jahr­hun­dert gab es nur männ­li­che Schau­spie­ler), son­dern ist Teil eines Kon­zepts, dass nicht nur mit Figu­ren­wech­seln arbei­tet, son­dern auch mit Ide­en­wech­seln. Hat­ten wir nicht jüngst am Tha­lia mit einem dop­pel­ten Ham­let zu tun, der sei­nen Dua­lis­mus ent­äu­ßerte? Hier ist es umge­kehrt. Dass das die Auf­füh­rung zu einem gül­ti­gen Schluss füh­ren wird, ist am Anfang des Abends noch nicht zu ahnen, da wird sehr breit aus­ge­spielt, eine bis zur Pause gera­dezu uner­klär­li­che Ver­lang­sa­mung, ins­be­son­dere der von allen Komö­di­an­ten gelieb­ten Rüpe­leien von Sir Toby und Aguecheek. 

Es reiht sich Kalauer an Kalauer, wird alles bedient, was dazu­ge­hört, aber das Timing wirkt schlep­pend, zäh mit­un­ter und damit bekommt das Ground­lings­ver­gnü­gen gro­ßen Raum. Das ist merk­wür­dig – es funk­tio­niert auch schein­bar, die Poin­ten wer­den quit­tiert – aber das Komö­di­en­hafte ver­nich­tet sich selbst durch seine Ver­lang­sa­mung. Befremd­lich hol­pernd ist das, gilt Twelfth Night, or What You Will doch als Lust­spiel von größ­ter Aus­ge­wo­gen­heit zwi­schen Poe­sie und der­bem Humor.

Über­haupt, der poe­ti­sche Moment. Der ist nun gar nicht das Thema die­ses Abends, wenn­gleich er latent vor allem über dem Haupt von Bibiana Beglaus Oli­via schwebt. Es ist die Pose der Ver­un­si­che­rung, die all­ge­wal­tig Ober­hand gewinnt, sei es in der Pop­star­pose Orsi­nos, sei es im auf­ge­reg­ten Tän­zeln Mal­vo­lios, sei es im Röh­ren der bei­den kru­den Her­ren. Und da greift auch immer die Musik ein, stützt nicht etwas, was nicht da zu sein scheint, son­dern schafft gefäl­lige Klänge. Jede im Gesang vor­ge­tra­gene Behaup­tung gewinnt da mehr und mehr an Falsch­heit. Im Übri­gen trägt man die Kla­motte des Schla­ger­mo­ves, viel Authen­ti­zi­tät ist da auch nicht drin. Echt, und damit sehr, sehr zynisch ist in die­sem Illy­rien allein Karin Neu­häu­sers zither­spie­len­der und diseu­sen­haf­ter Narr.

Und in die­ser Indif­fe­renz der Gefühle wird es stark, sehr stark. Das Lavie­ren der Cha­rak­tere, allen voran Vio­la­Ce­sa­rio­Se­bas­tian, die stän­dige Suche nach der Wahr­heit des einen oder ande­ren Zustands kul­mi­niert in furio­ser Dekon­struk­tion. Anstelle einer erleich­tern­den Auf­lö­sung im illy­ri­schen Glück ist hier nur Ver­stö­rung. Und da wird die anfäng­li­che Läh­mung der Komö­die sinn­haft. Das erin­nert von Ferne an die ernüch­ternde Starre nach dem Spiel der Liebe in da Pon­tes Cosi fan tutte. Mit Ver­spielt­heit des Rokoko hat das hier aller­dings nichts zu tun. Es bleibt: Ein wun­der­sa­mes Schau­piel­en­sem­ble (Simon, Krei­bich, Neu­häu­ser, Catho­mas, Pohl, Beglau, Har­zer) und die harte Rück­kehr in das Leben.

Mat­thias Schu­mann (kms)

28. Oktober 2010

Tintenkleid

Mein Gott, was hat die­ses Haus zur Zeit For­tune. Es brummt und summt an einem x-beliebigen Abend im Tha­lia, die Bude ist geram­melt voll, die Stim­mung ist gut. Und das alles in die­ser blei­er­nen Zeit der Kul­tur für Ham­burg. Und dann – soviel sei vor­weg schon ein­mal gesagt – ist es auch noch gut, was da von der Bühne kommt:

Ein Raum, end­lich mal wie­der ein Raum – die Hin­ter­bühne abge­grenzt durch einen hohen mehr­rei­hi­gen Wall von Klei­dern (»… the suits of woe?«, ein dunkel-rotter Boh­len­bo­den, ein toter Hirsch, ange­seilt. Das Seil reicht im Bogen­schwung bis in den Büh­nen­him­mel, glie­dert wie bei Pira­nesi die Tiefe. Und dun­kel, farb­los, düs­ter. Alles. Auch wie dort. Durch den Wall tre­ten alle auf, schauen hin­durch wie durch den Blät­ter­wald einer Hecke. Auch Ham­let trägt sein dunk­les Gewand – »his inky cloak«. Der hockt am hin­te­ren Rand am Fuße die­ser Klei­der­he­cke, wäh­rend Ger­trud und Clau­dius in gro­tes­kem Paar­lauf hin zur Rampe glei­ten. Wie ein arm­lo­ser Bud­dha thront der Prinz, von dunk­ler Stoff­masse umhüllt, nur das gekrönte Haupt schaut her­aus. Die­ser Ham­let ist kein mager Hadern­der, son­dern umge­ben von der Stoff­lich­keit sei­ner Trauer und des Zwei­fels. Die kör­per­li­che Masse ist Behäl­ter für zwei Innen­le­ben, Ham­let ist zwie­fach. Der große Schau­spie­ler Joseph Osten­dorf gibt den einen Part, der ebenso agile wie prä­zise Jörg Pohl den ande­ren. Nicht ein­fach hat sich Luk Per­ce­val diese Tren­nung der »zwei See­len« gemacht, keine banal­psy­cho­lo­gi­sche Tren­nung von Ver­nunft und Lei­den­schaft liegt dem zugrunde. Mal drif­ten diese …, nun, nen­nen wir es mal … ZUSTÄNDE … aus­ein­an­der, mal echoen sie um die Wette, rin­gen um die Vor­herr­schaft im Kör­per­kleide, um sich zum Ende hin ganz von­ein­an­der zu lösen. Ham­let ist auf die­ser Bühne aus­drück­lich keine »gespal­tene« Per­sön­lich­keit, die Nähe zum Wahn liegt in die­sem Wort zu nahe.
Ja, die Worte – Per­ce­val hat eine neue Spra­che für Ham­let gesucht. Über­setzt – oder wie es Pro­gramm ver­merkt ist, »neu bear­bei­tet«– hat es Feri­dun Zai­moglu, gemein­sam mit Gün­ter Sen­kel. Zai­moglus Spra­che ist von einer hef­ti­gen Musi­ka­li­tät geprägt, wer die­sen Autor ein­mal aus sei­nen Werk hat lesen hören, ver­steht das ziem­lich genau, unge­heuer prä­zise sind Rhyth­mik und Dik­tion. Der Duk­tus bleibt per­ma­nent prä­sent in die­ser Über­tra­gung, kein ver­klä­ren­der Schle­gel­ton, kein kon­kre­ter Brasch. Das Thema Musik ist auch ein eige­nes – im Gra­ben steht ein Kla­vier, das in den zwei Stun­den der Auf­füh­rung durch­gän­gig trak­tiert wird.

Der Pia­nist und Sän­ger Jens Tho­mas hat eine wei­tere Spur unter und durch den Text gelegt – und nein, es ist wirk­lich kein »Sound­track«. Das Rezen­sen­ten­no­tiz­buch die­ses Abends gab so einen Ein­fall wie »See­len­ge­sang« her und das trifft es auch.

Von romantisch-verklärender Seele ist da aller­dings keine Rede, bis zum Unaus­halt­ba­ren, zum Schmerz­haf­ten wer­den Stimme, Kla­vier und Gitarre trak­tiert, man hört Stim­men, die den Schä­del spren­gen möch­ten. Noch eine Innen­schau Ham­let­scher Welt, die die Welt des Sprach­li­chen bis­wei­len völ­lig ver­lässt, und – selt­same Par­al­lele – wie im Musi­cal das Unsag­bare vertont.

Berich­ten könnte man noch von thea­tra­len Bra­vour­stü­cken wie die Reduk­tion der Schau­spie­ler­szene auf eine ein­zige Per­son, nicht ein­mal die Gau­ke­lei darf in die­ser Per­ce­val­schen Welt exis­tie­ren. Oder von dop­pelt dupli­zier­ten Ophe­lien, die wie die Rhein­töch­ter auf­ge­reihte blaue Kleid­chen­trä­ge­rin­nen mit ver­ge­hend hohen Stimm­chen den Unter­gang zele­brie­ren. Alles andere sollte man sel­ber sehen und nicht nach­le­sen. Zum Schluss der Hirsch: »Why, let the strooken deer go weep …«

Ja, der auch.

© f/2.8 by ARC - Fotolia.com
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Mat­thias Schu­mann (kms)