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1. März 2011

Körper. Stimme. Tod.

Aber den Zeus im Gesange des Sie­ges zu prei­sen,
Alles Den­kens Frie­den ist’s!
(Ais­chy­los: Agamemnon)

Sie sin­gen. Sie stim­men an den Paian, Sie­ges­ge­sang zu Ehren Apolls, des Unheil­ab­weh­rers. Das Land ist Ödnis, die Szene um die weni­gen Men­schen hier in The­ben ist leer und weit. Dimi­ter Gott­s­chefs Thea­ter braucht kei­nen Auf­bau, braucht nur Raum, viel Raum. Die­ses Thea­ter ist sprach­grei­fend und cho­reo­gra­phiert, vor allem auf den Schau­spie­ler kon­zen­triert. Insze­na­to­ri­sche Mätz­chen gibt es hier keine, eine reine, klare Lehre steht hin­ter jenem Ent­wurf. Gott­s­chefs Anti­gone zeigt die volle Stärke die­ser höchst arti­fi­zi­el­len Kunst der Kon­zen­tra­tion, aber auch ihre elen­dige Schwäche.

Ein gran­dio­ses Ensem­ble hat er sich der Alt­meis­ter da besetzt. Ziol­koswka, Beglau, Gra­wert, Nie­haus, Geiße, Thor­meyer – kunst­rei­che Artis­ten ihrer Zunft sind sie alle. Dimi­ter Gott­s­cheff liebt die­ses Ensem­ble, er hat sie geführt, in offen­bar inten­si­ver Kör­per– und Raum­ar­beit ein­ge­fügt in die knappe Geschichte des Mäd­chens Anti­gone, das sich Will­kür und Räson nicht unter­ord­net. Anti­gone trau­ert, rot­ge­rän­dert die Augen, in Ges­tus und Spra­che »ver­rückt«, aus der Welt. Patrycia Ziol­koswka gibt dem eine durch­aus gro­teske Form der kör­per­li­chen Ent­gren­zung – in ecki­ger Bewe­gung, ver­zerr­ter Hock­hal­tung, ist sie ein aus der Welt der Kon­for­mi­tät tau­meln­der, arhyth­mi­scher Gegen­pol zum The­ben­staat des bekränz­ten Orgel­t­rak­tie­rers Kreon. Ihre Spra­che ist gleich­ar­tig ver­formt, dis­pa­rat phra­siert, mecha­nisch. Kein Aus­druck mehr. Um so mehr das Bemü­hen aller Ande­ren, irgend­eine Form die­ses Aus­drucks zu fin­den, sei es sin­gend, Räume suchend, Posi­tio­nen einnehmend.

Über­haupt ist da so etwas wie Musik bei Gott­s­cheff. Das meint nicht San­ges­fet­zen, nicht orgel­be­glei­te­ten Dis­kant und auch nicht die gele­gent­li­chen Tuba­töne Tho­mas Nie­haus‹ Hämon, dem außer die­sem Ton­ge­grunze nicht mehr viel an Ent­äu­ße­rung geblie­ben ist.

Sedie­rung und Reduk­tion auch hier, Sprach­lo­sig­keit. Viel­mehr ist es die Gegen­über­stel­lung der Dis­har­mo­nie zwi­schen der nach außen gekehr­ten Welt des The­ba­ner­staats und der Sti­li­sie­rung der Innen­welt Anti­go­nes. Am stärks­ten wird das im Abge­sang Anti­go­nes, stamp­fend rhyth­misch, gegen­läu­fig bespro­chen – und immer wie­der ver­su­chen The­bens Stim­men, diri­giert vom Kon­zert­meis­ter Kreon an sei­nem Instru­ment, all das in Har­mo­nie zu erträn­ken. Gleich den Andrew-Sisters, mit der Sauce des viel­stim­mi­gen Wohl­klangs um sich träu­felnd, ste­hen Chris­tina Geiße, Bibiana Beglau und Oda Thor­meyer hin­ter den Stand­mi­kro­fo­nen, für Anti­gone bleibt Cha­rons Nachen auf dem trä­gen Flusse, Ache­ron. Hier ist ein kal­tes Ende, das gleich­kalte Stück geht weiter.

Und dann stockt nun auch der Fluss des­sen, was einen an die­sem Stück inter­es­sie­ren könnte. So aktiv all die Vir­tuo­sen da wei­ter­hin agie­ren, immer wie­der schweift der Blick nach oben, zu den Licht­brü­cken. Dort bewe­gen sich seit dem Beginn, wohl nur aus dem Par­kett voll ein­sich­tig, wun­der­li­che Maschi­nen, schwa­nengleich fabri­zie­ren gelbe Kunst­stoff­schläu­che einen Regen aus rauch­ge­füllte Sei­fen­bla­sen, die gemäch­lich zu Boden sin­ken und dort oder frü­her zer­plat­zen. Was bleibt, ist – trotz der knapp gestri­che­nen andert­halb Stun­den, das, was man im Sport »Zeit schin­den« nen­nen würde. Und gäbe es nicht die phä­no­me­nale Bibiana Beglau, die den gro­ßen Chor­part zum Ende allein bewäl­tigt und dabei ihre ganze Kunst zei­gen kann und auch muss, der Abend wäre thea­tra­lisch schon viel frü­her been­det gewe­sen. Und eines ist gewiss: Die Zeit die­ses theo­re­ti­sie­ren­den Thea­ters ist eben­falls beendet.

Mat­thias Schu­mann (kms)