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2. März 2010

Supergroup, ♀

Solo für drei Stimmen: Clasen, Lux, Depenbusch
Solo für drei Stim­men: Cla­sen, Lux, Depenbusch
Es könnte  wie im schöns­ten Kli­schee sein: Die kleine sen­ti­men­ta­li­sche Soul­grösse, die zupa­ckende Süd­deut­sche mit dem war­men Tim­bre und die große iro­ni­sche Dünne mit der Kris­tall­stimme. Das klingt beim ers­ten Lesen natür­lich gut und ließe sich auch schick ver­mark­ten. So wird man aller­dings dem Trio Regy Cla­sen, Anna Depen­busch und Chris­tina Lux, das ges­tern in Ham­burgs Tivoli auf­trat, kaum gerecht.

Die drei sind alle gross­ar­tige Sän­ge­rin­nen, daran besteht kein Zwei­fel. Sie schrei­ben text­lich wie musi­ka­lisch vir­tuose Songs. Sie beglei­ten sich selbst an Kla­vier und Gitarre und nei­gen auch da zur Vir­tuo­si­tät. Sie sind char­mant und zu lau­ni­gen Con­fe­ren­cen bereit. Die Bühne ist wohn­zim­mer­lich ein­ge­rich­tet, neben Flü­gel und Gitar­ren ste­hen Steh­lampe und Sofa. Von oben wabert der Büh­nen­ne­bel und das Licht ist hübsch gemacht. Aus­ver­kauft ist es sowieso.

Das ist situa­tiv, aber den Zau­ber die­ses Debut­abends fin­det sich darin nicht. Wobei »zau­ber­haft« schon wie­der in eine andere Kli­scheecke drängt, mit äthe­ri­sches Wesen haben diese drei Frauen nichts gemein. Das Geheim­nis scheint am ehes­ten in der Mischung der unter­schied­li­chen Cha­rak­tere und Stim­men zu lie­gen, die, mal solo und mal gemein­sam, den Abend gestal­ten. Raum für Soli gibt es, immer wie­der ein­mal unter­stützt von den bei­den Ande­ren, die vom Sofa aus die Backing Vocals bei­steu­ern. Das wirkt spon­tan, bei­nahe unge­probt, ist aber hohe Kunst. Was dabei vor allem zu bemer­ken ist, ist die unbän­dige Lust der drei, gemein­sam Musik zu machen und die gegen­sei­tige Wert­schät­zung. Was anderswo als pflicht­be­wuß­ter »Tri­bute« auf­tritt, ist hier von hoher Authen­ti­zi­tät. Die Geschich­ten der Drei bewe­gen sich in der Regel im Wirr­warr der Zwei­er­be­zie­hung, mal ein­dring­lich, mal iro­nisch gebro­chen. Das Song­ma­te­rial stammt aus den jeweils aktu­el­len Alben, ergänzt durch klei­nen Pre­mie­ren und Vor­schauen auf Kommendes.

Ein klei­ner Wer­muts­trop­fen sind die neue­ren Songs von Regy Cla­sen. Die sind nach wie vor ver­dich­tete Moment­auf­nah­men, aber die nar­ra­tive Qua­li­tät der Stu­dio­auf­nah­men haben sie nicht mehr. Die Künst­le­rin hatte vor zehn Jah­ren einen klei­nen Erfolg mit ihrer ers­ten Solo­platte, der Song »Ergib dich« rauschte durchs Video­ge­flim­mer von VH-1, vier Jahre spä­ter kam das ful­mi­nante Album »Wie tief ist das Was­ser« auf den Markt. Da sind leise Töne  zu hören, genaue Stim­mungs­bil­der, Situa­ti­ons­be­schrei­bun­gen und prä­zise ver­dich­tete Geschich­ten, getra­gen von hin­reis­sen­den Arran­ge­ments und gross­ar­ti­gen Blä­ser­sets der »Box­horns«. Wer ein­mal den wun­der­ba­ren Lie­ge­tö­nen die­ser Blä­ser in »So gerne« erle­gen ist, wird davon kaum mehr las­sen wol­len. Das scheint im Augen­blick noch Ver­gan­gen­heit zu sein, ein biß­chen ver­huscht kom­men die neuen Lie­der her­über und gele­gent­lich, und, wie in »Abzieh­bil­der«, sogar etwas unglück­lich meta­pho­risch über­dehnt. Da scheint noch Raum für wei­tere Ent­wick­lung zu sein, die poe­ti­sche Kraft einer über­ra­gen­den Song­tex­te­rin hat sie alle­mal. Daß bei allen Dreien die Reflek­ti­ons­fä­hig­keit über das eigene Werk vor­han­den ist, ist zwar nicht selbst­ver­ständ­lich, aber um so ange­neh­mer. Eines der The­men der Büh­nen­kon­ver­sa­tion war dann auch die Bestän­dig­keit der Songs, und deren Bezie­hung auf den Augen­blick ihres Ent­ste­hens. Ein schö­ner Ein­blick die Werk­statt war das alle­mal und gott­lob kein erbärm­li­cher Strip­tease der zeris­se­nen Singer/Songwriter-Seele.

Eine Gen­re­be­zeich­nung für den Abend zu fin­den ist ohne­hin schwie­rig, aber das ist sozu­sa­gen die Essenz der Ein­gangs­be­ob­ach­tung. Was bleibt, ist die warme, freund­li­che Atmo­sphäre die­ses Kon­zerts. Die drei Künst­le­rin­nen mögen sich, sind nicht kon­kur­rent, ergän­zen sich. Und las­sen ihr Publi­kum daran teil­ha­ben. Schluss­num­mer war das gross­ar­tige »Da werd ich sein« . Wie sich Audi­to­rium und Sän­ge­rin­nen gegen­sei­tig im Wech­sel­ge­sang ihrer Für­sorge ver­si­cher­ten (»Wo immer Du mich brauchst …, und da werd ich sein. Ich ver­sprech Dir, wo immer auch, … da werd ich sein«), daß war ein gross­ar­ti­ger sen­ti­men­ta­ler Moment. Und das in Ham­burg. Es geht also doch.

Das Kon­zert wird am 3.5. in der »Bar jeder Ver­nunft« in Ber­lin wiederholt.

Ton­trä­ger:
Regy Cla­sen: Wie tief ist das Was­ser
Anna Depen­busch: Ins Gesicht
Chris­tina Lux: Pure & Live

Mat­thias Schu­mann (kms)