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14. Mai 2012

Humatomic Energy

Eine Nach­lese zu den 14. Vat­ten­fall Lesetagen

Ham­burg hat inzwi­schen meh­rere Lite­ra­tur­fes­ti­vals, das tra­di­ti­ons­reichste sind die Vat­ten­fall Lese­tage, die in die­sem Jahr zum 14. Mal statt­fan­den. Wir waren wäh­rend der Fes­ti­val­wo­che an fast jedem Abend auf einer der 70 Ver­an­stal­tun­gen des Erwach­se­nen­pro­gramms, um uns ein Bild des Pro­gramms zu machen und außer­dem dem nach­zu­spü­ren, was die lite­ra­tur­ferne Auf­re­gungs­hal­tung, die sich vor und wäh­rend die­ser Woche bei man­chem breit­machte, zu bedeu­ten hatte. Von Ver­ein­nah­mung war da oft die Rede – um es vor­weg­zu­neh­men, indok­tri­niert hat über­ra­schen­der­weise nicht die Ener­gie­in­dus­trie, es sei denn, ein paar Ban­ner mit Logos dar­auf zäh­len dazu. Ein lan­ger Rück­blick auf Hal­tun­gen und Texte.

Bar der Empörung (Bild: HHF)
Bar der Empö­rung (Bild: HHF)

Der Som­mer war heiß, das Gras nicht nur grün und der Mann mit dem Hut und der Gitarre sang. Die Jungs waren in Viet­nam und in Ruß­land war es kalt. Es mußte etwas gesche­hen, über­all, so konnte es nicht weitergehen.

You’ll be dren­ched to the bone/If your time to you/Is worth savin‹/Then you bet­ter start swimmin‹/Or you’ll sink like a stone/For the times they are a-changin‹.

Jahre spä­ter war der Win­ter ver­reg­net, das Früh­jahr ebenso. Der Mann mit dem Hut und der Gitarre sang wie­der. In den Super­märk­ten stan­den Milch­pro­dukte, die sich abwech­selnd links und rechts dre­hen konn­ten. Die Jungs waren in Afgha­nis­tan und in den Woh­nun­gen war es warm. Es mußte etwas gesche­hen, über­all, so konnte es nicht weitergehen.

Diese Hoff­nung schöpfte sicher­lich auch der schwit­zende Mann mit der unauf­fäl­li­gen Out­door­ja­cke in der klei­nen Hotel­bar. Ange­strengt und sicht­lich erregt kramp­fen seine Hände um ein Heft­chen, das er anschlie­ßend zer­reißt. Papier­schnip­sel rie­seln zu Boden und dann folgt er sei­nen vier Mit­strei­tern und geht. Er geht schreiend.

Don’t stand in the doorway/Don’t block up the hall/For he that gets hurt/Will be he who has stalled

Eine Woche vor­her bereits hatte sich eine Gruppe um den fast ver­ges­se­nen Plau­de­rer des deut­schen Kul­tur­fern­se­hens, Roger Wil­lem­sen, geschart, um end­lich, im vier­zehn­ten Jahr sei­nes Beste­hens, die­ses Fes­ti­val abzu­schaf­fen und durch ein eige­nes, natür­lich viel Bes­se­res zu erset­zen. Dazu bot man TV-Prominente einer Mei­nung auf.

Your old road is/Rapidly agin‹

Denn schließ­lich sei es doch vor allem wich­tig, sich zu prü­fen, vor wel­chen »Kar­ren« man sich span­nen ließe, so gab denn Wil­lem­sen schon ein­mal vorab im »Stern« bekannt. Man lese schließ­lich hono­rar­frei, nur für die gute Sache. Sag­ten alle über­ein­stim­mend und kämp­fen alle gegen die Ver­ein­nah­mung der Lite­ra­tur durch den Kapi­ta­lis­mus, durch einen ver­ach­tungs­wür­di­gen Kon­zern. Das war das Thema die­ses Festivals.

Come wri­ters and critics/Who pro­phe­size with your pen/And keep your eyes wide/The chance won’t come again

Essen müs­sen da anschei­nend nur die, die auf der fal­schen Seite sind, eben woan­ders und nicht in Kil­les­berg oder Schwa­bing oder Eppen­dorf den guten Barolo zu schät­zen wis­sen. Und dort erin­nert man sich gewiß gern an den 4. März 2003, als in der Ham­bur­ger Aus­gabe der WELT zu lesen war, daß ein Mann  »mit sei­nem »Kar­ne­val der Tiere« Hei­te­res von heute zwi­schen die schwere Kost« eines Fes­ti­val­pro­gramms brachte. Das Hono­rar war vierstellig.

The slow one now/Will later be fast/As the pre­sent now/Will later be past

Es ist der Vor­abend des Beginns des ande­ren Fes­ti­vals, jenes, auf dem Män­ner­hände mit Papier­schnip­seln wer­fen. An die­sem Abend aber gesche­hen nicht nur Empö­run­gen vor aus­ge­such­tem Publi­kum, es spre­chen auch der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Wer­ner Fuld, Festival-Kuratorin Bar­bara Heine und der Autor Mat­thias Göritz in ihrem lite­ra­ri­schen Salon über Denk­ver­bote und Bücher­ver­bren­nun­gen, Zen­sur und die Macht des Geschrie­be­nen. Es ist der Anfang eines Pro­gramms, des­sen The­men sich über 10 Tage ineinanderfügen.

Wer­ner Fulds Buch ist ein Kom­pen­dium der Geis­tes­ge­schichte ex nega­tivo und ver­lei­tet in nach­auf­klä­re­ri­scher Zeit gele­gent­lich zum Schmun­zeln über die dunk­len, ver­gan­ge­nen Zei­ten. Es ist die­ses aber das starre Grin­sen des Schre­ckens, dabei ver­gesse man  nicht, daß neben den Schei­ter­hau­fen der bren­nen­den Büche zuwei­len auch die Auto­ren brann­ten, im Ange­sicht der Ver­nich­tung ihrer Werke. Von ande­ren pein­li­chen Bestra­fun­gen weiß Fuld auch zu berich­ten, die Geschichte der ver­bo­te­nen Gedan­ken, die in Büchern nie­der­ge­legt wur­den, ist voll davon. Aber gescha­det hat es den Gedan­ken nicht, in der Regel war das ver­bo­tene Werk ein begehr­tes Werk.

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Einer der in Deutsch­land stets in die Ecke des spitzweghaft-pittoresken gestell­ten Auto­ren ist Charles Dickens. Der Rest des Bil­dungs­bür­ger­tums noch »A Christ­mas Carol« und dann noch den Titel »David Cop­per­field« – alle ande­ren den­ken dabei eher an einen Las Vegas-Entertainer, der ein­mal mit einem deut­schen Mode­mäd­chen liiert gewe­sen sein soll. Aber im eng­lisch­spra­chi­gen Raum ist der Erzäh­ler und Roman­cier Charles Dickens ein Name wie Don­ner­hall. Er fehlt hier­zu­lande, der Name wie das Werk.

In diese Lücke stößt Hans-Dieter Gel­ferts Bio­gra­phie des Eng­län­ders, die er zusam­men mit Mat­thias Göritz vor­stellt. Im Pro­gramm­heft steht etwas von Mode­ra­tion. Das ist falsch. Der Autor und Dich­ter Göritz ist ein eben­bür­ti­ger Gesprächs­part­ner des Ber­li­ner Lite­ra­tur­pro­fes­sors. Was wie ein aka­de­mi­scher Dia­log daher­kom­men mag, dazu noch in einem holz­ge­tä­fel­ten Vor­trags­raum der Staats– und Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek mit dem Charme einer Anna-Viebrock-Bühne, ist in Wahr­heit ein mun­te­res Gespräch zweier Beschla­ge­ner und Begeis­ter­ter – der Dich­ter, der immer wie­der aus Werk und Lite­ra­tur extem­po­riert und neue Bezüge schafft, und der Experte, der frei ste­hend im Saal erzählt und aus sei­nem Buch zitiert. Das ist keine Lesung, es geht nicht um das Buch, es geht um einen ande­ren Autor, des­sen erzäh­le­ri­sche Meis­ter­schaft und sozial-dichten Gen­re­be­schrei­bun­gen nicht nur die bei­den fas­zi­nie­ren. Die­ser Autor muß gele­sen wer­den, auch in Deutschland.

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Vol­ker Hinz, einer der wich­tigs­ten Pho­to­gra­phen der alten Bun­de­re­pu­blik und viel­ge­ehrt, hält Abstand. Ein paar Meter wei­ter sitzt ein klei­ner Greis, mit einem auf­fal­len­den wei­ßen Voll­bart, einen braun­ro­ten Sei­den­schal locker über dem schwar­zen Anzug gehängt. Er erzählt, seine Spra­che ist Fran­zö­sisch, um ihn herum sit­zen ein paar Men­schen aus der Buch– und Ver­lags­szene, die ihm zuhö­ren. Am nächs­ten Tag wird seine Toch­ter ein Buch vor­stel­len, das Buch sei­nes Lebens.

Der alte Mann ist Adolfo Kaminsky, gebo­ren 1925, das Buch heißt »Ein Fäl­scher­le­ben«. Er hat ein Talent – das Talent, Papiere täu­schend echt zu repro­du­zie­ren. Adolfo Kaminsky war der Meis­ter­fäl­scher der Resis­tance, die Falsch­geld­fa­brik der alge­ri­schen FLN, der Papier­be­schaf­fer des Wider­stands gegen fast alle Ter­ror­re­gimes der Nach­kriegs­zeit. Er ver­brachte sein hal­bes Leben damit, mit die­sen Papie­ren Men­schen vor Ver­fol­gung und Bedro­hung zu ret­ten, aber nahm nie Geld dafür.

Seine Toch­ter Sarah ent­deckte seine Ver­gan­gen­heit erst, als sie schon erwach­sen war, und schrieb die­ses Buch. Er sagt zu den Umsit­zen­den: »Viel­leicht hilft ihr das Buch und meine Frau muß nicht mehr so viel arbei­ten.« Ein paar­mal nur löst die Kamera von Vol­ker Hinz aus. Am nächs­ten Tag, auf der Ver­an­stal­tung, wird deut­lich, daß es nur Momente sind, die ein Men­schen­le­ben in die eine oder andere Rich­tung brin­gen. Hel­den­ge­schich­ten ent­ste­hen nicht aus Absicht, sie passieren.

*

»Da habe ich Hoff­nung“, meint der Autor und Jour­na­list Mar­tin Häuss­ler. Er hat eine ganze Reihe von mehr oder weni­ger bekann­ten Per­sön­lich­kei­ten zum Thema Angst befragt, her­aus­ge­kom­men sind erstaun­li­che Por­traits zu einem außer­or­dent­lich deut­schen Thema, das inzwi­schen sprich­wört­lich ist für eine bestimmte Art der kol­lek­ti­ven Reak­tion und für das Zau­dern ange­sichts gro­ßer Themen.

Seine Hoff­nung fußt, ein wenig dif­fus, auf dem Public-Viewing– und Atom­aus­stiegs­deutsch­land, auf dem Quent­chen Bewe­gung im gesell­schaft­li­chen Gefüge, das er wahr­zu­neh­men glaubt. So heißt denn sein Repor­ta­ge­band auch »Fürch­tet Euch nicht!« Seine Hoff­nung ist aller Ehren wert.

Glaubt man aller­dings der Fami­li­en­the­ra­peu­tin Gabriele Baring, dann ist die Hoff­nung noch weit und der Deut­sche hat noch viel zu tun in der Auf­ar­bei­tung sei­ner per­sön­li­chen wie gesell­schaft­li­chen Ängste. Sie gehörte zu den Inter­view­ten des Häussler-Buches und die­ses Gespräch gab den Anstoß zu ihrem Buch »Die gehei­men Ängste der Deut­schen«. Gabriele Baring ist eine vehe­mente Ver­tre­te­rin ihrer The­sen und auch ihrer Therapierichtung.

Sie ist Schü­le­rin des umstrit­te­nen Bert Hel­lin­ger, des­sen sys­te­mi­sche Fami­li­en­auf­stel­lun­gen kri­ti­sche Geg­ner­schaft her­vor­ruft. Fra­gen danach beant­wor­tet sie eher aus­wei­chend, aller­dings – ob nun das Gegen­mo­dell »Tetra­lem­maar­beit« oder Hel­lin­gers »Sys­te­mi­sche Fami­li­en­auf­stel­lung« – tut das der Grund­these ihres Buches kei­nen Abbruch.

Baring hat in ihrer Pra­xis mit vie­len Angst­phä­no­me­nen zu tun gehabt, und sie beschreibt in vie­len Fall­bei­spie­len, wie sie durch ihre Auf­stel­lungs­ar­beit mehr und mehr an Über­zeu­gung gewinnt, alle diese Ängste seien inner­fa­mi­liär über­tra­gen worden.

Ihr Thema sind die Kriegs­en­kel, die dritte Gene­ra­tion derer, die ihr Leben unter dem Schat­ten bei­der Welt­kriege, die von deut­schem Boden aus­gin­gen, gestal­ten müs­sen. Gabriele Baring sieht jene aktu­el­len Ängste, die in ihrer Arbeit behan­delt wer­den, in der Tra­di­tion der trau­ma­ti­sier­ten Vor­fah­ren – die Enkel müs­sen die Pho­bien der Kriegs­ge­ne­ra­tio­nen aufarbeiten.

Diese Idee ist an sich nicht neu, schon vor 6 Jah­ren beschäf­tigte sich die Köl­ner Jour­na­lis­tin mit den »Kriegs­kin­dern« und den Fol­gen für die Nach­ge­bo­re­nen. Neu ist vor allem Barings Ana­lyse der gesell­schaft­li­chen Situa­tion, deren Grund­lage all diese über­tra­ge­nen Trau­mata sind – über­tra­gene Ängste als läh­men­des Moment der deut­schen Gesell­schaft. Mög­li­cher­weise hat sie damit eines der wich­tigs­ten Sach­bü­cher die­ser Jahre geschrie­ben, allen dog­ma­ti­schen Dis­pu­ten zum Trotz.

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Pira­ten, Pira­ten, Pira­ten. Natür­lich denkt man bei einem, der mal Wired-Redakteur war, an die, die ein Dasein als Sys­tem­ad­mi­nis­tra­to­ren haben und behaup­ten die Welt müsse trans­pa­rent sein.

Und wenn dann der Roman auch noch eine Art Zukunfts­vi­sion mit digi­ta­ler Tech­nik ist, noch mehr – Science-Fiction oder so, irgend­wie cool, einer der über implan­tierte Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ein­rich­tun­gen schreibt. Doch Ben­ja­min Stein ist kein Nerd und sein klei­ner Roman »Replay“, eigent­lich eher eine Erzäh­lung, wider­setzt sich hart­nä­ckig den doo­fen Kli­schees, die man so gerne über Inter­net, Pro­gram­mie­rer und all das dif­fuse Halb­wis­sen über und in der »Netz­welt« ver­brei­ten möchte.

Das Buch ist eine sprach­lich aus­ge­feilte Ver­suchs­an­ord­nung zur Wirk­lich­keit und deren Wahr­neh­mung, Texte, die mit »Ich fürchte mich vor Erschei­nun­gen, die ich nicht selbst erfun­den habe« begin­nen, und damit ihre Bedeutungs-Welt in einem Satz ein­krei­sen, gehö­ren nicht zu den schlech­tes­ten. Und der Autor ist alles andere als eine Leit­fi­gur des zur Zeit Modischen.

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»Hi, i’m Bob.« Wer so hemds­är­me­lig von einem Nobel­preis­trä­ger begrüßt wird, weiß, es han­delt sich um genau die Spe­zies elo­quen­ter ame­ri­ka­ni­scher Wis­sen­schaft­ler, die der ernst­neh­mende Deut­sche nicht ken­nen mag. Robert B. Laugh­lin hat 1998 einen Nobel­preis für Phy­sik bekom­men und er hat ein Buch geschrie­ben, das sich mir den Ener­gie­pro­ble­men der Zukunft beschäftigt.

Ein kur­zer Abriß – in der eng­lisch­spra­chi­gen Wis­sen­schafts­welt heißt so etwas »Abstract« – mit ein paar ein­gän­gi­gen Folien muß dem deut­schen Publi­kum als Ein­füh­rung in das Thema rei­chen, dann geht es in die vom Wis­sen­schafts­jour­na­lis­ten Gerald Trau­vet­ter (SPIEGEL) betreute Dis­kus­sion mit dem Publikum.

Die eben­falls gela­de­nene Greenpeace-Gründerin, ehe­ma­lige nie­der­säch­si­sche Umwelt­mi­nis­te­rin und jet­zige Kreuzfahrer-Mitarbeiterin Monika Grie­fahn hatte urplötz­lich und völ­lig über­ra­schend erfah­ren, daß sie genau an die­sem Abend an einer Preis­ver­lei­hung teil­neh­men müsse und konnte des­halb nicht an die­sem Gespräch teilnehmen.

Wobei Dis­kus­sion eigent­lich zu viel gesagt ist, in klas­sisch sokra­ti­scher Frage– und Ant­wort­tech­nik nimmt »Bob« gerne ein­mal eine Frage vor­weg und beant­wor­tet sie gleich. Kurz und knapp geht der Phy­si­ker die bekann­ten Ener­gie­er­zeu­gungs­for­men mit sei­nem deut­schen Publi­kum durch. Im Grunde sei das Gros der Ener­gie­ge­win­nung ja nur »Feuer«, also die Umwand­lung von einem in den ande­ren Aggre­gat­zu­stand, meint er, nichts Neues seit der Stein­zeit, auch die Atom­en­er­gie fiele dar­un­ter. Die mache im übri­gen unan­ge­neh­men Müll, den man nicht weg­be­komme, das andere »Zeug« CO².

Wind­en­er­gie sei prima, aber wehen täte ja auch nicht immer und der Ener­gie­be­darf moder­ner Indus­trie­ge­sell­schaf­ten sei eben kon­stant. Ein paar zag­hafte Ein­würfe kom­men aus dem Publi­kum, ein paar der nicht ganz so wüten­den Ener­gie­kon­zern­kri­ti­ker haben sich offen­bar in die Ver­an­stal­tung gewagt. Und was denn mit Gezei­ten­kraft­wer­ken sei, fragt da einer.

Liegt ja auch nahe, schließ­lich ist das Was­ser nie weit ent­fernt in Ham­burg. Ja, das sei eine gute Idee, meint der Phy­si­ker. Man wisse ja, daß die Erd­ro­ta­tion von der beweg­li­chen Masse des Was­sers auf der Erde abhän­gig sei, ver­ur­sacht durch die Anzie­hungs­kraft des Mon­des. Ent­ziehe man diese Ener­gie, würde sich die Erd­ro­ta­tion ein­fach ver­lang­sa­men. Das sei phy­si­ka­li­sches Gesetz. Sie scheint nicht so ein­fach zu sein, die Sache mit der Ener­gie, da müs­sen wir uns wohl noch was ein­fal­len lassen.

And the first one now/Will later be last/For the times they are a-changin‹.

Und falls jemand fragt, ja, es ist Dylan.

M. Schu­mann

30. April 2011

Lesetage: Was bleibt. Was kommt?

Nun ist es vor­über, das 13. Lite­ra­tur­fes­ti­val mit dem die­ser Tage so schwie­ri­gen Namen. Was bleibt davon? Vor allem der Rück­blick auf eine Reihe gelun­ge­ner Abende, mit dem Ent­de­cken von Alt­be­kann­tem und Neuem. Da gab es zum Bei­spiel den Fern­seh­star Charly Hüb­ner (»Poli­zei­ruf 110″), der als Vor­le­ser noch rela­tiv uner­fah­ren, im Laufe sei­nes Abends mit dem islän­di­schen Autor Einar Kára­son, sich zunächst vor­sich­tig in die saf­tige Vor­lage nor­di­schen Sagen­welt ein­tas­tete, dann aber immer siche­rer den Text sich zu eigen machte und den dann zu einer kla­ren, unprä­ten­tiö­sen und so wenig rau­nen­den Sache machte, dass es einem Angst und Bange wer­den konnte vor so viel Prä­zi­sion in der Figu­ren­zeich­nung und Spra­che. Sol­che Ent­de­ckun­gen sind immer­hin nicht häu­fig. Und es gab auch in die­sem Jahr einen Lesungs­abend, der sich erneut einer der Kehr­sei­ten der bür­ger­li­chen Gesell­schaft zuwandte, dies­mal unter dem Titel »Wo Gra­fen schla­fen …« – bunt unter die Leute gebracht vom Ber­li­ner Jour­na­lis­ten Kai Schäch­tele, der sei­nen ade­li­gen Genos­sen und Buch­au­to­ren, Edu­ard von Habsburg-Lothringen und Jea­nette Beis­sel von Gym­nich vor­teil­haft in Szene setzte. Das schrammt am Bou­le­vard, ohne Frage. Aber es ist Unter­hal­tung, und zwar gute. Oder man erin­nere sich an die auch schon zum Festival-Inventar gehö­rende Motto-»Nacht« – deren dies­jäh­ri­ger The­men­kom­plex sich mit dem Topos des Unsicht­ba­ren beschäf­tigte – von der nicht zu sehen­den Orga­nis­tin bis hin zum Ver­schwin­den des Geheim­agen­ten – brei­ter kann Lite­ra­tur­ver­mitt­lung kaum ange­legt sein.

Das sind Kon­zepte, die sich in ihrer Leben­dig­keit so weit von der hermetisierend-bildungsbürgerlichen Lesungs­sze­ne­rie Autor – Lampe – Was­ser­glas ver­ab­schie­det haben, dass man den auch in die­sem Jahr anhal­ten­den Erfolg des Fes­ti­vals nicht wei­ter ver­wun­der­lich fin­den kann – trotz aller Gegen­kam­pa­gnen. Um so schmerz­li­cher mutet dann all der Auf­stand um den Ver­an­stal­ter an, der immer­hin diese publi­kums­nahe und sym­pa­thi­sche Ent­wick­lung über die Jahre hat ent­ste­hen las­sen – fast konnte man ob der Schmä­hun­gen ver­ges­sen, wie wich­tig die­ses Fes­ti­val für den Kul­tur­stand­ort Ham­burg ist.

Der Abschluss­abend war dann auch sym­pto­ma­tisch für die­ses Kon­zept der mul­ti­plen Facet­tie­rung eines The­mas, die schwer gebeu­telte Ham­bur­ger Auto­rin Tina Uebel las zum ers­ten Mal seit der gericht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung um ihren Roman aus ihrem Buch. »Last Exit Volks­dorf« ist ein unbe­que­mer Text, nicht gefäl­lig, stark rhyth­mi­siert, fast musi­ka­lisch in der Anlage, der sich zwi­schen den deut­schen Humo­res­ken Sebas­tian Schnoys und der auf­rech­ten sozi­al­ro­man­ti­schen Stu­dien eines Jon Flem­ming Olsen als son­der­ba­rer, der­ber Kern­text deut­scher Lebens­wahr­heit offen­bart – das Motto des Abends war da eher iro­nisch zu ver­ste­hen: Volks­kunde. Fast tra­gisch kann man die nun erzwun­gene Ver­stüm­me­lung die­ses Wer­kes emp­fin­den, das Buch ist nach der Unter­las­sungs­er­klä­rung nur in einer stark ver­än­der­ten Form erhält­lich. Auch das ist eine Äuße­rung neu-bundesdeutscher Befindlichkeit.

Unter­las­sung mag denn auch ein gutes Stich­wort sein, wenn es um die Zukunft des Fes­ti­vals geht. Im Gegen­satz zu den Vor­jah­ren wurde näm­lich zum ers­ten Mal bei der Abschluß­ver­an­stal­tung nicht auf die Fort­set­zung im Fol­ge­jahr hin­ge­wie­sen. Gäbe es die 14. Lese­tage tat­säch­lich nicht mehr, dann wäre es wirk­lich an der Zeit, ernst­haft zu pro­tes­tie­ren. Dies­mal nicht gegen ein dif­fu­ses Angst­bild, son­dern für etwas. Und es wäre auch an der Zeit, sich viel­leicht jetzt schon ein­mal Gedan­ken zu machen, ob eine tem­po­rär deter­mi­nierte, ja bei­nahe modisch zu nen­nende Pole­mik gegen einen Spon­sor das rich­tige Mit­tel zur Ver­bes­se­rung der bür­ger­li­chen Gesell­schaft ist, son­dern viel­leicht doch eher der Hin­wen­dung zu einem ganz und gar unde­mo­kra­ti­schen Lob­by­is­mus Tür und Tor öff­net. Könnte es das sein, was der auf­rechte und immer mora­lisch ein­wand­freie à la mode-Protestler wirk­lich will? Diese Frage las­sen wir offen …

M. Schu­mann

10. April 2011

Lesetage, Tag 2: Die mögen sich wohl

Das Bild, das nicht auf Kampnagel entstand, sondern bei einer NDR-Veranstaltung,aber das Wesentliche zeigt (Quelle: Heinekomm/C. Frey))
Das Bild, das nicht auf Kamp­na­gel ent­stand, son­dern bei einer NDR-Veranstaltung,aber das Wesent­li­che zeigt (Quelle: Heinekomm/C. Frey))

Mit den Lie­bes­ro­ma­nen ist das ja immer so eine Sache. Gefüh­li­ger Kram ist das meis­tens, schlimme Hei­de­roman­zen gibt es da oder auch den Ver­such der nüch­ter­nen Ent­fer­nung und Desen­ti­men­ta­li­sie­rung, wie das die Fran­zo­sen in letz­ten Jah­ren so man­ches Mal taten. Wenn nun einer der ele­gan­tes­ten Kolum­nis­ten der Repu­blik, einen Lie­bes­ro­man vor­legt, was ist da zu erwar­ten? Immer­hin ist er ein Meis­ter der klei­nen Form, seine wöchent­lich erschei­nen­den Kurz­texte im ZEIT-Magazin sind spitz­zün­gige Betrach­tun­gen zu Gegen­wart und Zeit­ge­sche­hen. So ist denn auch »Gefühlte Nähe« eine Geschichte der klei­nen Formen.

Der Roman schil­dert das Lie­bes­le­ben einer Frau in 23 Epi­so­den anhand der Geschichte ihrer Lieb­ha­ber. Das scheint viele Men­schen zu inter­es­sie­ren, die Lesung auf Kamp­na­gel fand in der voll­aus­ge­las­te­ten Halle K6 statt. Das könnte aber auch daran gele­gen haben, dass die­ser Abend nicht nur Lesung war, son­dern auch Kon­zert. Mar­ten­steins Part­ne­rin an die­sem Abend war die ful­mi­nante Anna Depen­busch, auf die wir an die­ser Stelle schon ein­mal aus­führ­lich hin­ge­wie­sen haben. In sol­chen Kom­bi­na­tio­nen wird in den beglei­ten­den Pres­se­mit­tei­lun­gen gerne auf die »kon­ge­niale« Part­ner­schaft zweier Künst­ler hin­ge­wie­sen – in die­sem Falle ist das in der Tat kein PR-Blabla, son­dern Realität.

Mode­riert von der mit­un­ter etwas mäd­chen­haft gig­geln­den, aber dann doch kluge Fra­gen stel­len­den Mela­nie von Bis­marck, gab es viel zu Ler­nen über die Irrun­gen und Wir­run­gen von Mar­ten­steins Hel­din N., über die er, wie er im Gespräch sagte, eigent­lich gar nicht geschrie­ben hat, son­dern über ihre Män­ner. Da kenne er sich als Mann eben bes­ser aus. Das überzeugt.

Und was er da schil­dert, ist ziem­lich viel­fäl­tig, von der akri­bi­schen Schil­de­rung der Spu­ren­ver­nich­tung eines sei­ner Hel­den nach einem Sei­ten­sprung, bis hin zur Trost­lo­sig­keit eines eher irr­tüm­lich ent­stan­de­nen One-Night-Stands. Das ist immer wie­der komisch, aber eben auch die Schil­de­rung eines »See­len­mords« (Mar­ten­stein) in der Bezie­hungs­lo­sig­keit der jewei­li­gen Paar­kon­stel­la­tio­nen. Nicht umsonst heißt das Buch »Gefühlte Nähe« – es geht um Illu­sio­nen und Wün­sche. Die mit­un­ter nüch­terne Erzähl­po­si­tion in Mar­tein­steins Buch, ver­bun­den mit dem exzel­len­ten Vor­trags­rhyth­mus des Autors tut der Sache gut, aber für die ganz große Emo­tion ist an die­sem Abend Anna Depen­busch zuständig.

Die sitzt schmal hin­ter ihrem Flü­gel, lächelt ver­schmitzt in die obe­ren Ränge und fängt erst ein­mal mit der ziem­li­che irr­lich­tern­den Bal­lade »Astro­naut« an. Der Typ – so es um einen geht – könnte ein Mann aus dem Roman sein, unent­schie­den, außer­welt­lich, ein Raum­fah­rer eben. Im Laufe des Abends gibt es sechs Songs, bis auf eine Billy-Joel-Paraphrase (»Der Mann für mich« – sic!) alle vom aktu­el­len Album »Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch«. Das passt immer wie­der gut, ist eine Illus­tra­tion des im gele­se­nen Text gehör­ten, und ver­schiebt die Per­spek­tive auf das Erhellendste.

Dabei dreht die Per­son auf dem Kla­vier­ho­cker mit­un­ter kräf­tig auf, die Tiger­pranke kommt zum Vor­schein, und an schar­fer Beob­ach­tungs­gabe und Sprach­witz ist sie ihrem lite­ra­ri­schen Gegen­über kei­nes­wegs unter­le­gen. Dem  scheint das genau so gut zu gefal­len wie den 600 ande­ren in der Halle, immer wie­der kün­digt Mar­ten­stein seine Part­ne­rin mit gro­ßer Emphase an. Sieht so aus, als hät­ten sich da zwei wirk­lich gefunden …

M. Schu­mann

8. April 2011

Lesetage, Tag 1: An der Front

M. Schu­mann

7. April 2011

Atomic Lifestyle – Von guter und böser Literatur.

Vor­be­mer­kung: Die Gewin­nung von Strom aus Atom­re­ak­to­ren ist eine extrem frag­wür­dige Art der Ener­gie­ge­win­nung. Die Tech­no­lo­gie ist schwer zu kon­trol­lie­ren und ver­ur­sacht nach dem der­zei­ti­gen Stand der Tech­nik Rest­müll, der auf jahr­hun­der­te­lange Sicht nicht zu ent­sor­gen ist. Des­we­gen ist jede Aus­stiegs­über­le­gung mit Sicher­heit gut und rich­tig. Punkt.

Der Deut­sche hat per se viel Angst. Kata­stro­phen säu­men sei­nen Lebens­weg. Schnee­ka­ta­stro­phen mit »von der Außen­welt abge­schnit­te­nen« Dör­fern, in denen sich die Fern­seh­teams tum­meln (wie sind die da hin­ge­kom­men?), Schwei­ne­pest und Vogel­grippe, all das erfor­dert sofor­tige Maß­nah­men zur Absi­che­rung der gefähr­de­ten Bevöl­ke­rung. Am bes­ten von der Regie­rung und das schnell. Exper­ten aller Art sind omni­prä­sent in allen berich­ten­den Medien, es bil­den sich schnelle Ein­greif­trup­pen gegen Schnee, Schweine und andere gefähr­li­che Bedro­hun­gen. Die in neuen Tagen unbe­dingt erfor­der­li­chen Facebook-Gruppen und Web­logs gegen die Gefahr und für die Soli­da­ri­sie­rung mit den »Betrof­fe­nen« ent­ste­hen im Minu­ten­takt. Ein Zustand, den man auch hys­te­risch nen­nen könnte, Frank Schirr­ma­cher hat uns in sei­ner FAZ jüngst erklärt, warum das so ist und warum das auch gut so ist.

Vor eini­gen Wochen ist in Japan ein furcht­ba­res Unglück pas­siert, eine Natur­ka­ta­stro­phe beson­de­ren Aus­ma­ßes mit beson­de­ren Fol­gen. In der Folge wurde ein »siche­res« Atom­kraft­werk zer­stört und ist seit­dem in einem größ­ten­teils unkon­trol­lier­ba­ren Zustand. Das ist, beson­ders für Japan, schlimm, sehr schlimm sogar, denn es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass große Teile der dicht besie­del­ten Region lang­fris­tig unbe­wohn­bar sein wer­den und viele Men­schen unter den Fol­gen von Fall­out und Strah­lung zu lei­den haben wer­den oder gar ster­ben müssen.

Vor 6 Jah­ren haben die Deut­schen sich eine Kanz­le­rin gewählt, die den von der Vor­gän­ger­re­gie­rung initi­ier­ten Aus­stieg aus der Risi­ko­tech­no­lo­gie wie­der rück­gän­gig gemacht hat. Sie erhoff­ten sich von einer kon­ser­va­ti­ven Wende wohl auch mehr Sicher­heit in wirt­schaft­lich schwie­ri­gen Zei­chen, da war der Atom­aus­stieg auch nur ein Kol­la­te­ral­scha­den. Uner­müd­lich blie­ben die stand­haf­ten Castor-Gegner im Wend­land, ansons­ten war es still, ande­res war wich­ti­ger. Als nun die Welle über das weit ent­fernte Land rollte und dabei auch den Gedan­ken an die Sicher­heit der Anla­gen weg­spülte, da war sie wie­der da, die deut­sche Angst. In der Tat kauf­ten die Men­schen in die­sem Land Gei­ger­zäh­ler und Jod­ta­blet­ten um sich vor etwas zu schüt­zen, was etwa 9.000 km wei­ter in west­li­cher Rich­tung pas­siert war. Und es geschah all das, was zu erwar­ten war und man auch von den vie­len ande­ren deut­schen Kata­stro­phen kannte. Unzäh­lige Facebook-Nutzer schmück­ten ihre Ava­tare mit den schon in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen Antiatomkraft-Button, den man einst vor Brok­dorf und in Wackers­dorf am Parka trug, Grup­pen wur­den gegrün­det und die Web­logs á la »aus​stieg​-jetzt​.de« spros­sen aus den Wei­ten des deut­schen Inter­net­zes. Prompt ver­lor die CDU in ihrem Stamm­land Baden-Württemberg die Wahl und dort zog ein grü­ner Regie­rungs­chef in den Land­tag ein. Die Kanz­le­rin setzte die Lauf­zeit der Alt­re­ak­to­ren in Deutsch­land aus.

Aber wir wären nicht in Deutsch­land, wenn das alles nicht beson­ders gründ­lich gemacht würde. Auf den schi­cken Alfas in Win­ter­hude pappte plötz­lich der Auf­kle­ber mit der lus­ti­gen Sonne, und der Satz, man sei ja »schon immer« dage­gen gewe­sen, war plötz­lich auch im begü­ter­ten Eppen­dorf zu hören. »Bio« kauft man ja sowieso. Es ist schön, dass die Ener­gie­de­batte somit auch die Teile der Gesell­schaft erreicht, die bis­lang mit ihren sprits­au­fen­den SUVs zum Ise­markt gefah­ren sind. Sie tun es im Übri­gen auch weiterhin.

Seine poli­ti­sche Mei­nung kund­zu­tun und gegen Unge­rech­tig­kei­ten zu kämp­fen, ist ein schö­ner Bestand­teil der demo­kra­ti­schen Kul­tur der Bun­des­re­pu­blik, viele gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen in die­sem Staat haben auf der Straße begon­nen. Für die Kul­tur zu strei­ten ist ebenso not­wen­dig und kann etwas bewir­ken, die jüngs­ten Pro­teste gegen die Etat­kür­zun­gen am Ham­bur­ger Schau­spiel­haus und die dar­auf fol­gende ver­lo­rene Wahl für die Ver­ur­sa­cher der Misere zei­gen das deut­lich. Ham­burg hat die Kul­tur nötig, vor allem eine Kul­tur, die sich nicht am Gla­mour­fak­tor ori­en­tiert, son­dern die sich im öffent­li­chen Raum prä­sen­tiert und an die Bür­ger her­an­tritt. Vor 13 Jah­ren wurde ein inter­na­tio­na­les Lite­ra­tur­fes­ti­val unter dem etwas hei­me­li­gen Namen »Ham­bur­ger Lese­tage« begrün­det, seit fast 10 Jah­ren spielt die­ses Fes­ti­val unter den gro­ßen Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen in der Repu­blik mit, das Pro­gramm ist groß und viel­fäl­tig, mit Kin­der– und Erwach­se­nen­pro­gramm, und es fin­det in allen Stadt­tei­len statt, auch in den Rand­be­zir­ken und in soge­nann­ten Pro­blem­vier­teln. Der Begrün­der und Ver­an­stal­ter die­ses Fes­ti­vals war und ist der Haupt­en­er­gie­ver­sor­ger der Stadt, die Ham­bur­gi­schen Electricitäts-Werke AG, HEW. Der Senat, ein rot-grüner übri­gens, ver­kaufte die HEW im Jahr 2002 an Vat­ten­fall, einen schwe­di­schen Kon­zern. Und da wird es offen­bar schwie­rig für den nun­mehr wach­ge­küss­ten Teil der Atom­kraft­geg­ner. Demons­trierte man in den 70er und 80er Jah­ren noch gegen die Kraft­werke in der Hand der loka­len Ener­gie­ver­sor­ger und somit gegen den Staat, rich­tet sich der dif­fuse Zorn nun­mehr gegen das – für die Pro­test­ler offen­bar ebenso dif­fuse –  Gebilde eines inter­na­tio­nal ope­rie­ren­den Groß­kon­zerns. Das ist für viele sicher­lich noch mehr beängs­ti­gend. Der die deut­sche Angst ist über­all, auch hier.

Aber eben da fängt die Malaise an, jeden­falls für die Lese­tage. Im 13. Jahr sei­ner Exis­tenz ist das Fes­ti­val näm­lich eine »Greenwashing-Kampagne« die­ses »bösen« Ener­gie­mul­tis und alle Teil­neh­mer sind plötz­lich Lob­by­is­ten eines »Drecks­kon­zerns« – so zumin­dest Mei­nung der Gegner.

Das ist sicher­lich eine wenig dif­fe­ren­zierte Mei­nungs­äu­ße­rung – aber man kann sie als sol­che akzep­tie­ren. Man kann auch akzep­tie­ren, dass ein klei­nes Off-Festival gegrün­det wird, das sich »Lese­tage sel­ber machen« nennt und sich als Alter­na­tive zu den Lese­ta­gen gene­riert. Das ist eine Berei­che­rung des Ange­bots, man bie­tet hier auch Auto­ren, die auf dem gro­ßen Fes­ti­val bis­lang noch nicht auf­ge­tre­ten sind, die Mög­lich­keit sich zu prä­sen­tie­ren, das Ganze aller­dings ohne Hono­rar. Auch das ist keine schlechte Sache.

Was aber nicht akzep­ta­bel ist und damit lei­der das ganze Anlie­gen kom­plett dis­kre­di­tiert, ist die Über­zeu­gung der Festival-Gegner, sie seien auf der mora­lisch rich­ti­gen Seite und die dar­aus resul­tie­rende Art und Weise der Angriffe auf jene, die sie zu über­zeu­gen glau­ben müs­sen. Lei­der kann man das nicht anders als hane­bü­chen bezeich­nen. Wenn Auto­ren öffent­lich an den Pran­ger gestellt wer­den, weil sie an den Lese­ta­gen teil­neh­men, per­sön­lich ange­schrie­ben und übel beschimpft wer­den, dass sie nicht bei »den Guten« sind; sie auf­ge­for­dert wer­den, ihre Ver­träge nicht zu erfül­len, son­dern hono­rar­frei bei der Off-Alternative auf­zu­tre­ten, dann ist das nicht nur ein Anschlag auf die Auto­ri­tät von renom­mier­ten Den­kern und Schrei­bern, die mit Sicher­heit nicht der »Auf­klä­rung« bedür­fen, ob sie mora­lisch rich­tig han­deln. Son­dern es han­delt sich um einen Ein­griff in die Frei­heit der Kunst mit Metho­den aus längst ver­gan­gen erhoff­ten Zeiten.

Wel­che Mei­nung haben diese Initia­to­ren denn eigent­lich von Auto­ren, dass sie Ihnen nicht ein­mal zutrauen, ihre Mei­nungs­bil­dung selbst vor­zu­neh­men? Und wenn dann auch einem öffentlich-rechtlichen Sen­der, der über die Ver­an­stal­tun­gen berich­tet und frei­wil­li­ger Medi­en­part­ner ist, in einem offe­nen Brief an die Inten­danz unter­stellt wird, es seien obskure Ver­träge geschlos­sen wor­den, womög­lich noch unter dem Fluss von Geld­mit­teln und im glei­chen Schrei­ben dazu auf­ge­for­dert wird, die Bericht­er­stat­tung zu unter­las­sen, dann kann man da nur noch mit den neu­lich so tref­fen­den Wor­ten von Judith Holo­fer­nes kom­men­tie­ren: »Ich glaube, es hackt!« Sol­che Metho­den erin­nern lei­der nicht nur von Ferne an die Medi­en­be­ein­flus­sung in tota­li­tä­ren Sys­te­men. Eigent­lich könnte sich die Par­tei »Die Linke«, die auf der Welle mit­schwimmt, auf Flug­blät­tern zu Stö­run­gen der Lesun­gen auf­ruft, noch erin­nern, wie das damals war.

Hat sich da jemand die­ser Stör­wil­li­gen auch nur ein­mal Gedan­ken gemacht über die Situa­tion der Lite­ra­tur in der Gesell­schaft? Der Lite­ra­tur­be­trieb ist ein sich selbst befruch­ten­des Sys­tem, die Auto­ren, obgleich Pro­du­zen­ten, sind deren schwächs­tes Glied. Viele von Ihnen kön­nen vom Ver­kauf ihrer Bücher nicht leben, nicht ein­mal soge­nannte renom­mierte Auto­ren. Sie leben von Prei­sen, von Sti­pen­dien und von den Hono­ra­ren bei ihren Lesun­gen. Fes­ti­vals wie die Lese­tage und die lit.Cologne sind wich­tige Bestand­teile der sozia­len Struk­tur des Lite­ra­tur­be­trie­bes, und eine wich­tige Berei­che­rung in der Kul­tur­land­schaft der Städte. Eine Lese­reise ist keine Show­tour­nee, und die gezahl­ten Hono­rare, seien sie von Buch­hand­lun­gen oder auch ande­ren Ver­an­stal­tern gezahlt, gehö­ren zum müh­sa­men Brot­er­werb der Künst­ler. Zer­stört man die Fes­ti­vals, und daran wird ja hier anschei­nend mas­siv gear­bei­tet, ver­schwin­den diese Auf­tritts­mög­lich­kei­ten und kön­nen auch nicht durch ein wie auch immer gear­te­tes Off-Programm aus­ge­gli­chen wer­den. Und damit ist immer noch kein Reak­tor abge­schal­tet. Aber ein Festival.

Und es stellt sich die Frage nach der Wer­tig­keit von Kul­tur­spon­so­ring über­haupt. Müs­sen wir uns dar­auf gefasst machen, dass durch eine, wie auch immer gear­tete poli­ti­sche Stel­lung­nahme alle Ver­an­stal­tun­gen, die nicht, getreu der 70er Jahre-Parole »umsonst und drau­ßen« sind, ein­ge­stellt wer­den sol­len? Müs­sen wir in Zukunft auf die lit.Cologne ver­zich­ten, weil deren Haupt­spon­sor Rhei­n­En­er­gie ist, die ers­tens Ölkraft­werke (CO2!) und zwei­tens zu 20% dem Atom­kraft­wer­ke­be­trei­ber RWE gehört? Gehört das Schles­wig Holstein-Musik-Festival abge­schafft, weil es einen gro­ßen Teil sei­ner Spon­so­ren­gel­der on eon bekommt, die ja auch zur »bösen« Atom­lobby gehö­ren? Die öffent­li­che Hand wird diese Aus­fälle bei wei­ter­hin sin­ken­den Kul­tur­etats nicht leis­ten kön­nen, und damit ist es dann vor­bei mit sol­chen Ver­an­stal­tun­gen. Und man möge sich fra­gen, ob man Botticelli-Gemälde in Zukunft in die Maga­zine ver­ban­nen sollte, schließ­lich stand der Künst­ler unter Ver­trag einer äußerst zwei­fel­haf­ten Dynas­tie, der Medici, Macht­po­li­ti­kern ers­ter Güte mit durch­aus unfei­nen Metho­den. Kunst kommt ohne Mäze­na­ten­tum nicht aus, damals nicht, und heute noch weni­ger. Ein bekann­ter Ham­bur­ger Autor hat das auf dem Thea­ter schön in Worte gefasst: »… die Kunst geht nach Brot.« Das war vor über 200 Jah­ren, der Autor hieß Gott­hold Ephraim Lessing.

So ein­fach ist das eben alles nicht. Und des­we­gen wird das HAMBURGER FEUILLETON von den Vat­ten­fall Lese­ta­gen wei­ter berich­ten. Wenn die Sache nicht so abge­glit­ten wäre, hät­ten wir uns die andere Seite auch gerne ange­schaut. So aber nicht.

(Den Bericht vom gest­ri­gen Lesetage-Salon mit den Auto­ren Moritz Rinke, Mat­thias Göritz und der Lesetage-Programmleiterin Bar­bara Heine rei­chen wir dem­nächst nach.)

M. Schu­mann