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30. Januar 2010

›Woyzeck‹, bodenlos

Ja. Da fängt »Woyzeck» mit dem Mär­chen von der Son­nen­blume an. Das ist nicht neu, eher kon­ser­va­tiv. Und stimmt ein in die »Geschichte eines Pau­pers«. Am Ende der Geschichte kommt das Mär­chen noch ein­mal, die Klam­mer wird geschlos­sen. Und dazwischen?

Mit Wil­sons Bil­der­thea­ter hatte Jette Ste­ckels Pre­miere letz­ten Sams­tag nichts zu tun. Mit Wil­sons Thea­ter – aus­ser der Fas­sung – auch nichts. Geblie­ben waren die Songs von Tom Waits, der, so sagt er, wie Kurt Weill »eine schöne Melo­die« nimmt und »schreck­li­che Dinge« erzählt. Schreck­li­che Dinge hat Büch­ners Stück genug zu erzäh­len, allein das Wech­sel­spiel zwi­schen Melo­die und Geschichte funk­tio­niert über­haupt nicht. Das Thalia-Ensemble müht sich red­lich, sin­gen kön­nen sie alle beein­dru­ckend, das Orches­ter im Gra­ben unter der Lei­tung von Gerd Bess­ler ist her­vor­ra­gend besetzt. Nun hatte Wil­son sein Thea­ter einst mehr­di­men­sio­nal ange­legt, mit kla­ren Schwer­punk­ten auf Visua­li­sie­run­gen (Licht!) und Ton (Waits!). Und hier? Von der vor Jah­ren revo­lu­tio­nä­ren Bild­lich­keit ist nichts mehr übrig, die Bühne ist öd und leer. Das gibt Raum. Unter dem Büh­nen­him­mel ist an seine vier Ecken ein bemer­kens­wer­tes Gebilde auf­ge­hängt, halb Bett­ge­stell, halb Tram­po­lin, bespannt mit einem elas­ti­schen Git­ter­werk, das je nach Lage und Szene unter­schied­lich her­ab­ge­las­sen wird. Es dient als erwei­terte Spiel­flä­che und hebt einen Gross­teil der Aktion weg vom Boden in eine zweite Ebene, die spor­tive Leis­tung der dort hän­gen­den und agie­ren­den Dar­stel­ler ist bewun­derns­wert. Aber ohne Erde.

Trampolin? Die 2. Spielebene
Tram­po­lin? Die 2. Spielebene

Tram­po­lin? Die 2. Spie­le­bene (Quelle: www​.tha​lia​-thea​ter​.de)

Schwer fällt die sze­ni­sche Über­set­zung, unge­reimt ist da so man­ches. Nach dem stil­len Anfang folgt gros­ses Getöse, der bespannte Rah­men wird her­ab­ge­klappt, in den Sei­len hängt das Ensem­ble und stimmt den ers­ten Cho­rus an. Bald folgt die Bar­bier­szene (›Er sieht immer so gehetzt aus.‹), da hängt der Haupt­mann mit aus­ge­brei­te­ten Armen im Netz, das Sei­ten­licht wirft hüb­sche Schat­ten auf den Büh­nen­bo­den, wir sehen dadurch die Figur drei­mal. Gol­ga­tha? Der Erlö­ser? Wie bitte? Oder hat das kei­ner gemerkt?

Nun folgt Szene um Szene, dazwi­schen immer wie­der Waits Num­mern. Felix Knopp, ein zier­li­cher und zugleich kraft­vol­ler Woyzeck, krächzt und brüllt, so rich­tig schön waits­mäs­sig. Über­haupt wird immer dann, wenns mal »wahn­sin­nig« wird, ziem­lich laut Musik gemacht. Auch schön, daß Woyzeck zum Spie­gel der Nar­ren­fi­gur wird und beide im syn­chro­nen Irren­tanz (so ist das doch, oder?) die Erkennt­nis packt, daß Marie sich den Tam­bour­ma­jor erwählt hat. Irre schreien laut und zap­peln. Aha.

Und dann wie­der ein Song, im Anschluss an das Zusam­men­tref­fen Woyzecks mit dem Tam­bour. Erst wird geran­gelt und bedroh­lich gerun­gen, Woyzeck, die arme Sau unter­liegt natür­lich. Und zum Schluss umhal­sen sich die Bei­den, um gemein­sam ins mun­tere Lied­chen ein­zu­stim­men. Ja, »Bran­de­wein das ist mein Leben«. Auch schön.

Und gelingt es, das Spiel ein­mal dicht zu machen, die schön gebaute und innig berüh­rende Mord­szene an Marie ist ein klei­ner thea­tra­ler Glücks­mo­ment an die­sem Abend –  dann dau­ert es nicht lange und die Musik setzt wie­der ein. So funk­tio­niert das heute im Fern­seh­spiel, keine Stille sein las­sen, ja kein Ver­trauen in Wir­kung haben. Musik macht Stim­mung. So han­gelt sich der Abend dann von Num­mer zu Num­mer, zwi­schen drin wird mal beacht­lich und mal belang­los die Mori­tat gespielt und am Ende gibt es dann unein­ge­schränk­ten Bei­fall, nicht mal ein »Buh« war zu erahnen.

Muß man sich nicht die ele­men­tare Frage stel­len: Was pas­siert, wenn man den bun­ten Rei­gen zwi­schen erzähl­ter Geschichte und musi­ka­li­sche Ein­lage, der damals im »Black Rider« noch so gut funk­tio­niert hat, kom­plett sei­nes visu­el­len Zau­bers ent­klei­det? Schon Wil­son hat damals die Nar­ra­tion der Freischütz-Legende eher als Leit­fa­den genutzt, um die Geschichte musi­ka­lisch wie visu­ell zu emo­tio­na­li­sie­ren. Schon damals war das bald schal, der Effekt schnell ver­raucht. Nimmt man die Geschichte nur bedingt war und ver­sucht sie allein durch die Musik zu emo­tio­na­li­sie­ren, was bleibt denn dann noch?

Das war ein belang­lo­ser »Woyzeck«.

Mat­thias Schu­mann (kms)

15. Januar 2010

Die roten Ohren

Vor 20 Jah­ren saß ich als Theaterwissenschafts-Student und Fan im Ober­rang (glaube ich, es war jeden­falls ziem­lich weit weg vom Gesche­hen auf der Bühne) im Tha­lia Thea­ter. Es war die Pre­miere von The Black Rider, die ganze wun­der­volle Thalia-Belegschaft war zu sehen, die kleine Annette Pau­l­mann (in Wahr­heit 1,75 groß), Ste­fan Kurt, der noch ziem­lich junge Jan Josef Lie­fers und schließ­lich der magere und fas­zi­nie­rende Domi­ni­que Hor­witz, Schwarm mei­ner Kom­mi­li­to­nin­nen, als Satan Stelz­fuß. Ein wun­der­li­ches Thea­ter wurde uns da gebo­ten, die wir uns im Stu­dium mit Insze­nie­rungs­ana­ly­sen der frü­hen Flimm-Werke abga­ben. Es war laut, es war Pop und von ein­neh­men­der Far­big­keit. Merk­wür­dige Bil­der mit eigen­tüm­li­chen Geo­me­trien und unsere Stars, die konn­ten plötz­lich sin­gen. Die Geschichte war irgend­wie aus dem Frei­schütz zusam­men­ge­baut, die Büh­nen­tech­ni­ker, die wir kann­ten, berich­te­ten von unge­heu­rem Din­gen, sekun­den­ge­nauer Licht­re­gie und anderem.

Wir waren fas­zi­niert. Gewiss, wir kann­ten die Videos von The CIVIL warS und andere Arbei­ten von Wil­son – aber hier waren wir dabei. Also musste man den »Rider« noch­mal und noch­mal sehen. Mein Thea­ter war das aber dann doch nicht. Was mir schon beim zwei­ten Besuch auf­fiel: Die ganze Geschichte war merk­wür­dig sprach­los. Ver­gli­chen mit dem »deut­schen Sprech­thea­ter« (es gab da mal einen Ham­bur­ger ers­ten Bür­ger­meis­ter, der tat­säch­lich »das Wie­der­kenn­nen sei­ner Klas­si­ker« ein­for­derte) und den ver­spiel­ten Zadek-Inszenierungen im Deut­schen Schau­spiel­haus in den spä­ten 80ern, war Wil­sons Bil­der­thea­ter zwar neu, aber genauso ein­di­men­sio­nal wie die sta­ti­schen Ram­pen­insz­se­nie­run­gen, die das bür­ger­li­che Bürgermeister-Publikum ein­for­dete. Gleich­sam fern­ge­steu­ert kamen da die von uns so ver­ehr­ten Thalia-Stars von links und rechts, von oben und von unten. Wie in einem Bil­der­bo­gen gab es Num­mer um Num­mer, ein­zelne ela­bo­rierte Sze­na­rien wur­den auf­ge­stellt, wie in den »stum­men Bil­dern« der Vor­ro­man­tik. Sta­tio­nen­hand­lung. Und das ein Jahr nach Flimms Pla­to­nov (in dem ich, glaube ich, zwölf­mal war).

Da war es also, das Gefühl, des »es fehlt etwas«. Oder des »es genügt nicht« … Mir schien es damals und auch heute noch als Ziel, ein gan­zes Thea­ter zu haben und zu machen, ein kom­ple­xes und ver­wo­be­nes Sys­tem der ver­schie­de­nen Ele­mente. Spra­che, Raum, Text, Stimme … ein Thea­ter, das alle Sinne bedient und kann … und so kam der Bil­der­rausch des Wil­son­schen Wun­der­kas­tens (in der Tat ver­schwan­den alle Akteure am Schluss in einem schwar­zen Kas­ten) mir denn irgend­wann fad und leer vor, ein leg­as­the­ni­sches Thea­ter ohne Worte, ein Stumm­film ohne Musik.

Nächs­ten Sams­tag, am 23. Januar, bin ich wie­der in einer Art Wilson-Premiere, Büch­ners Woyzeck, wie­der am Tha­lia. Regie führt nicht der Meis­ter selbst, son­dern die junge Jette Ste­ckel. Ich bin gespannt.

Achso – die Über­schrift … am Schluß, alle ande­ren waren in der Kiste ver­schwun­den, sang Domi­ni­que Horwitz/Stelzfuß noch einen Song. Licht von hin­ten. Und seine Ohren leuch­te­ten rot. Damals, 1990.

Come on a long with the Black Rider
We’ll have a gay old time
Lay down in the web of the black spi­der
I’ll drink your blood like wine

Mat­thias Schu­mann (kms)