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1. Januar 2012

Drei deutsche Männer am Fluß

Euro­päi­sches Lied­gut – Axel Prahl, Götz Als­mann und Michy Reincke bli­cken in den Westen

Ein Blick nach Westen lohnt sich immer (Bild: © kristina rütten - Fotolia.com)
Ein Blick nach Wes­ten lohnt sich immer (Bild: © kris­tina rüt­ten — Foto​lia​.com)

Wir in Deutsch­land haben es ja nicht so mit dem moder­ne­ren Lied­ge­sang. Der Deut­sche hat seine Män­ner­ge­sangs­ver­eine für die Vor­gest­ri­gen, den Lie­der­ma­cher für die Gest­ri­gen und den deut­schen Schla­ger­sän­ger (auch gest­rig). Der Fran­zose hat nicht nur savoir vivre, die Bas­ken­mütze, das Baguette und den Vin rouge, nein, er hat auch das fran­zö­si­sche Chan­son und seine Inter­pre­ten. Und so schielt man gern nach Wes­ten, über unse­ren deut­schen Rhein, denn da gibt es Gil­bert Becaud, Charles Azna­vour und Dalida.

Aber deutsch­spra­chi­ges Lie­der­in­ter­pre­ten kom­men inzwi­schen auch hier­zu­lande her­vor­ra­gend an, es gibt ja Her­bert Grö­ne­meyer und den gro­ßen und den klei­nen Udo. Das rockt und singt so vor sich hin und glück­li­cher­weise hört sich das nicht immer so unbeholfen-verschwiemelt an wie bei dem aktu­el­len Chart­stür­mer Tim Bendzko, dem offen­bar vor lau­ter  Sil­bendrech­se­lei die Worte gänz­lich ent­glit­ten und dann »Wenn Worte meine Spra­che wären« titelte – wenn denn wenigs­tens Spra­che seine Worte wären.

Inter­es­san­ter­weise haben sich in den letz­ten Wochen drei Künst­ler, die unter­schied­li­cher nicht könn­ten, mit dem Lie­der­sin­gen aus­ein­an­der­ge­setzt und auch Alben ver­öf­fent­licht. Um so erstaun­li­cher ist, daß sie alle über den Fluß schauen, und sich ein jeder von ihnen eine kleine Prise La France gönnt. Voilá:

Der Schau­spie­ler
Viele Schau­spie­ler sin­gen gern, man­che lau­ter, man­che lei­ser, und, da eine gewisse Scham­lo­sig­keit zum Beruf und auch zur Dis­po­si­tion gehört, tun sie es fast auch alle. Das beliebte Brecht/Weill/Holländer-Programm hat schon jeder Zweit­se­mest­ler an der Schau­spiel­schule drauf. Lite­ra­tur macht man auch mal gerne zur Gitar­ren­be­glei­tung, irgend­wer raunt und klim­pert immer wie­der im Reper­toire herum und nennt es dann Chanson.

Da bekommt man schon einen Schreck, wenn man auf einem Plat­ten­co­ver der Album­ti­tel ers­tens einen bekann­ten Tatort-Kommissar mit absur­der Fri­sur zu sehen bekommt und zwei­tens den Titel »Blick aufs Mehr« lesen muß. Der Kalauer ist zum Glück eine Täu­schung, die Fri­sur wohl ein Witz. Axel Prahl, um den es sich hier han­delt, gefällt sich ja vor allem im Fern­se­hen in der Rolle des rauh­bei­ni­gen Nord­deut­schen mit Herz, daß er ein Meis­ter an dif­fe­ren­zier­tem Spiel sein kann, wie bei­spiels­weise in den Fil­men Andreas Dre­sens, zeigt er in die­sem Medium lei­der viel zu wenig. So ähn­lich kommt dann auch die­ses deut­sche Album daher, eröff­net maritim-schunkelnd mit »Reise, Reise« (für die nicht Nord­deut­schen: das Wort hat nichts mit Rei­se­kof­fern zu tun, son­dern kommt vom eng­li­schen »rise«).

Der musi­ka­li­sche Auf­tritt ist mehr­teil­er­fä­hig, (digi­tal ver­murkste) Strei­cher, schmach­tende Oboe, schlim­mer Solo-Trompetensound, gro­ßes Westentaschen-Kino – die Farbe bleibt kon­stant. Denkt man sich das Ganze ana­lo­ger, unpro­du­zier­ter, und sieht dem Schauspieler-Sänger mal diese, wohl Sin­nen­freu­dig­keit demons­trie­rende, etwas röh­rende Breit­bei­nig­keit in Titeln wie »Ich bin nun mal so« nach, dann erin­nert man sich viel­leicht an das eine oder andere, was viel­leicht ein­mal in Fil­men wie »Die Dinge des Lebens« gehört haben mag – Chan­son du Cinéma. Es sind ein paar kleine Bal­la­den (»Wieso bist du immer noch da«, »Wei­ter­gehn«), die den wenig grob­schläch­ti­gen Sän­ger Prahl zei­gen, wo zwi­schen den selbst­ge­tex­te­ten Zei­len so etwas wie Form und Wille zu sehen ist, wo ein klei­nes Gefühl glaub­wür­dig wer­den kann, wo das starke Talent eines Gestal­ters wahr­zu­neh­men ist und Geschich­ten erzählt wer­den. Lei­der sind diese fei­ne­ren Num­mern in der Min­der­zahl, Schram­mel­gi­tar­ren kom­men da schon öfter ins Spiel. Aber das Andere, das Fei­nere, bleibt hän­gen, und das ist doch schon mal was für so eine Art Debüt-Album.

Der Enter­tai­ner
Über­haupt kein Debü­tant, weder auf der Matt­scheibe noch als Musi­ker, ist Götz Als­mann. Auch er hat eine absurde Fri­sur zu zei­gen, inzwi­schen ist die Tolle zum Mar­ken­zei­chen sti­li­siert. Schon gar nicht schlecht ist der 54-jährige in der Ver­mark­tung sei­ner Per­son und sei­nes veri­ta­blen Könnens.

Als Enter­tai­ner sucht er sei­nes­glei­chen, kaum jemand in der deut­schen Fern­seh­land­schaft ver­eint die Qua­li­tä­ten des Standup-Unterhalters mit musi­ka­li­schen Fer­tig­kei­ten, Wort­witz und Kla­mauk­fä­hig­keit sind beacht­lich und er ist eine gro­ßer Freund und Ken­ner deutsch­spra­chi­ger Unter­hal­tungs­mu­sik. Die spielt dies­mal »In Paris«, Als­mann hat sich eine ganze Reihe deut­sche Tra­duk­tio­nen fran­zö­si­scher Klas­si­ker mund­fer­tig gemacht – von Charles Tre­nets »La Mer« bis Charles Azna­vours »Tu t‹ lais­ses aller«.

Das ist an und für sich ein char­man­tes Unter­fan­gen, ganz wie man es von dem umtrie­bi­gen TV-Menschen Als­mann erwar­ten kann. So char­mant aber, wie das ganze daher kommt, so inhalts­leer ist es dann auch. Mun­ter klim­pert die Marimba, der Sän­ger singt geschmei­dig, und das pas­siert durchs ganze Album. Götz Als­mann ist alles, aber er ist kein Interpret.

Beson­ders deut­lich wird das bei Titeln wie »Tu t‹ lais­ses aller« – auf deutsch »Du läßt dich gehen«. Alles was da ein­mal an Brü­chen in Text und Musik drin war, ver­sinkt da in relax­ter Latino-Barpiano-Sauce. Schat­ten gibt es da allen­falls im gedämpf­ten Piano, der Ges­tus bleibt so nett wie wohl die­ses ganze Album gemeint ist. Nicht ein­mal die Suche nach einer irgend­wie inten­dier­ten iro­ni­schen Dis­tanz ist für den geneig­ten Hörer erfolg­reich. Gefäl­lig ist das zwar, warum aber dann deut­sche Texte, wenn man eh nicht hin­hö­ren mag?

Der Sän­ger
Wie das anders geht, zeigt der Ham­bur­ger Pop­mu­si­ker Michy Reincke, seit Jahr­zehn­ten im Geschäft, seit Jah­ren eher in Ken­ner­krei­sen bekannt und ein biss­chen erfolg­reich. Ein biß­chen wei­ter hin­ten in der Play­list sei­nes Albums mit dem put­zi­gen Namen »Der Name kommt mir nicht bekannt vor« fin­det sich ein Titel mit dem Namen »Himm­li­sche Fel­der«. Dahin­ter ver­birgt sich nichts ande­res als Joe Dassins »Aux Champs Ely­sees«, daß schon 1969 von Hans Brad­tke (»Pack die Bade­hose ein«) einen deut­schen Text ver­paßt bekom­men hat. So ganz ohne ger­ma­ni­schen Holz­ham­mer dich­tet Reincke die Verse um, baut eine Remi­nis­zenz an sei­nen gro­ßen Hit »Taxi nach Paris« ein: »Ich kam mit dem Taxi und hatte nicht genug Kies«, viel schnodd­ri­ger ist das Ganze als der Schla­ger­text von einst. Eine Hom­mage an eine Straße, eine Stadt, an eine Frau, an eine Erinnerung.

Im Geschich­ten­er­zäh­len ist Reincke nicht der Schlech­teste, das musi­ka­li­sche Sto­ry­tel­ling ist sein Metier. Gele­gent­lich ver­fällt er in die Mythen des Pop, in »Nur um dich tan­zen zu sehen« wird der schöne, olle Topos des wil­den, unan­ge­paß­ten Lebens beschwo­ren, von der graue Bank­an­ge­stellte träu­men mögen: »Komm wir tref­fen uns auf dem Dach, machen ein biß­chen Krach, dre­hen die Reg­ler auf 10 …«. Das ist sicher­lich ein biss­chen ein­fach und schon hun­dert­fach da gewe­sen. Aber es ist hübsch gemacht und schmiegt sich musi­ka­lisch an. Ist eben Popmusik.

Ebenso hübsch gemacht ist auch der Opener des Albums »Erzähl mir nicht …«. Eine Groß­stadt­ge­schichte, die Begeg­nung zweier Bezie­hungs­lo­ser, smart und fein im Dia­log erzählt. Hier fin­den wir den Philipp-Sarde-Gestus, den gro­ßen musi­ka­li­schen Bogen, der bei den digi­ta­len Arran­ge­ments auf dem Prahl-Album nur zu ahnen war, warm, far­big und hym­nisch wie­der. Und da wird der Nord­deut­sche Reincke fran­zö­si­scher, inspi­rier­ter und auch eine klei­nes biß­chen grös­ser als all die Bemü­hun­gen der Kol­le­gen. Und dann schrei­ten die im bes­ten Sinne alt­mo­di­sche Pop­mu­sik, der deut­sche Lied­ge­sang und das Pari­ser »Olym­pia« Seit an Seit. Geht doch – Douce Alle­ma­gne.

Axel Prahl: Blick aufs Mehr [Ama­zon Part­ner­link]
Götz Als­mann: In Paris [Ama­zon Part­ner­link]
Michy Reincke: Der Name kommt mir nicht bekannt vor [Ama­zon Part­ner­link]

Mat­thias Schu­mann (kms)

12. Januar 2011

Eleganz und Vergebung … it’s de-lovely

Texterin, drinnen: Anna Depenbusch bei einer NDR Kulturjournal-Veranstaltung in Hannover (Photo: C. Frey)
Tex­te­rin, drin­nen: Anna Depen­busch bei einer NDR Kulturjournal-Veranstaltung in Han­no­ver (Photo: C. Frey)

Einen gan­zen Hau­fen deut­sche Mäd­chen und Jungs mit der Gitarre vulgo Singer/Songwriter hat die Musik­in­dus­trie in den letz­ten Jah­ren auf den Markt gewor­fen. So viele nette Lie­der, auch viel Befind­lich­keit und noch mehr Herz­schmerz, alles ganz rüh­rend und mit eini­ger­ma­ßen Erfolg gesegnet.

Lei­der trägt bis­lang auch die Ham­bur­ge­rin Anna Depen­busch die­sen Titel in der Bericht­er­stat­tung, ver­mut­lich, weil nie­man­dem etwas Bes­se­res ein­fällt. Sie ver­öf­fent­licht die­ser Tage ihr zwei­tes Album »Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch«, und man kann wirk­lich nur hof­fen, daß danach von die­sem Dik­tum nichts, aber auch rein gar nichts mehr übrigbleibt.

Anna Depen­buschs erste Platte erschien 2005 auf dem Label des umtrie­bi­gen Michy Reincke, der viele Talente der Ham­bur­ger Musik­szene ent­deckt und geför­dert hat. »Ins Gesicht« war ein inni­ges Werk, auf dem Cover ist die Sän­ge­rin wie in einen Kokon ein­ge­wi­ckelt zu sehen. Schon auf die­sem Album blitzte zwi­schen aller Intro­spek­tion mensch­li­cher Gefühle und Schwä­chen Schalk und der Mut auf, über den Tel­ler­rand der eige­nen Befind­lich­keit hin­aus­zu­se­hen. Der Song »Hei­mat« von die­ser Platte wurde für den Deut­schen Musik­au­to­ren­preis nomi­niert, gelobt wurde vor allen der unver­krampfte und per­sön­li­che Umgang mit einem in Deutsch­land sehr schwie­ri­gen Thema. Musi­ka­lisch war »Ins Gesicht« eine Grat­wan­de­rung zwi­schen Pop und Chan­son, manch­mal etwas indif­fe­rent, aber immen­ses Poten­tial aus­strah­lend. Ein gutes Debut.

Die neue Platte mit dem Titel »Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch« ist gänz­lich ande­rer Cou­leur. Musi­ka­lisch sind die 12 Tracks viel­fäl­ti­ger, die Texte haben an Trenn­schärfe und Akku­ra­tesse gewon­nen. Ob brüchig-seliger Wal­zer in »Tim liebt Tina«, ein Song mit äußers­tem Mut zur Sim­pli­zi­tät von Reim und Geschichte – so ein­fach und durch­schla­gend ist der Rei­gen der Liebe wohl noch nicht ver­tont wor­den, ob Country-Fiddle in »Glück­lich in Ber­lin« oder gar der besof­fen Eastern-Polka-Sound in »Tanz mit mir«, alles lebt und atmet den Gedan­ken sei­ner Geschichte – offen­bar hat die Künst­le­rin sich Gedan­ken gemacht, wel­che musi­ka­li­sche Farbe ihre Texte jeweils am bes­ten unter­stüt­zen kann.

Und das ist größ­ten­teils äußerst schlüs­sig und wirk­lich neu an die­ser Platte. Die Texte ran­ken sich vor­wie­gend um die Geschlech­ter­be­zie­hung, um Liebe, Hass und Lei­den­schaft, aber umschif­fen die so oft gehörte Pla­ti­tüde deut­scher Lie­der­ma­cher­ly­rik – wenn das nicht gelingt, wird die oft auf­tre­tende Bana­li­tät des ero­ti­schen Augen­blicks erkannt und iro­nisch the­ma­ti­siert. Ein gutes Bei­spiel ist die Num­mer »Wenn du nach Hause kommst«, deren uner­war­te­tes Ende die Lar­mo­yanz eines Ver­las­sen­heits­blues auf äußerst reiz­volle Weise umkehrt.

Wie soll man das ein­ord­nen, in wel­che Rich­tung geht das? Kokette Lied­chen über die Liebe? Kei­nes­wegs, jedes die­ser Stü­cke atmet den Esprit und die Ele­ganz eines Cole Por­ter und ist in die­ser Form­ge­schlos­sen­heit mei­len­weit ent­fernt von den 60er-Jahre gen­der roles, die die Künst­ler, die etwa ein Frank Ramond betex­tet, mit sich her­um­tra­gen müs­sen. Anna Depen­busch ist kein weib­li­cher Baby-Crooner, der sich keck die Lip­pen nach­zieht und mit den Augen­de­ckeln klap­pert, son­dern eine moderne junge Frau, die es schafft, ihren Blick auf die Welt und ihre Bezie­hun­gen all­ge­mein machen zu können.

Schaut man sich etwa das etwas unschein­bar daher­kom­men­den und bereits erwähnte »Glück­lich in Ber­lin« an, kann man das schön nach­voll­zie­hen. Da Ganze kommt als mid-tempo Coun­try­song daher, die Wes­tern­fiddle rankt sich um Melo­die und Worte, es stampft ein trei­ben­der Rhyth­mus, ein Road­song ist das. Es wird die Geschichte einer zurück­lie­gen­den Tren­nung erzählt:

Hallo, wie schön Dich hier zu sehen, es scheint
Dir gut zu gehen
Ich glaube, Du bist glück­lich in Ber­lin
Dein gro­ßer Traum, seit vie­len Jah­ren scheint
end­lich wahr zu sein

Tja, was man so an Bana­li­tä­ten sagt, wenn man sich nach lan­ger Zeit wiedertrifft.

Ein Teil von mir wünscht Dir dafür viel Glück
Und ein Teil von mir wünscht Dich hier her zurück

Blitzt da eine immer noch vor­han­dene Sehn­sucht her­vor? Anschei­nend ja.

Zu groß, zu klein, zu nah, zu weit
Das eine geht, das andere bleibt
Dass ich Dich beneide wär´ doch irgend­wie
gelo­gen
doch es ist toll, Du hast das große Los gezogen

Die Schrei­be­rin ist bereit zu ver­ge­ben, trotz ihres vor­han­de­nen Schmer­zes und der Erin­ne­rung an ver­gan­gene Zei­ten. Aus dem ein­fa­chen Thema, ver­se­hen mit so alt­mo­di­schen Sehn­suchts­mar­kern wie »Ber­lin, die große Stadt«, dem »ich muss mei­nen Weg gehen, koste es, was es wolle« wird mit ein paar Wor­ten die Ahnung an eine ganz andere Geschichte, einer Geschichte von Trauer und Ver­ge­bung. Da kann man nur den Hut zie­hen, so etwas hat es in der deut­schen Unter­hal­tungs­mu­sik schon sehr, sehr lange nicht mehr gege­ben. Nicht von unge­fähr hatte der sprach­lich ebenso flo­ret­tie­rende ZEIT-Kolumnist Harald Mar­ten­stein unlängst in Han­no­ver einen Auf­tritt mit Anna Depen­busch, eine Kom­bi­na­tion, die man hof­fent­lich noch häu­fi­ger sehen wird  – wie schrieb der schon erwähnte Cole Por­ter in Anything Goes: »It’s de-lovely!«

Das Schall­plat­ten­lob: ★★★★★ 

»Die Mathe­ma­tik der Anna Depen­busch»
kann man ab 14. Februar 2010 u. a. hier bestel­len.

Mat­thias Schu­mann (kms)

17. November 2010

Die See hat mich lieb

Der nun­mehr pri­va­tie­rende Ham­bur­ger Bür­ger­meis­ter hat wohl ein­mal erklärt, »Mit einem Bein« von Hafen­nacht eV (von der letz­ten Platte Meer Lie­der) sei sein Lieb­lings­lied. Das ehrt in die­sem Fall ein­mal den ansons­ten nicht beson­ders kul­tur­be­flis­se­nen Lokal­po­li­ti­ker, doch glaubt man, beim Trio Hafen­nacht eV würde es sich um die Kam­mer­mu­sik­ver­sion der Fink­war­der Speel­deel han­deln, die nord­deut­sches Brauch­tum in Welt brin­gen, der irrt sich unge­mein. Mit Shan­ty­chö­ren im Buscher­ump und ähn­li­chem Fisch­kut­ter­ge­döns haben die drei Musi­ker tat­säch­lich wenig am Hut, eher sind sie dabei, ein Genre neu zu erfin­den. Mari­ti­mes Chan­son kann man das unter Umstän­den nen­nen, so ganz trifft es das aber auch nicht. Um es ganz ein­fach zu machen: Hafen­nacht eV spie­len Lie­der, und die haben emo­tio­nal und/oder the­ma­tisch mit dem Meer zu tun.

In nord­deut­schen Gefil­den ist das mit dem Was­ser ein eigen­tüm­lich Ding. An der Küste ist das Meer Bedro­hung und Lebens­raum zugleich, die See­fahrt Exis­tenz­grund­lage und auch Mög­lich­keit zur Sehn­sucht, das harte Leben zu ver­las­sen. Ein biss­chen wei­ter land­ein­wärts wird das gerne mal arti­fi­zi­ell über­höht, mit und auf dem Meer hat man hier viel Geld ver­dient und tut das auch recht gut. Und natür­lich wird auf der Als­ter gese­gelt. Das Was­ser weckt selt­same Emo­tio­nen. Und genau hier setzt Hafen­nacht eV an, nutzt einer­seits den all­über­all im oze­an­tie­fen Kon­text befind­li­chen mari­ti­men Emo­ti­ons­kitsch, aber manö­vriert immer wie­der gekonnt an der volks­tüm­li­chen Blaujacken-Paraphrase vor­bei. Das Akkor­deon (Heiko Quis­torff) jault, aber hat Swing. Der Gitar­rist (Erk Bra­ren) ist kein klamp­fen­der Barde, der nur drei Akkorde beherrscht, son­dern ein Vir­tuose an sei­nem Instru­ment. Und die Stimme – Uschi Wit­tich ist mit einem Organ geseg­net, das zwi­schen jugend­li­chem Schmelz und kraft­vol­ler Ver­spielt­heit alles ver­eint, was eine (Natur-) Stimme so zu bie­ten hat. Das Tim­bre erin­nert zuwei­len ein wenig an die junge Ulla Meine­cke. Diese kleine Wun­der­ka­pelle hat eine neue Platte her­aus­ge­bracht, die Auf Kurs heißt.

Stand das erste Album (Lie­der vom Was­ser, 2005) noch in der Tra­di­tion ver­gan­ge­ner mari­ti­mer Gas­sen­hauer und schöpfte aus dem Reper­toire (»La Paloma«), zeich­nete sich mit dem 2007 erschie­nen Meer Lie­der schon ein neuer, eigen­stän­di­ger Stil ab. Songs wie das besagte »Mit einem Bein« wur­den neu kom­po­niert und getex­tet, die­sen Weg gehen Hafen­nacht eV mit der neuen Platte ziel­ge­rich­tet wei­ter. Fast schon kon­zep­tio­nell beginnt der Rei­gen der neuen Lie­der mit »Rol­ling Home« – nein, nicht der Shanty –, ein klei­nes Hoff­nungs­lied, das vom Ankom­men – woher auch immer – berich­tet. Sei es das mun­tere »Pira­ten«, sei es der Cissy Kraner-Klassiker »Der Novak« (sic!), die Songs krei­seln, mal näher, mal fer­ner, um das Meer – eigent­lich aber um das Gefühl, das das Meer her­vor­ru­fen kann. Das kann mal sehr charmant-amüsant sein (»Die Dame von der Elb­chaus­see«), ein her­zi­ges Duett mit Eddy Win­kel­mann (»Dein Hafen bin ich«) wer­den oder auch mal nach Fado schme­cken (»Can­cao Do Mar«). Das macht alles viel Freude und ist fern von jeg­li­chem Retro-Gehabe, ist klar und frisch. Neben­bei: Der zweite Track heißt »Die See hat mich lieb« – stimmt!

Das Schall­plat­ten­lob: ★★★★★ 

Alle drei Plat­ten sind hier zu beziehen.

Mat­thias Schu­mann (kms)

25. April 2010

Lesetage, 8. und letzter Tag: Mehr Kultur wagen!

Der Abschluss eines sol­chen Fes­ti­vals ist eine große Sache. Die Macher sind erschöpft, die Gäste wie­der auf der Rück­reise und man gönnt sich zum Schluß etwas Beson­de­res. Das Kon­zept der Abschluss­ver­an­stal­tung der 2010er Lese­tage war durch Eyjaf­jal­lajökull ein biß­chen durch­ein­an­der gera­ten, das als rein fran­zö­si­sche Affaire geplante Kon­zert mit Naïm Amor und Domi­ni­que A musste umbe­setzt wer­den, Naïm Amor saß näm­lich in Tus­con fest und war­tete bis zuletzt auf den Nie­der­gang der Asche. Spon­tan ein­ge­sprun­gen war die schwe­di­sche Song­wri­te­rin Elin Ruth Sig­vardsson, in ihrer Hei­mat ein ziem­li­cher Star. Unter den zur Gitarre sin­gen­den »Mäd­chen«, die der­zeit die Musik­szene über­rol­len, gehört sie sicher­lich zu den bes­se­ren, ein biß­chen Neo-Hippiefeeling, gepaart mit guten Songs sind ein guter Opener für so ein Pro­gramm. Und einen Bezug gab es ja doch, der Ver­an­stal­ter Vat­ten­fall kommt schließ­lich aus Schweden.

Haupt­at­trak­tion die­ses wahr­lich inter­na­tio­na­len Abends war Domi­ni­que A, einer der Weg­be­rei­ter des Nou­velle Chanson in Frank­reich. Bei Chan­son denkt der durch­schnitt­li­che  Kul­tur­kon­su­ment an exal­tierte, dun­kel geklei­dete Her­ren und Damen, die sich die Seele aus dem Leib und dabei natür­lich von »L’Amour« sin­gen, gern zur Gitarre oder auch mit schnu­cke­li­gen klei­nen Jazz­bands beglei­tet. Ganz groß mit Big­Band geht das auch. Frank­reich hat da eine ruhm­volle Geschichte, von Charles Tré­net bis hin zum deut­schen Pilo­ten­bar­den Rein­hard Mey (alias Fre­de­rik) reicht die Liste der inter­na­tio­nal erfolg­rei­chen Sän­ger. Als sich in den 90er Jah­ren junge Musi­ker ihrer fran­zö­si­schen Musik­tra­dion besan­nen und das Chan­son auf neue, flinke Beine stell­ten, hiel­ten sie sich durch­aus an ihrer Tra­di­tion. Ben­ja­min Bio­lay ist in vor­ders­ter Reihe zu nen­nen, ja, und auch Carla Bruni gehörte dazu. Domi­ni­que A ist sicher­lich eine der sper­rigs­ten Erschei­nun­gen in die­ser Nou­velle Vague des Lied­ge­sangs und die Aus­wahl des hier­zu­lande kaum bekann­ten Künst­lers für den Abschluss­abend ist ein Geschenk für die­ses Fes­ti­val. Getrie­ben ist der 1968 gebo­rene von unbän­di­gem Gestal­tungs­wil­len, sowohl text­li­che als auch musi­ka­li­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nen The­men sind inten­siv und las­sen auch auf der Meta­ebene eini­ges ver­mu­ten. Sein an die­sem Abend von der Ham­bur­ger Schau­spie­le­rin Laura de Weck klug struk­tu­rie­rend vor­ge­tra­ge­nes Essay über seine Bezie­hung zur Musik ver­rät viel Beschäf­ti­gung und Aus­ein­an­der­set­zung mit der Genese von Text und Klang. Nun kann man von einem nord­deut­schen Publi­kum kaum fran­ko­phone Nei­gung erwar­ten, vier exem­pla­risch vor­ge­tra­gene Texte (alle eigens für den Abend über­setzt) aus dem Pro­gramm wie­sen dann den Weg in die poe­ti­sche Aus­drucks­welt des Domi­ni­que A.:

Immor­tels
Ich habe dir nie gesagt
Daß wir unsterb­lich sind
Warum gehst du
Bevor ich’s dir ver­rat?
Hast du es schon gewusst?
Und hast du schon geahnt
Daß hin­ter uns­ren Säu­fer­frat­zen
Göt­ter sich verbergen?

Das hat nichts mit lálá zu tun, son­dern zeigt das Fort­le­ben des fran­zö­si­schen Pathos in der gesun­ge­nen Musik. Klingt das auf dem aktu­el­len Album La musi­que noch nach Pop, ist der Livek­ünst­ler Domi­ni­que A. weit­aus ver­stö­ren­der. Bewußt hat er sich für ein Solo­set ent­schie­den, es genügt ihm die Gitarre. Wer nun glaubt, daß da einer vor sich hin klampft, um schön zu sin­gen, ist damit auf dem kom­plett fal­schen Damp­fer. Eine Bat­te­rie von Effekt­ge­rä­ten umrankt den Musi­ker, Kas­ka­den von Loops und Sam­ples schaf­fen groß­flä­chige Sound­tep­pi­che, über denen die Gitarre die Qua­len der Geschich­ten, die Domi­ni­que A. erzäh­len will, illus­trie­ren. Das ist wohl­über­legt, kon­zi­piert, bis hin zur Brüs­kie­rung eines Publi­kums, daß seine Ohren nicht durch den Wohl­klang weich machen soll. Er sehnt sich nach Brü­chen, nach Rei­bung, und das ist eine Her­aus­for­de­rung zu bei­der­sei­ti­gem Gewinn. Seine Stimme ist kon­ser­va­tiv, warm und ein­schmei­chelnd, wie er selbst sagt, »eine klas­si­sche Chan­son­stimme«. Musi­ka­lisch ist Domi­ni­que A. aber sicher­lich näher an den Experimental-Poppern Daft Punk als an Jac­ques Brel. Daß dabei der mit­ge­brachte fran­zö­si­sche Ton­tech­ni­ker weit übers Ziel hin­aus­schießt und den lust­vol­len Schmerz der Aus­ein­an­der­set­zung gele­gent­lich in Schmerz­haf­tig­keit kip­pen lässt, dar­über muss man hinwegsehen.

Die­ses lite­ra­ri­sche Kon­zert weist in die rich­tige Rich­tung. Text­ua­li­tät und Ver­mitt­lung waren ja im Vor­feld des Fes­ti­vals anschei­nend ein Thema, hier erschliesst sich in der inter­dis­zi­pli­nä­ren Aus­ein­an­der­set­zung eine andere Form der poe­ti­schen Ver­mitt­lung. Kein Effekt, kein Mul­ti­me­dia, son­dern der Ein­blick in die ganz­heit­li­che Beschäf­ti­gung eines Künst­lers mit sei­nen The­men, eine Poe­tik der Ver­let­zung, die die bigotte Kul­ti­viert­heit der Hoch­kul­tur, die vie­ler­orts vor­herrscht, bricht. Daß das nicht allen gefällt, ist klar. Kul­tur muss etwas wagen. Mehr davon!

Mat­thias Schu­mann (kms)