Posts mit Schlagwort ‘Danullis’

19. April 2010

Lesetage, Tag 3: Schaum im Universum

Was ist das, wenn Mode­ra­to­ren mit gro­ßen Schnee­be­sen in Baby­ba­de­wan­nen her­um­rüh­ren, bär­tige Män­ner wie Ler­chen sin­gen und Deutsch­lands bes­ter Jazz­bas­sist  sein Instru­ment beklopft? Wer dabei an die Fort­set­zung von Arthur Dents Aben­teu­ern denkt, ist zwar auf dem Holz­weg, aber so ganz weit ent­fernt von Dou­glas Adams absur­dem Groß­werk ist das nicht. Bei der »Unwahr­schein­li­chen Nacht« auf Kamp­na­gel ging es um den Balan­ce­akt zwi­schen Wis­sen­schaft und Wahr­neh­mung, Welt­sicht und Welter­schaf­fung. Ein ziem­lich welt­um­span­nen­des Thema also. Die auf dem ers­ten Blick hete­ro­gene Runde aus den Wis­sen­schafts­jour­na­list Vol­ker Arzt und Max Rau­ner, der Künst­le­rin Ines Barg­holz von der Elfen­schule Schaal­see, dem Natur­kund­ler Uwe West­phal, den bei­den Auto­rin­nen Silke Scheu­er­mann und Chris­tiane Neu­de­cker und dem Jazz­duo Jan Roder und Alex­an­der Danul­lis fand in der Tat zusammen.

»So habe ich mir immer vor­ge­stellt, wie Pflan­zen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren …« sagte Vol­ker Arzt im Anschluss an die Ver­an­stal­tung. Er meinte das freie Spiel der bei­den Musi­ker, die sich ganz offen­bar vom Thema des Abends inspi­riert fühl­ten und im Laufe des Abends einen immer inten­si­ve­ren Dia­log ent­wi­ckel­ten. Vol­ker Arzt prä­sen­tierte spek­ta­ku­läre Video­ein­spie­ler aus sei­ner Doku­men­ta­tion »Kluge Pflan­zen«, die heute in gan­zer Länge in der ARD läuft. Natur­wahr­neh­mung und der Bericht dar­über ist häu­fig durch den ers­ten Blick geprägt, seine Beob­ach­tun­gen aus der Pflanz­wen­welt sind ande­rer Art als das Brut­ver­hal­ten braun­ge­fie­der­ter Schnep­fen im Unter­holz. Den zwei­ten – viel­leicht auch den drit­ten – Blick auf die Natur eröff­nete auch Ines Barg­holz. Betrach­tet man deren Elfen­schule als eso­te­ri­sche Natur­spin­ne­rei, tut man der Sache extrem Unrecht. Dort geht es nicht um Schreie im Wald, son­dern um inten­si­ves Natur­er­le­ben und Wahr­neh­mungs­ver­än­de­run­gen. Zusam­men mit ihr trat der Natur­füh­rer und lei­der oft als »Vogel­stim­men­imi­ta­tor« vor­ge­führte Uwe West­phal auf, beide bezeich­nen sich als »see­len­ver­wandt«. Auch er, obwohl Natur­wis­sen­schaft­ler, ver­sucht die Welt nicht sys­te­ma­tisch zu erfas­sen, son­dern erzählte von sehr ursprüng­li­chen Erfah­run­gen. Das Mode­ra­to­ren­paar, der Autor Mat­thias Göritz und Lesetage-Programmleiterin Bar­bara Heine ließ den bei­den »Natur­spin­nern« respekt­vol­len Raum für ihre Betrach­tun­gen. Und es gelang auch, die Natur­stim­men ins Pro­gramm ein­zu­bin­den, ohne Uwe West­phal als Zir­kus­num­mer zu inze­nie­ren. Jeden­falls wird jeder der 300 Besu­cher die­ser Ver­an­stal­tung in Zukunft wis­sen, wie es sich anhört, wenn Julia ihren Romeo auf­zu­hal­ten ver­sucht, Nach­ti­gal­len­sang und Ler­chen­schlag im Ohr.

Eigent­lich muss man über Silke Scheu­er­manns Natur­ly­rik nicht mehr viel spre­chen, die Frank­fur­ter Auto­rin gehört zur aller­ers­ten Garde der jun­gen deut­schen Poe­ten, bild­si­cher, stark, von gutem Ton. Das bestä­tigte sie auch an die­sem Abend, mit der ihr eige­nen Zurück­hal­tung, eine unprä­ten­tiöse Per­for­me­rin ihrer Kunst. Im Sinne des Wor­tes flan­kiert wurde sie von den bei­den Musi­kern – ein schö­nes Bild. Die dar­auf­fol­gende Erzäh­lung von Chris­tiane fiel merk­lich ab. Ihre Erzäh­lung »Geru­fene Geis­ter oder: Der Carpenter-Effekt« bedient sich der nur allzu bekann­ten Mit­tel der »unheim­li­chen« Lite­ra­tur, eine Ferienlager-/Internats-Geschichte, wie sie im kul­tu­rel­len Gedächt­nis spä­tes­tens seit Peter Weirs »Pick­nick am Valen­tins­tag« ver­an­kert ist. Mit den Poe oder Hoff­mann, deren Befrem­dung ja in ers­ter Linie aus der behut­sa­men Hin­füh­rung des All­tags in das Unge­wöhn­li­che her­rührt, hat das wenig zu tun, schon in den ers­ten Absät­zen ist der Fort­gang der Geschichte offen­bar. Das ist zwar rou­ti­niert geschrie­ben und schreib­tech­nisch sau­ber, aber langweilig.

Die Welt des Anders­ar­ti­gen endete mit einer Ein­füh­rung in den heu­ti­gen For­schungs­stand der Phy­sik. Max Rau­ners »Ver­rückte Welt der Par­al­lel­uni­ver­sen« ist bes­tes Science-Entertainment in angel­säch­si­scher Tra­di­tion. Ob Quan­ten­theo­rie oder String-Theorie, kein aktu­el­les Welt­er­klä­rungs­mo­dell wird aus­ge­las­sen. Den bei­den Mode­ra­to­ren machte es sicht­lich Spaß, die bild­haf­ten Dar­stel­lun­gen Rau­ners live umzu­set­zen. Um das Bade­wan­nen­rät­sel vom Anfang zu lösen: Wie die Sei­fen­bla­sen in der Bade­wanne rei­hen sich gemäß der String-Therie die par­al­le­len Uni­ver­sen anein­an­der … alles klar?

Ein schö­ner Kon­zeptabend war das, facet­ten­reich und klug, ohne anbie­dernd zu sein. Gäste, die unter­halt­sam etwas zu einem gemein­sa­men Thema zu erzäh­len haben, wären viel­leicht auch end­lich mal eine andere Idee für eine Talk­show … und da wäre drin­gend Bedarf.

Vol­ker Arzt: Kluge Pflanzen

Jan Roder: Dou­ble Bass

Elfen­schule Schaalsee

Uwe West­phal: Wilde Hamburger

Silke Scheu­er­mann: Der zärt­lichste Punkt im All

Silke Scheu­er­mann: Über Nacht ist es Winter

Chris­tiane Neu­de­cker: Das sia­me­si­sche Klavier

Max Rau­ner: Die ver­rückte Welt der Paralleluniversen

m4s0n501
\n