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26. November 2010

Gastbeitrag: Das Gottesgeschenk

Ein Gast­bei­trag von Nata­lie Fin­ger­hut, Auto­rin und Dra­ma­tur­gin aus Mün­chen, zur gest­ri­gen Podi­ums­dis­kus­sion im Kul­tur­werk West zur Zukunft des Deut­schen Schau­spiel­hau­ses in Hamburg:

Ein eisi­ger Wind weht in der Ham­bur­ger Kul­tur­po­li­tik, und so gibt es Glüh­wein im Kul­tur­werk West in Altona. Und But­tons mit der Auf­schrift »Ich bin das Schau­spiel­haus« gibt es auch. Aber die hat ja ohne­hin schon jeder am Revers, der Stel­lung bezie­hen möchte in der Hansestadt.

Quo vadis, Schau­spiel­haus fragt die hoch­ka­rä­tig besetzte Dis­kus­si­ons­runde auf dem Podium. Jack Kur­fess, kauf­män­ni­scher Direk­tor und Interims-Intendant des Schau­spiel­hau­ses, Klaus Schu­ma­cher, Lei­ter des Jun­gen Schau­spiel­hau­ses sowie Jour­na­list und Autor Till Brieg­leb sol­len dem Publi­kum die Rich­tun­gen und Wege auf­zei­gen, die das Ham­bur­ger Schau­spiel­haus in Zukunft gehen könnte. Und das Publi­kum erscheint zahl­reich, nicht nur, um sich die Hände an den Glüh­wein­be­chern zu wärmen.

Inter­esse am Thema ist da, das haben die Stel­lung­nah­men, Demons­tra­tio­nen und Lie­bes­be­kun­dun­gen der Ham­bur­ger auf die Kür­zungs­an­kün­di­gun­gen über­ra­schend klar gemacht. Ob man auf­grund die­ses plötz­li­chen Erwa­chens der Bür­ger­schaft Kul­tur­se­na­tor Rein­hard Stuth als »Got­tes­ge­schenk« bezeich­nen möchte, wie Mode­ra­to­rin Jana Marko es pro­vo­kant im Schluss­wort for­mu­liert, sei an die­ser Stelle unkommentiert.

6,7 Mil­lio­nen Euro soll die Ham­bur­ger Kul­tur­be­hörde bis 2020 ein­spa­ren. Das Schau­spiel­haus trifft es mit 1,22 Mil­lio­nen. Inten­dant Schir­mer nahm sei­nen Hut, und den­noch sitzt Interims-Intendant Kur­fess mit nahezu gelas­se­ner Hei­ter­keit auf dem Podium. Ver­liest Interview-Zitate von Erfolgs­in­ten­dant Frank Baum­bauer, der bereits 1998 – zu sei­ner Zeit als Schauspielhaus-Intendant – vor wei­te­ren Kür­zun­gen warnte. Jähr­lich stei­gende Zusatz­kos­ten, die durch Tarif­ver­trags– und Mehrwertsteuer-Erhöhungen ent­ste­hen, brin­gen die Thea­ter seit Jah­ren in schwin­del­er­re­gende Spar­be­dräng­nis. Dazu noch zusätz­li­che Kür­zun­gen? Auf lange Sicht bedeu­ten diese eine Ver­lust­spi­rale, wie Kur­fess ein­drück­lich klar macht. Je mehr gekürzt wird, desto schlech­ter die künst­le­ri­sche Qua­li­tät, desto weni­ger Zuschauer kom­men, desto weni­ger Ein­nah­men usw.

Da wird es Schu­ma­cher dann doch zu bunt, oder sagen wir bes­ser: zu trist, denn er ist gegen diese »öko­no­mi­sche Logik«, er will kon­struk­tiv den­ken. Mit sechs Schau­spie­lern macht er seit der Spiel­zeit 2005/2006 für das Junge Schau­spiel­haus ein breit gefä­cher­tes Pro­gramm, das mit einer Aus­las­tung von über 90 Pro­zent punk­ten kann und dabei noch Aus­zeich­nun­gen und Preise satt gewinnt. Das Publi­kum klatscht und pfeift, »Das ist an die­sem Haus mög­lich!«, man ist ein biss­chen stolz dar­auf, fast so, als hätte man selbst insze­niert. Mode­ra­to­rin Marko nutzt die Woge der Begeis­te­rung, um iro­nisch die Abwe­sen­heit eines Ver­tre­ters der Kul­tur­be­hörde zu kom­men­tie­ren, das Gejohle wird lau­ter, man schämt sich gern ein wenig fremd für die feige Politik.

Autor Brieg­leb stellt die Kür­zun­gen als struk­tu­rel­les Pro­blem der Stadt Ham­burg dar. Ex-Kultursenatorin Karin von Weick, deren Ver­spre­chun­gen, dem Schau­spiel­haus unter die Arme zu grei­fen, in ihrem Rück­tritt gip­fel­ten, sieht er dafür als Para­de­bei­spiel. Man könne die (Subventions-) Auf­ga­ben der Poli­tik nicht so lange brach lie­gen las­sen, bis die Bür­ger­schaft dafür ein­steht. Struth sei dar­auf­hin nur die logi­sche Kon­se­quenz gewe­sen, denn kein ver­nunft­be­gab­ter Mensch hätte sich die­ses Scher­ben­hau­fens frei­wil­lig ange­nom­men, außer einer mit einem gro­ßen „Gel­tungs­be­wusst­sein und Machtbedürfnis“.

Gebraucht würde in Ham­burg nicht ein archi­tek­to­ni­sches Renom­mier­pro­jekt wie die Elb­phil­har­mo­nie. Gebraucht wür­den Künst­ler, die die Gesell­schaft und deren Ent­wick­lung neu und posi­tiv den­ken. Und genau das geschähe an den Thea­tern, auch wenn diese an gesell­schaft­li­cher Bedeu­tung ein­ge­büßt hätten.

Das las­sen Schu­ma­cher und Kur­fess nicht auf sich sit­zen. Wenn die Feuille­tons das Schau­spiel­haus nicht in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit geschrie­ben hät­ten – und gegen diese sprä­che ja bei­spiels­weise die exzel­lente Aus­las­tung des Jun­gen Schau­spiel­hau­ses –, wäre die Poli­tik gar nicht auf die Idee gekom­men, die Kür­zungs­schere an dem geschwäch­ten Haus anzu­set­zen. Beleg­bar sit­zen die Mit­glie­der der Kul­tur­be­hörde dort aus­ge­spro­chen sel­ten im Publi­kum. Sich eine Mei­nung aus den Mei­nun­gen Drit­ter bil­den, ist ja der­zeit ohne­hin en vogue, wie man es bei Thilo Sar­ra­zins Amts­ent­bin­dung beob­ach­ten durfte. Brieg­leb nimmt die Jour­na­lis­ten­schelte gelas­sen hin: »Man kann doch nicht das schrei­ben, was die Poli­ti­ker ver­ste­hen. Wo kom­men wir denn da hin?« Geläch­ter auf der Bühne und im Publikum.

Künst­le­ri­sche Abstri­che blei­ben bei der­lei ekla­tan­ten finan­zi­el­len Pro­ble­men nicht aus. Ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt mit der Kul­tur­haupt­stadt Tal­linn für 2011 musste abge­sagt wer­den. Die Münch­ner Kam­mer­spiele haben sich der Pro­duk­tion ange­nom­men, die ursprüng­lich von Dra­ma­ti­ker Simon Ste­phens für das Schau­spiel­haus Ham­burg geschrie­ben wurde. Das ist die fal­sche Rich­tung, macht Brieg­leb deut­lich, um Ham­burg als Metro­pole nach vorne zu brin­gen. „Es muss Geld in die Hand genom­men wer­den, damit Ham­burg wie­der inter­na­tio­nal mit­spie­len kann.“ Er hält Kon­kur­ren­zen zwi­schen Städ­ten und auch zwi­schen Thea­tern unter­ein­an­der für sehr produktiv.

Aber wo, fragt man sich, ist denn nun der eigent­li­che Anlass des Abends geblie­ben? Wie geht’s denn jetzt wei­ter mit dem Schau­spiel­haus? »Wol­len wir mal sehen, was da wird« meint Kur­fess gelas­sen. Im April 2011 stellt er den Spiel­plan für die kom­mende Sai­son vor. Sein Ensem­ble habe den Kampf auf­ge­nom­men. Der Kon­takt zu den Bür­gern sei da. Der neue Inten­dant, und das ist wahr­lich ein Pro­blem, käme mit­ten in das Sanie­rungs­jahr hin­ein, wenn er nächste Spiel­zeit seine Tätig­keit auf­nehme. Ende Dezem­ber wird klar, wer das sein wird und wann er beginnt.

»Ich höre von allen Ecken, dass diverse Regis­seure ange­ru­fen und gefragt wer­den, ob sie Bock hät­ten,« so Brieg­leb, »mir wäre an Eurer Stelle schwumm­rig.« Nie­mand hat erwar­tet, dass die bis­he­rige Kul­tur­po­li­tik Ham­burgs sich jetzt struk­tu­riert und geplant auf Inten­dan­ten­su­che begibt. Aber diese Her­an­ge­hens­weise ist dann doch einen Lacher wert. Dem Publi­kum fällt dazu nichts mehr ein, und so fin­det eine anschlie­ßende Dis­kus­sion nicht statt. Quo vadis, Schau­spiel­haus? Applaus, Applaus, und alle Fra­gen offen.


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