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9. Januar 2012

»Das Geld auf anständige Weise ausgeben …«

Zwei­ter Teil des gros­sen HAMBURGER FEUILLETON-Interviews mit dem Thalia-Geschäftsführer und Autor Lud­wig von Otting

Alles Bolle auf der Jolle: Ludwig von Otting in der Loge (Photo: Stefan Albrecht/HHF)
Alles Bolle auf der Jolle: Lud­wig von Otting in der Loge (Photo: Ste­fan Albrecht/HHF)

Die voll­stän­dige Text­fas­sung des gro­ßen Inter­view mit Lud­wig von Otting, das in unse­rem 13-minütigen Interview-Film “Der Ermög­li­cher” bereits auf die­ser Seite des HAMBURGER FEUILLETONS zu lesen war. Der Text erscheint im Wochen­rhyth­mus in drei Teilen.

Orts­wech­sel. Der zweite Teil des Gesprächs mit Lud­wig von Otting fin­det in einer Loge des 1. Rangs statt. Im Hin­ter­grund wird die Bühne des »Gestie­fel­ten Katers« abge­baut und die Abend­vor­stel­lung vor­be­rei­tet. Wir fra­gen den Autor nach sei­nen lite­ra­ri­schen Vor­lie­ben und den Geschäfts­füh­rer nach der Ver­bin­dung zwi­schen Juris­te­rei und Thea­ter.

Wie kommt es zu dem Sujet ihres Buches, Pira­ten, See­fah­rer etc., das klingt alles sehr kun­dig. Sind sie zum Seg­ler gewor­den, hier an der Küste?
Ich hab von See­fahrt kei­nen Schim­mer, aber natür­lich ver­su­che ich das ein biss­chen zu ver­schlei­ern in mei­nen Büchern, in dem ich mir ein paar Infor­ma­tio­nen besorgt habe. Ich meine, ich habe heute noch die größte Mühe Back­bord und Steu­er­bord und Luv und Lee zu unter­schei­den. Es ist letzt­lich für die Geschichte auch nicht wich­tig, aber es ist halt schon für die Authen­ti­zi­tät von so Geschich­ten schon ganz gut, wenn man da so ein biss­chen was weiß.

Da ist aber schon eine Fas­zi­na­tion da für die See­fahrt und die Gefah­ren auf See?
Eine Rie­sen­fas­zi­na­tion, klar, die­ses ganze Unwe­sen, was die da trei­ben auf See, die Inseln, die See­un­ge­heuer. Ich hab mal ein paar See­un­ge­heuer erfun­den, in dem Buch, was sie da lie­gen haben, den »Tyran­no­gur­kus« und die »Mör­der­mu­schel« und den gan­zen Krem­pel, das hab ich erfun­den, weil ich mich geär­gert habe.

Kurz nach Erschei­nen mei­nes ers­ten Buches in dem eine Rie­sen­krake eine Rolle spielte, kam die­ser schöne Film, »Fluch der Kari­bik«, mit 3 oder 4 Fol­gen, und da spielt eben auch die Rie­sen­krake eine Rolle. Ich dachte, mich trifft der Schlag, natür­lich wird jeder Mensch den­ken, ich hab das da geklaut.

Not­falls wäre ja nach­zu­wei­sen, dass der Erschei­nungs­ter­min mei­nes Buches lange vor dem Film war – trotz­dem ärgerts mich, und dann hab ich mir gedacht, wenn alle als ers­tes auf ne Rie­sen­krake kom­men kom­men als See­un­ge­heuer, dann muss ich ein paar andere erfin­den, und des­we­gen hab ich dann diese andern Unge­heuer eingebaut.

Das ist ja auch ein Topos bei Jules Verne, die Krake?
Das weiß ich nicht mehr genau. Ich glaube ja. Ich­ver­mute, dass ich  die meis­ten Sachen irgendwo geklaut habe aber lei­der nicht weiß, wo. Als Kind hab ich alles in mich rein­ge­fres­sen, Jules Verne und Robert Louis Ste­ven­son, natür­lich Mark Twain und Jack Lon­don, der ja auch unend­li­che See­ge­schich­ten geschrie­ben hat Da kommt natür­lich alles irgend­wann irgendwo mal vor. Diese ganz Welt habe ich mir als Kind schon ange­le­sen, und ich hoffe, dass es so spe­zi­ell wie­der raus­kommt, dass man mich nicht wie Herrn zu Gut­ten­berg bald der Pla­giate über­füh­ren kann und sagen, das hast du aus dem Buch, und das hast du aus dem Buch. Ich bin ganz sicher, dass ich rela­tiv viel aus ande­ren Büchern habe oder auch aus Erzäh­lun­gen oder auch aus Fil­men. Ich habe zum Bei­spiel als 15jähriger ein mehr­bän­di­ges Werk gele­sen, ich weiß gar nicht wie das hieß, aber die Haupt­fi­gur ist ein Lord Horn­blo­wer

C. S. Fores­ter …
Fores­ter, genau. Eigent­lich ein biss­chen B-Movie-mäßig, so eine Art Trashroman.

Der dann mit Gre­gory Peck ver­filmt wurde, zumin­det ein Buch dar­aus …
Ja, der ist ja dem Nel­son nach­emp­fun­den, wie ich gehört habe. Aus die­ser Geschichte habe ich ganz viel ver­in­ner­licht. Mich hat auch Graf Luck­ner sehr inter­es­siert. Also gele­sen habe ich irr­sin­nig viele Seefahrtsgeschichten.

Hora­tio Horn­blo­wer hat  als Schiffs­junge ange­fan­gen und ist dann bis zum Admi­ral auf­ge­stie­gen, ein Klas­si­ker der Mari­ne­li­te­ra­tur …
Ich hab das gerne gele­sen, aber habe rück­bli­ckend das Gefühl, dass das eher tra­shig ist, ich habe auch Enid Bly­ton unheim­lich gerne gele­sen und das ist nun bei Gott keine Welt­li­te­ra­tur, aber das ist auch wurscht, ich finde, dass man als Kind so’n Zeug auch essen darf, lesen darf, rein­fres­sen darf und muss, und das man das auch sozu­sa­gen mit in seine Welt auf­neh­men kann.

Was lesen sie heute?
Fra­gen Sie mich nach mei­nen Lieblingsautoren?

Nein, eher was Sie zur Zeit lesen.
Jetzt im Moment lese ich zum Bei­spiel wahn­sin­nig gern Jas­per Fforde. Keine Ahnung, wie man den aus­spricht, mit zwei „F“ am Anfang. Das ist ein Wali­ser, der Bücher schreibt, die sich so ganz äußer­lich als Kri­mis, Science-Fiction Kri­mis gerie­ren, aber die voll von Witz und Phan­ta­sie sind, wie ich’s ganz sel­ten gele­sen habe, das ist ein Lieb­lings­au­tor von mir, jetzt ein neue­rer. Ich lese wahn­sin­nig gerne Sebald und ich bin ein gro­ßer Anhän­ger von Arno Schmidt, sehr hete­ro­gen sind meine lite­ra­ri­schen Vorlieben.

Lesen sie Stü­cke?
Nein, gar nicht, Also nur im Zusam­men­hang mit Thea­ter, zu mei­nem Ver­gnü­gen lese ich keine Stü­cke. Stü­cke sind auch nicht da um am Strand gele­sen zu wer­den. Nein, ich lese Prosa und Lyrik, da hab ich meine Vor­lie­ben. Jean Paul lieb ich sehr, Mat­thias Clau­dius, von den neue­ren eben Arno Schmidt, und dann gibt’s einen Autor, den über­haupt kein Mensch mehr kennt, den ich für einen bedeu­ten­der Nach­kriegs­au­tor halte, das ist Gre­gor von Rez­zori, der wun­der­bare Romane geschrie­ben hat, damit meine ich jetzt nicht diese däm­li­chen, halb­por­no­gra­phi­schen, schnell hin­ge­schmier­ten »Maghre­bi­ni­schen Geschich­ten«, son­dern so etwas wie »Ein Her­me­lin in Tscherno­pol«, das ist wirk­lich ganz große Lite­ra­tur, die, finde ich, ihrer Wie­der­ent­de­ckung harrt.

So eine KuK-Tradition ist da auch noch mit drin …
Der hat nun wirk­lich die iro­ni­sche Dis­tanz des alten, in sei­nem Fall nicht so ganz geklär­ten, Adels­ge­schlechts zu einer bür­ger­li­chen – und auch zu einer pro­le­ta­ri­schen – Gesell­schaft wie kein ande­rer. Den find ich zum Bei­spiel per­sön­lich wesent­lich wich­ti­ger als viele andere, die auch noch leben, deren Namen man sich nicht unbe­dingt mer­ken muss.

Wir sie hier so ent­spannt in der Loge sit­zen, die Beine hoch­ge­legt, das hat so ein wenig was von Jolle. – »Alles Bolle auf der Jolle« ist eins der Lie­der aus den »Ruch­lo­sen Riva­len«
Alles Bolle auf der Jolle. Meine Nei­gung zu Kalau­ern ist auch nicht gerade schwach ausgeprägt.

Wie ist denn die Reak­tion im Haus auf den Kat­zen­stein? Conny Schir­mer hat die Musik gemacht, dann gibt es diese Lesung mit den wil­den Jungs bei Lite­ra­tur­fes­ti­vals. Das sieht schon wohl­wol­lend unter­stüt­zend aus, sehr dicht dran.
Ja, also, ich sag mal, die Leute neh­men es teil­weise wahr und teil­weise nicht wahr, nega­tive Reak­tio­nen kenn ich keine, das sagt einem auch kei­ner, wenn einer es liest und es Scheiße fin­det. Sie sagen ent­we­der gar nix oder was net­tes. Also der Joa­chim Lux ist eigent­lich der erste Inten­dant, der ein biss­chen drauf rea­giert und es auch sei­nen Kin­dern geschenkt hat. Ich fühl mich da ganz wohl.

Joa­chim Lux, der Inten­dant – das Spiel zwi­schen Inten­dant und Kauf­mann … haben Sie über die Jahre eine beson­dere Tech­nik ent­wi­ckelt, mit all die­sen unter­schied­li­chen Inten­dan­ten und Künst­lern klar­zu­kom­men? Sie sind der »Geld­ver­tei­ler« haben sie mal gesagt, der dafür sorgt, dass die Künst­ler im Haus frei arbei­ten kön­nen. Kann man das noch prä­zi­ser aus­drü­cken, für Leute die sich unter einem kauf­män­ni­schen Geschäfts­füh­rer am Thea­ter nicht so viel vor­stel­len kön­nen?
Was mich eigent­lich wun­dert, dennd as kaufmännisch-finanzielle ist als Berufs­bild wesent­lich mehr ver­brei­tet als die künst­le­ri­sche Leitung.

Aber ich meine, so ein Thea­ter hat einen jähr­li­chen Bedarf von 25 Mil­lio­nen Euro. Davon ver­dient das Thea­ter einen Teil sel­ber, etwa 5 Mil­lio­nen, der Rest wird als Sub­ven­tion da hin­ge­legt. Und meine Ver­ant­wor­tung ist es, ich mach das ja nicht alleine, meine zen­trale Ver­ant­wor­tung ist  dafür zu sor­gen, dass das Geld auf anstän­dige Weise aus­ge­ge­ben wird.

Dazu gehört in einem gewis­sen Umfang sicher auch, dass man spa­ren kann, dass man Spar­vor­ga­ben durch­set­zen kann, es ist ein furcht­ba­res Miss­ver­ständ­nis, wenn Leute glau­ben, dass ich prin­zi­pi­ell glück­lich bin, wenn irgend­et­was wenig kos­tet oder beson­ders hohe Ein­nah­men macht.

Natür­lich freue ich mich über jedes Stück, das Erfolg hat, aber mein  Job ist es nicht, die Sub­ven­tio­nen nicht aus­zu­ge­ben, son­dern sie auf ver­nünf­tige und anstän­dige Weise aus­zu­ge­ben. Seriös und so, das mög­lich viel dabei raus­kommt. Das mach ich auch kei­nes­wegs alleine, es wäre albern, so zu tun, als ob ich mir den Gesamt­er­folg alleine an den Hut hef­ten könnte. Das ist ein sehr kom­ple­xes Sys­tem mit sehr ein­ge­spiel­ten Leuten.

Ich habe wahn­sin­nig gute Mit­ar­bei­ter auf den ver­schie­de­nen Ebe­nen, in den ver­schie­de­nen Berei­chen mit denen das dann auch ganz gut funk­tio­niert. Und der Zusam­men­hang, die Zusam­men­ar­beit mit dem Inten­dan­ten ist natür­lich auch ganz wich­tig dafür und das hab ich eigent­lich in allen drei Fäl­len so leid­lich hingekriegt

Gibt es eine lang­fris­tige Pla­nung, die über Spiel­zeit­pla­nung hin­aus­geht? Gibt es einen Mas­ter­plan über die Jahre, etwas wie „Wir wer­den etwa in 10 Jah­ren da etwas machen müs­sen?“
Naja, klar, gerade die gesamte Thea­ter­struk­tur ist ja keine, die sich nur von Spiel­zeit zu Spiel­zeit fort­schreibt. Zunächst ein­mal ist die Lauf­zeit eines Inten­dan­ten­ver­tra­ges ein ganz wesent­li­cher Para­me­ter. Ein Inten­dant hat fünf Jahre Ver­trag, der wird dann auch irgend­wann mal ver­län­gert, für so eine Ägide denkt man auch, was die Instand­hal­tung des Hau­ses, die Anschaf­fung tech­ni­schen Equip­ments, Aus­bau­ten, Anbau­ten, Umbau­ten und der­glei­chen anbe­langt und das sind durch­aus Dinge, die in die Zukunft rei­chen. Wenn man so etwas wie die Gauß­straße macht, dann weiß man, dass das ein Pro­jekt ist, das wei­ter reicht.

Gibt’s eine Ein­mi­schung in den aku­ten künst­le­ri­schen Betrieb, dass man sagt, diese Pro­duk­tion wird zu teuer, hört jetzt mal auf hier?
Das gibt es natür­lich wirk­lich, wobei es nicht so funk­tio­niert, wie Sie es eben beschrie­ben haben. Man muss von vor­ne­her­ein die Gel­der so bud­ge­tie­ren, wie man glaubt, dass es ver­nünf­tig ist. Und wenn dann so ein Bud­get an die Gren­zen stößt und eine Pro­duk­tion mehr haben will, mehr braucht, mehr zu brau­chen meint, dann steht man vor der Ent­schei­dung, ob man das ver­wei­gert oder ob man irgendwo noch ›ne Reserve hat oder so was.

Das ist natür­lich eine ganz zen­trale Auf­gabe von mir, da mit Augen­maß und Liebe zum Thea­ter, unter Ein­schät­zung der Poten­tiale, die da sind, die Ent­schei­dung vor­zu­be­rei­ten. Ich fälle die aber nicht alleine, so eine Ent­schei­dung fällt man nicht im ein­sa­men Käm­mer­lein, und über­rascht den Inten­dan­ten dann mit ›ner Akten­no­tiz: »Habe soeben die Zusatz­mit­tel für Ste­mann gestri­chen«, da muss man natür­lich gemein­sam dran und mit dem Regis­seur und dem Büh­nen­bild­ner und der Werk­statt­lei­tung und allen ande­ren sehen, was unbe­dingt not­wen­dig ist und dann fin­det man immer Kompromisse.

Ste­mann ist in die­sem Zusam­men­hang wirk­lich ein gutes Stich­wort. Von ein paar Jah­ren gab es da einen sehr ekla­tan­ten Ein­griff in die künst­le­ri­sche Arbeit in der Dis­kus­sion mit einem Jelinek-Stück.
Ja, aber von außen, nicht von innen.

Es geht die Geschichte, sie hät­ten mit einem Team auf die Stri­che geach­tet, ob bestimmte Text­stel­len nun jus­ti­zia­bel wer­den kön­nen oder nicht.
Das pas­siert häu­fi­ger. Ich meine, es gibt bestimmte Stü­cke, bestimmte Auto­ren, bestimmte Ver­lage, bei denen es höchst pro­ble­ma­tisch ist, ein Stück inter­pre­ta­to­risch zu ver­än­dern. Allen voran ist das Brecht, am schlimms­ten da die »Drei­gro­schen­oper«, wenn sie da ein fal­sches Instru­ment ein­set­zen, haben sie die Weill-Foundation am Hals.

Aber es gibt auch immer wie­der moderne Stü­cke, die irgend­wel­che Fälle auf­grei­fen, wo man sehen muss, dass man nicht mit den Per­sön­lich­keits­rech­ten von jeman­dem in Kon­flikt kommt. Und das Stück, von dem sie spre­chen, das war eine Jelinek-Text, »Ulrike Maria Stuart«. Die Jelinek sel­ber hat über­haupt kein Pro­blem mit jed­we­der Ver­än­de­rung, die ver­hält sich voll­kom­men rela­xed gegen­über Regie­e­in­grif­fen, for­dert die nachgerade.

In dem Fall war’s eine andere Auto­rin, die da zitiert wurde in dem Stück, die sich ver­letzt und belei­digt fühlte. Und es gab vor allem die Toch­ter von der Ulrike Mein­hof, die Mit­wir­kungs­rechte bean­spruchte, die wir ihr nicht ein­räu­men woll­ten, und da gab’s mäch­tig viel Zoff. Und da setzt man sich natür­lich hin und guckt sich das genau an und ver­sucht erst ein­mal sel­ber zu beur­tei­len, ob eine Rechts­ver­let­zung vor­liegt oder nicht. Wir haben Anwälte dazu geholt und dann  ent­schie­den, dass das, was wir da machen, so gemacht wer­den kann. Dann gab’s zwar einen Pro­zess, aber der ist für uns posi­tiv ausgegangen.

Wie fas­sen das dann die Künst­ler auf, sagen die dann »Fin­ger weg, wir wol­len das durch­set­zen«?
Das ist sehr unter­schied­lich. Der Ste­mann ist ja ein hoch­in­tel­li­gen­ter Mann, der weiß genau, was er treibt. Der ärgert sich natür­lich über jede Grenze, die ihm gesetzt wird, und ver­sucht die irgend­wie zu aus­zu­deh­nen oder zu durch­bre­chen, aber letzt­lich ist das jemand, mit dem man reden kann und der Argu­men­ten zugäng­lich ist.

Es gibt aber auch Leute, die über­haupt nicht zugäng­lich sind. Da muss man es  unter Umstän­den zulas­sen oder mit Gewalt ver­hin­dern, das pas­siert dann schon, aber ganz sel­ten. Im Grunde sind das alle Vor­gänge von enger Zusam­men­ar­beit, lan­ger Dis­kus­sion und gemein­sa­mem Ergeb­nis. Eigent­lich ist Thea­ter auch nur so gut und kann auch nur so was werden.

Ich ver­mag mich über­haupt nicht zu sehen in Oppo­si­tion oder gar in einer Feind­schaft zu den Krea­tiv­pro­du­zen­ten, zu Regis­seu­ren, zu Dra­ma­tur­gen oder Büh­nen­bild­nern, son­dern ich sehe mich als ein Ermög­li­cher, zumin­dest als jemand, der sol­che Sachen freund­schaft­lich beglei­tet und ver­sucht, die Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen so gut zu gestal­ten, wie es eben geht.

Lesen sie nächs­ten Mon­tag, im drit­ten und letz­ten Teil, Lud­wig von Ottings Mei­nung zur Ham­bur­ger Kul­tur­po­li­tik und über die Insze­nie­run­gen, die er nicht ver­ges­sen mag …

Mat­thias Schu­mann (kms)

2. Januar 2012

»Der älteste Ziegelstein in der Mauer des Theaters«

Ers­ter Teil des gros­sen HAMBURGER FEUILLETON-Interviews mit dem Thalia-Geschäftsführer und Autor Lud­wig von Otting


Kreativer Zug in der Existenz: Ludwig von Otting im Foyer des Thalia-Theaters (Photo: Stefan Albrecht/HHF)
Krea­ti­ver Zug in der Exis­tenz: Lud­wig von Otting im Foyer des Thalia-Theaters (Photo: Ste­fan Albrecht/HHF)

Die voll­stän­dige Text­fas­sung des gro­ßen Inter­view mit Lud­wig von Otting, das in unse­rem 13-minütigen Interview-Film “Der Ermög­li­cher” bereits auf die­ser Seite des HAMBURGER FEUILLETONS zu lesen war. Der Text erscheint im Wochen­rhyth­mus in drei Teilen.

Lud­wig von Otting ist seit 1985 Kauf­män­ni­scher Geschäfts­füh­rer des Ham­bur­ger Thalia-Theaters, erlebte bis­lang die drei Inten­dan­ten Jür­gen Flimm, Ulrich Khuon und Joa­chim Lux und gilt als graue Emi­nenz des erfolg­rei­chen Hau­ses am Alstertor.

Das HAMBURGER FEUILLETON traf den aus Bay­ern stam­men­den Wahl­ham­bur­ger zum Inter­view an sei­ner Wir­kungs­stätte und stellte fest, dass kein tro­cke­ner Zah­len­mensch die finan­zi­el­len Geschi­cke des Thea­ters lenkt.

Im ers­ten Teil des Inter­views, das im März 2011, also unmit­tel­bar nach der Wahl in Ham­burg geführt wurde,  sprach Lud­wig von Otting über seine Rolle am Thea­ter und als Autor phan­tas­ti­scher Geschichten.

Herr von Otting, wir hät­ten das Inter­view ja gerne in Ihrem Büro gemacht, wo sie arbei­ten, aber nun sind wir aus Platz­grün­den hier im Foyer. Ist das auch so ein biss­chen ihr Wohn­zim­mer hier? Oder ist das der eigent­li­che Arbeits­platz?
Ich bin seit 85 hier, ich hab 79 ange­fan­gen zu arbei­ten, aber in Köln.  Eine inter­es­sante Frage, ich bin mit dem Thea­ter schon sehr ver­wach­sen und das wie­derum schon seit 1969. Da kam ich als Jura­stu­dent nach Ham­burg und hab da am zwei­ten Tag mei­nes Hier­seins eine Thalia-Schauspielerin ken­nen­ge­lernt, die ich  ein Jahr spä­ter  gehei­ra­tet habe, mit der ich dann 10 Jahre zusam­men war.. Und von Stund an bin ich eigent­lich nur noch not­ge­drun­gen in die Uni gegan­gen, aber wahn­sin­nig oft ins Tha­lia Thea­ter. Also ich bin der älteste Zie­gel­stein in der Mauer des Thea­ters, aber wel­cher Mauer, ob die des Foy­ers oder der Hin­ter­bühne, das weiß ich nicht.

Gibt es einen Lieb­lings­ort hier? Von wo sie viel­leicht gerne beob­ach­ten?
Mein Lieb­lings­platz ist der Zuschau­er­raum. Da ist es eine Loge, in der ich auch bei Vor­stel­lun­gen sitze, wenn’s geht, und auch wahn­sin­nig gerne in den Proben.

Sind sie gerne nah dran, an der Bühne?
Die Loge ist nicht so nah, die hat so Kai­ser­lo­gen­cha­rak­ter. Da hat man die beste Über­sicht. Es  ist ja ein Irr­tum, dass im Thea­ter die bes­ten Plätze vorne wären. Da kann man zwar unter Umstän­den irgend­je­man­dem untern Rock gucken oder so, aber eigent­lich muss man in der 10. Reihe sit­zen, wo der Regis­seur sitzt. Da hat man  die rich­tige Posi­tion. Ich bin ein Anhän­ger der eher hin­te­ren Plätze. Ich sitz auch wahn­sin­nig gern ganz oben, auch in frem­den Thea­tern. Wenn ich irgendwo ein­ge­la­den bin, find ich es immer ganz doof, wenn die mich ehren­hal­ber in die erste Reihe set­zen. Dann beschaff ich mir schnell ’ne andere Karte

Sie haben ein­mal gesagt, sie seien ein Ver­tre­ter des alten Tha­lia. Hat sich da viel bewegt? Was hat sich denn ver­än­dert in all den Jah­ren?
Ich weiß gar nicht, wann ich das gesagt habe, die­ser Satz irri­tiert mich jetzt ein wenig. Ich bin ganz sicher auch ein Ver­tre­ter des gegen­wär­ti­gen Tha­lia, aber ich kenne halt die Geschichte. Ich hab das Tha­lia in der Zeit ken­nen­ge­lernt, als es noch gar keine Frage war, dass es die zweite Geige spielt hier in Ham­burg und das Schau­spiel­haus das eigent­lich wich­tige und inno­va­tive, avant­gar­dis­ti­sche große Thea­ter war. Und  das hier  ein biss­chen die bunte Juxbude.Ich hab die Ent­wick­lung eben beglei­tet, emo­tio­nal und dann irgend­wann auch funk­tio­nal hin zu einem Haus, was in der Repu­blik  zu den wich­tigs­ten gehört. Inso­fern ist mir  wich­tig, dass ich alle Sta­dien der Ent­wick­lung mit­ge­lebt habe.

Sie sind hier auch zum Ham­bur­ger gewor­den, jemand der fest ver­an­kert ist in der Stadt. Man merkt das inzwi­schen an der Dik­tion, die auch ein wenig nord­deutsch gewor­den ist.
Also wenn ich will, merkt kei­ner, dass ich Bayer bin, das ist ganz sicher. Und mein »Grüß Gott«, ent­hält  so ein ganz leich­tes demons­tra­ti­ves Ele­ment, ich mag das.

Wie ist das mit der Ham­bur­ger Men­ta­li­tät, die ist ja manch­mal so ein biss­chen zuge­knöpft, ist das noch ein Thema? Oder gewöhnt man sich daran?
Ich glaube , dass ich inzwi­schen selbst sehr ham­bur­gisch bin. Das hat mir von Anfang an sehr behagt. Ich fand Ham­burg zwar sehr zuge­knöpft, wie Sie rich­tig sagen, aber auch sehr zurück­hal­tend und sehr dis­kret und auch sehr libe­ral. Wobei ich die Dis­kre­tion und die Libe­ra­li­tät durch­aus in einem nahen Zusam­men­hang sehe.

Es dau­ert hier ein biss­chen län­ger, bis die Nach­barn einen grü­ßen, aber wenn sie es dann tun, dann tun sie es auch noch 20 Jahre, nach­dem man aus­ge­zo­gen ist. Die Leute inter­es­siert nicht so sehr, was man hin­ter sei­nen vier Wän­den macht, und das find ich erst mal ange­nehm. Ich liebe die Stadt, das ist wirk­lich meine Wahlheimat.

Das bleibt dann hof­fent­lich auch so, auch an die­sem Hause?
Mein Arbeits­le­ben werde ich gewiss hier zu Ende brin­gen, zumin­dest was mein Arbeits­le­ben als Thea­ter­mensch anbe­langt, das ist inzwi­schen auch ver­trag­lich fixiert. Ich bin jetzt 62, und ich werde blei­ben, bis ich 65 bin und dann schi­cken sie mich in Rente.

Sie sind ja als Kauf­män­ni­scher Geschäfts­füh­rer qua Posi­tion hier am Hause, aber sie haben auch ein Alter Ego, mit einem gru­se­li­gen Bart und einer gru­se­li­gen Perü­cke, der Autor Leuw von Kat­zen­stein …
Löw, bitte.  Mit der Schreib­weise habe ich mir  ein Eigen­tor geschos­sen, kein Mensch sagt Löw, ich dachte, das wär klar.

Ist das ihr Alter Ego, ist es das was im Ver­wal­tungs­dienst nicht da ist und dann raus will?
Ja wis­sen Sie, das ist  sicher so, dass ich ans Thea­ter gegan­gen bin, weil ich gewisse krea­tive Lei­den­schaf­ten  und Lüste habe, die ich aber in die­sem Beruf, in den es mich dann ver­schla­gen hat, gar nicht stil­len kann. Ich bin, wie Sie ja wis­sen, für Geld und Ord­nung zustän­dig, für Struk­tur, Per­so­nal, Rechts­fra­gen, all so’n Kram, das hat alles über­haupt nichts zu tun mit Kreativität.

Ich habe mein gan­zen Leben getrach­tet, mir so ein krea­ti­ves Feld zu erar­bei­ten, und ich hab eigent­lich auch schon sehr lange gewusst, dass ich irgend­wann mal schrei­ben werde, es bloß eben viele Jahre nicht getan. Ich brauchte sozu­sa­gen einen Schuh­löf­fel, um da rein zu kom­men. Die­ses erste Buch , »Der Schre­cken der Ozeane« war ja ganz gezielt ein Geschenk für meine Nef­fen, deren Mut­ter, meine Schwes­ter, sehr tra­gisch gestor­ben war. Ich wollte denen ein schö­nen Geschenk machen. Da fing ich an zu schreiben.

Es ging mir dabei über­haupt nicht darum, ein Zubrot zu ver­die­nen oder berühmt zu wer­den, son­dern es ging um einen bestimm­ten Vor­gang, um einen bestimm­ten krea­ti­ven Zug in der Exis­tenz. Der ist ja wäh­rend des Schrei­bens da und nicht nach der Ver­öf­fent­li­chung. Alles was hin­ter­her kommt, also der beschei­dene Ruhm, bis hin zu dem Wunsch, ein Inter­view mit mir zu füh­ren, das kommt dann so oben drauf. Das wich­tigste sind die Vor­gänge davor.

Leuw von Kat­zen­stein hat eine eigene Iden­ti­tät, eine wahn­sin­nige Bio­gra­phie, er ist Biblio­the­kar, all diese Geschich­ten, die sich drum herum ran­ken, das ist sehr bunt. Und es gibt auch diese Maske, diese Perü­cke, die­sen Schnauz­bart, tre­ten sie damit auf oder ist das nur was fürs Ver­lags­photo?
Ja, so bei­des. Es war irgend­wann mal ein Scherz, eine kar­ne­val­eske Lust, eine andere Erschei­nung zu lie­fern. Ganz ursprüng­lich war ich auch ein biss­chen unsi­cher, ob ich mich über­haupt outen sollte und ver­suchte das auch sehr von mei­ner ande­ren Exis­tenz fern­zu­hal­ten und hatte mir auch eine Weile ein­ge­bil­det, ich könnte da mit Pseud­onym und Maske eine kom­plette andere Iden­ti­tät erschaf­fen, aber das war natür­lich völ­li­ger Blödsinn.

Als ich das erste Mal mit der Maske auf­trat, auf irgend­ei­ner Pres­se­kon­fe­renz, kamen Leute zu mir und sag­ten: »Hallo Lud­wig, du siehst ja lus­tig aus …« – das war also in die­ser Hin­sicht nicht von Erfolg gekrönt. Aber wich­tig ist das eigent­lich nicht, es ist halt ein Spaß, ehr­lich gesagt, ich möchte auch nicht aus­se­hen wie die­ser Leuw von Kat­zen­stein, der sieht aus wie so ein Dis­co­be­sit­zer aus der Pro­vinz aus den 60ern, so ein Übrig­ge­blie­be­ner, der ver­ges­sen hat, sich die Haare abzu­schnei­den. Das ist eigent­lich nicht das, was ich mir für mein Pri­vat­le­ben vorstelle.

Aber ich hab eine Lust am Ver­klei­den und Ver­steck­spiel, und ich habe Lust, mit Iden­ti­tä­ten zu spie­len, Vexier­spiele zu betrei­ben und das ist auch in mei­nen Büchern so. Da gibt es oft Figu­ren, die plötz­lich die Namen wech­seln und in ande­rer Form wie­der auf­tre­ten. Damit hat das sicher auch zu tun.

Wenn man das aktu­elle Buch »Ruch­lose Riva­len« liest, dann merkt man, da ist jemand sehr ver­liebt in die Spra­che, in das Wech­sel­spiel mit den Wor­ten, es wer­den Worte gestal­tet, erfun­den. Es gibt zum Bei­spiel eine Figur, die eine kom­plette Phan­ta­sie­spra­che spricht. Wie wich­tig ist Spra­che für einer­seits den Autor und ande­rer­seits den Thea­ter­mann?
Über­ra­gend. Abso­lut über­ra­gend. Ich finde, dass man gute Spra­che reden muss, den­ken muss und schrei­ben muss. Das ist ein Maß­stab, den ich auch an alles andere anlege, an Stü­cke, an Bücher, die ich lese, an Men­schen, denen ich begegne.

Für mich spielt das eine ganz, ganz große Rolle, auch in der Beur­tei­lung von Men­schen. Wobei ich kei­nes­wegs von jedem erwarte, dass er eine geschlif­fene Hoch­spra­che parat hat, mit iro­ni­schen Bre­chun­gen und einen Wort­schatz von 20.000 Wor­ten oder ähn­li­ches, darum geht’s gar nicht.

Es geht aber um Authen­ti­zi­tät in der Spra­che. Wenn sie mein Buch lesen, dann wer­den sie ja auch fest­stel­len, dass es viele Leute in dem Buch gibt, die rot­zig und umgangs­sprach­lich mit­ein­an­der ver­keh­ren, denen auch kein Schimpf­wort zu rüde ist und keine Fluch zu böse und ich finde, das ist wich­tig, dass man die gesamte Band­breite zur Ver­fü­gung hat und die ver­schie­de­nen Situa­tio­nen auch auf der jeweils rich­ti­gen Sprach­ebene schil­dern kann.

Wenn sie nach einer Vor­stel­lung hier im Foyer sind, dann hört man ja gele­gent­lich auch von den Ham­bur­gern: »Ich hab ja nichts ver­stan­den, aber die Schau­spie­ler waren so toll, die haben so toll gespro­chen«. Was wür­den sie zu denen sagen?
Das  halte ich  für eine  ver­engte Sicht auf die Dinge. Das ist halt das ein­zige objek­ti­vier­bare Kri­te­rium, was man, wenn man sich nicht täg­lich mit Thea­ter beschäf­tigt, zur Beur­tei­lung der Sache zur Ver­fü­gung hat. Ich denke , diese Ver­en­gung auf das Argu­ment des kla­ren und deut­li­chen Spre­chens ist eine Maß­nahme, zu der Zuschauer dann grei­fen, wenn sie im Übri­gen ver­un­si­chert sind.

Das ist nicht das Haupt­kri­te­rium für mich. Natür­lich gibt es Sätze, gibt es Situa­tio­nen, gibt es Figu­ren, von denen ich erwarte, dass sie sehr klar spre­chen. Das heißt ja nicht nur, dass man jedes Wort ver­steht, son­dern dass man auch die Bedeu­tungs­ge­halte inklu­sive sei­ner Neben­be­deu­tun­gen, Unter­be­deu­tun­gen und Bre­chun­gen usw. for­mu­lie­ren kann.

Ulrich Wild­gru­ber als Othello, um mal ein berühm­tes Bei­spiel zu wäh­len, der hat genu­schelt, was das Zeug hielt, und das war ziem­lich genial.  Es kommt drauf an, wel­che Sprachat­ti­tüde der Situa­tion ange­mes­sen ist. Ich sehe über­haupt kei­nen Sinn darin, aus­schließ­lich alles auf Spra­che zu stüt­zen. Aller­dings denke ich auch, dass Schau­spie­ler das Hand­werk beherr­schen soll­ten, und wenn sie’s eben müs­sen, das dann auch parat haben müs­sen. Hatte Wild­gru­ber übri­gens in extre­mem Maße.

Wenn sie dann jeman­den hören, der sagt »Für so was wer­den unsere Steu­er­gel­der aus­ge­ge­ben«, wer­den sie dann sauer?
Die Steu­er­gel­der­ar­gu­men­ta­tion, die hört man ja in allen mög­li­chen  Zusam­men­hän­gen, das ist ein Argu­men­ta­ti­ons­ni­veau, auf dem man kein Pro­blem  lösen kann. Ob man nun dar­über redet, dass man Ein­wan­de­rer aus Libyen mit Steu­er­gel­dern durch­füt­tert oder dass Thea­ter das pro­vo­ziert, von Steu­er­gel­dern lebt. In jedem Zusam­men­hang ärgert sich jemand und greift dann zu die­ser Steuergeldargumentation.Das finde ich, ehr­lich gesagt, ziem­li­chen Mist, das ist Bullshit.

Glau­ben Sie, dass Werkein­füh­run­gen sol­chen Leu­ten hel­fen kön­nen, mehr Akzep­tanz für das Thea­ter zu erlan­gen?
Ja, oh ja. Es ist  gesi­cherte Erfah­rung, dass Vor­ge­sprä­che, auch Nach­ge­sprä­che, unter Umstän­den auch schrift­li­ches Begleit­ma­te­rial, wenn es unar­ro­gant ist, und sich an den Emp­fän­ger­ho­ri­zont wen­det, enorm hel­fen kann, um Stü­cke, Situa­tio­nen, Schreib­wei­sen und Her­an­ge­hens­wei­sen zu erklä­ren, ver­ständ­lich zu machen und ihnen den Boden zu berei­ten. Ich denke, daß es drin­gend not­wen­dig ist bei ganz vie­len Sachen.

Ich finde, Thea­ter, die das nicht tun – merk­wür­di­ger­weise war das in den 70er Jah­ren, als diese gan­zen lin­ken For­men des Thea­ters prak­ti­ziert wur­den, ein tota­les Tabu. Die Dra­ma­tur­gen fan­den es abso­lut unter ihrer Würde, irgend­was zu erklä­ren. Das hat sich gott­sei­dank total gewan­delt und heute bemüht sich jedes Thea­ter, durch Neben­ver­an­stal­tun­gen sein Pro­gramm zusätz­lich ver­ständ­lich zu machen. Das begrüße ich sehr.

Das gilt auch und gerade für Kin­der, Schul­auf­füh­run­gen und so wei­ter …
Es ist ein alter Witz, das dies das Alter ist, in dem sich Wün­sche prä­gen. Es gibt kaum erwach­sene Zuschauer, die nicht als Kind im Kin­der­thea­ter gewe­sen sind. Es gibt viele, die im Kin­der­thea­ter sind, die dann spä­ter nicht mehr gehen.

Das ist schon ein wich­ti­ger Weg, um Publi­kum zu krie­gen und die Kin­der da recht­zei­tig ran­zu­füh­ren. Das ist wie mit allem ande­ren, mit Lite­ra­tur, Kin­der, die den gan­zen Tag nur vor KIKA sit­zen, wer­den sich dann im Leben kaum  ein Buch kau­fen. Und so sind Thea­ter eben auch.

Wäh­rend des Inter­views fin­det im gro­ßen Haus eine Auf­füh­rung der Kin­der­pro­duk­tion „Der gestie­felte Kater“ statt. An die­ser Stelle des Inte­riews öff­nen sich die Türen und das junge Publi­kum strömt lär­mend ins Foyer. Lud­wig von Otting schaut von der Gale­rie hinunter.

Ist das dort unten ihr Publi­kum, auch fürs Buch?
Mein Publi­kum sind die hier, aber mein Publi­kum sind auch Sie (die Erwach­se­nen). Meine Bücher sind ja keine rei­nen Kin­der­bü­cher. Das ist ein Miss­ver­ständ­nis, das Per­so­nal der Bücher ist ein sehr kind­li­ches, wenn man so will, spre­chende Raben, Kro­ko­dile und ande­res Vieh­zeug – in die­sen »Ruch­lo­sen Riva­len« spie­len zwei schwule Mäuse Haupt­rol­len, schon aus der Kon­stel­la­tion kann man erken­nen, dass das nicht geschrie­ben ist nur für Kinder.

Mir ist zum Bei­spiel völ­lig egal, ob irgend­je­mand fin­det, das so was poli­tisch kor­rekt sei oder nicht. Das ist es nicht und es gibt auch Beschwer­den, ich bin auch mit Brie­fen kon­fron­tiert wor­den, von irgend­wel­chen auf­ge­brach­ten Leh­rern oder Eltern, die irgend­wel­che Pas­sa­gen in einem mei­ner Bücher nicht für kind­ge­recht hal­ten, also bei­spiels­weise, dass die zwei Mäuse nun beide schwul sind, das fin­den man­che halt … blöd. Ich find’s nicht blöd.

Lesen sie im zwei­ten Teil des Inter­views, das kom­men­den Mon­tag erscheint, was Lud­wig von Otting über das Geld­ver­tei­len und über Ein­griffe in die künst­le­ri­sche Frei­heit am Thea­ter denkt …

Mat­thias Schu­mann (kms)

15. September 2011

Der Ermöglicher

Thalia-Geschäftsführer Lud­wig von Otting im Gespräch


Im Thea­ter gibt es immer Men­schen, die hin­ter den Kulis­sen arbei­ten, die kaum jemand kennt und ohne die fast nichts mög­lich wäre. Dazu gehö­ren in den gro­ßen Häu­sern nicht nur die Mit­ar­bei­ter der tech­ni­schen Abtei­lun­gen wie Büh­nen­werk­stät­ten, Licht­tech­ni­ker und Ton­meis­ter, son­dern auch die der Verwaltung.

Eine der inter­es­san­tes­ten die­ser grauen Emi­nen­zen der deut­schen Thea­ter­land­schaft ist sicher­lich der lang­jäh­rige Geschäfts­füh­rer des Ham­bur­ger Tha­lia Thea­ters, Lud­wig von Otting.

Er ist nicht nur für die Finan­zen des Hau­ses am Als­ter­tor zustän­dig, son­dern auch seit vie­len Jah­ren und über drei Inten­dan­zen hin­weg inten­siv in den Spiel­be­trieb involviert.

Seit eini­ger Zeit macht er auch als Autor von sich reden, unter dem Pseud­onym »Leuw von Kat­zen­stein« schreibt er aben­teu­er­li­che Jugend­bü­cher über Pira­ten und Seeungeheuer.

Wir tra­fen Lud­wig von Otting Anfang März an sei­ner Wir­kungs­stätte, im Tha­lia Thea­ter, und führ­ten ein lan­ges Inter­view mit ihm über das Thea­ter, die Bücher und die Ham­bur­ger Kulturpolitik.

Die gekürzte Film­fas­sung ist ab heute exklu­siv im HAMBURGER FEUILLETON zu sehen, die aus­führ­li­chere Print­fas­sung wer­den wir nach­fol­gend – als mehr­tei­lige Serie – im Wochen­rhyth­mus an die­ser Stelle prä­sen­tie­ren. Den ers­ten Teil »Der älteste Zie­gel­stein in der Mauer des Thea­ters« kön­nen sie hier lesen.

Wir dan­ken Ste­fan Albrecht (www​.bes​te​bil​der​.de) und sei­nem Team, der die­sen Bei­trag für uns ermög­licht hat und Rachel Mischke für die groß­ar­tige Post Production.

Mat­thias Schu­mann (kms)

18. Januar 2011

Bart ab!

Norma­ler­weise prä­sen­tie­ren wir ja hier keine Pres­se­mel­dun­gen, aber so eine ist es uns dann doch wert:

»Das Hör­buch »Ruch­lose Riva­len«, eine Pira­ten­ge­schichte von Leuw von Kat­zen­stein ist für den Deut­schen Hör­buch­preis nomi­niert worden.«

An und für sich ja nichts Beson­de­res, wenn sich hin­ter dem baro­cken Namen und dem Wal­lenst­ein­ge­sicht nicht jemand ver­ber­gen würde, der immens wich­tig für die Ham­bur­ger Thea­ter­szene ist. Leuw von Kat­zen­stein ist nicht etwa »… gebo­ren 1949 als Sohn einer flä­mi­schen Biblio­the­ka­rin und eines bal­ti­schen Ade­li­gen. Stan­des­ge­mäße Erzie­hung in sechs Inter­na­ten. Übte nach einer Aus­bil­dung zum Anwalts­ge­hil­fen diverse Ver­wal­tungs­tä­tig­kei­ten aus. Danach ver­schie­dene Posi­tio­nen in der Unter­hal­tungs­in­dus­trie. Lebt und arbei­tet zur Zeit als Chef­buch­hal­ter eines Revue­thea­ters in der Nähe von Bux­te­hude und ist Vater von fünf Kin­dern.«, wie es im »Per­len­tau­cher« und auf der Ver­lags­seite steht. Son­dern nie­mand anders als Lud­wig von Otting, der umtrie­bige Len­ker der Geschäfte des Tha­lia Thea­ters. Kom­pli­ment für die schöne Maske und die hüb­sche Vita – und das Hör­buch ist zudem lie­be­voll gemacht und wirk­lich gut gelungen.

Wer sich davon über­zeu­gen will:
Ruch­lose Riva­len.
Pira­ten­wort wird nicht gebro­chen
(Ama­zon Partnerlink)

Genau hinschauen: Wer mag das sein? (Quelle: www.ruchlose-rivalen.de)
Genau hin­schauen: Wer mag das sein? (Quelle: www​.ruch​lose​-riva​len​.de)

Mat­thias Schu­mann (kms)