23. Mai 2013
Georges Moustaki †
3. Mai 1934 – 23. Mai 2013
Nachdem uns gestern schon die Nachricht vom Tode Sarah Kirschs erreichte, ist nun auch heute ein großer Künstler gestorben, Georges Moustaki. Er war einer der wichtigsten Chansonsänger Frankreichs, hier, in einer Aufnahme von 1978, singt er seinen Klassiker »Ma Solitude«.
Wie schrieben die Kollegen der französischen Wochenzeitung Le Nouvel Observateur?
»Merci pour tout, et chapeau bas.« Dem schliessen wir uns an.
Matthias Schumann (kms)
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22. Mai 2013
Sarah Kirsch †
16. April 1935 – 5. Mai 2013
Erst heute wurde es bekannt: Eine bedeutende Poetin des alten gespaltenen und des neuen, gesamten Deutschlands ist gestorben, Sarah Kirsch. Wie immer würdigen wir an dieser Stelle nicht mit langen Nachrufen, sondern mit einem Werk der verstorbenen Dichterin.
Trauriger Tag (1973)
Ich bin ein Tiger im Regen
Wasser scheitelt mir das Fell
Trofen tropfen in die Augen
Ich schlurfe langsam, schleudre die Pfoten
die Friedrichstraße entlang
und bin im Regen abgebrannt
Ich hau mich durch Autos bei Rot
geh ins Café um Magenbitter
freß die Kapelle und schaukle fort
Ich brülle am Alex den Regen scharf
das Hochhaus wird naß, verliert seinen Gürtel
(ich knurre : man tut was man kann)
Aber es regnet den siebten Tag
Da bin ich bös bis un die Wimpern
Ich fauchte mir die Straße leer
und setzt mich unter ehrliche Möwen
Die sehen alle nach links in die Spree
Und wenn ich gewaltiger Tiger heule
verstehn sie : ich meine es müßte hier
noch andere Tiger geben
Matthias Schumann (kms)
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17. Mai 2013
Die geregelte Generation
Altersschwerpunkt auf Kampnagel: »Dem Weggehen zugewandt«
Alle Worte sind Struktur. Alles ist Struktur, alles ist Rhythmus, alles ist Regel, ist Ablauf. Die Sprache der Alten ist die Sprache einer Generation der Geregelten. Sie ergeben sich in einer ständig variierten Floskelhaftigkeit, die Ordnung der Dinge liegt schon im allgegenwärtigen »man«, das die Distanz zum Chaos der Vergangenheit und zum Verfall der Gegenwart schon regelt.
Auf Kampnagel kann man zurzeit das Projekt »Dem Weggehen zugewandt« sehen, eine aufwendige Produktion über das Alter, die schon aufgrund ihres fast 70-köpfigen Personals die große Halle K6 bespielen darf. Es ist der eine der beiden Eröffnungsinszenierungen des Themenschwerpunktes zum Thema Alter, den die umtriebige Leitung des Hauses zeitgeistnah in diesem Mai eingerichtet hat und jugendlich-flott »Old School – von Alten lernen« genannt hat.
Zu Beginn finden sich eine Menge Bänke auf der großen Bühne, in zwei Reihen im Halbkreis angeordnet, die offene Seite zum Saal. Es sind klobige Möbelstücke aus hellem, unbehandeltem Holz. Eine jede Bank trägt einen Namensschriftzug, man braucht kein Namenslexikon und keinen Blick auf »Vornamen.de«, um herauszufinden, dass es sich nicht um die Vornamen von Kindern aus dem Prenzlauer Berg handelt. Es sind Namen einer Vorgängergeneration, früher hieß man – da ist es wieder, das »man« – eben so. Zum Einlass sieht man an einem Ende des Halbrundes einen etwas derangierten Weißhaarigen sitzen (Manfred Andrae), die Manschetten und den Kragen offen, stumm, offenbar etwas verwirrt. Damit merken wir schon einmal, worum es bei den folgenden fast 2 Stunden geht.
Es treten dann auf: ein vielköpfiger Laien-Chor mit vorherrschend silbriger Haarfarbe und merkwürdig farbenfroher Gewandung, unerwartet anstelle der weitverbreiteten Seniorenbeigevariationen. Und die prominenten Solospieler, die Fassbinder-Legende Irm Hermann mitten unter ein paar nicht mehr so prominenten Kollegen, Volksbühnenschauspielerin Carin Abicht, der schon genannte Manfred Andrae, zwei ewige Mitglieder des Deutschen Theaters in Berlin, Bärbel Bolle und Ursula Staack und die Wigman-Schülerin Fe Reichelt. Außerdem ein virtuoses 13-köpfiges Streicherensemble aus Berlin mit dem Namen »Kaleidoskop«. Die Sache ordnet sich, der Chor stellt sich auf, Irm Herrmann sitzt mit einer Kladde an einem Schreibtisch und es erklingt »Am Brunnen vor dem Tore«, vom Bewohner des »Dreimäderlhaus« ist das, von Franz Schubert.
Es ist eine Welt des Vergangenen und des Blicks zurück, in der sich Chor und Solisten bewegen, getaktet durch Zeitzeichen und knisternde Rundfunk-Ansagen. Rundfunk, das ist auch so ein Wort von früher, das findet sich heute allenfalls im »R«, in den Abkürzungen von sogenannten Medienanstalten verborgen. Es geht um Erinnerungen und das Vergehen, Irm Hermann rezitiert, aus einer Art Tagebuch physischen Verfalls und bezieht Positionen im Bühnenrund. Man kann das reduziert nennen, oder auch weit hinter den darstellerischen Möglichkeiten zurückbleibend. Ihrer tatsächlichen Aura kann das allerdings nichts anhaben.
So trist allerdings ist die Sache nicht, die Regisseurin Maria Magdalena Ludewig hat eine Menge Einfälle, sie hat ihren Laienchor choreographiert, es wird viel Altes gesungen, die Erinnerungsmaschine angeworfen. Da klappern mal die Kaffeetassen kollektiv, als sei’s ein Stück von Marthaler oder die Choristen sortieren sich nach den Farben ihrer Hemden, was die Beige-Abwesenheit erklärt, es sind die Farben des Regenbogens. Der Regenbogen ist ein Symbol der Hoffnung.
Ein wenig zerfahren wirkt das alles schon, unruhig und ein wenig knirschend zwischen Laienspiel und Profidarstellern. Da hängen die Anschlüsse des Chores schon einmal leicht hinterher und zwischendrin sieht es dann tatsächlich einmal aus wie die Seniorengymnastik in der Volkshochschule. Aber es ist auch ein in Kauf genommenes Spiel mit der Unzulänglichkeit und damit wieder nah beim Thema von Altern und Vergehen.
Im Kleinen groß wird es, wenn Rampenkoryphäen wie Ursula Staack in die Vergangenheit tauchen, Erinnerungsmuster abgerufen werden, vor der Kulisse des Semino-Rossi-Klassikers »Il Silenzio«. Und da ist es dann wieder, das »man« – »Mal wollte es doch einmal schön haben«. Die Vergangenheit und die Erinnerung mitsamt ihren starken Formalisierungen und Strukturen geben eine Führung für das Leben, das sich dem Ende zuneigt. Dem Weggehen zugewandt, ja.
Es ist eine Generation, die eigentlich schon nicht mehr lebt. Die vor dem Krieg im klein– und bildungsbürgerlich Aufgewachsenen, die den deutschen Kanon zwischen Operette und Faust spielend beherrschen, die Nachkommen Diederich Heßlings, die in den Bombennächten um ihre Kinder bangten und auch da immer die Form wahren mussten, um überleben zu können, sind inzwischen fast alle tot.
Die Generation der Kriegskinder hat sie abgelöst als Alte, sie sind es, die das Erbe weitertragen. Auch sie sind mit der »Haltung« und der Ordnung der Dinge aufgewachsen, an die sie sich jetzt klammern. Solche Wahrnehmungsräume macht der Abend dann eben auch auf, und damit erreichen sie uns, die Alten.
In einer der schönsten Szenen kann man die greise Tänzerin Fe Reichelt an der Rampe sehen, ihr tänzerischer Ausdruck ist inzwischen auf ein paar Gesten beschränkt. Sie rezitiert und wird begleitet von einem Streichtrio aus dem großen Kaleidoskop-Ensemble. Die drei junge Frauen tanzen an ihrer Stelle, immer wieder ein leichter Seitsprung zwischen den Schritten aus dem Bühnenhintergrund, sie spielen und sprechen ein Wort: »Großmutter, hüpf!« Es geht eben doch immer noch, zumindest ein bisschen, bis das Ende da ist.
Es wird heute und morgen Abend noch auf Kampnagel gespielt. Wir lernen.
Matthias Schumann (kms)
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16. Mai 2013
Größer als das Leben
Opulente Bilder für eine zeitlose Geschichte: Regisseur Baz Luhrmann bringt »Der große Gatsby« auf die Leinwand. Leider kommt er seinen Figuren nicht wirklich nah – trotz 3D
Wie verfilmt man eine Geschichte, in deren Mitte eine riesige Leerstelle klafft? In der es um eine Liebe geht, die sich in ihrer Besessenheit zunehmend verselbständigt? Eine Geschichte, deren Hauptfigur, der geheimnisvolle Millionär und Partylöwe Jay Gatsby, über lange Zeit ein schillernder Spiegel für die Sehnsüchte und den Neid seiner Mitmenschen bleibt? »Der große Gatsby« von F. Scott Fitzgerald ist auch fast 90 Jahre nach seinem Erscheinen noch immer eine der Great American Novels: nicht, weil das Buch ein Sittenporträt der 20er Jahre zeichnet, sondern wegen seiner zeitlos bösen Geschichte von menschlichen Projektionen. Sicherlich ein Grund, warum sich Regisseure jeder Generation daran abarbeiten: Jay Gatsby und seine unerreichbare Geliebte Daisy Buchanan sind Figuren wie Leinwände, auf die jeder seinen eigenen Film projizieren kann. Eine Steilvorlage fürs Kino.
Dass der australische Regisseur Baz Luhrmann den Tanz der Bilder so virtuos beherrscht wie nur wenige andere, dafür hätte es nach »Romeo und Julia« (1996) und »Moulin Rouge« (2001) eigentlich keines Beweises mehr bedurft – er liefert ihn trotzdem, zeitgemäß in 3D. Völlig anders als der Emporkömmling Jay Gatsby schämt sich diese Art von Kino nicht für seine Herkunft: Luhrmann knüpft mit modernen Mitteln an die Anfangszeit der Bewegten Bilder an, als Filme nicht als Hochkultur galten, sondern als Rummelplatzattraktion. Wer in den 70er Jahren Kind war, erinnert sich vielleicht auch noch an die Anfänge des 3-D-Kinos, ebenfalls in kuppelförmigen Zelten zwischen Riesenrad und Zuckerwattestand: dicht gedrängte Menschenmassen mit Rotgrün-Brillen, die alle gemeinsam das Gleichgewicht verloren, wenn der Zug von der Leinwand scheinbar auf sie zuraste.
Bei Luhrman bekommt der Raum Dimensionen, die zur Gigantomanie der Gatsby-Geschichte passen: »Bigger than life« rasen Schneeflocken in Richtung Zuschauer, stürzt der Blick in die neu entstehenden Häuserschluchten Manhattans, spielen schwarze Saxophonisten auf roten Feuertreppen. Ikonographische Bilder, viele davon eins zu eins aus dem Roman übernommen. Das abbröckelnde Riesen-Werbeschild eines Optikers in der Nähe einer Kohlenhalde, ein gigantisches Paar Augen hinter einer Brille, bekommt auf der Leinwand eine nahezu metaphysische Dimension: Als wäre hier ein ebenso allmächtiger wie mitleidloser Gott anwesend, unter dessen leerem Blick die Personen ins Verderben rasen. Dabei macht die Tiefe des Raumes das Geschehen nicht etwa lebensechter, im Gegenteil: Wenn Gatsby (Leonardo diCaprio) Daisy (Carey Mulligan) nachts im Park zwischen uralten Bäumen trifft, sieht das aus, als bewegten sich die beiden zwischen Hightech-Schiebekulissen. Störend? Kein bisschen: Derart theatralisches Kino braucht keinen unnötigen Realismus.
So passt es auch ins Bild, dass diese Ausstattungsorgie sich lässig über penible historische Korrektheit hinwegsetzt: Ob die Designer-Roben der Frauenfiguren wirklich originalgetreu so verarbeitet sind wie in den 20er Jahren – who cares? Hauptsache, sie sehen mit ihren stromlinienförmigen Häubchen und Koteletten aus, als wären sie einem Gemälde von Tamara de Lempicka entsprungen. Wie ein Puzzleteil passt auch der eklektizistische Soundtrack dazu, vom Original-Jazz der Prohibitionszeit bis zum zeitgenössischen Retrosound mit der Stimme von Lana del Rey.
Damit ist »Der große Gatsby« auch ein Kommentar zur Popkultur unseres Jahrzehnts: eine Collage aus Samples, Zitaten, Remixes. Selbst die altmodische Kommunikationstechnik im Film scheint auf DSL-Geschwindigkeit zu laufen: Derart häufig wird der Titelheld an den altmodischen Fernsprechapparat gerufen, als bekäme er laufend Push-Nachrichten vom Smartphone.
Ach ja: Die Bilder, der Ton, das Tempo – es könnte alles so schön sein. Wenn da nicht zwei Kleinigkeiten wären: die Menschen. Die Geschichte. Denn wie schon in seinen früheren Filmen reicht es Baz Luhrmann ja nicht, ein Feuerwerk abzubrennen – es soll auf der großen Leinwand auch um große Gefühle gehen. Und genau da beginnt das Problem: Wo so ein Höchstmaß an Künstlichkeit, an Oberfläche, an Show herrscht, da nimmt man es den Figuren schwer ab, dass sie nicht nur einen begehbaren Kleiderschrank und einen Fuhrpark haben. Sondern auch ein Herz. Deshalb wirken die emotionalen Szenen immer ein wenig so, als würde ein Top-Designer im Vogue-Interview plötzlich über seine schwierige Kindheit sprechen: seltsam deplatziert, beinahe zum Fremdschämen.
An den Schauspielern liegt das nicht: Der ewige Titanic-Posterboy Leonardo di Caprio spielt den verliebten Millionär Gatsby mit Wärme und Verve, Joel Edgerton gibt Daisys Ehemann ein herrlich schmieriges Gesicht, Tobey Maguires jungenhaftes Auftreten passt bestens zum schüchternen Erzähler Nick Carraway, und Carey Mulligan – nun ja: Eine hohle Nuss zu spielen, das ist eine ganz eigene Leistung.
Trotzdem: Wenn sich in der zweiten Hälfte des Films das Drama zuspitzt – die verwöhnte Daisy denkt überhaupt nicht daran, ihren wohlhabenden Mann für ihre Jugendliebe Gatsby zu verlassen –, dann ist man schon so auf Tempo, Action, Krawall gebürstet, dass man dem Kammerspiel eher unbeteiligt folgt.
Auf der Leinwand wird fotogen geheult, im Saal bleiben alle Augen trocken. Ernst ist das Leben, heiter die Kunst, Überschneidungen selten. Anrührend sind allenfalls jene Liebeserklärungen, die nach Zalando-Werbespot klingen und nicht nach Shakespeare. Wenn Daisy Jay Gatsby für seinen schönen Hemden lobt und für seine Eleganz – dann ist sie in ihrer Oberflächlichkeit ganz bei sich.
Aber vielleicht ist diese Art von lebensnaher Liebesgeschichte auch einfach unverfilmbar: Wie bringt man eine Person auf die Leinwand, die in der eigenen Erinnerung und Phantasie zu einem Bild reinster Liebe geworden ist, während sie in Wirklichkeit bloß dekorativ im Prada-Fummel herumsteht? Am ehesten spürbar wird diese romantisch überhöhte Sehnsucht in den Momenten, in denen Daisy gar nicht im Bild ist. In denen Gatsby über die Bucht hinüberblickt zum grünen Positionslicht auf Daisys und Toms Bootssteg. Der Rest ist: Lärm, Zirkus, Feuerwerk und jede Menge coole Klamotten. Immerhin: nicht die schlechtesten Voraussetzungen für einen unterhaltsamen Abend.
Verena Carl (vc)
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