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Was uns interessiert:

Fliegen, so leicht

Georges Moustaki †

Sarah Kirsch †

17. April 2012

Was uns interessiert:

Rubriken: Allgemein | Kommentare (0)

23. Mai 2013

Fliegen, so leicht

Ste­fan Gwil­dis und die NDR Big­band haben einen Klas­si­ker ein­ge­spielt. Nicht mehr und nicht weniger.

Mat­thias Schu­mann (kms)

Rubriken: Musik, Musik, Plattenkritik | Kommentare (0)

23. Mai 2013

Georges Moustaki †

3. Mai 1934 – 23. Mai 2013

Nach­dem uns ges­tern schon die Nach­richt vom Tode Sarah Kirschs erreichte, ist nun auch heute ein gro­ßer Künst­ler gestor­ben, Geor­ges Moustaki. Er war einer der wich­tigs­ten Chan­son­sän­ger Frank­reichs, hier, in einer Auf­nahme von 1978, singt er sei­nen Klas­si­ker »Ma Soli­tude«.

Wie schrie­ben die Kol­le­gen der fran­zö­si­schen Wochen­zei­tung Le Nou­vel Obser­va­teur?
»Merci pour tout, et cha­peau bas.« Dem schlies­sen wir uns an.

Mat­thias Schu­mann (kms)

Rubriken: Musik | Kommentare (1)

22. Mai 2013

Sarah Kirsch †

16. April 1935 – 5. Mai 2013

Sarah Kirsch 1964 (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-C1114-0020-002 / Franke, Klaus / CC-BY-SA)
Sarah Kirsch 1964 (Bild: Bun­des­ar­chiv, Bild 183-C1114-0020–002 / Franke, Klaus / CC-BY-SA)
 

Erst heute wurde es bekannt: Eine bedeu­tende Poe­tin des alten gespal­te­nen und des neuen, gesam­ten Deutsch­lands ist gestor­ben, Sarah Kirsch. Wie immer wür­di­gen wir an die­ser Stelle nicht mit lan­gen Nach­ru­fen, son­dern mit einem Werk der ver­stor­be­nen Dichterin.

Trau­ri­ger Tag (1973)

Ich bin ein Tiger im Regen
Was­ser schei­telt mir das Fell
Tro­fen trop­fen in die Augen

Ich schlurfe lang­sam, schleudre die Pfo­ten
die Fried­rich­straße ent­lang
und bin im Regen abgebrannt

Ich hau mich durch Autos bei Rot
geh ins Café um Magen­bit­ter
freß die Kapelle und schaukle fort

Ich brülle am Alex den Regen scharf
das Hoch­haus wird naß, ver­liert sei­nen Gür­tel
(ich knurre : man tut was man kann)

Aber es reg­net den sieb­ten Tag
Da bin ich bös bis un die Wimpern

Ich fauchte mir die Straße leer
und setzt mich unter ehr­li­che Möwen

Die sehen alle nach links in die Spree

Und wenn ich gewal­ti­ger Tiger heule
ver­stehn sie : ich meine es müßte hier
noch andere Tiger geben

Mat­thias Schu­mann (kms)

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17. Mai 2013

Die geregelte Generation

Alters­schwer­punkt auf Kamp­na­gel: »Dem Weg­ge­hen zugewandt«

Großmutter, hüpf! (Foto: Kampnagel/Simone Scardovelli
Groß­mut­ter, hüpf! (Foto: Kampnagel/Simone Scardovelli

Alle Worte sind Struk­tur. Alles ist Struk­tur, alles ist Rhyth­mus, alles ist Regel, ist Ablauf. Die Spra­che der Alten ist die Spra­che einer Gene­ra­tion der Gere­gel­ten. Sie erge­ben sich in einer stän­dig vari­ier­ten Flos­kel­haf­tig­keit, die Ord­nung der Dinge liegt schon im all­ge­gen­wär­ti­gen »man«, das die Dis­tanz zum Chaos der Ver­gan­gen­heit und zum Ver­fall der Gegen­wart schon regelt.

Auf Kamp­na­gel kann man zur­zeit das Pro­jekt »Dem Weg­ge­hen zuge­wandt« sehen, eine auf­wen­dige Pro­duk­tion über das Alter, die schon auf­grund ihres fast 70-köpfigen Per­so­nals die große Halle K6 bespie­len darf. Es ist der eine der bei­den Eröff­nungs­in­sze­nie­run­gen des The­men­schwer­punk­tes zum Thema Alter, den die umtrie­bige Lei­tung des Hau­ses zeit­geist­nah in die­sem Mai ein­ge­rich­tet hat und jugendlich-flott »Old School – von Alten ler­nen« genannt hat.

Zu Beginn fin­den sich eine Menge Bänke auf der gro­ßen Bühne, in zwei Rei­hen im Halb­kreis ange­ord­net, die offene Seite zum Saal. Es sind klo­bige Möbel­stü­cke aus hel­lem, unbe­han­del­tem Holz. Eine jede Bank trägt einen Namens­schrift­zug, man braucht kein Namens­le­xi­kon und kei­nen Blick auf »Vor​na​men​.de«, um her­aus­zu­fin­den, dass es sich nicht um die Vor­na­men von Kin­dern aus dem Prenz­lauer Berg han­delt. Es sind Namen einer Vor­gän­ger­ge­ne­ra­tion, frü­her hieß man – da ist es wie­der, das »man« – eben so. Zum Ein­lass sieht man an einem Ende des Halb­run­des einen etwas deran­gier­ten Weiß­haa­ri­gen sit­zen (Man­fred Andrae), die Man­schet­ten und den Kra­gen offen, stumm, offen­bar etwas ver­wirrt. Damit mer­ken wir schon ein­mal, worum es bei den fol­gen­den fast 2 Stun­den geht.

Es tre­ten dann auf: ein viel­köp­fi­ger Laien-Chor mit vor­herr­schend silb­ri­ger Haar­farbe und merk­wür­dig far­ben­fro­her Gewan­dung, uner­war­tet anstelle der weit­ver­brei­te­ten Senio­ren­bei­ge­va­ria­tio­nen. Und die pro­mi­nen­ten Solo­spie­ler, die Fassbinder-Legende Irm Her­mann mit­ten unter ein paar nicht mehr so pro­mi­nen­ten Kol­le­gen, Volks­büh­nen­schau­spie­le­rin Carin Abicht, der schon genannte Man­fred Andrae, zwei ewige Mit­glie­der des Deut­schen Thea­ters in Ber­lin, Bär­bel Bolle und Ursula Staack und die Wigman-Schülerin Fe Rei­chelt. Außer­dem ein vir­tuo­ses 13-köpfiges Strei­cher­en­sem­ble aus Ber­lin mit dem Namen »Kalei­do­skop«. Die Sache ord­net sich, der Chor stellt sich auf, Irm Herr­mann sitzt mit einer Kladde an einem Schreib­tisch und es erklingt »Am Brun­nen vor dem Tore«, vom Bewoh­ner des »Drei­mä­derl­haus« ist das, von Franz Schubert.

Es ist eine Welt des Ver­gan­ge­nen und des Blicks zurück, in der sich Chor und Solis­ten bewe­gen, getak­tet durch Zeit­zei­chen und knis­ternde Rundfunk-Ansagen. Rund­funk, das ist auch so ein Wort von frü­her, das fin­det sich heute allen­falls im »R«, in den Abkür­zun­gen von soge­nann­ten Medi­en­an­stal­ten ver­bor­gen. Es geht um Erin­ne­run­gen und das Ver­ge­hen, Irm Her­mann rezi­tiert, aus einer Art Tage­buch phy­si­schen Ver­falls und bezieht Posi­tio­nen im Büh­nen­rund. Man kann das redu­ziert nen­nen, oder auch weit hin­ter den dar­stel­le­ri­schen Mög­lich­kei­ten zurück­blei­bend. Ihrer tat­säch­li­chen Aura kann das aller­dings nichts anhaben.

So trist aller­dings ist die Sache nicht, die Regis­seu­rin Maria Mag­da­lena Lude­wig hat eine Menge Ein­fälle, sie hat ihren Lai­en­chor cho­reo­gra­phiert, es wird viel Altes gesun­gen, die Erin­ne­rungs­ma­schine ange­wor­fen. Da klap­pern mal die Kaf­fee­tas­sen kol­lek­tiv, als sei’s ein Stück von Martha­ler oder die Cho­ris­ten sor­tie­ren sich nach den Far­ben ihrer Hem­den, was die Beige-Abwesenheit erklärt, es sind die Far­ben des Regen­bo­gens. Der Regen­bo­gen ist ein Sym­bol der Hoffnung.

Ein wenig zer­fah­ren wirkt das alles schon, unru­hig und ein wenig knir­schend zwi­schen Lai­en­spiel und Pro­fi­dar­stel­lern. Da hän­gen die Anschlüsse des Cho­res schon ein­mal leicht hin­ter­her und zwi­schen­drin sieht es dann tat­säch­lich ein­mal aus wie die Senio­ren­gym­nas­tik in der Volks­hoch­schule. Aber es ist auch ein in Kauf genom­me­nes Spiel mit der Unzu­läng­lich­keit und damit wie­der nah beim Thema von Altern und Vergehen.

Im Klei­nen groß wird es, wenn Ram­pen­ko­ry­phäen wie Ursula Staack in die Ver­gan­gen­heit tau­chen, Erin­ne­rungs­mus­ter abge­ru­fen wer­den, vor der Kulisse des Semino-Rossi-Klassikers »Il Silenzio«. Und da ist es dann wie­der, das »man« – »Mal wollte es doch ein­mal schön haben«. Die Ver­gan­gen­heit und die Erin­ne­rung mit­samt ihren star­ken For­ma­li­sie­run­gen und Struk­tu­ren geben eine Füh­rung für das Leben, das sich dem Ende zuneigt. Dem Weg­ge­hen zuge­wandt, ja.

Es ist eine Gene­ra­tion, die eigent­lich schon nicht mehr lebt. Die vor dem Krieg im klein– und bil­dungs­bür­ger­lich Auf­ge­wach­se­nen, die den deut­schen Kanon zwi­schen Ope­rette und Faust spie­lend beherr­schen, die Nach­kom­men Diede­rich Heß­lings, die in den Bom­ben­näch­ten um ihre Kin­der bang­ten und auch da immer die Form wah­ren muss­ten, um über­le­ben zu kön­nen, sind inzwi­schen fast alle tot.

Die Gene­ra­tion der Kriegs­kin­der hat sie abge­löst als Alte, sie sind es, die das Erbe wei­ter­tra­gen. Auch sie sind mit der »Hal­tung« und der Ord­nung der Dinge auf­ge­wach­sen, an die sie sich jetzt klam­mern. Sol­che Wahr­neh­mungs­räume macht der Abend dann eben auch auf, und damit errei­chen sie uns, die Alten.

In einer der schöns­ten Sze­nen kann man die greise Tän­ze­rin Fe Rei­chelt an der Rampe sehen, ihr tän­ze­ri­scher Aus­druck ist inzwi­schen auf ein paar Ges­ten beschränkt. Sie rezi­tiert und wird beglei­tet von einem Streich­trio aus dem gro­ßen Kaleidoskop-Ensemble. Die drei junge Frauen tan­zen an ihrer Stelle, immer wie­der ein leich­ter Seit­sprung zwi­schen den Schrit­ten aus dem Büh­nen­hin­ter­grund, sie spie­len und spre­chen ein Wort: »Groß­mut­ter, hüpf!« Es geht eben doch immer noch, zumin­dest ein biss­chen, bis das Ende da ist.

Es wird heute und mor­gen Abend noch auf Kamp­na­gel gespielt. Wir lernen.

Mat­thias Schu­mann (kms)

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