Veränderer, das sind die anderen

HHF-Gastautor Christopher Bünte über Howard Cruse´ meisterhafte Graphic Novel »Stuck Rubber Baby«

Wenn Cross Cult »Stuck Rub­ber Baby« ver­öf­fent­licht, eine groß­ar­tige Gra­phic Novel über einen jun­gen Mann, der homo­se­xu­ell ist, es aber nicht sein darf und nicht sein will, zur Zeit der US-Bürgerrechtsbewegung in den frü­hen 1960er Jah­ren, dann darf gefragt wer­den: Was hat das mit dem Hier und Jetzt zu tun?

Howard Cruse heißt der Mann hin­ter die­sem Comic, einer der gro­ßen US-Independent-Altmeister wie Robert Crumb oder Har­vey Pekar. Obwohl seine Geschichte über den jun­gen Toland Polk fik­tiv ist, erzählt Cruse stän­dig von sich selbst, von sei­nen eige­nen Erleb­nis­sen und sei­nen eige­nen Pro­ble­men. Wie jede gute Erzäh­lung mit auto­bio­gra­phi­schem Ein­schlag ist Cruse dabei selbst­kri­tisch bis ins Mark.

Die unzäh­li­gen Details und die den Leser fast über­for­dernde Anzahl an han­deln­den Figu­ren sind Anzei­chen dafür, dass das alles tat­säch­lich so irgend­wie pas­siert ist, damals, in den Sech­zi­gern, in den USA. Aber was hat das mit uns zu tun? In Deutsch­land und in ande­ren west­li­chen Län­dern sind gleich­ge­schlecht­li­che Ehen inzwi­schen mög­lich. Unser Außen­mi­nis­ter und der Bür­ger­meis­ter unse­rer Haupt­stadt beken­nen sich offen zu ihrer Homo­se­xua­li­tät. Die Bür­ger­rechts­be­we­gung liegt fünf­zig Jahre in der Ver­gan­gen­heit, auf einem ande­ren Kon­ti­nent. Und der aktu­elle Prä­si­dent der USA ist schwarz. Wurde »Stuck Rub­ber Baby« von der Zeit überholt?

Ver­än­dern wir für einen Moment den Blick­win­kel. »Stuck Rub­ber Baby« wurde in Deutsch­land zum ers­ten Mal 1995 ver­öf­fent­licht, damals bei Carl­sen unter dem Titel »Am Rande des Him­mels«. Das war zwar gezwun­gen poe­tisch, jedoch fern jeg­li­cher Über­set­zung. Dabei ist der Ori­gi­nal­ti­tel ein Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis von Cruse‘ Werk.

Es gibt da diese Szene, in der Toland Polk mit sei­ner Freun­din Gin­ger schla­fen möchte, ein Kon­dom aus der Tasche holt und fest­stellt, dass es alt und ein­ge­trock­net ist. »Selbst eine Herde Ele­fan­ten hätte es nicht auf­rol­len kön­nen.« Getrock­net und zusam­men­ge­klebt – das ist das Stuck Rub­ber. Zum Geschlechts­ver­kehr kommt es nicht. Statt­des­sen gesteht Toland sei­ner Freun­din, dass er sich zu Män­nern hin­ge­zo­gen fühlt. Er macht damit einen ers­ten Schritt in Rich­tung Coming-Out, hin zu Wahr­heit und Veränderung.

Wenn Cruse das alte Gummi zum Titel des gesam­ten Comics erhebt, wird dar­aus ein Sym­bol. Natür­lich ist mit »Stuck Rub­ber Baby« die Haupt­fi­gur Toland Polk gemeint – der wie­derum das Alter Ego des Autors selbst ist. Aber die­ses Ein­ge­trock­nete, Unbe­weg­li­che, jeg­li­chen Schritt zur Liebe Ver­hin­dernde steht auch als Zei­chen für den jun­gen Wei­ßen, der den Kampf der Bür­ger­rechts­be­we­gung mehr pas­siv, als aktiv erlebt, der das Risiko scheut, denn es ist ja nicht sein Kampf. Er ist lie­ber Zaungu­cker, Teil einer Gesell­schaft, die fest­steckt und unbe­weg­lich gewor­den ist. Ver­än­de­rer, das sind die anderen.

Und so ver­bringt Toland Polk in die­sem Buch ein unglück­li­ches, nach­denk­li­ches Leben zwi­schen Selbst­ver­leum­dung, Angst und Zwei­feln. Was er ist, will er nicht sein. Was er sein sollte, könnte er nach­le­sen. Und zwar im Dixie Patriot. In die­ser rechts­ra­di­ka­len Zei­tung steht, was einen guten Ame­ri­ka­ner in den 1960ern angeb­lich aus­macht. Er ist näm­lich weder schwul noch schwarz. Toland duckt sich unter die­ser Dis­zi­pli­nie­rung weg, taucht ab, ist zu ängst­lich, dage­gen aufzubegehren.

Er ist nicht das hel­den­hafte Indi­vi­duum, das sich gegen ein unge­rech­tes Sys­tem wehrt. Er ist das ängst­li­che Indi­vi­duum, das ver­sucht, sich mit einem unge­rech­ten Sys­tem zu arran­gie­ren. Und trotz­dem auf die große Ver­än­de­rung hofft. In der Dar­stel­lung die­ses Zwie­spalts ist »Stuck Rub­ber Baby« zeit­los und uni­ver­sell. Ein sub­ti­ler und kraft­vol­ler Apell, nicht ein­zu­trock­nen, son­dern nach Liebe und Gerech­tig­keit zu streben.

Howard Cruse: Stuck Rub­ber Baby
über­setzt von Andreas C. Knigge,
Cross Cult, Hard­co­ver, schwarz­weiß, 240 Sei­ten
[Ama­zon Part­ner­link]

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Ein Kommentar zu “Veränderer, das sind die anderen”

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