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15. September 2011

Der Ermöglicher

Thalia-Geschäftsführer Lud­wig von Otting im Gespräch


Im Thea­ter gibt es immer Men­schen, die hin­ter den Kulis­sen arbei­ten, die kaum jemand kennt und ohne die fast nichts mög­lich wäre. Dazu gehö­ren in den gro­ßen Häu­sern nicht nur die Mit­ar­bei­ter der tech­ni­schen Abtei­lun­gen wie Büh­nen­werk­stät­ten, Licht­tech­ni­ker und Ton­meis­ter, son­dern auch die der Verwaltung.

Eine der inter­es­san­tes­ten die­ser grauen Emi­nen­zen der deut­schen Thea­ter­land­schaft ist sicher­lich der lang­jäh­rige Geschäfts­füh­rer des Ham­bur­ger Tha­lia Thea­ters, Lud­wig von Otting.

Er ist nicht nur für die Finan­zen des Hau­ses am Als­ter­tor zustän­dig, son­dern auch seit vie­len Jah­ren und über drei Inten­dan­zen hin­weg inten­siv in den Spiel­be­trieb involviert.

Seit eini­ger Zeit macht er auch als Autor von sich reden, unter dem Pseud­onym »Leuw von Kat­zen­stein« schreibt er aben­teu­er­li­che Jugend­bü­cher über Pira­ten und Seeungeheuer.

Wir tra­fen Lud­wig von Otting Anfang März an sei­ner Wir­kungs­stätte, im Tha­lia Thea­ter, und führ­ten ein lan­ges Inter­view mit ihm über das Thea­ter, die Bücher und die Ham­bur­ger Kulturpolitik.

Die gekürzte Film­fas­sung ist ab heute exklu­siv im HAMBURGER FEUILLETON zu sehen, die aus­führ­li­chere Print­fas­sung wer­den wir nach­fol­gend – als mehr­tei­lige Serie – im Wochen­rhyth­mus an die­ser Stelle prä­sen­tie­ren. Den ers­ten Teil »Der älteste Zie­gel­stein in der Mauer des Thea­ters« kön­nen sie hier lesen.

Wir dan­ken Ste­fan Albrecht (www​.bes​te​bil​der​.de) und sei­nem Team, der die­sen Bei­trag für uns ermög­licht hat und Rachel Mischke für die groß­ar­tige Post Production.

Mat­thias Schu­mann (kms)

12. April 2011

André Müller †

*1946  – † 10.4.2011

Ein gros­ser Inter­viewer ist gestorben.

Wie immer an die­ser Stelle, kein Nachruf,

son­dern ein Hin­weis auf das Werk:

André Mül­ler, Texte, Gesprä­che, Interviews

Mat­thias Schu­mann (kms)

17. März 2011

Ich arbeite, also bin ich!?

Was bedeu­tet Arbeit für uns? Liebt der Deut­sche sei­nen Beruf zu sehr? Und darf man auch manch­mal gar nichts tun? An einem der ers­ten Früh­lings­tage in einem Münch­ner Stra­ßen­café. Müßig­gang oder Arbeit? Hier ist die Grenze flie­ßend. Denn ein Inter­view mit Regis­seu­rin Gesche Pie­ning ist ein Ver­gnü­gen. Deren Pro­duk­tion »Lohn und Brot“ gas­tiert am 25. und 26. 3. in Ham­burg. Ein Gespräch über Arbeit und unsere Liebe dazu.

Da sitzt sie bei ihrem Pilz-Risotto und erzählt. Gesche Pie­ning ist bei der Arbeit und in ihrem Ele­ment. Ihr Ele­ment heißt Thea­ter, ihre Arbeit Regie. Was liegt da näher als ein Stück zum Thema Arbeit zu machen? Ach, Blöd­sinn, eins! Pie­ning macht keine hal­ben Sachen. Sie nimmt gleich zwei Gesprächs­pro­to­kolle zum Thema, die unter­schied­li­cher nicht sein könn­ten, und bringt diese mit vier Schau­spie­lern auf die Bühne: Die Pro­duk­tion »Lohn und Brot« ver­mengt Erika Run­ges klas­sen­kämp­fe­ri­sche »Bot­tro­per Pro­to­kolle« von 1968 und Kath­rin Rög­g­las »wir schla­fen nicht« aus dem Jahr 2004, das aus Gesprä­chen mit Chefs und Arbeit­neh­mern der New Eco­nomy zusam­men­ge­stellt ist.

Zu Beginn der Pro­ben­zeit hat sie ihren Schau­spie­lern vom Luxus erzählt, jetzt sechs Wochen an die­sen Stof­fen pro­bie­ren zu kön­nen. Und das sogar bezahlt! Das sind Stadttheater-Bedingungen, und dafür hat sie gekämpft. Ein gan­zes Jahr lang. »Ich konnte doch kein Stück über Arbeits­be­din­gun­gen in Deutsch­land machen und dann meine Schau­spie­ler schlecht bezah­len!« sagt sie, Empö­rung im Blick. Zahl­rei­che För­de­run­gen hat sie für die Pro­duk­tion erhal­ten. Die freie Szene ist ein har­tes Brot, in der der Lohn erkämpft sein will. Gesche Pie­ning weiß, wovon sie spricht – und lacht dar­über: »Du hast eine Idee, beißt dich daran fest, schreibst ein Kon­zept, stellst einen Antrag. Dann wirst du geför­dert – und kriegst erst­mal die Panik. Und dann beginnst du eben zu arbeiten.“

Wenn sie gewusst hätte, was ihr Beruf bedeu­tet, ob sie dann trotz­dem Schau­spiel stu­diert hätte? Kurze Denk­pause. Dann hef­ti­ges Nicken. Sie hätte sich aller­dings bes­ser dar­auf vor­be­rei­ten wol­len im Rah­men ihres Stu­di­ums: »Als Regis­seur in der freien Szene bist du alles auf ein­mal: Arbeit­neh­mer, Mana­ger, du schreibst För­der­an­träge, machst Akquise. Für Kunst bleibt da wenig Zeit.« Sie blät­tert in ihren Unter­la­gen und liest vor aus dem »Report Dar­stel­lende Künste«, aus dem sie für ihre Schauspiel-Studierenden Pas­sa­gen abge­tippt hat: »Die durch­schnitt­li­che Arbeits­wo­chen­zeit der freien Thea­ter– und Tanz­schaf­fen­den beträgt 45 Stun­den. Davon flie­ßen 35 Pro­zent in künst­le­ri­sche und nicht­künst­le­ri­sche Neben­tä­tig­kei­ten, um den Lebens­un­ter­halt zu sichern; 32 Pro­zent flie­ßen in die Orga­ni­sa­tion und Akquise der künst­le­ri­schen Haupt­tä­tig­keit. Für die eigent­li­che künst­le­ri­sche Arbeit ver­blei­ben nur knapp 33 Prozent.“

In einem Fest­en­ga­ge­ment sähe das anders aus. Dort wird man zwar nicht reich, aber immer­hin regel­mä­ßig bezahlt. Warum sie das nicht macht? Nach ihrer Aus­bil­dung an der Otto-Falckenberg-Schule kam das für sie nicht in Frage. Denn diese staat­li­che Schauspiel-Ausbildung, das ist so eine Sache: 

Nicht im Stress? Da läuft doch was schief.
Nicht im Stress? Da läuft doch was schief.

»Man geht im ers­ten Jahr in eine Art Tun­nel hin­ein und küm­mert sich um nichts. Und dann kommt man nach vier Jah­ren wie­der raus und hat sich nur mit sich selbst beschäf­tigt.« Für die Absol­ven­tin Pie­ning stellt sich eine ent­schei­dende Frage: Wie soll man als Schau­spie­ler eine Welt dar­stel­len, von der man keine Ahnung hat, ohne in Kli­schees zu verfallen?

Die junge Schau­spie­le­rin ent­schei­det sich für die Arbeit mit Mana­gern, Mit­tel­stand, Indus­trie, Pfar­rern, kurz: Men­schen in Sprech­be­ru­fen. Diese ler­nen von ihr. Und sie lernt von ihnen. Wäh­rend­des­sen unter­rich­tet sie Schau­spiel. Und macht sich Gedan­ken dar­über, wie eine Aus­bil­dung aus­se­hen müsste, die Schau­spie­ler dar­auf vor­be­rei­tet, auch in der freien Szene zu arbei­ten. Denn das lernt man nicht. Und dann sitzt man da und hat keine Ahnung, wie man das am bes­ten angeht.

Die Idee zu der Text­col­lage? »Hat mein Dra­ma­turg mir geschenkt.« sagt sie. Peter Punck­haus und sie haben das Kon­zept zusam­men erar­bei­tet. Aber eigent­lich hat das Thema von »Lohn und Brot« sie ja bereits seit Jah­ren beglei­tet. Was macht unsere Arbeit mit uns? Wie gehen wir mit ihr um? Kön­nen wir über­haupt ohne? Und inwie­weit bestimmt der Beruf unsere Iden­ti­tät? Wenn sich eine wie Gesche Pie­ning so rea­li­täts­nah und reflek­tiert damit aus­ein­an­der­setzt, möchte man sich defi­ni­tiv anse­hen, was sie auf der Bühne dar­aus macht.

Die Popo Mar­tin hat sie vor­ge­spro­chen aus »Fette Män­ner im Rock« von Nicky Sil­ver in der Auf­nah­me­prü­fung an der Falckenberg-Schule. Eine Ver­rückte also. Und Goe­thes Stella. Eine, die ver­rückt genug ist, im Drei­eck zu lie­ben. Das passt irgend­wie. Ein biss­chen ver­rückt muss man schließ­lich auch sein, um die Arbeit zu machen, die sie macht. Und ein biss­chen ver­liebt womög­lich auch.

Nata­lie Fin­ger­hut (nf)