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9. April 2011

Lesetage, Tag 2: Von Schafen und Menschen

Anke Rich­ter war im Rah­men der Vat­ten­fall Lese­tage bei Dr. Götze Land & Karte zu Gast mit ihrem Buch »Was sche­ren mich die Schafe? Unter Neu­see­län­dern. Eine Ver­wand­lung«. Ein höchst ver­gnüg­li­cher Clash der Kulturen.

Vorweg sei gesagt: Die Rezen­sen­tin hatte bis­lang kein gestei­ger­tes Bedürf­nis, nach Neu­see­land zu rei­sen. Natür­lich, irgend­wann mal, wenn man Geld hat und sechs Wochen Urlaub, dann reist man ans andere Ende der Welt. Also nie. Die Neu­gier lockte sie aber doch in Anke Rich­ters Lesung ihres Neuseeland-Auswanderer-Buches »Was sche­ren mich die Schafe?«.

Zusätz­lich sei vor­aus­ge­schickt: Lesun­gen sind nicht so mein Ding. Wenn ich lese, will ich meine Ruhe. Wenn ich mir etwas ansehe, ist es Thea­ter, Oper, Kino, also Ver­an­stal­tun­gen, bei denen etwas pas­siert. Trotz allem bin ich letzt­lich doch immer wie­der über­rascht, wie es mich berührt, wenn ein Autor seine eigene Spra­che liest. Wie es mich anfasst zu hören, dass sie ihm viel­leicht sogar etwas fremd gewor­den ist. Immer­hin hat er sie abge­ge­ben vor gerau­mer Zeit, und da liegt sie nun gedruckt zwi­schen zwei Buch­de­ckeln und ist even­tu­ell gar nicht mehr so nah.

Anke Rich­ter nun ver­eint das, was ich an Ver­an­stal­tun­gen mag, in die ich für gewöhn­lich gehe, mit die­sem oben beschrie­be­nen Lesungs-Ding. Sie hat eine Requi­si­ten­kiste dabei, in der sie wühlt. Das hat fast etwas von Thea­ter. Darin befin­det sich – ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit: eine Welt­karte (auf der Neu­see­land nicht drauf ist); eine Neuseeland-Schürze (auf der nur Neu­see­land drauf ist); Ohr­wär­mer aus Opossum-Fell (wobei sie betont, dass man der Natur dort einen Gefal­len tut, wenn man das Fell die­ser pos­sier­li­chen Land­plage trage, das sei poli­tisch völ­lig kor­rekt); Opossum-Brustwärmer (lei­der saß die Rezen­sen­tin in der ach­ten Reihe, was eine Prü­fung von deren Echt­heit nicht zuließ); ein auf­zieh­ba­rer Rug­by­spie­ler (denn: »Sport ist ein wich­ti­ger Topos«); »I love NZ«–Puls­wär­mer (die sie immer hebt, wenn sie gerade beson­ders böse Kli­schees über ihre neue Hei­mat verliest).

Ihr Buch ist die pri­vate Schil­de­rung ihres Lebens in Neu­see­land. Anke Rich­ter ist intel­li­gent, sie ist komisch, beim Lesen manch­mal fast ein wenig atem­los, des­we­gen bremst sie sich gerne mal. Acht Jahre lebt sie bereits als Aus­lands­kor­re­spon­den­tin mit ihrem Mann und ihren zwei Söh­nen in der Hafen­stadt Lyt­tel­ton, etwa 15 Kilo­me­ter von Christ­church. Und so liest sie mit einer gro­ßen Por­tion Selbst­iro­nie und Humor von Motto-Partys, Köl­ner Kar­ne­val und Immigranten-Paranoia,  (schließ­lich baden Deut­sche immer nackt, gehen im Stech­schritt und tra­gen San­da­len mit Socken).

Um Eigen– und Fremd­bil­der geht es und um einen Hau­fen Kli­schees, die sie im Laufe des Abends mit Anek­do­ten aus dem Zuwanderer-Leben mun­ter be– oder entkräftet.

Anke Rich­ter ist alles, aber nicht selbst­ge­recht. Wenn sie über die Deut­schen in Neu­see­land berich­tet, ist sie bis­sig, manch­mal zynisch, aber meis­tens ein­fach urko­misch. Die Motto-Party zum Thema »Battle of Bri­tain« hat sie gemein­sam mit ihrem Mann über­lebt, obwohl »unsere karnevals-gestählte Bezie­hung auf diese Her­aus­for­de­rung« eigent­lich nicht vor­be­rei­tet gewe­sen sei: Bei der Kos­tüm­wahl musste man Ent­schei­dun­gen tref­fen zwi­schen ban­da­gier­tem Bom­ben­op­fer oder der Flucht nach vorn: »Viel­leicht doch etwas mit Haken­kreuz?«. Beim Maori Edu­ca­tion Course begreift sie die tiefe Ver­bun­den­heit der Urein­woh­ner mit ihrer Umwelt, sie bekommt Gän­se­haut bei Kriegs­tän­zen am Lager­feuer und bie­dert sich doch nicht an. Sie berich­tet vom ers­ten Köl­ner Kar­ne­val in Lytt­le­ton, wo sich beim Schun­keln ihre »Her­kunft unge­stüm Bahn« brach, und liest mit toterns­ter Stimme: »Jetzt spüre ich end­lich auch so etwas wie den Geist mei­ner Ahnen. Er ist beim Schun­keln in mich gefah­ren.« Denn, so bemerkt sie tro­cken: »Die, die deut­scher als deutsch ist, ist Anke Richter.«

Dann lacht sie ins Publi­kum und eröff­net die Fra­ge­runde, die nach zöger­li­chem Beginn in Gang kommt. Sie wird gefragt nach dem Kul­tur­schock, der sich mit gro­ßer Ver­zö­ge­rung ein­stellt, weil »es einem dort so leicht gemacht wird«; nach dem Februar-Erdbeben in Christ­church, und ob den Men­schen die Leich­tig­keit dadurch ver­lo­ren gegan­gen sei. Sie gerät ins Schwär­men über die Neu­see­län­der, die ihre Situa­tion mit Herz­lich­keit, Hilfs­be­reit­schaft und ihrer zupa­cken­den Art meis­tern. 200 Tote, das ist eine natio­nale Kata­stro­phe für das Land, und die zer­störte Infra­struk­tur, all das macht ihr zu schaf­fen. Ihre Stimme klingt ein biss­chen belegt, wenn sie das sagt. Diese Frau liebt das Land, das sie sich zur neuen Hei­mat gewählt hat. Und es wird womög­lich lange dau­ern, bis sie sich wie­der ein­mal die 22 Flug­stun­den nach Deutsch­land auf­macht, um unver­bes­ser­lich und komisch dar­über zu berich­ten. Dann müs­sen wir eben nach Neu­see­land. Also: Lesen Sie! Rei­sen Sie! Und berück­sich­ti­gen Sie dabei den wohl­mei­nen­den Rat­schlag der Auto­rin: »Wenn Sie nach Neu­see­land fah­ren, tra­gen Sie gerne San­da­len, aber BITTE ohne Socken! Glau­ben Sie mir, das scha­det uns allen!«

Nata­lie Fin­ger­hut (nf)

25. April 2010

Lesetage, 8. und letzter Tag: Mehr Kultur wagen!

Der Abschluss eines sol­chen Fes­ti­vals ist eine große Sache. Die Macher sind erschöpft, die Gäste wie­der auf der Rück­reise und man gönnt sich zum Schluß etwas Beson­de­res. Das Kon­zept der Abschluss­ver­an­stal­tung der 2010er Lese­tage war durch Eyjaf­jal­lajökull ein biß­chen durch­ein­an­der gera­ten, das als rein fran­zö­si­sche Affaire geplante Kon­zert mit Naïm Amor und Domi­ni­que A musste umbe­setzt wer­den, Naïm Amor saß näm­lich in Tus­con fest und war­tete bis zuletzt auf den Nie­der­gang der Asche. Spon­tan ein­ge­sprun­gen war die schwe­di­sche Song­wri­te­rin Elin Ruth Sig­vardsson, in ihrer Hei­mat ein ziem­li­cher Star. Unter den zur Gitarre sin­gen­den »Mäd­chen«, die der­zeit die Musik­szene über­rol­len, gehört sie sicher­lich zu den bes­se­ren, ein biß­chen Neo-Hippiefeeling, gepaart mit guten Songs sind ein guter Opener für so ein Pro­gramm. Und einen Bezug gab es ja doch, der Ver­an­stal­ter Vat­ten­fall kommt schließ­lich aus Schweden.

Haupt­at­trak­tion die­ses wahr­lich inter­na­tio­na­len Abends war Domi­ni­que A, einer der Weg­be­rei­ter des Nou­velle Chanson in Frank­reich. Bei Chan­son denkt der durch­schnitt­li­che  Kul­tur­kon­su­ment an exal­tierte, dun­kel geklei­dete Her­ren und Damen, die sich die Seele aus dem Leib und dabei natür­lich von »L’Amour« sin­gen, gern zur Gitarre oder auch mit schnu­cke­li­gen klei­nen Jazz­bands beglei­tet. Ganz groß mit Big­Band geht das auch. Frank­reich hat da eine ruhm­volle Geschichte, von Charles Tré­net bis hin zum deut­schen Pilo­ten­bar­den Rein­hard Mey (alias Fre­de­rik) reicht die Liste der inter­na­tio­nal erfolg­rei­chen Sän­ger. Als sich in den 90er Jah­ren junge Musi­ker ihrer fran­zö­si­schen Musik­tra­dion besan­nen und das Chan­son auf neue, flinke Beine stell­ten, hiel­ten sie sich durch­aus an ihrer Tra­di­tion. Ben­ja­min Bio­lay ist in vor­ders­ter Reihe zu nen­nen, ja, und auch Carla Bruni gehörte dazu. Domi­ni­que A ist sicher­lich eine der sper­rigs­ten Erschei­nun­gen in die­ser Nou­velle Vague des Lied­ge­sangs und die Aus­wahl des hier­zu­lande kaum bekann­ten Künst­lers für den Abschluss­abend ist ein Geschenk für die­ses Fes­ti­val. Getrie­ben ist der 1968 gebo­rene von unbän­di­gem Gestal­tungs­wil­len, sowohl text­li­che als auch musi­ka­li­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nen The­men sind inten­siv und las­sen auch auf der Meta­ebene eini­ges ver­mu­ten. Sein an die­sem Abend von der Ham­bur­ger Schau­spie­le­rin Laura de Weck klug struk­tu­rie­rend vor­ge­tra­ge­nes Essay über seine Bezie­hung zur Musik ver­rät viel Beschäf­ti­gung und Aus­ein­an­der­set­zung mit der Genese von Text und Klang. Nun kann man von einem nord­deut­schen Publi­kum kaum fran­ko­phone Nei­gung erwar­ten, vier exem­pla­risch vor­ge­tra­gene Texte (alle eigens für den Abend über­setzt) aus dem Pro­gramm wie­sen dann den Weg in die poe­ti­sche Aus­drucks­welt des Domi­ni­que A.:

Immor­tels
Ich habe dir nie gesagt
Daß wir unsterb­lich sind
Warum gehst du
Bevor ich’s dir ver­rat?
Hast du es schon gewusst?
Und hast du schon geahnt
Daß hin­ter uns­ren Säu­fer­frat­zen
Göt­ter sich verbergen?

Das hat nichts mit lálá zu tun, son­dern zeigt das Fort­le­ben des fran­zö­si­schen Pathos in der gesun­ge­nen Musik. Klingt das auf dem aktu­el­len Album La musi­que noch nach Pop, ist der Livek­ünst­ler Domi­ni­que A. weit­aus ver­stö­ren­der. Bewußt hat er sich für ein Solo­set ent­schie­den, es genügt ihm die Gitarre. Wer nun glaubt, daß da einer vor sich hin klampft, um schön zu sin­gen, ist damit auf dem kom­plett fal­schen Damp­fer. Eine Bat­te­rie von Effekt­ge­rä­ten umrankt den Musi­ker, Kas­ka­den von Loops und Sam­ples schaf­fen groß­flä­chige Sound­tep­pi­che, über denen die Gitarre die Qua­len der Geschich­ten, die Domi­ni­que A. erzäh­len will, illus­trie­ren. Das ist wohl­über­legt, kon­zi­piert, bis hin zur Brüs­kie­rung eines Publi­kums, daß seine Ohren nicht durch den Wohl­klang weich machen soll. Er sehnt sich nach Brü­chen, nach Rei­bung, und das ist eine Her­aus­for­de­rung zu bei­der­sei­ti­gem Gewinn. Seine Stimme ist kon­ser­va­tiv, warm und ein­schmei­chelnd, wie er selbst sagt, »eine klas­si­sche Chan­son­stimme«. Musi­ka­lisch ist Domi­ni­que A. aber sicher­lich näher an den Experimental-Poppern Daft Punk als an Jac­ques Brel. Daß dabei der mit­ge­brachte fran­zö­si­sche Ton­tech­ni­ker weit übers Ziel hin­aus­schießt und den lust­vol­len Schmerz der Aus­ein­an­der­set­zung gele­gent­lich in Schmerz­haf­tig­keit kip­pen lässt, dar­über muss man hinwegsehen.

Die­ses lite­ra­ri­sche Kon­zert weist in die rich­tige Rich­tung. Text­ua­li­tät und Ver­mitt­lung waren ja im Vor­feld des Fes­ti­vals anschei­nend ein Thema, hier erschliesst sich in der inter­dis­zi­pli­nä­ren Aus­ein­an­der­set­zung eine andere Form der poe­ti­schen Ver­mitt­lung. Kein Effekt, kein Mul­ti­me­dia, son­dern der Ein­blick in die ganz­heit­li­che Beschäf­ti­gung eines Künst­lers mit sei­nen The­men, eine Poe­tik der Ver­let­zung, die die bigotte Kul­ti­viert­heit der Hoch­kul­tur, die vie­ler­orts vor­herrscht, bricht. Daß das nicht allen gefällt, ist klar. Kul­tur muss etwas wagen. Mehr davon!

Mat­thias Schu­mann (kms)

25. April 2010

Lesetage, Tag 7: Craftsmanship

Es gibt ein schö­nes eng­li­sches Wort, daß wir im Deut­schen nicht haben: »Crafts­manship«. Es bedeu­tet so etwas wie die Ver­bin­dung zwi­schen hand­werk­li­cher Fer­tig­keit und Kunst­fer­tig­keit. Es gibt eine Menge Hand­wer­ker unter den Auto­ren – stimmt der Plot, stimmt das Buch. Viele Krimi und Thril­ler­au­to­ren arbei­ten so, das Ergeb­nis sind sehr oft dicke Bände vol­ler Ereig­nisse. Die eng­li­sche Auto­rin Patri­cia Duncker gehört nicht zu denen, die sich auf Ereig­nisse kapri­zie­ren. In einem klei­nen poe­to­lo­gi­schen Aus­flug zu Beginn ihrer Lesung im Erika-Haus auf dem UKE-Gelände ver­weist sie auf ihre erzäh­le­ri­scher Tra­di­tion: »Ich bin gewis­ser­mas­sen eine Auto­rin des 18. Jahr­hun­derts, mir ist die Erzäh­lung, die Geschichte wich­ti­ger als die Anein­an­der­rei­hung von Ereignissen.«

»Der Kom­po­nist und seine Rich­te­rin« ist so ein Buch in die­ser Tra­di­tion. Das klingt nach Kri­mi­nal­ro­man und ist doch viel mehr. Die Lite­ra­tur­pro­fes­so­rin Patri­cia Duncker beherrscht ihr Hand­werk, aber sie ist auch eine Auto­rin von hoher sprach­li­cher Kunst­fer­tig­keit. Das ist gelehrt und trotz­dem vir­tuos geschrie­ben, die weni­gen Text­aus­schnitte die­ses Abends sind ein­drück­lich. Ulrike Grote las den deut­schen Text, rou­ti­niert, gleich­wohl ein wenig unsi­cher in den Begriff­lich­kei­ten des Wer­kes. Kleine Ara­bes­ken, wenn der Name der titel­ge­ben­den Rich­te­rin (Car­pen­tier) an den fran­zö­si­schen Barock­kom­po­nis­ten Char­pen­tier erin­nert – immer­hin ist ihr Ziel­ob­jekt eben­falls Kom­po­nist – sind ebenso ele­gant gelöst wie die etwa die sprach­li­che gekenn­zeichnte Dis­tanz zu uner­heb­li­chen Figu­ren. Das alles ist weit ent­fernt von her­kömm­li­cher Thril­ler­li­te­ra­tur, trotz­dem ist die­ses Buch span­nend. Regula Venske mode­rierte und war sicht­lich gefan­gen von die­ser Auto­rin, die zudem die weite Reise aus Nar­bonne im eige­nen Auto zurück­ge­legt hatte. Eng­li­sche Auto­ren­kunst und dazu die Ein­füh­rung in die Poe­tik einer Auto­rin an einem exzel­len­ten Abend, was will man mehr.

Patri­cia Duncker: »Der Kom­po­nist und seine Richterin«

Mat­thias Schu­mann (kms)

21. April 2010

Lesetage, Tag 6: »Ich schwitze wie ein Braten«

Ist das jetzt die Restau­ra­tion? Will Deutsch­land die Mon­ar­chie? Wankt die Republik?

Wenn ein gan­zer Saal (der Spie­gel­saal des Muse­ums für Kunst und Gewerbe) wie gebannt an den Lip­pen von Auto­ren hängt, die Bio­gra­phien über Luise von Mecklenburg-Strelitz, auch bekannt als Köni­gin Luise von Preus­sen, geschrie­ben haben, dann läßt sich so etwas schon befürch­ten. Zur Beru­hi­gung: Die mon­ar­chis­ti­sche Revo­lu­tion ist nicht aus­ge­bro­chen, die Luise-Fans haben sich nach der Ver­an­stal­tung demo­kra­tisch geord­net an die Bücher­ti­sche bege­ben und Chris­tine Grä­fin von Brühl, Bet­tina Hen­nig und Daniel Schön­pflug ihre jewei­li­gen Werke unter­zeich­nen lassen.

Die Runde der drei Königinnen-Erzähler par­lierte den Abend über auf­ge­räumt über den Super­star der ver­gan­ge­nen preus­si­schen Mon­ar­chie, ange­lei­tet vom glän­zend dis­po­nier­ten Mode­ra­tor Kai Schäch­tele, der sein mon­ar­chi­schen Erfah­run­gen schon als Text­chef der Society-Postille »Vanity Fair« sam­meln durfte. Inter­es­sant an der Zusam­men­stel­lung der Auto­ren war vor allem deren unter­schied­li­cher Blick­win­kel auf ihren Stoff. Han­delt es sich bei Daniel Schön­pflug um einen »seriö­sen« His­to­ri­ker, der schrei­ben kann (was im Wis­sen­schafts­be­trieb keine Selbst­ver­ständ­lich­keit ist), Chris­tine Grä­fin Brühl gut schrei­ben, gut spre­chen kann und fami­liäre Bande hat, gibt Bet­tina Hen­nig die Zeit­zeu­gin, schließ­lich hat sie einen Roman über das Leben der Köni­gin geschrieben.

Das paßt erstaun­lich gut zusam­men, man ergänzt sich, der his­to­ri­sche Blick erwei­tert sich durch die Fik­tion und greift die Dyna­mik des Mythos Luise auf. Erfreu­lich an der gan­zen Sache ist dazu die gänz­lich feh­lende Kon­kur­renz zwi­schen den Gen­res, man respek­tiert sich. Und so gelingt es, all den Mären und Geschich­ten ein wenig auf die Spur zu kom­men, die sich um die Köni­gin ran­ken, ohne in tumbe Hel­din­nen­ver­eh­rung zu ver­fal­len. Auch über das schö­nen Mär­chen der Begeg­nung zwi­schen Napo­leon und Luise wird Tache­les gere­det, Brief­stel­len der unge­stü­men jun­gen Frau Luise brin­gen mun­tere Ver­spielt­heit an den Tag, sprach­li­che Akro­ba­tik (»Ich bin ganz tull.«) und wit­zige Tri­via­liä­ten (»Ich schwitze wie ein Bra­ten«).

Wie soll man so einen Abend nen­nen? Bezau­bernd? Bezaubernd!

Bet­tina Hen­nig: Luise. Köni­gin aus Liebe

Chris­tine Grä­fin von Brühl: Die preu­ßi­sche Madonna. Auf Spu­ren der Köni­gin Luise (noch nicht erschienen)

Daniel Schön­pflug: Luise von Preu­ßen. Köni­gin der Herzen

Kai Schäch­tele: Magda. Das Maga­zin der Autoren

Mat­thias Schu­mann (kms)

20. April 2010

Lesetage, Tag 5: Familiensport

Jeder deut­sche Rad­sport­ler kennt Brä­gel. Die monat­li­che Kolumne, die seit 16 Jah­ren in der Zeit­schrift TOUR erscheint, ist für viele Leser der erste Blick in diese Zeit­schrift und inzwi­schen ist der Name ein geflü­gel­tes Wort in den vie­len klei­nen Hob­byteams, die all­sonn­täg­lich zu ihren Trai­nings­tou­ren auf­bre­chen. Jür­gen Lohle, der geis­tige Vater Brä­gels kann aber auch anders. Er hat einen Unter­hal­tungs­ro­man geschrie­ben, der Hob­by­rad­sport spielt darin zwar ein große Rolle, aber ihm geht es um moderne Fami­li­en­kon­stel­la­tio­nen. Damit ist er sicher gut bera­ten gewe­sen, der soge­nannte Rad­spor­tro­man ist, sieht man viel­leicht von John­sons »Buch über Achim« und Bli­ckens­dör­fers »Salz im Kaf­fee« ab, ein immer wie­der ver­krampf­ter Ver­such. Die Auto­ren ver­su­chen sich mit auf­ge­setz­ter Komik über die Schwä­chen des Schrei­bens und die Schwie­rig­keit des Gen­res – Män­ner, die stun­den­lang im Sat­tel sit­zen, sind nicht wirk­lich ein Abend­fül­ler – zu ret­ten. Löh­les Buch ist ein durch­aus ernst­ge­mein­ter Ver­such, sich dem Leben sei­ner Hel­den zu nähern und nicht nur ihrer Hel­den. Es mag der Vor­sicht des Autors geschul­det sein, daß sein neues Buch in der gest­ri­gen Lesung kei­nen brei­te­ren Raum hatte. Er ver­ließ sich auf das Bewährte, die Brägel-Kolumnen sind eine sichere Bank beim Publi­kum. Part­ner an sei­ner Seite war der Jour­na­list und Blog­ger Alex­an­der Böker, der Texte aus sei­nem Blog »Quäl dich du Sau« las. Das sind sym­pa­thi­sche Pas­sa­gen über den Wie­der­ein­stieg eine ehe­ma­li­gen Lizenz­fah­rers, gekonnt auf den Punkt geschrie­ben und gerne mit einer selbst­iro­ni­schen Pointe geschmückt. Böker ist Fami­li­en­va­ter und die Inte­gra­tion von Fami­lie, Beruf und Sport ist immer wie­der Thema im Blog. Das wäre eine inter­es­sante Kon­fron­ta­tion gewe­sen, die Schei­dungs­ge­schichte aus Löh­les Roman mit dem »rich­ti­gen Leben« abzu­glei­chen – aber man kann nicht alles haben, auch so eine gelun­gene Veranstaltung.

Jür­gen Löhle: Patchwork

Mat­thias Schu­mann (kms)