Bene-Dictum: Die Kamelfrage

Heinrich Heine, Uli Hoeneß und die Superreichen von heute

hjbGegen­wär­tig ist die Empörung über die Steuer­flucht und andere betrügerische Prak­tiken der Reichen groß. Wieso, fragt sich der Durch­schnitts­deutsche, müssen die Reichen, deren Reich­tum ständig wächst (die berühmte Schere zwis­chen Arm und Reich) auch noch den Fiskus betrü­gen? Sind das Charak­ter­de­fizite? Uli Hoeneß, der sym­pa­this­che Fußballer und engagierte Bürg­er, so ein Raf­fzahn und Zock­er? Der Postchef Zumdick vor eini­gen Jahren. Und tausend andere. Stimmt der Spruch: “Je mehr er hat, je mehr er will, nie ste­hen seine Wün­sche still”?

Was kön­nte bloß das Motiv der Reichen sein, sich weit­er zu bere­ich­ern, nichts zu ver­schenken? Darüber hat sich Hein­rich Heine in seinen Bericht­en  aus Paris im Jahr Gedanken gemacht. Am 5. Mai 1843 schildert Heine, anlässlich der Eröff­nung der bei­den Eisen­bahn­lin­ien nach Orleans, die Rolle  großen Kap­i­talge­sellschaften zur Finanzierung der Eisen­bah­nen. Und kommt dann auf das Bankhaus Roth­schild zu sprechen. Auf dem Höhep­unkt seines Ein­flusses sei der Baron von Roth­schild, der reich­ste Mann sein­er Zeit,  wie Lud­wig XIV.  nur mit der Sonne zu ver­gle­ichen. Aber diese arme Sonne hat keine Ruhe vor ihren Anbetern, die ihm so stark zuset­zen, dass man Mitleid mit ihm haben möchte. “Ich glaube über­haupt, das Geld ist für ihn mehr ein Unglück als ein Glück; er muss viel lei­den von  dem Andrang des vie­len Elends, das er  lin­dern soll.”  “Über­re­ich­tum ist vielle­icht schw­er­er zu ertra­gen als Armut.”

Jedem, der sich in großer Geld­not befind­et, rät Heine, zu Her­rn von Roth­schild zu gehen, nicht um zu bor­gen, denn er zweifelt, dass er etwas Erkleck­lich­es bekommt, son­dern um sich durch den Anblick jenes Gelde­lends zu trösten. Und jet­zt fol­gt: “Wie unglück­lich sind doch die Reichen in diesem Leben- und nach diesem Tode kom­men sie nicht ein­mal in den Him­mel! ‚Ein Kamel wird eher durch ein Nadelöhr gehen, als dass ein Reich­er in das Him­mel­re­ich käme‘, dieses Wort des göt­tlichen Kom­mu­nis­ten ist ein furcht­bares Anath­e­ma und zeugt von seinem bit­teren Hass gegen die Börse und haute finance von Jerusalem. Es wim­melt in der Welt von Phil­an­thropen, es gibt Tierquä­lerge­sellschaften, und man tut wirk­lich sehr viel für die Armen. Aber für die Reichen, die noch viel unglück­lich­er sind, geschieht gar nichts.

Statt Pre­is­fra­gen über Sei­denkul­tur, Stallfüt­terung und Kantsche Philoso­phie aufzugeben, soll­ten unsere gelehrten Sozi­etäten einen bedeu­ten­den Preis aus­set­zen zur Lösung der Frage: Wie man ein Kamel durch ein Nadelöhr fädeln könne? Ehe diese große Kamel­frage gelöst ist und die Reichen eine Aus­sicht gewin­nen ins Him­mel­re­ich zu kom­men, wird auch für die Armen kein durch­greifend­es Heil begrün­det. (…) Wüssten die Reichen, dass sie dort oben wieder in alle Ewigkeit mit uns zusam­men hausen müssen, so wür­den sie sich gewiß hier auf Erden etwas genieren und sich hüten, uns gar zu sehr zu mis­shan­deln. Laßt uns daher vor allem die große Kamel­frage lösen.” 

Heine treibt seinen Spaß mit dem ehrwürdi­gen Text, über den in der Kirchen- und Welt­geschichte schon so viel gerät­selt und gepredigt wor­den ist. Sein genialer Ein­fall beste­ht darin, sich auf die Seite der unglück­lichen und gequäl­ten Reichen zu schla­gen, die vom Him­mel­re­ich aus­geschlossen sind. Geschickt hat er sich durch die Schilderung der bemitlei­denswerten Lage des Barons Rotschild an das The­ma Last des Reich­tums herangear­beit­et. Jesu Satz wird nicht rel­a­tiviert oder spitzfind­ig aus­gelegt. Etwa in der Art, es gab ein kleines Stadt­tor namens Nadelöhr in Jerusalem, durch das ger­ade so eben ein Kamel passte, eine reich­tums­gün­stige Ausle­gung, die seit dem Hochmit­te­lal­ter bekan­nt ist und sich hart­näck­ig hält, obwohl es erwiesen­er­maßen nie ein solch­es Tor gegeben hat.

Über­haupt ist die  Ausle­gungs­geschichte der Geschichte vom reichen Jüngling eine Fund­grube exegetis­ch­er Ver­biegun­gen. Schon in den Evan­gelien sel­ber wird das radikale “Verkaufe alles ‚was du hast und gib’s den Armen” erwe­icht.  Das geschieht im Luka­se­van­geli­um in der Geschichte vom  reichen Zöll­ner  Zachäus, in dessen Haus Jesus einkehrt. Er  tritt vor Jesus hin und sagt: “die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen und was ich unrecht erwor­ben habe, erstat­te ich vier­fach.”

Diese Selb­stanzeige eines Reichen  ist wohl die erste prag­ma­tis­che Lösung der großen Kamel­frage, die wir ken­nen. Kein spon­tan­er Ein­fall, son­dern sie wird in der Gemeinde, in der und  für die Lukas schreibt, Prax­is gewe­sen sein. Sie find­et sich immer­hin noch 250 Jahre später bei Basil­ius dem Großen. Von den vererben­den  Fam­i­lien­vätern fordert dieser, dass sie mehr als die Hälfte  ihres Ver­mö­gens der Seele, sprich Gott, vererben. Dieser “Seel­teil“, nun zugun­sten des Staates, wäre bei der Reform der Erb­schaftss­teuer doch ein guter Richt­satz. Danach aber set­zt sich die Ten­denz durch, das Gebot dahinge­hend zu mildern, nur etwas von dem Ver­mö­gen den Armen abzugeben.

Die katholis­che wie die protes­tantis­che Ausle­gungs­geschichte dieses Vers­es ist eine der Ver­drän­gung. Wie klar doch dage­gen Heine argu­men­tiert, er weicht nicht den geld­kri­tis­chen Ansatz Jesu nicht auf, er aktu­al­isiert ihn, ables­bar an den Begrif­f­en Bankiers, Hoch­fi­nanz, Börse. Vor Augen hat er das Aufkom­men riesiger Finanzver­mö­gen und ‑speku­la­tio­nen, von den Eisen­bah­nak­tien (die Heine sel­ber kaufte) über Roth­schild zu Jesu Verdikt – Geld regiert die Welt. In einem Artikel vom März 1841 schreibt Heine: “Das Geld ist der Gott unser­er Zeit.”

Die Reichen haben es schw­er, weil sie nicht ins Him­mel­re­ich kom­men. Das also ist der Grund für das wider­sin­nige Ver­hal­ten — auch heutzu­tage. Mag man auch nicht mehr an den Him­mel glauben, selb­st als Bay­er nicht, unter­gründig wirkt der Satz nach. Da darf man doch an die Geschichte vom Zöll­ner Zachäus erin­nern. Sie eröffnet für Uli Hoeneß und andere Steuer­sün­der eine Per­spek­tive – gib die Hälfte den Armen und erstat­te vier­fach, was du unrecht erwor­ben. Dann öffnet sich für dich der Him­mel auf Erden – du bist wieder angenom­men, das treibt den armen Hoeneß beson­ders um und da hat er mein Mit­ge­fühl, und darf­st in der Talk­show, dem Him­mel der medi­alen Präsenz, auftreten.

Aber das Prob­lem des Über­re­ich­tums ist damit über­haupt nicht gelöst. Hoeneß, der Wurst­fab­rikant, ist ja ver­glichen mit den Super­re­ichen fast ein “armes Würstchen”. Clans wie die Quandts in Deutsch­land kon­nten sich 2012 allein auf­grund ihres BMW-Pakets auf eine Div­i­dende von 650 Mil­lio­nen Euro freuen.

In gewiss­er Weise sind die Steueroasen, sagt der Sozi­ologe H. J. Krys­man­s­ki (0,1% – Das Imperi­um der Mil­liardäre) Waf­fend­e­pots im Krieg der Reichen, und er zitiert War­ren Buf­fett, mit einem Pri­vatver­mö­gen von 60 Mil­liar­den Dol­lar ein­er der reich­sten Män­ner der Welt, mit fol­gen­den Worten: “Es herrscht Klassenkrieg, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt und wir gewin­nen.”

Was haben die Super­re­ichen mit diesen Macht­mit­teln des Geldes, den 30 bis 50 Bil­lio­nen Dol­lar, vor? Zunächst ein­mal wis­sen sie um die Wichtigkeit des Ein­drucks , den sie in  der Öffentlichkeit machen, und deswe­gen haben Bill Gates und W. Buf­fett im Jahr 2009 ein Dutzend der lib­er­al­sten US-amerikanis­chen Mil­liardäre  ein­ge­laden, um ganz wie der Zachäus des Evan­ge­lis­ten Lukas, sich zu verpflicht­en, die Hälfte ihres Ver­mö­gens für phil­an­thropis­che Zwecke zu stiften.

Das sieht sozial gut aus, hat aber zur Kon­se­quenz, dass sie damit hal­böf­fentliche Auf­gaben übernehmen. Krys­man­s­ki hat  den  Super­re­ich­tum mit ein­er Ring­burg ver­glichen, in deren Mitte die 0,01 % Super­re­iche sitzen, Mil­liardäre wie War­ren Buf­fet und Bill Gates – “eine völ­lig los­gelöste und zu allem fähige soziale Schicht, welch­er die Wis­sens-und Infor­ma­tion­s­ge­sellschaft alle Mit­tel in die Hände legt, um sich als neue gesellschaftliche Mitte zu etablieren.“

Um sie herum und als zweit­er Ring grup­pieren sich die Konz­ern- und Finanzeliten als Spezial­is­ten der Ver­w­er­tung und Sicherung des Reich­tums. Den näch­sten Funk­tion­sring bilden die poli­tis­chen Eliten, also die nationalen Regierun­gen, die sich­er­stellen, dass der Reich­tum von unten nach oben verteilt wird. Die größte Gruppe hält sich auf dem Außen­ring der Fes­tung auf – die Funk­tions- und Wis­senseliten aller Art, von Wis­senschaftlern über die Tech­no-und Bürokrat­en bis zu den Unter­hal­tungseliten in Medi­en, Kul­tur und Sport.

Während sich also die Reichen ver­schanzen und gle­ichzeit­ig ihren Ein­fluss auf Poli­tik und Wirtschaft auszuweit­en ver­suchen, häuft sich um die Ring­burg das Kon­flik­t­po­ten­tial – nach ein­er Studie des britis­chen Vertei­di­gungsmin­is­teri­ums wer­den im Jahr 2037 60 % der Men­schen weltweit  in ver­slumten Städten um die Banken­türme  sich zusam­men­drän­gen. Diese Konzen­tra­tion von Not, Arbeit­slosigkeit und Unzufrieden­heit wird einen gewalti­gen Sprengsatz darstellen.

Einige Ana­lytik­er nehmen an, dass die Geldeliten sich weit­er verselb­ständi­gen wollen. Sie begin­nen, auf eigene Faust mit Söld­ner-Armeen sowie pri­vat­en Polizei-und Geheim­di­en­sten zu kooperieren. So soll der rus­sisch-britis­che Mil­liardär Abramow­itsch  auf sein­er 475 Mill. teuren Megay­acht Eclipse ein Raketen­ab­wehrsys­tem instal­liert haben.

Ist das jet­zt eine neue Ver­schwörungs­the­o­rie? Nicht unbe­d­ingt: In der Tat ist die Heinesche Kamel­frage ungelöst – pri­vat­en Super­re­ich­tum demokratisch zu kon­trol­lieren, ist vor allem eine Frage des Daten­wis­sens. Und genau das ist das Nadelöhr, durch das man die Super­re­ichen fädeln müsste. Schon bei den Steuer-CDs, die bun­des­deutsche Län­der kauften, um die vie­len reichen Steuer­sün­der  mit­tlerer Größe zu über­führen, ist das erkennbar. Aber trauen sich die Regierun­gen auch an die Super­re­ichen her­an? Eher nicht, aber ohne ihre demokratis­che Kon­trolle wird es nicht wirk­lich bess­er wer­den, und so wird uns die Kamel­frage wohl noch lange begleit­en.

3 Kommentare

  1. Wir vergessen meist, dass Eigen­tum Ver­hand­lungssache ist. Der Satz „Das gehört mir“ kann jed­erzeit infrage gestellt wer­den durch ein „Sagt wer?“ oder „Wieso?“. In Krisen nehmen die Her­aus­forderun­gen an das Eigen­tum zu. Es ist höch­ste Zeit, dass wir mas­sives Ver­mö­gen grund­sät­zlich infrage stellen. Es gefährdet das Gemein­wohl und ist durch nichts zu recht­fer­ti­gen. Wer das The­ma umge­ht, ist der Ver­mö­gensvertei­di­gungsin­dus­trie anheimge­fall­en, die neben der Geld­wäsche auch die Gehirn­wäsche beherrscht.

  2. Wer es so benen­nt, verken­nt, dass der Staat das Recht hat, Steuern einzuziehen und umzu­verteilen. Damit wird deut­lich, dass indi­vidu­elles Einkom­men nie nur durch eigene Leis­tung zus­tande kommt, son­dern durch viele Vor­leis­tun­gen von anderen.

  3. Was haben die Super­rei­chen mit die­sen Macht­mit­teln des Gel­des, den 30 bis 50 Bil­lio­nen Dol­lar, vor? Zunächst ein­mal wis­sen sie um die Wich­tig­keit des Ein­drucks , den sie in der Öffent­lich­keit machen, und des­we­gen haben Bill Gates und W. Buf­fett im Jahr 2009 ein Dut­zend der libe­rals­ten US-amerikanis­chen Mil­li­ar­däre ein­ge­la­den, um ganz wie der Zachäus des Evan­ge­lis­ten Lukas, sich zu ver­pflich­ten, die Hälfte ihres Ver­mö­gens für phil­an­thro­pi­sche Zwe­cke zu stiften.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*