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17. Mai 2013

Die geregelte Generation

Alters­schwer­punkt auf Kamp­na­gel: »Dem Weg­ge­hen zugewandt«

Großmutter, hüpf! (Foto: Kampnagel/Simone Scardovelli
Groß­mut­ter, hüpf! (Foto: Kampnagel/Simone Scardovelli

Alle Worte sind Struk­tur. Alles ist Struk­tur, alles ist Rhyth­mus, alles ist Regel, ist Ablauf. Die Spra­che der Alten ist die Spra­che einer Gene­ra­tion der Gere­gel­ten. Sie erge­ben sich in einer stän­dig vari­ier­ten Flos­kel­haf­tig­keit, die Ord­nung der Dinge liegt schon im all­ge­gen­wär­ti­gen »man«, das die Dis­tanz zum Chaos der Ver­gan­gen­heit und zum Ver­fall der Gegen­wart schon regelt.

Auf Kamp­na­gel kann man zur­zeit das Pro­jekt »Dem Weg­ge­hen zuge­wandt« sehen, eine auf­wen­dige Pro­duk­tion über das Alter, die schon auf­grund ihres fast 70-köpfigen Per­so­nals die große Halle K6 bespie­len darf. Es ist der eine der bei­den Eröff­nungs­in­sze­nie­run­gen des The­men­schwer­punk­tes zum Thema Alter, den die umtrie­bige Lei­tung des Hau­ses zeit­geist­nah in die­sem Mai ein­ge­rich­tet hat und jugendlich-flott »Old School – von Alten ler­nen« genannt hat.

Zu Beginn fin­den sich eine Menge Bänke auf der gro­ßen Bühne, in zwei Rei­hen im Halb­kreis ange­ord­net, die offene Seite zum Saal. Es sind klo­bige Möbel­stü­cke aus hel­lem, unbe­han­del­tem Holz. Eine jede Bank trägt einen Namens­schrift­zug, man braucht kein Namens­le­xi­kon und kei­nen Blick auf »Vor​na​men​.de«, um her­aus­zu­fin­den, dass es sich nicht um die Vor­na­men von Kin­dern aus dem Prenz­lauer Berg han­delt. Es sind Namen einer Vor­gän­ger­ge­ne­ra­tion, frü­her hieß man – da ist es wie­der, das »man« – eben so. Zum Ein­lass sieht man an einem Ende des Halb­run­des einen etwas deran­gier­ten Weiß­haa­ri­gen sit­zen (Man­fred Andrae), die Man­schet­ten und den Kra­gen offen, stumm, offen­bar etwas ver­wirrt. Damit mer­ken wir schon ein­mal, worum es bei den fol­gen­den fast 2 Stun­den geht.

Es tre­ten dann auf: ein viel­köp­fi­ger Laien-Chor mit vor­herr­schend silb­ri­ger Haar­farbe und merk­wür­dig far­ben­fro­her Gewan­dung, uner­war­tet anstelle der weit­ver­brei­te­ten Senio­ren­bei­ge­va­ria­tio­nen. Und die pro­mi­nen­ten Solo­spie­ler, die Fassbinder-Legende Irm Her­mann mit­ten unter ein paar nicht mehr so pro­mi­nen­ten Kol­le­gen, Volks­büh­nen­schau­spie­le­rin Carin Abicht, der schon genannte Man­fred Andrae, zwei ewige Mit­glie­der des Deut­schen Thea­ters in Ber­lin, Bär­bel Bolle und Ursula Staack und die Wigman-Schülerin Fe Rei­chelt. Außer­dem ein vir­tuo­ses 13-köpfiges Strei­cher­en­sem­ble aus Ber­lin mit dem Namen »Kalei­do­skop«. Die Sache ord­net sich, der Chor stellt sich auf, Irm Herr­mann sitzt mit einer Kladde an einem Schreib­tisch und es erklingt »Am Brun­nen vor dem Tore«, vom Bewoh­ner des »Drei­mä­derl­haus« ist das, von Franz Schubert.

Es ist eine Welt des Ver­gan­ge­nen und des Blicks zurück, in der sich Chor und Solis­ten bewe­gen, getak­tet durch Zeit­zei­chen und knis­ternde Rundfunk-Ansagen. Rund­funk, das ist auch so ein Wort von frü­her, das fin­det sich heute allen­falls im »R«, in den Abkür­zun­gen von soge­nann­ten Medi­en­an­stal­ten ver­bor­gen. Es geht um Erin­ne­run­gen und das Ver­ge­hen, Irm Her­mann rezi­tiert, aus einer Art Tage­buch phy­si­schen Ver­falls und bezieht Posi­tio­nen im Büh­nen­rund. Man kann das redu­ziert nen­nen, oder auch weit hin­ter den dar­stel­le­ri­schen Mög­lich­kei­ten zurück­blei­bend. Ihrer tat­säch­li­chen Aura kann das aller­dings nichts anhaben.

So trist aller­dings ist die Sache nicht, die Regis­seu­rin Maria Mag­da­lena Lude­wig hat eine Menge Ein­fälle, sie hat ihren Lai­en­chor cho­reo­gra­phiert, es wird viel Altes gesun­gen, die Erin­ne­rungs­ma­schine ange­wor­fen. Da klap­pern mal die Kaf­fee­tas­sen kol­lek­tiv, als sei’s ein Stück von Martha­ler oder die Cho­ris­ten sor­tie­ren sich nach den Far­ben ihrer Hem­den, was die Beige-Abwesenheit erklärt, es sind die Far­ben des Regen­bo­gens. Der Regen­bo­gen ist ein Sym­bol der Hoffnung.

Ein wenig zer­fah­ren wirkt das alles schon, unru­hig und ein wenig knir­schend zwi­schen Lai­en­spiel und Pro­fi­dar­stel­lern. Da hän­gen die Anschlüsse des Cho­res schon ein­mal leicht hin­ter­her und zwi­schen­drin sieht es dann tat­säch­lich ein­mal aus wie die Senio­ren­gym­nas­tik in der Volks­hoch­schule. Aber es ist auch ein in Kauf genom­me­nes Spiel mit der Unzu­läng­lich­keit und damit wie­der nah beim Thema von Altern und Vergehen.

Im Klei­nen groß wird es, wenn Ram­pen­ko­ry­phäen wie Ursula Staack in die Ver­gan­gen­heit tau­chen, Erin­ne­rungs­mus­ter abge­ru­fen wer­den, vor der Kulisse des Semino-Rossi-Klassikers »Il Silenzio«. Und da ist es dann wie­der, das »man« – »Mal wollte es doch ein­mal schön haben«. Die Ver­gan­gen­heit und die Erin­ne­rung mit­samt ihren star­ken For­ma­li­sie­run­gen und Struk­tu­ren geben eine Füh­rung für das Leben, das sich dem Ende zuneigt. Dem Weg­ge­hen zuge­wandt, ja.

Es ist eine Gene­ra­tion, die eigent­lich schon nicht mehr lebt. Die vor dem Krieg im klein– und bil­dungs­bür­ger­lich Auf­ge­wach­se­nen, die den deut­schen Kanon zwi­schen Ope­rette und Faust spie­lend beherr­schen, die Nach­kom­men Diede­rich Heß­lings, die in den Bom­ben­näch­ten um ihre Kin­der bang­ten und auch da immer die Form wah­ren muss­ten, um über­le­ben zu kön­nen, sind inzwi­schen fast alle tot.

Die Gene­ra­tion der Kriegs­kin­der hat sie abge­löst als Alte, sie sind es, die das Erbe wei­ter­tra­gen. Auch sie sind mit der »Hal­tung« und der Ord­nung der Dinge auf­ge­wach­sen, an die sie sich jetzt klam­mern. Sol­che Wahr­neh­mungs­räume macht der Abend dann eben auch auf, und damit errei­chen sie uns, die Alten.

In einer der schöns­ten Sze­nen kann man die greise Tän­ze­rin Fe Rei­chelt an der Rampe sehen, ihr tän­ze­ri­scher Aus­druck ist inzwi­schen auf ein paar Ges­ten beschränkt. Sie rezi­tiert und wird beglei­tet von einem Streich­trio aus dem gro­ßen Kaleidoskop-Ensemble. Die drei junge Frauen tan­zen an ihrer Stelle, immer wie­der ein leich­ter Seit­sprung zwi­schen den Schrit­ten aus dem Büh­nen­hin­ter­grund, sie spie­len und spre­chen ein Wort: »Groß­mut­ter, hüpf!« Es geht eben doch immer noch, zumin­dest ein biss­chen, bis das Ende da ist.

Es wird heute und mor­gen Abend noch auf Kamp­na­gel gespielt. Wir lernen.

Mat­thias Schu­mann (kms)

26. Februar 2013

Oben ohne

Jérôme Bels inte­gra­ti­ves Theater-Projekt »Disa­bled Thea­ter« auf Kampnagel

Bekloppte.
Irre.
Ver­rückte.
Dep­pen.
Trot­tel.
Wahn­sin­nige.
Krüp­pel.
Doofe.
Idio­ten.
Schaf­köpfe.
Unfä­hige.

Es gibt doch recht viele Worte für das Fremde im Men­schen. Es sind Dis­tan­zie­run­gen, Abgren­zun­gen und Stim­men der Angst vor dem Ande­ren, dem Unver­nünf­ti­gen, dem aus einer Norm gerück­ten, dem Ver-rückten. Und erzählt einem einer, es sei doch »total selbst­ver­ständ­lich«, nicht mit ande­ren Augen auf das Ver­hal­ten außer­halb die­ser Norm zu schauen, so beeilt der bewusste Mensch sich, sein Ein­ver­ständ­nis zu signalisieren.

Man könne doch nicht … die armen Behin­der­ten … was die alles DOCH noch kön­nen … ist doch ergrei­fend … vom Schick­sal geschla­gen … und doch … – geschaut wird trotz­dem. Und da auf dem Thea­ter viel geschaut wird und viel aus­ge­stellt, liegt es doch nahe, das auch ein­mal zu ver­su­chen. Schon um dar­auf – wor­auf eigent­lich genau? – hin­zu­wei­sen, wie aus­ge­grenzt all die sind, die nicht sind wie die Anderen.

Disa­bled Thea­ter. Auf der Kampnagel-Bühne sind elf Men­schen, die nicht sind wie die Ande­ren, und sie wer­den ange­schaut. Einer nach dem Ande­ren. Am Rande des lee­ren Rau­mes, 11 Stühle im gro­ßen Vier­tel­kreis, an jedem Stuhl­bein eine Was­ser­fla­sche mit einem ordent­li­chen Mine­ral­was­ser, sitzt Simone Truong. Sie ist Cho­reo­gra­phin, bedient einen Lap­top und ruft die Akteure ein­zeln auf, zwei­spra­chig, eng­lisch und schwei­zer­deutsch. Jérôme Bel hat einen straf­fen Rah­men geschaf­fen für sein Pro­jekt, sie ist die Zere­mo­ni­en­meis­te­rin für den Ablauf des Abends. Die Dik­tion ist schnei­dend und hat stark appel­la­ti­ven Cha­rak­ter. »Jérôme Bel will …«, »Jérôme Bel möchte…« – Jérôme Bel stellt durch sie Auf­ga­ben, eine nach der anderen.

Die erste die­ser Auf­ga­ben ist es, sich eine Minute lang dem Publi­kum aus­zu­set­zen. Gang an die Rampe, 1 Minute ver­har­ren, Abgang. Die Erwar­tung scheint hoch zu sein, es sind doch »Behin­derte« – schaf­fen die das über­haupt? Kei­ner wird ent­täuscht, denn natür­lich ist die Minute bei den elf Dar­stel­lern unter­schied­lich lang, von weni­gen Sekun­den bis hin zur Abgangs­auf­for­de­rung vom Inspi­zi­en­ten­pult: »Peter!« Es ist eine Übung.

Schon hier wird das Dilemma die­ses Pro­jekts deut­lich. Natür­lich stellt es »die armen Beklopp­ten« aus. Natür­lich schaut nie­mand aus dem Publi­kum gerne hin. Und selbst­ver­ständ­lich ist diese knappe erste Vier­tel­stunde quä­lend. Es bedeu­tet ja auch nichts, in ers­ter Linie. Aber es wird auf die immer absurde, ver­drehte Situa­tion, auf den ent­blös­sen­den Cha­rak­ter des Thea­ters ver­wie­sen, und ange­starrt zu wer­den ist ver­mut­lich nichts Neues für die Elf auf der Bühne. Aber trotz­dem wird prä­sen­tiert, wird aus­ge­stellt, wird vorgeführt.

Das geht auch so wei­ter, das Ensem­ble soll sich vor­stel­len, ein jeder seine »Dia­gnose« erzäh­len. Das reicht von Lern­schwä­che bis Tri­so­mie, die Berufs­be­zeich­nung ist bei allen »Schau­spie­ler«. Schließ­lich hat jeder die Auf­gabe – siehe oben – bekom­men, nach einem Musik­stück sei­ner Wahl eine eigene Cho­reo­gra­phie vor­zu­stel­len. Das ist der Haupt­akt des Abends, Jérôme Bel hat sie­ben Stü­cke aus­ge­sucht, die der Reihe nach per­formt wer­den, unter­des­sen die Kol­le­gen im Stuhl­kreis teils kom­men­tie­rend zuschauen. Ein jeder zeigt das, was er kann, und das, was er mag.

Der Zuschauer ist ange­mes­sen beein­druckt. Immer wie­der greift die Bel´sche Klam­mer der Kon­fron­ta­tion zwi­schen dem Gewöhn­li­chen und dem Unge­wohn­ten. Es ist kein erbau­en­des Ver­gnü­gen, defor­mierte Kör­per über die Bühne zap­peln zu sehen. Es ist kein thea­tra­les Kön­nen, kein Hand­werk, nicht schön anzusehen.

Der teil­weise stür­mi­sche Sze­nen­ap­plaus wür­digt immer den »Rah­men der Mög­lich­kei­ten« und nie einen direk­ten Akt der Erkennt­nis. Und genau an die­ser Stelle fin­det die Dre­hung des Ver­hält­nis­ses zwi­schen den wohl­wol­lend Begaff­ten und den Gaf­fern statt. Aus dem Thea­ter­gän­ger wird ein Mit­leids­ap­plau­deur. Das ist eine harte Erfah­rung. Sie ist ohne Zwei­fel quä­lend. Das Thea­ter fasst an und stellt bloß, Dar­stel­ler wie Zuschauer.

Denn die Fall­höhe ist hoch. Einer­seits die Aus­stel­lung des Thea­ter­mo­ments, eine kleine Ent­blö­ßung des nach dem Effekt gie­ren­den Zuse­hers. Und ande­rer­seits fin­det jene Bloß­stel­lung, die das Ganze zei­gen will, als Prä­sen­ta­tion des Han­di­caps, der Unfä­hig­keit statt.

Es gibt eine alte roman­ti­sche Sehn­sucht in der Kunst nach der unmit­tel­ba­ren, der ganz und gar rei­nen Erfah­rung. Die Dar­stel­lung des luci­den, genia­li­schen Künst­lers, der sich außer­halb gesell­schaft­li­cher Nor­men befin­det, führt hin­ein in eine Welt der Ver­klä­rung und Über­hö­hung von sozia­len Defi­zi­ten, ist eine Recht­fer­ti­gung des unheim­li­chen krea­ti­ven Pro­zes­ses, des­sen Her­kunft nicht erklär­bar scheint. Krea­ti­vi­tät erscheint fol­ge­rich­tig aus dem Wahn, her­aus­ge­rückt aus der Mitte der Akzep­tanz. Ver­rückt.

Fas­zi­nie­rend ist das für den »Nor­ma­len« unbe­greif­li­che und nicht Fass­bare, Genie und »Irr­sinn« gehen in ihren Bedeu­tungs­räu­men Hand in Hand. Auch Jérôme Bel fühlt sich auf diese Weise inspi­riert von sei­nen Schau­spie­lern, er wünscht sich: »Zu zei­gen, dass [ihre] thea­trale Ein­zig­ar­tig­keit vol­ler Ver­spre­chun­gen für das Thea­ter und den Tanz ist, so wie ihr Mensch­sein es für die Gesell­schaft im All­ge­mei­nen sein sollte.«

Die Frage, ob das humane Anlie­gen des Thea­ter­ma­chers über­haupt durch­dringt, ist an die­sem Abend imma­nent. Schließ­lich, am Ende des Stü­ckes, kom­men die Dar­stel­ler noch ein­mal zu Wort, dies­mal sol­len sie ihre Erfah­rung mit der Auf­füh­rung berich­ten. Einer sagt sinn­ge­mäß: »Meine Eltern fan­den, das sei eine Freak­show, ich fand das nicht.« Bei­des ist wahr.

»Alles, was han­delt, ist eine Grau­sam­keit.« Das steht bei einem ande­ren Ver-rückten, dem Thea­ter­vi­sio­när Anto­nin Artaud.

Mat­thias Schu­mann (kms)

10. August 2012

Uns hebt die Welle, und wir verschwinden

Eine Notiz zum Inter­na­tio­na­len Som­mer­fes­ti­val: »Die Aus­ge­dehn­ten – Eine Hafenkonzert-Rundfahrt über Wachs­tums­gren­zen (ohne Luft nach Oben)«

Nata­lie Fin­ger­hut (nf)

29. August 2011

Durchhalten vom Ende der Welt bis in die Zukunft

Ein Kurz­be­such auf dem Inter­na­tio­na­len Som­mer­fes­ti­val auf Kampnagel

Nata­lie Fin­ger­hut (nf)

10. Juni 2011

Habt Ihr keinen Hunger, Ihr Hamburger?

SHOWCASE BEAT LE MOT mit PARIS 1871 BONJOUR COMMUNE zu Gast auf Kampnagel

Die Revolutionäre sind ausgeflogen. (Bild: hhf)
Die Revo­lu­tio­näre sind aus­ge­flo­gen. (Bild: hhf)

Zunächst ein­mal wird man ange­brüllt, wenn man rein kommt. Ob man denn kei­nen Hun­ger hätte? Die vier Per­for­mer von SHOWCASE BEAT LE MOT haben Coque au vin berei­tet, es gibt Rot­wein und Baguette. Man sitzt, tunkt Brot in die Sauce. »In Ber­lin hat die­ser Teil des Stü­ckes fünf Minu­ten gedau­ert. Ham­burg ist eine satte Stadt.« Das mag stim­men. Aber es gibt auch so viel zu gucken neben­bei. An die Wände und auf den Vor­hang wer­den alte Stem­pel pro­ji­ziert, »Mar­seil­laise« steht da, und das Essen duf­tet so gut.

Doch bald wird es dun­kel, und man muss sich beei­len, den guten Hahn in Sicher­heit zu brin­gen und nicht zu viel zu kle­ckern dabei. Der Vor­hang hebt sich und gibt den Blick frei auf vier Särge. Und denen ent­stei­gen sie, die Revo­lu­tio­näre des Coque au vin. Nur einer bleibt drin, er hat offen­sicht­lich keine Lust auf Revo­lu­tion, bis man sei­nen Sarg öff­net, und der ist leer. Dafür brin­gen sie aller­hand Gerät­schaf­ten auf die Bühne: Eine Flugzettel-Wurfmaschine, eine Akkordeon-Spielmaschine und eine Guil­lo­tine aus rohem Holz. Sehr unre­vo­lu­tio­när wird man in der ers­ten Reihe dar­auf hin­ge­wie­sen, die Hand vor die Augen zu neh­men, wenn die Flug­blät­ter kata­pul­tiert wer­den. Nicht, dass man sich weh tut bei der Revo­lu­tion! Man weiß ja, was für eine Saue­rei das gab im Jahr 1789. Und spä­ter wird das Papier fein säu­ber­lich auf­ge­sam­melt. »Das darf hier nicht lie­gen blei­ben!« Ordent­li­che Revo­lu­tio­näre sind das. Sie haben ver­in­ner­licht, woge­gen sie demons­trie­ren und machen kei­nen Dreck.

Die Revo­lu­tio­näre von heute, sie schwen­ken keine Fah­nen, son­dern Wür­fel, auf die ihre Bot­schaf­ten pro­ji­ziert wer­den. Prak­tisch ist das! Man hat viel mehr Platz. Und die eine Seite des Qua­ders zeigt etwas ande­res als die andere, wenn man den Wür­fel dreht. Vox populi, vox Rind­vieh, und was schert mich mein Geschwätz von ges­tern! Nur noch Bruch­stü­cke der Bot­schaf­ten sind an den Wür­fel­sei­ten zu lesen. Und eins wird klar: Eine klare, eine ein­deu­tige Mei­nung, die gibt es nicht.

Oder doch? Sex sells, und so tun sie es, die vier Män­ner in Leg­gings und Jackett: Sie bil­den einen Hau­fen aus Lei­bern an der Table Dance-Stange und dann tan­zen sie zu Hip Hop, toternst und mit schwin­gen­den Hüf­ten füh­ren sie die Ero­tik der Revo­lu­tion ad absur­dum. Das Publi­kum juchzt ver­gnügt, es gibt Sze­nen­ap­plaus. Aber die Revo­lu­tio­näre sind müde. Einer lässt eine Gurke auf Rädern per Fern­be­die­nung zur Mini-Guillotine fah­ren und per Knopf­druck köp­fen. So wird den Geis­tern von heute mit einer müden Dau­men­be­we­gung der Gar­aus gemacht.

Immer wie­der wird in die Mikros gespro­chen: »Liebe Hun­denar­ren, liebe Kat­zen­freunde, liebe Nazis, liebe Skate­board­fah­rer, liebe Antifa, lie­bes Face­book, lie­bes Youtube, liebe Lieb­lings­plat­ten …« Für die Revo­lu­tion gibt es keine Ziel­gruppe, und so lau­fen die Revo­lu­tio­näre ent­schlos­sen von einem Büh­nen­rand zum andern als hät­ten sie ein Ziel. Doch sind sie ziel­los, obwohl die Karte von Paris an den Vor­hang pro­ji­ziert wird; man müsste doch wis­sen, wie man zur Place de la Con­corde kommt, zur Bas­tille oder zum Fried­hof Pere Lachaise. Aber wo lau­fen sie denn? Nir­gends hin. Sie set­zen sich auf Gym­nas­tik­bälle und suchen mit her­aus­for­dern­dem Blick ihre Mitte. Dabei kann es schon mal zu Kol­li­sio­nen kom­men. Komisch ist das, trau­rig und sehr auf den Punkt. Alternde Heroen auf ihren Glo­ben, ihnen gehört die Welt, und doch bringt genau die sie zu Fall.

In einer Art Ganz­kör­per­sack in den Far­ben der Tri­co­lore rol­len sie ein­zeln über-, unter– und neben­ein­an­der wie in Lei­chen­sä­cken auf dem Boden. Trom­meln und Darth Vader-Atemgeräusche, ein unbe­hol­fe­ner Toten­tanz der Revo­lu­tion. Bis das Blau, das Rot und das Weiß aus­ein­an­der tor­keln. Die Idee der Revo­lu­tion, nichts hält sie mehr zusam­men, sie ist längst tot. Can­can und gro­ßes Auf­räu­men auf der Bühne, bis sie nackt und leer ist bis auf Särge und Guil­lo­tine. Dann wer­fen die Heroen sich noch ein Mal in Posi­tur, ein paar letzte, klar geführte Tanz­be­we­gun­gen zwi­schen Per­fek­tion und Lächer­lich­keit. Black und gro­ßer Applaus für die vier ver­schwitz­ten Helden.

Dann alle ab. Bis auf einen. »Sie wis­sen ja, Sie müs­sen auf­es­sen. Und nach­her würde ich die Ener­gie ein biss­chen spa­ren. Und mich auf das Wesent­li­che besin­nen. Vie­len Dank.« Gut. Wir gehen nach Hause. Und die Revo­lu­tion fin­det mor­gen statt. Vielleicht.

Noch zu sehen am 10. und 11. Juni auf Kampnagel

Nata­lie Fin­ger­hut (nf)