Treffpunkt Studio – Stippvisite von Nord nach Süd

Zwei Abende und vier Stücke beim Körber Studio Junge Regie auf dem Thalia Gaußstraßengelände

Immer höher, immer weiter. Doch wer zu hoch baut, hat beim Jenga letzten Endes doch verloren. Bild: Thalia Theater Stop Being Poor Norwegische Theaterakademie Fredrikstad Von und mit Anders Firing Aardal, Matias Askvik, David Jensen, Marthe Sofie Løkeland Eide, Ylva Owren und Heiki Eero Riipinen Abdruck honorarfrei gegen Nachweis: Körber-Stiftung /Krafft Angerer Kontakt: Körber-Stiftung Kehrwieder 12 20457 Hamburg 040-808192-172 lubbe@koerber-stiftung.de www.koerber-stiftung.de

Fünf Tage, 13 Stü­cke, drei Büh­nen: Das Kör­ber Stu­dio Jun­ge Regie ist – neben dem jähr­lich statt­fin­den­den Schau­spiel­schul­tref­fen – der idea­le Ort, um sich einen Über­blick über den Regie­nach­wuchs im deutsch­spra­chi­gen Raum zu schaf­fen. Ein­mal im Jahr wird das Gauß­stra­ßen­ge­län­de von Regie- und Schau­spiel­stu­die­ren­den der Aus­bil­dungs­in­sti­tu­te aus Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz bevöl­kert. 2015 nimmt zudem die Nor­we­gi­sche Thea­ter­aka­de­mie Fre­drik­stadt am Wett­be­werb teil – eine Ent­wick­lung, die zeigt, das auch das Schau­spiel, gleich­wohl es von der Spra­che lebt, immer inter­na­tio­na­ler wird.

Die Schu­len nut­zen die Chan­ce, sich zu zei­gen, und Inten­dan­ten, Regis­seu­re und Dra­ma­tur­gen die Mög­lich­keit, jun­ge Talen­te zu ent­de­cken. Ver­ein­zelt trifft man hier inter­es­sier­tes Publi­kum. Doch eigent­lich ist das Kör­ber Stu­dio ein Bran­chen­markt. Sehen und gese­hen wer­den im bes­ten Sin­ne, dazu Dia­log, Aus­tausch, Dis­kus­sio­nen. Pro Tag wer­den bis zu drei Stü­cke gezeigt, nach jedem Stück gibt es ein Publi­kums­ge­spräch, danach ein schnel­les Getränk, bevor man in die nächs­te Spiel­stät­te wei­ter­zieht. Für die Stu­die­ren­den fin­den zudem – nicht öffent­li­che – Gesprächs­run­den statt, um Arbeits­wei­sen und Ide­en zu dis­ku­tie­ren.

Bespielt wer­den das Tha­lia in der Gauß­stra­ße und das Jun­ge­Schau­spiel­Haus, dis­ku­tiert wird – mal mehr oder weni­ger ambi­tio­niert und gehalt­voll – in der Tha­lia Gara­ge. Vor den­je­ni­gen, die die gan­zen fünf Tage durch­ste­hen, darf man respekt­voll den Hut zie­hen, ins­be­son­de­re aber vor der Jury, die zum Ende des Fes­ti­vals ein Sie­ger­stück kürt. Es ist eine Men­ge an Ein­drü­cken, Hand­schrif­ten, Stück­ent­wick­lun­gen und Bear­bei­tun­gen, die man hier zu sehen bekommt. Ein gro­ßer, auf­re­gen­der, aber auch anstren­gen­der Spiel­platz der Thea­ter­sze­ne.

Ein Kommentar zu „Faust“

Die The­men rei­chen von klas­sisch bis heu­tig, von Ibsen bis Stück­ent­wick­lung. Doch es sind eher weni­ge, die sich an einen gro­ßen Stoff der Thea­ter­li­te­ra­tur her­an­trau­en. Ein „Volks­feind“ ist zu sehen (Aka­de­mie für Dar­stel­len­de Kunst Baden-Würt­tem­berg, Lud­wigs­burg), dazu „Vor Son­nen­auf­gang“ vom Mozar­te­um Salz­burg und Heb­bels „Judith“ von der Folk­wang Uni­ver­si­tät der Küns­te Essen. An den Judith-Stoff wagen sich gleich zwei Insti­tu­te, näm­lich auch eine Per­for­mance von der Uni­ver­si­tät Hil­des­heim – aller­dings mit Titel­ver­frem­dung (»J.U.D.I.T.H«) und Alters­be­schrän­kung ab 16 Jah­ren. Wer weiß, ob es ärger­lich ist, dass ich am Früh­abend des 13. Juni nicht kann, aber im Pro­gramm­fly­er wird Fol­gen­des ange­kün­digt: »Die Wahr­neh­mung und Welt­an­schau­un­gen der Zuschau­en­den kön­nen ins Wan­ken gera­ten, wenn Dil­do­sau­ri­er durch die Orgas­mus­land­schaft tan­zen und die Vul­va anfängt zu sin­gen.« Schon die gen­der-kor­rek­te Schreib­wei­se der »Zuschau­en­den« lässt femi­nis­ti­sches Gedan­ken­gut ver­mu­ten, und das von zwei Regis­seu­rin­nen mit Geburts­jahr 1988 hät­te mich durch­aus inter­es­siert.

Das über­ge­ord­ne­te Mot­to lau­tet „Spiel-Räu­me“, und die sind, das wird schnell klar, so viel­ge­stal­tig, dass bei der Per­for­mance „Flim­mer­s­ko­tom“ des Insti­tuts für Ange­wand­te Thea­ter­wis­sen­schaft Gie­ßen das Licht die Haupt­rol­le über­nimmt – geführt von einer ein­zel­nen Per­for­me­rin, deren kla­re Posi­ti­on im Büh­nen­ge­sche­hen, so ent­neh­men wir der Jury-Dis­kus­si­on am letz­ten Tag, lei­der im wahrs­te Sin­ne des Wor­tes im Dun­keln bleibt.

Wir stei­gen frei­tags bei som­mer­li­cher Hit­ze ein mit Elfrie­de Jeli­nek, die übri­gens gleich zwei­mal auf dem Fes­ti­val ver­tre­ten ist, mit „Ulri­ke Maria Stuart“ und „Faus­tIn and out“. Jelin­eks Text­flä­chen sind ja schon an sich ehr­gei­zi­ge Unter­fan­gen für Regie und Dra­ma­tur­gie. Doch das kann jun­ge Regie-Stu­die­ren­de nicht schre­cken. Beherzt greift sich Pau­li­na Neu­kampf von der Tha­ter­aka­de­mie Ham­burg den Faust-Kom­men­tar, um ihn als Pam­phlet über die Frau in der heu­ti­gen Gesell­schaft zu insze­nie­ren. Dass die Vor­la­ge sich auch mit den Fäl­len Nata­scha Kam­pusch und Eli­sa­beth Fritzl aus­ein­an­der­setzt, tritt hier in den Hin­ter­grund. In Jelin­eks Text, der sich an Frau­en­bil­dern und dem bür­ger­li­chen Fami­li­en­mo­dell abar­bei­tet, kann man das Ein­ge­sperrt-Sein im Kel­ler gut als inne­ren Zwang begrei­fen, her­vor­ge­ru­fen durch eine männ­lich domi­nier­te Welt in all ihrer Bru­ta­li­tät.

Das setzt Neu­kampf mit ihren sie­ben Schau­spie­le­rin­nen deut­lich um. Zu Beginn gebä­ren zwei der Figu­ren einen „Faust“-Band unter Schmer­zen, aus dem dann gele­sen wird – ein star­kes Bild, ein Ein­stieg, der knallt. Ins­ge­samt ist die Vor­di­ploms-Insze­nie­rung sprach­lich und hand­werk­lich aus­ge­zeich­net gear­bei­tet. Doch so abge­schlos­sen sie zu Beginn aus­sieht, so kon­zep­tio­nell durch­dacht sie auf den ers­ten Blick wirkt, wird doch auch im Publi­kums­ge­spräch klar, dass hier viel intui­tiv ent­stan­den ist. Dem durch­weg weib­li­chen Team ist vor allem Wut dar­über anzu­mer­ken, dass der Femi­nis­mus heu­te irgend­wo ste­cken geblie­ben, irgend­wie uncool gewor­den ist – obwohl doch unge­zähl­te Miss­stän­de auf die Aktua­li­tät der Gret­chen-Rol­le hin­wei­sen. Fol­ge­rich­tig setzt Pau­li­na Neu­kampf dem Jelinek´schen Kom­men­tar auf Goe­thes Faust die Ver­fil­mung von 1926 ent­ge­gen. Die Welt, die die Figu­ren im Kel­ler von außen mit­be­kom­men, ist fast 100 Jah­re alt. Hat der Femi­nis­mus wirk­lich so einen Bart?

Zwei Stimmen im Kopf

Eine ehr­gei­zi­ge Stück­ent­wick­lung hat sich Anna­le­na Maas von der Baye­ri­schen Thea­ter­aka­de­mie August Ever­ding vor­ge­nom­men. „Wei­ße Wüs­te“ heißt der Text, den ihre Freun­din Lau­ra Schu­bert für sie geschrie­ben hat. 70 lose Sei­ten Text­ma­te­ri­al über die Volks­krank­heit Depres­si­on hat sie gelie­fert, 14 Sei­ten davon hat Anna­le­na Maas auf zwei Rol­len ver­teilt.

Anna­le­na Maß insze­niert die zwei Figu­ren als spring­fi­de­le Häsin, die am liebs­ten von Par­ty zu Par­ty hop­peln wür­de, und einen aske­tisch anmu­ten­den jun­gen Mann, der von oben bis unten mit wei­ßem Medi­zin­tape beklebt ist. Bei­de kämp­fen sich aus dem über­di­men­sio­nier­ten Inne­ren einer mons­trö­sen Tor­te, wäh­rend aus dem Off Stim­men über die Ent­schei­dungs­viel­falt unse­res Daseins phi­lo­so­phie­ren. Das Ich ist von sei­ner unbän­di­gen Frei­heit über­for­dert, soviel wird zu Beginn gleich klar – und lei­der bleibt das auch die ein­zi­ge Aus­sa­ge, die das Stück letzt­lich trifft.

Wie bei der klei­nen Meer­jung­frau ist es noch heu­te, fin­det der depres­si­ve Mann in Weiß: Bei­ne oder Stim­me. Es fal­len Sät­ze wie »Frei­heit reicht aus, um uns völ­lig unglück­lich zu machen«. Das ist Quatsch, fin­det die Hasen­da­me. Ihrer Mei­nung ist das gan­ze Leben ein Pro­dukt, das uns glück­lich macht, wenn wir uns nur rich­tig ent­schei­den. Um die­sen Kern dis­ku­tie­ren, tan­zen, kämp­fen, rin­gen die bei­den Figu­ren, die uns das Pro­gramm­heft als zwei Stim­men aus­weist: »Exis­tenz­angst und Selbst­ver­wirk­li­chungs­drang«. Der Schau­spie­ler, der bib­bert, stot­tert und stockt, ist eben­so in sich selbst gefan­gen wie die fide­le Mäu­sin, die manisch mit­ten ins Leben sprin­gen und von Ver­gnü­gung zu Ver­gnü­gung rasen möch­te. Am Ende steht sie am Tor­ten­rand, wei­nend. Und das Stück ent­lässt uns mit dem Loop der Stim­men vom Beginn, bevor es dun­kel wird über dem rosa Tor­ten­land.

Der Genera­tio­nen­text, der uns vor Augen führt, dass die Mög­lich­keit der Wahl für vie­le Indi­vi­du­en im wahrs­ten Wort­sinn zur Qual wer­den kann, kratzt lei­der nur an der Ober­flä­che, und so tut es auch die Regie. Ein biss­chen viel Aktio­nis­mus, etwas zu viel Lärm und Geran­gel, kei­ne Aus­sa­ge, die ein­fach mal ste­hen gelas­sen wird. Man wünscht sich eine ent­schie­de­ne Dra­ma­tur­gie, die öfter mal den Mut zum Weg­las­sen emp­foh­len hät­te. Und kurz stellt sich die Fra­ge, war­um die Leh­ren­den der August Ever­ding-Aka­de­mie bei der Stück­aus­wahl nicht mehr zur Sei­te stan­den. Aber das den­ken wir nur kurz, denn: Es ist ein Dritt­jah­res­pro­jekt, das Diplom kommt erst noch. Wann sol­len jun­ge Regis­seu­re sich aus­pro­bie­ren, wenn nicht jetzt?

Unter Haien

Am Sonn­tag, dem letz­ten Fes­ti­val­tag, zeigt sich das Wet­ter wie­der gewohnt ham­bur­gisch kühl, und das Fes­ti­val­ge­län­de hat ein biss­chen was von sei­nem Som­mer­camp-Flair ver­lo­ren. Auch der letz­te Tag beginnt mit einer Stück­ent­wick­lung, die bereits bei Rowohlt ver­legt wird. »Der Volks­hai« des Autoren­du­os Jakob Nol­te und Michel Decar ver­mengt Moti­ve aus Ibsens »Volks­feind« und dem Film­klas­si­ker »Der wei­ße Hai« zu einer intel­li­gen­ten und mit spit­zer Feder geschrie­be­nen Real­sa­ti­re. Im Rimi­ni von 1980 sind Poli­tik wie Pres­se glei­cher­ma­ßen im WM-Fie­ber – bis die Lei­che eines klei­nen Jun­gen am Strand gefun­den wird. Die schö­ne Bade­meis­te­rin Giu­lia will einen Hai gese­hen haben – ein Skan­dal! Das kann jetzt wirk­lich kei­ner brau­chen. Ver­tu­schung, Kor­rup­ti­on und Eitel­kei­ten bestim­men die bit­ter­bö­se Text­vor­la­ge, die vor Komik strotzt.

Man muss fai­rer­wei­se vor­aus­schi­cken, dass das Stück eigent­lich außer Kon­kur­renz lau­fen müss­te. Die Autoren, die bereits bei sei­ner Vor­di­plomsin­sze­nie­rung mit Regis­seur Mat­thi­as Rip­pert gear­bei­tet haben, möch­ten bezahlt wer­den. Und so kämpft Rip­pert dafür, sein Diplom an einem Stadt­thea­ter machen zu dür­fen. Das Thea­ter Bonn – fern­ab der Aus­bil­dungs­stät­te, dem Max Rein­hardt Semi­nar Wien – nimmt die Her­aus­for­de­rung an. In nur sechs Wochen erar­bei­ten Schau­spie­ler, Autoren und Regie das Stück. Her­aus­ge­kom­men ist eine sehr spiel­ba­re Fas­sung, die viel­leicht noch etwas Fein­schliff und man­che Kür­zung ver­tra­gen hät­te, ins­ge­samt aber durch ihren sati­ri­schen Cha­rak­ter über­zeugt. Die pro­fes­sio­nel­len Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen eines Stadt­thea­ters aller­dings machen die Insze­nie­rung eigent­lich zu einem Abend, der sich nicht so recht ins uni­ver­si­tä­re Expe­ri­men­tier­um­feld des Kör­ber Stu­di­os fügen möch­te.

Eine simp­le, mul­ti­fun­kio­na­le Büh­nen­ku­lis­se haben Fabi­an Liszt und Seli­na Traun für den Text gebaut, und die machen sich die aus­ge­zeich­net geführ­ten Schau­spie­ler ent­schie­den zuei­gen. Das Spiel ist kör­per­lich, stark und über­zo­gen, das Ensem­ble agiert an der Gren­ze zum sati­ri­schen Ste­reo­typ mit sol­cher Leich­tig­keit, dass das Publi­kum vom ers­ten Moment an mit­ten in der bösen Komö­die steckt. Kaum tritt der Repor­ter voll sozia­lis­ti­scher Über­zeu­gun­gen auf, wird er mas­siert, gekrault, gefü­gig gemacht, und wenn der Bür­ger­meis­ter im tro­pi­schen Bade­man­tel mit ihm im Auto­scoo­ter sitzt und aufs Meer blickt, wird schnell klar, dass das für die Anschau­ung des einst inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­ten kein gutes Ende nimmt: »Demo­kra­tie beginnt am Küchen­tisch, aber so´n Golf­platz am Strand, wie geil ist das denn?«. Da kann man die Sache mit dem Hai ruhig mal unter den Tisch fal­len las­sen und nachts mit der Polit­pro­mi­nenz Sär­ge über die Büh­ne schlep­pen.

Bade­meis­te­rin Giu­lia wird kur­zer­hand für ver­rückt erklärt, und ihre Lie­be zum bär­ti­gen Lino zer­bricht dar­an, dass er ihr die Hai­ge­schich­te auch nicht mehr abnimmt. Einst war er »ein fei­ner Boy«, aber jetzt ist die Luft raus. Und so nimmt das Elend in Rimi­ni sei­nen Lauf, bis kei­ner mehr wirk­lich weiß, wer das Blut­bad ange­rich­tet hat. Ins­ge­samt hät­te man dem Team etwas mehr Pro­ben­zeit gewünscht, damit Stück und Insze­nie­rung noch ein wenig an Dich­te und Tie­fe gewin­nen. Nichts­des­to­trotz: Autoren­duo und Regie soll­ten ihre Zusam­men­ar­beit unbe­dingt fort­füh­ren, wünscht man sich.

Freundschaft = Liebe – Sex

Das letz­te Stück der fünf Fes­ti­val­ta­ge kommt mit dem etwas sper­ri­gen Titel »Socié­té des Amis – Tin­der­match im Oder­bruch« von der Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te. Regie führt bei der Stück­ent­wick­lung Jan Koslow­ski, die »künst­le­ri­sche Lei­tung« über­neh­men er und Nele Stuhler. Was genau das für den Pro­ben­ab­lauf bedeu­tet, wird im Publi­kums­ge­spräch zwar nicht ganz klar, aber das ist bei dem höchst ver­gnüg­li­chen Ergeb­nis eigent­lich auch völ­lig Wurst. Denn was bei die­sem Zitat des Kin­der- und Jugend­traums end­lo­ser Som­mer­fe­ri­en her­aus­ge­kom­men ist, ist unge­wöhn­lich, char­mant und komisch, ohne dabei platt oder gewollt zu wir­ken. Nicht umsonst plat­ziert die Jury das Stück auf der Short List der bes­ten drei Fes­ti­val­bei­trä­ge.

Fünf Performer_​innen in zünf­ti­gen Wan­de­rout­fits mit Knie­strümp­fen und Ruck­sä­cken mar­schie­ren im Gleich­schritt und Enten­marsch zwi­schen spie­geln­den Drei­ecken auf die Büh­ne. Cho­risch und aus­drucks­los skan­die­ren sie: »Froh­lo­cket! Heißa! Heu­re­ka! Yab­ba dabba doo!« Hier freu­en sich fünf so rich­tig doll. Oder zumin­dest wird erwar­tet, dass man sich bei die­sem Aus­flug so rich­tig doll zu freu­en hat. Bei dem uto­pisch-folk­lo­ris­ti­schen Feri­en­camp der fünf Freun­de wird alles bemüht, was Lager­feu­er-Roman­tik aus­macht: Wol­ken­bruch und Aben­teu­er, Gru­seln im Dun­keln und das Hän­de-Rei­ben über dem Feu­er. Aber: So rich­tig Roman­tik kommt nicht auf, denn Kli­schees wer­den gebro­chen, wo es nur geht.

For­ma­lis­ti­sches Spiel, sprach­li­che Prä­zi­si­ons­ar­beit, vor allem bei den Chor­pas­sa­gen, her­vor­ra­gen­des Timing bei den Poin­ten und absur­de Ele­men­te schaf­fen das Augen­zwin­kern zum Kli­schee. Abs­trak­te Bil­der von Roman­tik, die man vom end­lo­sen Som­mer­ur­laub mit den bes­ten Freun­den hat, erzeu­gen Komik. Und so kom­men unter­schwel­lig auch all die Ent­täu­schun­gen, Brü­che und Zwis­tig­kei­ten, die in so einer Fün­fer-Cli­que auf­kom­men kön­nen, nach und nach an die Ober­flä­che.

Sie hät­ten Enid Bly­tons »Fünf Freun­de« im Kopf gehabt, erklärt das Duo Koslowski/​Stuhler im Publi­kums­ge­spräch. Bei­de ken­nen sich schon vom Jugend­thea­ter­club der Volks­büh­ne Ber­lin, bei­de haben erst getrennt von­ein­an­der stu­diert (er an der ADK in Baden-Würt­tem­berg, sie Ange­wand­te Thea­ter­wis­sen­schaft in Gie­ßen), um dann an der Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te wie­der zusam­men­zu­tref­fen und zu arbei­ten. Sie grün­den ein Thea­ter­kol­lek­tiv mit dem unprä­ten­tiö­sen Namen »Lei­en (!) des All­tags«. Kein Ein­zel­fall: Allein vier der 13 Fes­ti­val­bei­trä­ge sind aus Regie- und Schau­spiel­kol­lek­ti­ven ent­stan­den. Auch die Zusam­men­ar­beit von Regie und Dra­ma­tur­gie – so scheint es zumin­dest in den Publi­kums­ge­sprä­chen – ist eng ver­zahnt. Thea­ter als ech­te Zusam­men­ar­beit, als krea­ti­ves Erleb­nis eines Kol­lek­tivs zeigt der Fokus der Spiel-Räu­me auf.

Die Kunst des Urteils

Auch wenn man nicht alle Fes­ti­val­bei­trä­ge gese­hen hat, soll­te man sich kei­nes­falls die Jury­sit­zung ent­ge­hen las­sen. Sel­ten bekommt man so inten­si­ve Ein­bli­cke in die Bewer­tung thea­tra­ler Arbeit – so neu­tral wie mög­lich und doch mit per­sön­lich-sub­jek­ti­ver Drauf­sicht, die Thea­ter so span­nend macht. Hier sitzt geball­te Kom­pe­tenz aus der deutsch­spra­chi­gen Thea­ter­land­schaft und dis­ku­tiert die Bei­trä­ge auf offe­ner Büh­ne. 2015 setzt sich die Jury aus Thea­ter­ma­chern unter­schied­lichs­ter Dis­zi­pli­nen zusam­men: Peter Carp (Inten­dant Thea­ter Ober­hau­sen und Regis­seur), Cor­ne­lia Fied­ler (freie Jour­na­lis­tin, u.a. Süd­deut­sche Zei­tung, Thea­ter Heu­te), Dr. Chris­toph Rodatz (Thea­ter­wis­sen­schaft­ler, Autor und frei­er Thea­ter­ma­cher), Rita Thie­le (stell­ver­tre­ten­de Inten­da­tin und Chef­dra­ma­tur­gin Deut­sches Schau­spiel­haus) und Roger Von­to­bel (frei­er Regis­seur). Thea­ter heu­te-Redak­teu­rin Bar­ba­ra Burk­hardt mode­riert die Dis­kus­si­on unauf­ge­regt, ein­fühl­sam und gewohnt kom­pe­tent.

Zehn Insze­nie­run­gen wer­den im Rah­men einer kur­zen Kri­tik bespro­chen. Jede Insze­nie­rung hat einen Für­spre­cher, der kurz umschreibt, was an der Arbeit die Jury bein­druckt und im Zwei­fel nicht so gefal­len hat. Die Fes­ti­val­bei­trä­ge, dar­über ist sich die Jury einig, tra­gen alle­samt span­nen­de Hand­schrif­ten, sind meist sau­ber und rhyth­misch klar gear­bei­tet. Doch, auch das wird schnell deut­lich, eini­gen fehlt in den Augen der Jury die inhalt­li­che Tie­fe. »Manch­mal hat­te ich das Gefühl, die jun­gen Regis­seu­re trau­en ihren eige­nen Insze­nie­run­gen nicht«, ver­sucht Rodatz das Gefühl in Wor­te zu fas­sen. Man­ches sei auch ein­fach zu brav, zu wenig radi­kal, ver­mei­de poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Rele­vanz. Auch stark poli­ti­sche Tex­te wie bei­spiels­wei­se »Ulri­ke Maria Stuart« von Elfrie­de Jelink zieht sich ins Pri­va­te zurück, der Text bleibt »harm­los durch die man­geln­de poli­ti­sche Ebe­ne«, so Fied­ler.

Der zwei­te Jeli­nek-Text »Faus­tIn and Out« wird von Roger Von­to­bel bespro­chen. Figu­ren­ar­beit und Schau­spie­ler­füh­rung haben ihn begeis­tert, vor allem die per­sön­li­che Ebe­ne der Spie­le­rin­nen und die musi­ka­li­sche, stark rhyth­mi­sie­ren­de Arbeits­wei­se, die dem thea­tra­len Moment ver­traut. Aber wo drif­tet das Team­pro­jekt in die Radi­ka­li­sie­rung? Auch hier ver­misst die Jury die poli­ti­sche Schär­fe des Tex­tes. Pau­li­na Neu­kampf kann trotz­dem zufrie­den sein. Ihre Insze­nie­rung gewinnt – ver­dient – den undo­tier­ten Publi­kums­preis, und die über­di­men­sio­nier­te Fla­sche Schaum­wein wird spä­ter im Foy­er vom Damen­team laut­stark geköpft.

Auch »Wei­ße Wüs­te« hät dem fun­dier­ten Blick der Juro­ren nicht stand. Die Text­grund­la­ge wird von Peter Carp als schwach wahr­ge­nom­men, die Bipo­la­ri­tät einer Depres­si­on sieht er als nicht klar genug her­aus­ge­ar­bei­tet. »Socie­té des Amis« hin­ge­gen schafft es auf die Short­list der bes­ten drei Bei­trä­ge. Von­to­bel lobt die Zusam­men­ar­beit des Ensem­bles, vor allem aber den per­sön­li­chen Zugang zum The­ma, die Aus­ein­an­der­set­zung mit rück­wir­ken­den Pro­jek­tio­nen, das Krat­zen am Lack eines idyl­li­schen Kind­heits­kli­schees. Die »Varia­ti­on auf Som­mer­nachts­traum«, wie Thie­le das Stück nennt, wird im Juro­ren­kreis als Geschenk wahr­ge­nom­men. Laut Von­to­bel tritt hier ein, was beglü­cken­de Ensem­ble­ar­beit aus­macht, der inten­si­ve Dia­log: »Setzt euch ein­an­der aus. Tre­tet in Kon­takt mit­ein­an­der!«

Immer höher, immer weiter. Doch wer zu hoch baut, hat beim Jenga letzten Endes doch verloren.  Bild: Thalia Theater Stop Being Poor Norwegische Theaterakademie Fredrikstad Von und mit Anders Firing Aardal, Matias Askvik, David Jensen, Marthe Sofie Løkeland Eide, Ylva Owren und Heiki Eero Riipinen Abdruck honorarfrei gegen Nachweis: Körber-Stiftung /Krafft Angerer   Kontakt: Körber-Stiftung Kehrwieder 12 20457 Hamburg 040-808192-172 lubbe@koerber-stiftung.de www.koerber-stiftung.de
Immer höher, immer wei­ter. Doch wer zu hoch baut, hat beim Jen­ga letz­ten Endes doch ver­lo­ren. Bild: Kör­ber-Stif­tung /​Krafft Ange­rer

Das scheint der Pro­duk­ti­on »Stop Being Poor« der Nor­we­gi­schen Thea­ter­aka­de­mie Fre­drik­stad gelun­gen. Fünf Absol­ven­ten der Bache­lor­stu­di­en­gän­ge Schau­spiel und Büh­nen­bild haben sich ein­an­der aus­ge­setzt und – laut Jury – poli­ti­sche Rele­vanz bewie­sen. Und zwar bei einem ganz ähn­li­chen The­ma wie »Wei­ße Wüs­te«: Im Pro­gramm­heft wird die Genera­ti­on geschil­dert, die an der Über­for­de­rung ihrer Mög­lich­kei­ten schei­tert. »Sei glück­lich. Depres­si­on ist für Ver­sa­ger. Ver­letz­lich­keit ist für Ver­sa­ger. Ver­sa­gen ist für Ver­sa­ger.« Die Grup­pen­ar­beit von Anders Firing Aar­d­al (*1987), Mati­as Ask­vik (*1992), David Jen­sen (*1987), Mar­t­he Sofie Løke­land Eide (*1989), Ylva Owren (*1991) und Hei­ki Eero Riipi­nen (*1990) ern­tet ein­hel­li­ge Jury-Begeis­te­rung.

Preisträger 2015: v.l.n.r. Anja Paehlke,  (Mitglied im Vorstand der Koerber-Stiftung), Matias Askvik, Marthe Sofie Lokeland Eide, David Jensen, Ylva Owren und Anders Firing Aardal Bild: Körber-Stiftung /Krafft Angerer
Preis­trä­ger 2015 (v.l.n.r.) Anja Paehl­ke (Mit­glied im Vor­stand der Koer­ber-Stif­tung), Mati­as Ask­vik, Mar­t­he Sofie Loke­land Eide, David Jen­sen, Ylva Owren und Anders Firing Aar­d­al. Bild: Kör­ber-Stif­tung /​Krafft Ange­rer

Die Kör­ber-Stif­tung unter­stützt die Gewin­ner bei ihrer neu­en Regie­ar­beit an einem renom­mier­ten Stadt- oder Staats­thea­ter oder alter­na­tiv in der Frei­en Sze­ne durch einen Pro­duk­ti­ons­kos­ten­zu­schuss in Höhe von 10.000 Euro. Was für ein Erfolg für ein jun­ges Ensem­ble! Da darf man schon mal strah­len.

Und den inter­es­sier­ten Zuschau­ern sei für das Kör­ber Stu­dio Jun­ge Regie 2016 emp­foh­len, sich die­sen jun­gen Hand­schrif­ten aus­zu­set­zen. Allen. Und auf jeden Fall inklu­si­ve Jury­sit­zung. Soviel geball­te Kom­pe­tenz und Beur­tei­lungs­kraft, gepaart mit einem lie­be­vol­len Blick auf jun­ge Thea­ter­ma­cher, wer­den sonst schwer­lich zu fin­den sein. Wir wün­schen jetzt schon mal viel Ver­gnü­gen.

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